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Das Elend der Lafontaines, Wagenknechts und Onkel Toms

Von Kaveh Ahangar.

Wer hätte gedacht, dass sich die Sprache von Lafontaine, Wagenknecht und
Bartsch, was den Umgang mit “kriminellen Ausländern” und Obergrenzen
angeht, kaum noch von derjenigen der CSU und AfD unterscheiden und dass
die Forderungen von Teilen der Linkspartei und SPD im Bereich der
Flüchtlingspolitik noch restriktiver und rechter daherkommen als
diejenige Merkels. Es ist ziemlich tragisch, dass gerade die
bekanntesten Gegner der imperialstischen NATO-Politik in DIE LINKE die
menschenverachtendsten Positionen in der Flüchtlingspolitik einnehmen.

Lafontaine setzt sich seit Jahren für die Begrenzung und Steuerung der
Zuwanderung ein. Wagenknecht spricht von Kapazitätsgrenzen und
behauptet: “Wir können nicht jedes Jahr eine Million Menschen
aufnehmen.” Zudem sprach sie sich mit ihrem Ehemann Lafontaine für
europäische Flüchtlingskontingente aus. Die Vorsitzenden der Fraktion
DIE LINKE erklärten vor einer Woche in bester populistischer und
rassistischer Manier: „Wer Gastrecht missbraucht, hat Gastrecht
verwirkt. Das ist auch eine ganz klare Position der LINKEN“
(Wagenknecht) und “wir müssen die Gesetze, die vorhanden sind, in großer
Konsequenz anwenden.“ (Bartsch)

Dabei wird vollkommen ausgeblendet, dass die meisten Asylsuchenden keine
Gäste, sondern Schutzsuchende sind. Es wird nicht etwa die Abschaffung,
sondern, ganz im Gegenteil, die Einhaltung menschenverachtender
Praktiken gefordert, die im deutschen Recht verankert sind. Aber die
Abschiebung “krimineller Ausländer” ist eine rassistische Forderung und
Praxis, da sie Personen, je nach Herkunft, in “legale” und “illegal”
Menschen einteilt, die unterschiedlich hart bestraft werden. Dies
verstößt gegen die Gleichheit vor dem Gesetz und gegen die
Menschenrechte der Geflüchteten.

Zuletzt haben Lafontaine und Wagenknecht die angebliche Reduzierung der
Polizei kritisiert und letztere behauptet sogar das Land “würde
zerreißen”, sollte eine weitere Millionen Geflüchtete kommen.

Ich stand Wagenknecht lange Zeit positiv gegenüber, da sie die
prominenteste anti-imperialistische Stimme Deutschlands ist. Aber damit
ist jetzt Schluss. Denn wer Asylsuchende gegen die Armen ausspielt,
Obergrenzen und die Abschiebung “krimineller Ausländer” fordert,
vertritt menschenverachtende und rassistische Positionen, die mit linken
Prinzipien wenig gemeinsam haben.

Es ist zudem bedauerlich, dass assimilierten und rechten „Islamexperten“
à la Ahmed Mansour, Abdel Samad, Akif Pirincci, Necla Kelek & Co.
ständig irgendwelche Preise abstauben und andauernd in den Medien
anzutreffen sind. Nicht etwa weil sie wirklich Ahnung vom Islam oder von
Muslimen hätten, sondern lediglich weil sie diese scharf kritisieren und
dadurch die eurozentrischen Ressentiments der weißen
Mehrheitsbevölkerung widerspiegeln. Islamkritik ist ja durchaus
berechtigt und wichtig. Was diese Autoren jedoch tun ist keine
Islamkritik, sondern Islambashing. Die ahistorischen und
kulturalistischen Analysen dieser „Hauskanaken“ tragen dazu bei, ein
starres und essentialistisches Bild vom Islam zu zeichnen.

Sie konstruieren an den Haaren herbeigezogene Gegensatzpaare wie die
„barbarischen Moslems“ oder die „rückständigen Orientalen“ , welche sie
den „fortschrittlichen“ und „zivilisierten Europäern“ gegenüber stellen.
Dabei gibt es weder den „Islam“ noch die „Moslems“ oder die „islamische
Zivilisation“. Alle drei haben sich im Laufe der Geschichte verändert
und haben je nach Individuum, Region, religiöser Interpretation und
sozialer Schicht unterschiedliche Ausprägungen.

Die oben genannten Autoren verschweigen, dass der Westen ohne den
Transfer von Wissenschaft, Technologie, Ressourcen etc. aus dem Orient,
der von der Antike bis zum 19. Jahrhundert anhielt, immer noch in der
Barbarei stecken würde. Sie verlieren kaum ein Wort darüber, dass die
Länder des „Nahen- und Mittleren Ostens“ durch Kolonialismus,
Neokolonialismus und den menschenverachtenden westlichen
Interventionskriegen, vor allem der letzten 15 Jahre, in den Ruin
gestürzt wurden. Und sie ignorieren, dass die jahrelange Ausgrenzung und
Marginalisierung im Westen erheblich dazu beigetragen haben, dass
„migrantische“ Jugendliche manchmal zu Kriminellen werden oder eine
Identität im Nationalismus oder der Religion suchen. Schlimmer noch: es
wird der Eindruck erweckt, dass nicht nur einige wenige, sondern die
Mehrheit muslimischer Jugendlicher eine Gefahr für das friedliche
Zusammenleben im Westen darstellen würden. Sie verharmlosen dadurch auch
den noch viel gefährlicheren rechten Terror in Deutschland und Europa.
Aber Missstände auf die Kultur und Religion zu schieben ist halt gewinn-
und ruhmbringender als Macht- und Klassenanalysen.

Ich schäme mich für die ganzen „Schwarzköpfe“, die jetzt die Abschiebung
von „kriminellen Ausländern“ fordern! Niemand verlangt, dass sie weniger
hart bestraft, sondern dass sie genauso behandelt werden sollen wie alle
anderen deutschen Staatsangehörigen auch. Die härtere Bestrafung von
Menschen ohne gesicherten Aufenthaltsstatus ist und bleibt rassistisch.

Quelle: https://www.facebook.com/kavehtracks/?fref=ts

Danke an den Autor für das Recht der Zweitverwertung.

KenFM bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Meinungsartikel und Gastbeiträge müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

10 Kommentare zu: “Das Elend der Lafontaines, Wagenknechts und Onkel Toms

  1. Ich sehe die Linken hier nicht so negativ. Immerhin sind sie die Einzige Oppositionspartei die ich kenne, die gegen Angriffskriege, Waffenlieferungen und ausbeuterische Rohstoff und Agrarpolitik stehen. Und gegen die Eskalation des Ukraine Konfliktes. Klar gefällt mir auch nicht alles was die machen zu 1000% aber wenn sie in Österreich mit diesen Themen an den Start gingen hätten sie meine Stimme vermutlich.

    Zu den Rassismus oder Rechtspopulismus Vorwürfen:

    Ich bin der Meinung dass man schon darüber reden kann wirklich Kriminelle Zuwanderer vor allem wenn sie unter dem Deckmantel der Flüchtlingskrise gekommen sind außer Landes zu bringen. Das muss ja nicht für Leute gelten die mal in einen Raufhandel verwickelt waren oder eine rote Ampel ignorierten. Ich sehe mich als emphatischen Steuerzahler, man kann es drehen und wenden wie man will, die Mittel sind begrenzt ich würde lieber ein Kind aus Syrien retten oder eine Person die ohne Medizinische Hilfe stirbt, als den Knastaufenthalt von zusätzlichen schwer Kriminellen zu finanzieren.

    Auch die unbegrenzte Aufnahme kann man meiner Meinung nach diskutieren ohne ein Rechter zu sein, zwar halte ich nichts von einer Obergrenze weil das stark davon abhängt wie die Situation gerade ist. Wenn Obergrenze aktuell heißt, die Person kommt in ein Land wo das Bett etwas unbequemer ist o.k, damit kann jemand der den Krieg überlebt hat wohl leben. Wenn es heißt die Person wird in Ungarn z.Bsp. behandelt wie Vieh, dann wird man wohl nicht umhinkommen diese Menschen zumindest auf Zeit aufzunehmen.

    Allerdings glaube ich schon dass man sich im klaren sein muss, dass es auch nicht erklärter Wille der meisten Syrer und anderer Bewohner von Krisenregionen ist, Monatelang in Deutschen Aufnahmelagern ein nicht selbst bestimmtes Leben zu führen, und in ewiger Langeweile dahinzudümpeln, oder irgendwo als Billigkonkurrenz zu bereits vorhandenen „Beinahe Sklaven“ in irgendwelche Jobs wo „Sinngemäßes Zitat aus einer Wallraff aktion: Die Menschen billiger sind als Handschuhe die vor Verbrennungen schützen“

    Daher finde ich es falsch die Rassismuskeule zu schwingen. Denn es gibt vieles was schlimmer ist als AFD und andere zusammen. Z.Bsp. 3 Milliarden an die Türkei zu zahlen, die Flüchtlinge (wohl nicht gewaltfrei) zurückhält, mit 3Milliarden könnte man wohl in den Lagern vorort viele Menschen satt machen. Oder die Senkung der Gelder für das Flüchtlingshilfswerk, hier hat die Regierung Merkel ja auch fett gekürzt. Wohl wissentlich dass die Leute entweder verhungern oder ertrinken.

    Schöne Grüße

  2. Ich finde die Argumentation von Herrn Ahangar sehr treffend. Das Bild mit dem Wahlspruch ist dabei mehr als nur ein „eye-catcher´´.

    Mir kommt es nicht zu Frau Wagenknecht zu unterstellen, sie würde bewusst so argumentieren, ich stimme ihr sogar zu das, dass Maß irgendwann voll ist. Ich vertrete jedoch genauso die Ansicht, das man erntet was man sät. Und aus diesem Blickpunkt heraus, ist die Argumentation und Enttäuschung von Herrn Ahangar mehr als nachvollziehbar.

    Der Exportweltmeister von Blei und Tod, wird nun Importweltmeister von Leid, Wut und vielleicht auch etwas Hoffnung.

  3. Ich möchte es mal an Beispiel eines Glases mit 250ml Fassungsvermögen erklären.

    Ein Glas mit 250ml Fassungsvermögen kann eben nur 250ml an Flüssigkeit aufnehmen,
    alles darüber geht daneben.

    Das möchten uns die Wagenknecht’s und Lafontaine’s in diesem Lande verdeutlichen.

    Eine weitere Komponente kommt nun noch hinzu, nämlich jedem sein persönliches Empfinden
    wie stark ein Glas mit Inhalt gefüllt sein soll. Ich persönlich gehöre wohl zu jenen die sich das
    Glas immer nur dreiviertel voll machen, weil ich gern noch Puffer nach oben haben möchte,
    und weil es für mich optisch auch einfach schöner aussieht. Klar kann man sich auch das Glas
    bis zum Rand hin vollmachen, nur muss man dabei immer so aufpassen das nichts überschwappt,
    irgendwie sehr unhandlich das ganze dann auszubalancieren.

    Ich finde dieser Artikel reitet eher darauf herum wie nun das Persönlichkeitsempfinden ist wie voll
    ein Glas gemacht werden sollte, dabei wurde aber auf das eigentliche Problem nämlich dass das
    Glas nur eine begrenzte Füllmenge hat, also das was uns die Wagenknecht’s und Lafontaine’s mitteilten
    wollten, gar nicht eingegangen.

    Vermutlich gehören wir in Deutschland auch zu jenen die ihr Glas lieber nur dreiviertel voll machen um
    Puffer nach oben zu haben, und der Optik wegen. Das heißt doch aber nicht das man sich dem Inhalt verschliesst.
    Ich weiß es gibt Menschen, die schenken dem anderen so richtig gern ein, und das nicht zu knapp …
    Aber nun auf die Hilfsbedürftigen Menschen bezogen, die dann oben drüber schwappen und verschüttet werden,
    darum sollte es doch gehen, diese müssen wir im Blick haben, denn auf ihrem Rücken wird doch die ganze Diskussion
    ausgetragen.

    Hören wir also auf uns unsere Vorlieben gegenseitig vorzuhalten, sehen wir lieber zu, wie wir mit „Maß“ das Flüchtlings-
    glas füllen können, ohne dass dann jemand verschüttet wird, bzw. irgendwer bekleckert wird.

    In diesem Sinne, Prost!

  4. @ Petra

    Klar, wenn man das so allgemein betrachtet, handelt es sich auch bei Wagenknecht um eine „Verräterin“. Aber man macht sich doch mit solchen Vorhaltungen selbst lächerlich. Wo will man heute hingehen und den Menschen irgendetwas von Überwindung des Kapitalismus erzählen, ohne dabei Gähnen und müdes Gelächter zu ernten. Der Neoliberalismus hat seit 1990 ganze Arbeit geleistet. Und da, wo noch Reste sozialistischen Denkens bestehen – aus meiner Sicht eh stärker im Osten als im Westen -, hat der Niedriglohnsektor und die beständige Angst vor Arbeitslosigkeit und Altersarmut („Pflegenotstand“) mürbe gemacht. Die Leute sind fertig, wenn sie von der Arbeit kommen und brauchen dann triviale Bespaßung. Dazu passt einseitige Hetze gegen Minoritäten und Fremde. Ken Jebsen hat es in der letzten Ausgabe von „Positionen“ gut ausgedrückt: man orientiert sich zu sehr an Parteien und will sein politisches Mandat immer nur an andere delegieren. Selbst denken erfordert hingegen Arbeit und Aufklärung, was wiederum Arbeit bedeutet. Insoweit hat der Neoliberalismus tatsächlich ganze Arbeit geleistet, weshalb kritische linke Stimmen (schon gar nicht von marxistischen Stimmen gesprochen) eben dann nur belächelt werden oder Randpositionen einnehmen. Aus meiner Sicht muss deshalb auch die politische Kommunikation verändert werden. Wie heißt es heute so schön dämlich bei Politikerreden: „Die Menschen da abholen, wo sie sind.“ Nur, dass damit selten die Menschen im Niedriglohnsektor gemeint sind und wo man Freelancer und Scheinselbstständige abholen will, ist mir gänzlich unklar. Aber zur Sache: diese Kritik an Wagenknecht ist mir zu einfach.

  5. Nun, es liegt doch auf der Hand, dass selbst die vormalige „kommunistische Plattform“ der Bürgerlichkeit und ihrem abstrakten Universalismus verpflichtet ist. Wie sagte schon Marx selbst: „Ich bin kein Marxist“ (und kotzte über das Gothaer Programm).
    National-Staat, Ordnung, (Universal-)geschichte zur Legitimation, bürgerliches Geschlechterverhältnis, Aufklärung, Werte, Wertproduktion und Abspaltung – und Arbeit, Arbeit, Arbeit … nicht mehr und nicht weniger als das äußerst linke Wachtürmchen des Kapitalverhältnisses.

  6. @ Michael Kanellos

    Ihre Fragen halte ich für berechtigt. Dass Russland keine oder nur eine geringfügige Zahl an Flüchtlingen aufnimmt, folgt vermutlich taktischem und ökonomischem Kalkül. Taktisch, weil die Aufnahme von Flüchtlingen auf internationaler Bühne als so etwas wie ein „trading horse“ behandelt wird: „Gibst du mir 10.000 Flüchtlinge, will ich dafür mindestens einen Marktzugang von X innerhalbd der EU“. Das ist zynisch, aber so laufen Koppelgeschäfte ja leider doch immer wieder ab – inklusive der medialen Hinhaltetaktiken. Wie oft hat die CSU nun schon angekündigt, Grenzkontrollen durchführen zu wollen? Oder wie oft hatte US-Präsident Obama angeblich rote Linien im Syrienkonflikt verstreichen lassen?

    In ökonomischer Sicht ist der Einbruch der russischen Wirtschaftslage ja sicher mehr als ein medialer Hype. Da die Energieexporte einen Großteil des Staatshaushaltes ausmachen, wirkt der Preisverfall erheblich zurück. Zudem sind die nationalistischen Konflikte, die sich innerhalb Russlands äußern, ja nicht anders (http://goo.gl/6HO1d0), als in Europa, also Ausdruck von Statuskonflikten. Vermutlich wird also die Aufnahme weiterer Flüchtlinge durch Russland davon abhängig gemacht, ob es eine Kooperation auf anderen Feldern mit der EU oder Deutschland geben wird.

    Was die reichen Ölstaaten angeht, insbesondere aber Saudi-Arabien und die VAE, so drang vor einigen Monaten schon die Nachricht durch, dass sich diese Sultanate mit dem Hinweis auf ihre hohen Lebenshaltungskosten exkulpieren (sic!): http://goo.gl/4KsaHf – Das ist in der Tat ein zynisches Argument, zumal Saudi-Arabien einen entscheidenden Einfluss auf die Finanzierung der Widerstandsgruppen/ISIL in Syrien geleistet hat (und zuvor Al-Qaida in Irak finanzierte. Nun, solange Europa und die USA diesen Sultanaten den roten Teppich ausrollen, statt ihnen – gelinde gesagt – in den Arsch treten und sich von der Erdölabhängigkeit lösen, wird sich daran nichts ändern (inklusive stillschweigender Akzeptanz der Okkupations des Jemen und Niederschlagung von Aufständen in Bahrain). Plus: Im Sinne der Machtbalance haben wohl auch westliche Regierungen ein Interesse an einer Patt-Situation, auf dass weder die Türkei, noch Saudi-Arabien, noch Iran eine herausgehobene Stellung aufweisen. Mit der Militärdiktatur Ägyptens konnte man sich auch schnell wieder arrangieren (übrigens wie auch Russland).

  7. Ich als Bürger habe zu dem Gesamtkomplex einige Fragen:
    – Warum nimmt Russland keine Flüchtlinge auf? Dort könnte ganze Städte in menschenleeren Regionen gegründet werden (und ich meine nicht Sibirien, sondern auch den Süden Russlands), so könnte die neue Seidenstraße wirklich möglich werden.
    – Warum sind wir mit Staaten wie Saudi-Arabien verbündet (das kritisierte Abdel-Samad überigens meines Erachtens völlig zu Recht sehr scharf, was ihn bei der NATO sicher nicht beliebter gemacht hat)? Und warum nehmen die Golfstaaten keine Flüchtlinge auf?
    Ich würde (sicherlich naiverweise) erwarten, dass diese Fragen von deutschen Diplomaten gestellt werden. Diplomatie heißt ja gerade nicht, die ‚heißen Eisen gar nicht anzufassen‘, sondern sie bedeutet, sie auf diplomatische Weise zu behandeln. Offenbar kann das die aktuelle Regierung nicht gut.

  8. Der Beitrag betreibt Irreführung, denn im überwiegenden Teil geht es um bezahlte Journalisten, die in den Mainstream-Medien auftreten, um islamkritische Positionen zu ventilieren.

    Zur Sache: Die Forderungen der Partei die Linke enthält stets auch die Aussage, dass Waffenlieferungen in sogenannte Krisenregionen unterbunden werden müssen. Zudem setzte sich Wagenknecht wiederholt dafür ein, die Krisenursachen in Syrien und Irak zu benennen, anstatt in einer heuchlerischen Politik der „offenen Türe“ die syrische Regierung zu destabilisieren und zugleich Druck auf das in Europa vorherrschende Arbeitskräfteangebot zu machen. Es wurde doch in etlichen Beiträgen, auch bei KenFM darauf hingewiesen, dass es ohne Flächenbombardements und Rüstungsexporte sowie einer gezielte Destabilisierung des Nahen Ostens gar keine Flüchtlingskrise gäbe (ich lasse aus Knappheitsgründen einmal die Diskussion um Welthandel und Benachteiligung des Nahen Ostens außen vor).

    Aus meiner Sicht argumentieren Wagenknecht und Lafontaine daher konsequent. Denn die Finanzierung der Flüchtlingskrise soll auch durch eine höhere Besteuerung von Reichtum und hohen Einkommen erzielt werden. Dagegen jedoch wehrt sich nicht nur das politische Establishment, sondern auch ein weiter Teil der veröffentlichten Meinung. Betreiben wir etwas Rückschau: bereits in den 1990er Jahren forderte Lafontaine einen begrenzten Zuzug von Flüchtlingen im Zuge der Auflösung Jugoslawiens. Die SPD stimmte dem sog. Asylkompromiss von 1992 zu und verschob sich im Parteienspektrum damals auf einer ideellen Linie nach rechts. Diese Zustimmung zwang jedoch wiederum CDU/CSU und FDP dazu das Thema nicht in den Bundestagswahlkampf 1994 hineinzutragen und also politisch auszuschlachten (im Sinne: „Die SPD will den Untergang des Abendlandes durch ungeregelten Zuzug“). Es war demnach eine parteitaktische Zustimmung, um die Chancen auf einen Wahlerfolg 1994 zu erhöhen, der bekanntlich fehlschlug, weil Kohl die Wahl knapp gewinnen konnte. 1997/98 führte Lafontaines parteitaktisches Vorgehen – diesmal ging es um das geplante Scheitern der letzten großen Steuersenkungspläne von Kohl und Waigl -, dazu, dass die SPD die Bundestagswahlen 1998 gewonnen werden konnte. Mit dem Rücktritt Lafontaines 1999, aufgrund der Mobbingstrategie Schröders sowie der vereinten Kräfte der neoliberalen Presse gegen jegliche Regulierungsbestrebungen, war es dann aber vorbei mit einer Reformpolitik.

    Lafontaine führte bereits kurz nach seinem Rücktritt aus, warum er sich schon früh für eine Zusammenarbeit mit der alten PDS eingesetzt hatte. Denn nach seiner Einschätzung diente die PDS im Osten auch dazu, Wähler zu mobilisieren, die andernfalls den Rechtsparteien (wie DVU, NPD, Republikaner, heute AfD) Stimmen gegeben hätten. Aus der Wahlforschung ist bekannt, dass es einen Großteil von sog. „Protestwählern“ gibt. Ihr Wahlverhalten ist volatil, ideologisch nicht fixiert und beliebig, daher anfällig für populäre Sprüche aus allen Richtungen. Zudem manifestiert sich darin Enttäuschung über das Einheitssprech der etablierten Parteien, die Reform sagen, jedoch Lohn- und Sozialkürzungen durchsetzen.

    Um nun den Bogen zu Wagenknecht und der Linken zu schlagen – ganz nebenbei scheint der Autor auch nicht mitbekommen zu haben, dass sowohl der Parteivorstand als auch die etablierte Presse sofort auf Wagenknecht reagierten. Der Parteivorstand, indem er Wagenknechts Äußerungen als untunlich bezeichnete und sich damals selbst einmal mehr des politischen Opportunismus ausgesetzt hat (seien wir mal ehrlich: das alberne „Refugee welcome“ ist politisch naiv, weil es sich schlicht nicht für die Machtstrukturen in unserer Gesellschaft interessiert, also sich nicht mit Außen- und Wirtschaftspolitik befassen will). Wagenknecht und Lafontaine haben meiner Einschätzung als einige der wenigen Berufspolitiker überhaupt erkannt, dass eine Politik der offenen Grenzen unter sonst gleichen Bedingungen (weiterhin kapitalistische Ausbeutung, weiterhin Suggestion von „Fachkräftemangel“ in der BRD, weiterhin keine Steuererhöhungen für Reiche, weiterhin keine Rüstungsexportbegrenzungen, weiterhin keine Kooperation mit Russland hinsichtlich Syrien und der unsäglichen Sanktionspolitik usw.), Wähler in Scharen zur AfD treibt. Das werden wir in wenigen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz beobachten können: die AfD wird mit wehenden Fahnen in die Länderparlamente einziehen und so der CDU immer weniger Möglichkeiten bieten, sich politisch rechts zu behaupten. Das ist ein enormes Problem für künftige Regierungskoalitionen in den Ländern, denn die SPD versucht heillos sich in Große Koalitionen zu retten, die der AfD immer mehr Stimmen beschaffen werden. Albrecht von Lucke hat die Auswirkungen dessen für eine linke Regierungsmehrheit in Deutschland pointiert analysiert (siehe: http://goo.gl/unYUE7).

    Um es zusammenzufassen, der obige Beitrag macht es sich zu einfach, wenn versucht wird, die politische Problemlage auf einige Äußerungen in den Medien zu reduzieren. Tatsächlich müssen die außen- und wirtschaftspolitischen Ziele der Bundesregierung (die übrigens mehr ist als „Merkel“, diese alberne Personalisierung ist einer Analyse auch nicht gerade würdig, denn an die Stelle Merkels kann ein x-beliebiger Politiker aus einer anderen Partei treten) klar benannt werden. Ob man dann die von Wimmer. George Friedman und anderen vorgebrachte These gezielter Flüchtlingsströme aufgreift oder schlicht anerkennt, dass Flächenbombardements zu einem Regime change in Syrien eingesetzt werden, ist eine anschließende Frage. Die Flüchtlingskrise ließe sich von heute auf morgen lösen: durch eine Einstellung der Bombardierungen, einen Friedensvertrag sowie den Wiederaufbau der gesamten Region. Das ist aber politisch auch durch die Bundesregierung offensichtlich nicht gewünscht und genau das muss kritisiert werden, anstatt auf die Medienfallen („Wagenknecht stänkert gegen Flüchtlinge“) hereinzufallen und sich damit (als politische Linke) selbst zu schwächen.

    • Ein Kommentar, den ich nur in seinen Facetten befürworten kann! Wichtig in der Betrachtung der jetzigen Situation sind historische, wirtschaftliche und politische Zusammenhänge. Einzelne Äußerungen aus dem Kontext zu zitieren und damit eine Schwächung der kritischen Kräfte (ich nenne sie bewusst nicht linke Kräfte, da das Divide et Impera nicht nur erkannt werden muss, sondern auch verbal eine neue Sprache gefunden werden muss, um der Spaltung vorzubeugen) zu bewirken, liegt auf Linie der neoliberalen Medienlandschaft.

      Kontextualisierung der Aussagen von Wagenknecht und Lafontaine, so wie Ignaz es hier getan hat, würde dem Verständnis und der Einordnung durch die Leser ein zielorientierteren Effekt haben.

    • Das war nicht die einzige merkwürdige Äußerung von Frau Wagenknecht in den letzten vier Monaten.

      Auf dieser Demo:

      RBtv Demo Kalkar – Sahra Wagenknecht – 03.10.2015
      https://www.youtube.com/watch?v=G8UNAUqt7-k

      sprach sie vom Regime Syrien und vom blutigen Diktator Assad. Hat Frau Wagenknecht, u.a. angesichts der tausenden Drohnenmorde, gegen jedes Völkerrecht, vor allem an Unschuldigen, jemals vom Regime USA, auch nur versehentlich, gesprochen?

      Oder wenn Äußerungen von Politikern nichts zählen, warum diese dann überhaupt noch erwähnen?

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