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Die neoliberale Indoktrination

Jens Wernicke interviewt Rainer Mausfeld.

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7 Kommentare zu: “Die neoliberale Indoktrination

  1. Ich möchte gern das Augenmerk auf etwas anderes lenken als der Erklärung des Neoliberatismus.
    Denn ob Neoliberalismus der richtige Weg ist oder der Sozialismus ist mir pupe. Das sind Spaltungsbegriffe.

    Ganz ehrlich? Ich muss den Neoliberalismus, den Kapitalismus uns den Sozialismus und was es nicht sonst noch alles gibt nicht in Gänze verstehen. Denn dann wäre ich ein Leben lang beschäftigt und hätte noch nichts erreicht. Wenn wir etwas brauchen, sind das wieder Werte und Prinzipien, die auf Frieden und Kooperation zum Wohl des Einzelnen und aller anderen Erdenbewohner setzen. Und jeder Einzelne hat auch die Aufgabe, sich dessen bewusst zu werden. Macht doch mal einen Vorschlag, wie ihr jetzt sofort die Welt ein bisschen besser machen könnt! Ich sag euch wie ich es mache. Indem ich mich selbst ein bisschen besser mache. Wie könnt ihr die Welt ein bisschen friedlicher machen? Ich sag euch wie ich es mache. Indem ich mich selbst erstmal ein bisschen friedlicher mache. Denn jede und jeder ICH ist ein Teil von WIR. Von Allen auf der Ganzen Welt.
    Wenn ich bei mir anfange, kann ich vielleicht bald mein Kind damit anstecken, oder meine Partnerin, oder meinen Arbeitskollegen. Und wenn meine Partnerin und ich wahrhaft zusammenarbeiten und friedlich sind, stecken wir vielleicht die Familie an. Und dann das Dorf, den Verein, die Nachbarn usw.
    Alles beginnt bei mir……und…..dir 😉
    Wenn wir es schaffen friedlich zu werden, können wir Widerstand gegen alles mögliche leisten. Ich bin schon ein wenig friedlicher geworden und ich leiste Widerstand gegen z.B. Rassismus. Das heißt, ich bashe den kleinen Rassisten im Umfeld nicht, denn das wäre auch wieder nur Unfriede, sondern ich versuche ihn zum Dialog einzuladen und ihn zu fragen, wie er das denn genau meint. Und dann versuche ich ihn anzunehmen, ernst zu nehmen, aufzuklären und eine Alternative aufzuzeigen.

    Werdet friedlich

  2. @Ignaz

    Das sind sogar vier Beispiele, aber einige davon sind wiederum keine Beispiele für (neo)liberale Politik:
    zu 1.) Das ist Entstaatlichung an Stellen, wo der Staat aus liberaler Sicht präsent sein muss (um die Regeln zu überwachen im Interesse aller Beteiligten), und damit, wie Sie selbst schreiben(!!), für Neoliberale ein No-Go, taugt daher wohl kaum als Beispiel für neoliberale Politik. Wenn man genau an der falschen Stelle ‚privatisiert‘, täuscht man Marktfreiheit vor, erreicht aber das Gegenteil (ist in diesem Fall wohl Absicht).
    zu 2.) Die Konzessierung von Ölförderlizenzen ist, wenn sie korrekt abläuft, marktwirtschaftlich. Also haben wir hier möglicherweise (Details müsste ich mir da noch anschauen) mal einen Punkt, der marktliberal ablief. Entgegen stehen Dinge wie Zusammenarbeit mit Diktaturen zwecks Wirtschaftsmanipulation etc.
    Öffnung des staatlichen Bankensektors: Was meinen Sie damit genau? Wie ich schon schrieb, ist es das Gegenteil von neoliberaler Politik, wenn der Staat seine Aufgaben in den Privatsektor verschiebt (so wurde die Finanzkrise verursacht).
    Einschränkung gewerkschaftlicher Organisation: Ich bin der Meinung, dass es Liberale sind, die Gewerkschaften am meisten schützen und vertreten. Die FDP hat in Deutschland immer die Tarifautonomie verteidigt, sie hat nur ‚vergessen‘, das auch den Leuten mitzuteilen. Kaum ist die FDP mal nicht im Bundestag, wurde in Deutschland ein meines Erachtens verfassungswidriges ‚Tarifeinheitsgesetz‘ gegen Gewerkschaften beschlossen. Neben Sozialstaat (marktferne Variante) und Mindestlohn halte ich jedenfalls Tarifautonomie für klar vereinbar mit dem neoliberalen Politikmodell. Ob das Hayek- und Mises-Schüler auch so sehen, weiß ich nicht (das kümmert mich aber auch wenig).

  3. @Michael Kanellos

    Zwei Beispiele für die Anwendung neoliberaler Politik durch die US-Neocons sollen an dieser Stelle genügen:

    1. Die Auslagerung von „Militär- und Sicherheitsdienstleistungen“, mithin die Überwachung von Gefängnissen im Irak durch beauftrage Söldner (besonders bekannt: die ehem. Blackwater-Gruppe). Damit wurden selbst für Neoliberale unantastbare Bereiche privatisiert und damit auch die Kriegshandlungen zum Gegenstand des Privatrechts gemacht. Ein Beispiel für sogenannte Public-Private-Partnerships.

    2. Die Konzessionierung von Ölförderlizenzen, die Öffnungen des staatlichen Bankensektors und die Einschränkung gewerkschaftlicher Organisation im okkupierten Irak durch den damaligen Verwalter Paul Bremer. Das war Marktideologie in Reinform und diente einzig dem Zweck, den Irak auszuschlachten.

  4. So honorig die Ausführungen, die von Belesenheit und Reflexion zeugen, so affirmativ sind sie doch in Hinblick darauf, dass das moderne Ensemble, die bürgerliche oder meinethalben auch wissenschaftliche Epoche, in Teilen positiv war oder ist und letztlich nur in Form einer Art Priesterbetrug manipulativ von Eliten und/oder Mächtigen verfälscht oder entstellt wird. So wird zwar korrekt ins Feld geführt, dass Hayek in Reaktion auf Keynes formulierte, weil ihm die Zurverfügungstellung Waren zweiter Ordnung durch den Staat systemwirdrig erschien, verschwiegen wird aber, dass die Profite seit Anfang der 1970-er Jahre realwirtschaftlich zum Erliegen kamen und seither nurmehr durch immer neue im Wege fiktiven Kapitals erschaffenen Blasen lediglich simuliert wurde. Das System kam in der Finanzkrise 2008 zum Erliegen – seither wurden die Staatssubjekte zu alleinigen Produzenten der Waren 2. Ordnung.
    Eine besonders heilige Kuh der Linksdemokraten ist dabei die bürgerliche Demokratie, die seit Anbeginn der Moderne als ein perfides System der Selbstunterdrückung fungiert und mit historischen Demokratien wie etwa in den griechischen Stadtreichen, wo es um die gemeinsamen und konkreten Angelegenheit aller ging, schlicht nichts weiter teilt als den Namen.
    Autsch, gleich werde ich in die rechte Ecke verbannt. Aber dem ist nicht so. Als Autorin und Redakteurin linker Theoriezeitschriften habe ich lange die Sisyphosanstrengung der Kritik betrieben, mich um Gegenöffentlichkeit bemüht und dem Differenzfeminismus angehangen. Aber das alles hilft nicht, man kann nur zu neuen Ufern aufbrechen und die bürgerliche Epoche hinter sich lassen.
    Egal, ob Gesellschaftskritik sich als revolutionär versteht, also mehr oder weniger vom Marxismus oder durch ihn oder durch die Auseinandersetzung mit ihm, die Abgrenzung von ihm beeinflusst, oder ob sie sich als konstruktiv versteht, als Kritik, die die richtige und bessere Politik zur Verfügung stellt, es bleibt doch die Frage zu beantworten, ob es an der Schwäche der Kritik liegt, dass sie nichts hervorbringt, außer das Fortschrittsparadigma der Gesellschaft selbst zu bedienen, oder ob es im Gegenteil die Stärke der gesellschaftlichen Formbestimmtheit ist, die die Kritik zwingt, sich auf die eine oder andere Art affirmativ zu ihrem Gegenstand zu verhalten.
    So stellt sich etwa angesichts der Vorstellungen von Klassenkampf für unsere Gesellschaft die Frage, warum es nicht zu einem erheblichen Sieg im Klassenkampf für das Proletariat gekommen ist. Jedenfalls zeigt sich die Geschichte des Proletariats zwar wenigstens in den bürgerlichen Zentren durchwegs als Aufstiegsgeschichte zu bürgerlicher Honorigkeit, aber die pathetischen Ansprüche der heroischen Frühzeit der Arbeiterbewegung mit dem Plan, die Welt zu verändern und verbessern kraft ihrer Feindschaft zum Kapital, kraft der Macht, die sie im Produktionsprozess sich anzueignen und auch politisch einzusetzen vermochte, diese Ansprüche versandeten immer wieder in der schieren Niederlage, mochte sie auch durch ökonomische Zugeständnisse versüßt sein. Noch mehr trug die Integration in das bürgerliche Getriebe dazu bei, diese Niederlagen erträglich zu gestalten, sie auf sich zu nehmen, die Anerkennung als Rechtssubjekte, die Emanzipation in der bürgerlichen Öffentlichkeit. Darüber vermag aber nicht die Frage verstummen, warum der Klassenkampf nicht zu einem Sieg des Proletariats geführt hatte, oder warum er nach kurzen Etappen Erreichtes nicht zu halten vermochte. Dies kann nun aber nicht daran liegen, dass etwa die Bourgeoisie vifer, klüger, geschickter wäre als das Proletariat.

    Es liegt möglicherweise daran, dass das Proletariat nie über die Grenzen der bürgerlichen Gesellschaft hinaus Vorstellungen entwickelte und Phantasie nur innerhalb dieser Grenzen entfaltete. Auch die aktuellen, gepriesenen Revolutionen, vom Ostblock bis in die arabische Welt, bleiben in diesen Haltungen gefangen. Ja, es drängt sich der Verdacht auf, dass Revolutionen eine Form des politischen Wandels innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft sind, eine Form, mit der die bürgerliche Gesellschaft ihre Existenz begonnen hat (und die Jefferson quasi geheiligt hat mit seinem Ausspruch: „Every generation needs a new revolution“) und die sie immer wieder in Anschlag bringt, ohne dabei die Grandlagen der Gesellschaft wirklich in Frage zu stellen, eher sie immer wieder zu befestigen. So wird zum Beispiel durch eine Revolution der national-staatliche Rahmen nicht in Frage gestellt und nichts, was innerhalb diese Rahmens sich befindet.
    Wie also nun die Gesellschaft kritisieren, wenn Kritik sich dem Verdacht aussetzt, die Denkform innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft schlechthin zu sein? Das ist die zentrale Frage und sie muss beantwortet werden, wenn das Ergebnis nicht ein weiteres beliebiges, opportunistisches Machwerk in einer langen Reihe von Ratgebern, Predigten oder Selbstverwirklichungen sein will. Man muss exzentrisch genug sein, die immer prekärere und in ihrem Abstieg und in ihem Verfall immer brutalere bürgerliche Gesellschaft schon als vergangen, als Vergangenheit, zu betrachten, weil man ansonsten das Große und Ganze nicht in den Blick bekommt.
    Geschichte wird in der Beschreibung der bürgerlichen Gesellschaft als legitimatorisches Denken sichtbar, das die Vergangenheit aus der Zeit reißt und sie für die Belange der Moderne zurechtmachen will. Dann kann auch von Feuersteinindustrien gesprochen werde oder vom Ödipuskomplex. In beiden Fällen wird die Vergangenheit nutzbar gemacht, um die Ideologie der Moderne unangreifbar zu machen: Industrie hat es immer schon gegeben, auch wenn wir es erst heute in die Steinzeit zurückblickend so nennen; der Mensch, wie er in der modernen Psychologie beschrieben ist, erscheint nicht als neurotisches Produkt seiner von ihm selbst geschaffenen modernen Umgebung, sondern bestimmt von konkurrenten mörderischen Erfahrungen aus der Vorzeit, grad so, als ob eliminatorische Konkurrenz immer schon die Menschheit bestimmt hätte, als hätte es keine anderen gesellschaftlichen Antriebe gegeben. Mich interessiert diese Art von Geschichtsbetrachtung aber nicht, sondern nur die Vergangenheit der Moderne.
    Und so ist das Moderne Ensemble etwas vollkommen anderes als die religiöse Vorgängerformation (die in Europa im 16. Jahrhundert unterging) und ist gegen sie entstanden, nicht aus ihr. Damit verlegt sich das Fortschrittsparadigma in die bürgerliche Gesellschaft hinein als Binnenbewegung. Es gibt keinen Fortschritt von der religiösen Formation zur wissenschaftlichen Formation und durch diese Binnenbewegung unserer heutigen Ungesellschaftlichkeit wird sich kein „gutes Leben für jeden“ einstellen, sondern der bürgerliche Fortschritt bringt nur – um es mit Benjamin zu sagen – „das immer Nämliche“. Zum anderen kann man aber mit der Unterscheidung, mit der Betonung des Bruchs deutlich machen, dass es nichtbürgerliche Gesellschaften schon gegeben hat und dass sie praktikabel wären.
    Mit ist es müßig, sich immer wieder im Kreise zu drehen, um revolutionär – mithin bürgerlich – ein an seinen Grundwidersprüchen von Anfang an krankendes und brutales System irgendwie doch noch am Laufen zu halten und als irgendwie erhaltenswert zu beschönigen. Zu schauen wäre aber, welcher soziale Zusammenhalt in vergangenen Epochen wirkte und wie er die Leute dann unmenschlich machte, welche Erklärung sie sich dafür gaben und wie und wodurch dieser Zusammenhalt brüchig wurde. Es geht darum, was Krisen, was Zusammenbrüche, was Epochenbrüche sind, wie Kontingenzen wirken und wie die Leute in diese Kontingenten wirken. Es geht nicht darum, eine nachbürgerliche Welt zu fordern, zu entwerfen oder wenigstens zu skizzieren. Es geht nur darum, zu zeigen, dass wir schon einige Male Ewigkeiten aufgegeben haben und dass wir für Überraschungen, nicht für Programme gemacht sind und bereit sein müssen.

  5. @ Michael Kanellos

    Sie verwechseln in Ihrer Replik den Begriff „Neoliberalismus“ mit dem in Deutschland als „Ordoliberalismus“ (https://goo.gl/kOb47r) bekannten Prinzip der staatlichen Garantie freien Wettbewerbs, zum Beispiel durch das Kartellrecht und das Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen. Diese Denkschule, die auf Walter Eucken und Alexander Rüstow zurückggeht, hat zumindest Anfang der 1950er Jahre Teile der wirtschaftspolitischen Expertise in der Westrepublik beeinflusst, bevor die erste große Wirtschaftskrise Mitte der 1960er Jahre nicht nur die Erstarkung der NPD bei Landtagswahlen mit sich brachte, sondern auch eine stärker nachfrageorientierte Politik (dokumentiert im sog. „magischen Viereck“ aus Preisstabilität, Senkung der Arbeitslosenrate, Wahrung eines außenwirtschaftlichen Gleichgewichts sowie konstantem Wirtschaftswachstum).

    Der Kern des Beitrages, und so verstehe ich Mausfeld, gibt ja genau wieder, dass man es beim „Neoliberalismus“ mit einem politischen Kampfbegriff zu tun hat, der heute beliebig eingesetzt werden kann. Natürlich ist er mehr als die Beschreibung der US-Außenpolitik. Jedoch wäre es naiv zu behaupten, dass die US-Außenpolitik keine neoliberale Grundlage hat. Vielmehr verbinden sich Neokonservatismus und Neoliberalismus, besonders unter den Administrationen Bush I, Clinton und Bush II zu einer neuartigen Masse. Diese Masse muss in theoretischer Hinsicht nicht mehr in direkter Verbindung zu den Grundgedanken neoliberalen Denkens im Sinne Friedrich Hayeks und Milton Friedman stehen, jedoch hat z.B. Friedman bis zu seinem Tode die von George Bush betriebene Politik der „Armutsbekämpfung“ durch selektive Steuersenkungen für Reiche und eine weitgehende Kürzung der Sozialfürsorge befürwortet.

    Der Neoliberalismus der 1930er Jahre, wie er von Hayek (https://goo.gl/m2JfAH) als Reaktion auf John Maynard Keynes Forderung nach einer stärkeren Steuerung des Wirtschaftsgeschehens durch aktive Konjunkturpolitik und Reduzierung des Reichtums durch effektive Besteuerung entwickelt wurde, war von jeher ideologisch. Er war schon insoweit ideologisch als er die Ungleichheit der Markteinkommen als natürlichem Umstand gelten ließ (später drückte sich das in der sog. Laffer-Kurve einer angeblich natürlichen Arbeitslosenrate aus, wie sie von der neoklassisch-neoliberal informierten Wirtschaftstheorie der 50er und 60er Jahre bearbeitet wurde). Ihr Versuch, hier eine Reinwaschung neoliberalen Denkens zu betreiben ist irreführend, weil er von der falschen Prämisse ausgeht, dass es so etwas wie eine Stunde Null geben könnte, von der an alle Marktteilnehmer mit gleichen Mitteln und Möglichkeiten beginnen könnten. Tatsächlich muss der Neoliberalismus als ein Elitenprojekt zur Revitalisierung der in der Weltwirtschaftskrise von 1929ff. vollends diskreditierten neoklassischen Wirtschaftstheorie gesehen und bewertet werden. Dass wir heute immer noch mit diesem Mist zu tun haben, ja dass der Neoliberalismus auch nach der Finanzkrise von 2008/2009 immer noch nicht von der Agenda verschwunden ist, das ist das eigentliche Rätsel (vgl. http://goo.gl/Ngt7K3). Die Wahrnehmungspsychologie und die Fragmentierung der Berichterstattung, insbesondere zu wirtschaftspolitischen Themen ist dabei ein Hilfsmittel.

    • Ich verwechsle keine Begriffe. Denn es ist im Grunde ganz simpel: Jeder echte Markt benötigt klare Gesetze und klare Regeln, die von einer unabhängigen Autorität überwacht werden müssen. Diese Autorität kann nur der Staat sein. Neoliberale konzentrieren sich sogar explizit auf diesen Aspekt des Liberalismus und stellen die These auf, dass sich damit auch viele gesellschaftliche Probleme in liberaler Hinsicht / auf liberale Weise lösen. Echter Markt hat ganz wesentliche Vorzüge, die, da stimme ich Milton Friedman zu, unverzichtbar aus liberaler Sicht sind: Diskriminierungsfreiheit, Vielfalt, Eigeninitiative, alle diese auch und gerade aus ‚linksliberaler‘ Sicht wesentlichen Aspekte sind ohne freien Markt schlicht inexistent oder schwer beschädigt. Wenn es keinen freien Markt gibt, hat der Staat die Macht, jedem vorzuschreiben, was er/sie kaufen, produzieren und verkaufen darf. Das wäre schlicht Diktatur übelster Art. DAs ist der wesentliche Punkt.
      Und genau das dreht Mausfeld logisch falsch ins Gegenteil um. Er behauptet (wie Sie auch), dass die US-amerikanische Politik der letzten Jahre ’neoliberal‘ sein, aber die Beispiele, die das angeblich belegen, zeigen genau das Gegenteil. Staatliche Manipulationspolitik (z.B. Mausfelds Beispiel der Agrarsubventionen), in der ’starke Staaten‘ wie die USA oder die EU-Staaten ihre Macht spielen lassen, um Märkte, Preise und Auftragsvergaben zu beeinflussen, ist das genaue Gegenteil dessen, was den Neoliberalismus ausmacht. Und umso mehr gilt das, wenn man sich dabei auch noch mit Diktaturen und sogar Terrorgruppen (Taliban) verbündet.
      Zu Ihrer Anmerkung bezüglich der Markteinkommen: Aus neoliberaler Sicht macht es mehr Sinn, wenn der Staat eine marktferne soziale Sicherung einführt (wie z.B. das Hartz4-System in Deutschland) als wenn er im Stile eines Schiedsrichters, der plötzlich mitspielt, mal hier und mal da manipuliert. Denn Manipulationen des Staates sind meist nicht gerecht und stören in der Tat den Wettbewerb. Was Hayek- oder Mises-Schüler propagieren, teile ich nicht alles. Ich halte sowohl eine bedarfsorientierte soziale Sicherung (wie Hartz4) als auch eine Mindestlohnregelung (die ja nicht mehr ist als ein weiterer Marktstandard) für vereinbar mit dem neoliberalen Modell.
      Für nicht vereinbar mit dem neoliberalen Modell halte ich es, mit einer Islamistendiktatur reinsten Wassers (Saudi-Arabien) verbündet zu sein, um Ölpreise manipulieren zu können. Was ist also an der US-Politik der letzten Jahrzehnte wirklich neoliberal?
      Übrigens: Die Finanzkrise 2008/2009 war ein reines Staatsversagen. Die USA haben seit Clintons ‚Reform‘ per staatlicher Order den Sozialstaat nicht – wie es mit dem neoliberalen Modell vereinbar wäre und in Deutschland erfolgreich praktiziert wird – marktfremd geregelt, Sondern sie haben das auf die Banken verlegt, die gezwungen wurden, schlechte Kredite zu vergeben, um Arbeitslosen Geld zu verschaffen. Die Finanzkrise 2008/2009 ist ein Resultat der völligen Abkehr von neoliberalen Prinzipien gewesen. Aber auch das wird oft völlig verkehrt dargestellt.

  6. Ich habe den Eindruck, dass der ganze Begriff ’neoliberal‘ seitens der Linken nicht korrekt gewählt ist, sondern vielmehr verzerrt wird, um Sozialismuspropaganda zu machen. Das gilt insbesondere auch für die US-amerikanische Politik der letzten Jahre, die nicht neoliberal, sondern bestenfalls neokonservativ ist. Kein echter (Neo)liberaler käme z.B. auch nur ansatzweise auf die Idee, einen Staat wie Saudi-Arabien in der jetzigen Form zum Verbündeten zu machen. Konservative haben aber mit Islamismus oft erstaunlich wenig Probleme, da die Betonung der Familie und die gesellschaftlichen Rollenverhältnisse sich da erstaunlich ähneln. Verräterisch in diesem Interview sind Formulierungen wie:

    „“Tatsächlich zielt der Neoliberalismus gar nicht auf “freie Märkte“. Er zielt vielmehr auf eine radikale Umverteilung, und zwar von unten nach oben, von der öffentlichen in die private Hand und von Süd nach Nord““.

    Das ist wirklich völlig falsch. Echter Neoliberalismus zielt auf echte freie Marktwirtschaft, weil die Neoliberalen erkannt haben, dass freie Marktwirtschaft eine notwendige – keine hinreichende ! – Bedingung für auch nur ansatzweise gesellschaftliche Freiheit im westlichen Sinn ist. Hingegen sind Bündnisse mit Diktaturen aus neoliberaler Sicht erstens per se falsch (weil es sich ja um Diktaturen handelt) und zweitens ist auch die Begründung, die für solche Politik herangezogen wird, aus neoliberaler Sicht meist falsch: Zum Beispiel begründen die USA das Bündnis mit den Saudis mit wirtschaftlichen Aspekten, also mit nichts Anderem als mit einem Markteingriff seitens der Staaten. Das entspricht nicht den Anforderungen korrekter neoliberaler Politik – ganz im Gegenteil.

    Bei der Frage der Agrarsubventionen argumentiert Mausfeld noch offener widersprüchlich, Er sagt selbst, dass es sich da um massive Markteingriffe seitens starker Staaten zu Ungunsten anderen Staaten handelt. Das ist das Gegenteil von wirklich neoliberaler Politik. Das hält ihn aber nicht davon ab, trotzdem gegen den Neoliberalismus zu bashen, indem er diese Mißstände, die rein durch Staats-Fehlverhalten da sind, einfach per Kurzschluß als ’neoliberal‘ etikettiert.

    Überhaupt der Markt: In der Tat gibt es Propagandisten, die der Öffentlichkeit den Markt als eine Art regelloses Wildwest mit dem Recht des Stärkeren verkaufen wollen. Das Gegenteil ist der Fall: Echter Markt benötigt in jedem Fall staatliche Regeln (alleine schon, um Diebstahl oder Nichtzahlung zu verhindern), echter Markt ist ein bis ins Detail geordnetes und staatlich überwachtes Szenario. Und kein Neoliberaler, der seriös argumentiert, bestreitet dies, wohl aber gibt es Neocon-Propagandisten, die eigentlich klar gegen echte Marktwirtschaft sind, und ein falsches Zerrbild des Marktes, eine Art Horrormärchen, schildern, um liberale Politik zu diskreditieren.

    Dennoch: Was wahr ist, bleibt wahr – und deshalb überstehen die echten, positiven, neoliberalen Ansätze und Ideen auch die aktuellen Krisen.

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