569ce4e6c46188c4108b45d8

Wirtschaftssystem für das 1 Prozent – Neue Studie von Oxfam belegt: Die Welt wird immer ungerechter

Von Florian Hauschild.
Eine neue Studie der Hilfsorganisation Oxfam sorgt für Aufsehen. Was im Alltagsbewusstsein längst auch so wahrgenommen wird, kann nun abermals mit anschaulichen Zahlen belegt werden: Die bestehende Wirtschafts- und Finanzordnung dient vor allem der globalen Oligarchie. 62 Multimilliardäre besitzen so viel wie die gesamte ärmere Hälfte der Weltbevölkerung zusammen. Doch neben der düsteren Analyse wartet Oxfam auch mit einem Set möglicher Gegenmaßnahmen auf.

„Eine Wirtschaft für das 1 Prozent“ (An Economy for the 1 Percent) betitelt die Hilfsorganisation Oxfam ihre neue Analyse der weltweiten Vermögensverteilung, und die Zahlen belegen, dass dieser Satz – der auf den alten Occupy-Schlachtruf („Wir sind die 99 Prozent“) anspielt – nicht übertrieben ist.

Das Ergebnis liest sich harsch:

„Anstatt eine Wirtschaft aufzubauen, die dem Wohlstand aller dient und auch noch für künftige Generationen funktioniert und den Planeten schützt, haben wir eine Wirtschaft für das reichste eine Prozent kreiert. Wie konnte das passieren und warum?“

Die Grundanalyse belegt Oxfam sogleich mit ausführlichem Zahlenmaterial. Zwar habe sich in den vergangenen dreißig Jahren der Wert aller global produzierten Waren, Güter und Dienstleistungen mehr als verdoppelt, die Ungleichheit beim Zugriff auf dieses Vermögen ist aber ebenfalls gewachsen. Der oft postulierte Trickle-Down-Effekt, wonach wachsender Wohlstand der Elite auch den unteren Schichten zugute komme, wird dabei abermals als Mär entlarvt.

Vielmehr verringerte sich das Vermögen der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung in den letzten fünf Jahren um 41 Prozent, was ungefähr einer Billionen US-Dollar entspricht – und das obwohl dieser Teil der Bevölkerung um rund 400 Millionen Menschen gewachsen ist.

Hinzu kommt: 62 Individuen (davon 53 Männer) besitzen genau soviel wie diese ärmere Hälfte der Weltbevölkerung zusammen. Das Vermögen dieser Gruppe wuchs seit der letzten Erhebung um etwa 500 Milliarden Dollar. Zusammengenommen kommen die 62 Oligarchen, Erben und Öl-Scheichs auf Vermögen im Wert von 1,76 Billionen Dollar.

Aufgrund des Aufschwungs von Ländern wie China und Indiens lässt sich die Grenze der Vermögensungleichheit allerdings längst nicht mehr anhand von Staatengrenzen ziehen. In den ärmeren Ländern der Welt ist das jeweilige BIP gar stärker gewachsen als in den Industrieländern. Ungleichverteilung ist ein globales Phänomen und zieht sich durch alle Gesellschaften.

Hinter all dem, so die Studie, steht eine Struktur der gezielten Vermögensumverteilung nach oben. Um den Mechanismus umzukehren, schlägt Oxfam ein ganzes Set von Maßnahmen vor:

  1. Mindestlöhne sollten erhöht werden, so dass sie sich den tatsächlichen realistischen Lebenshaltungskosten nähern. Meist benötigen Geringverdiener auch in Industrieländern zwei oder mehr Jobs, um überhaupt die grundlegenden Kosten des Lebens decken zu können. Im Gegenzug können Manager bei ihren Gehältern weiter hohe Zuwachsraten verzeichnen. Diese Lücke gelte es zu schließen.Tatsächlich haben sich in den vergangenen 15 Jahren die Reallöhne weiter zu Ungunsten von Arbeitnehmern von der Produktivität entkoppelt. Die Entlohnung wächst deutlich langsamer als die Wertschöpfung pro Arbeitsstunde.
  2. Auch gelte es die Verdienstunterschiede zwischen Männern und Frauen einzuebnen. Oft übernehmen Frauen unbezahlte Aufgaben im Haushalt oder der Kindererziehung, was gesellschaftlich besser kompensiert werden sollte.
  3. Der politische Einfluss mächtiger Eliten muss gesellschaftlich stärker kontrolliert werden. Hierfür sei es notwendig einflussreiche Lobbyorganisationen zu registrieren und strengere Regeln für diese zu formulieren. Die Informationen müssen der interessierten Öffentlichkeit so zur Verfügung gestellt werden, dass diese effektiver öffentliche Budgetierung und politische Entscheidungen überwachen kann.
  4. Der gesamte Sektor der Forschung und Entwicklung muss umgebaut werden, so dass Investitionen in neue Medikamente erhöht werden und medizinische Versorgung allen Menschen zugänglich gemacht wird. Die geplanten „Freihandelsabkommen“ bewirken hingegen eher das Gegenteil.
  5. Das Steuersystem sollte, anstatt auf Arbeit und Konsum, vielmehr auf Kapital und Einkommen ausgelegt werden. Auch müsse die Transparenz bei steuerlichen Anreizen erhöht werden.
  6. Wirtschaftliche Initiativen, die das Ziel haben, die öffentliche Gesundheit oder Bildung zu stärken und die Armut zu verringern, sollten stärker staatlich gefördert werden.
  7. Das Trockenlegen von Steueroasen, die es Unternehmen und Oligarchen im großen Stile erlauben, sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung zu entziehen, wird von Oxfam als Priorität genannt. Die Organisation ruft die politisch Verantwortlichen der Welt auf, dahingehend entsprechend aktiv zu werden.

Besonders in Bezug auf letzte Forderung wählten die Studienverantwortlichen einen passenden Zeitpunkt für ihre Veröffentlichung. Die Analyse erscheint kurz vor dem jährlichen Weltwirtschaftsforum von Davos, wo vom 20. bis 23. Januar rund 2.500 politische und wirtschaftliche Eliten zusammenkommen, um über die globale Ökonomie zu beraten. Jedoch kann nicht ausgeschlossen werden, dass dort eher gegenteilige Maßnahmen auf dem Wunschzettel der Teilnehmer stehen.

Bereits im August letzten Jahres prangerte Oxfam in einem Bericht in deutlichen Worten die zunehmende Armut und Ungleichverteilung in der Europäischen Union an. „Die Kontrolle von Macht und Politik durch eine Elite – ist mit Ungleichheit eng verzahnt“, so die Schlussfolgerung der Vorgänger-Studie.

Auch heißt es in dem Papier:

„Politische Entscheidungen werden immer stärker durch reiche Eliten beeinflusst, welche Regeln zu ihrem Vorteil gestalten und so die demokratischen Institutionen untergraben. Austeritätspolitiken und ungerechte Steuersysteme dienen überall in Europa den Mächtigen. Es ist an der Zeit, diesen Trend umzukehren und die Interessen der Mehrheit der Bevölkerung an die erste Stelle zu setzen.“

 

Danke an den Autor für das Recht der Zweitverwertung.

Dieser Text erschien zuerst bei RT Deutsch.

Alle Quellen: https://deutsch.rt.com/wirtschaft/36347-wirtschaft-fur-1-prozent-neue/

KenFM bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Meinungsartikel und Gastbeiträge müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

3 Kommentare zu: “Wirtschaftssystem für das 1 Prozent – Neue Studie von Oxfam belegt: Die Welt wird immer ungerechter

  1. @ Timm Cebulla

    Das sehe ich anders. Das Geldsystem lässt sich nicht unabhängig vom Wirtschaftssystem betrachten. Geld ist selbst eine handelbare Ware wie alles andere auch. Nun einfach den Zins zu streichen, würde lediglich ein Symptom – das der Verschuldung bzw. Bereicherung durch Zins – bekämpfen, aber nicht die Ursache. Aus marxistischer Sicht handelt es sich beim Zins um eine aus dem Zirkulationsprozess des Kapitals abgeleitete Größe – der Zins ist der Preis des geliehenen Kapitals. Zuvor musste jedoch erst Kapital entstehen. Einzig wertbildende Substanz in einer kapitalistischen Wirtschaft ist jedoch die menschliche Arbeitskraft. Das heißt, die hier gehandelten Größen beruhen weiterhin auf der Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft, deren Erträge privat (durch die Kapitalisten/ „Unternehmer“) angeeignet wird.

    Es ist ein populärer Versuch, durch Weglassung des Zinses ein Wirtschaftssystem zu imaginisieren, das weitaus eher den menschlichen Bedürfnissen entspräche. Die Zins- oder auch Geldreform zählt daher zu den frühsozialistischen und reformistischen Ideen, lange vor der industriellen Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung. Ich halte es für eine Irreführung und Verkürzung, davon auszugehen, dass durch Beseitigung von Zins auch nur einen Deut das Produktionssystem verändert werden kann (ähnlich Idee des Grundeinkommens).

    Oxfam spricht in der Studie lediglich die volkswirtschaftliche Sekundärverteilung an. Also die Frage, wie im Nachgang zur kapitalistischen Produktion und privaten Aneignung der Erträge Geldmittel so an die Staatsbürger rückverteilt werden müssten, damit es halbwegs zu einem Abbau der krassen Vermögensungleichgewichte in der Welt kommt. Da aber bereits in Deutschland jegliche Position hin zu einer Vermögensteuer und drastischen Erbschaftsteuer ohne Aussicht auf Erfolg ist – neben Bayern setzt sich besonders das grün-rot regierte Baden-Württemberg (http://goo.gl/O6kKrk) für eine faktische Abschaffung der Erbschaftsteuer ein (mit Blick auf die Automobil- und Rüstungsindustrie im „Ländle“), bleibt es nur beim Hinweis auf die desaströse Lage. Die Akkumulation des Finanzkapitals betrug bereits 2012 rund 700 Billionen Euro (lies: 700.000 Milliarden Euro) weltweit. Das weltweite („reale“) Sozialprodukt hingegen beläuft sich auf rund 73 Billionen. Man hat also ein Verhältnis zwischen Finanzkapitalakkumulation und Realkapital in Höhe von 9,5. Das heißt, die Welt müsste beinah zehn Jahre (kapitalistisch) wirtschaften, um diese Finanzderivate zu bedienen. An einer Annullierung der Vermögensansprüche aus Geldkapitalakkumulation wird auf kurz oder lang kein Weg vorbei führen. Die Frage ist nur, in welcher Form dies erfolgen, in welcher Weise diese Zerstörung erfolgen wird.

    Mit anderen Worten: Oxfam informiert mit dem Bericht zum aktuellen Status quo, wendet sich jedoch nicht gegen die Absurdität dieses Produktionssystems. Jedoch mindert das nicht die Bedeutung des Berichts. Eine Abschaffung des Zinses hingegen kann dieses Problem nicht lösen, sondern suggeriert eine vermeintlich bequeme Lösung, ohne das Produktionssystem verändern zu müssen.

    • „…Das Geldsystem lässt sich nicht unabhängig vom Wirtschaftssystem betrachten…“

      Wenn sich ein Bein unabhängig vom Körper oder ein Stern unabhängig vom Universum betrachten lässt, lässt sich auch das Geldsystem unabhängig vom Wirtschaftssystem betrachten.

      „…Nun einfach den Zins zu streichen, würde lediglich ein Symptom – das der Verschuldung bzw. Bereicherung durch Zins – bekämpfen, aber nicht die Ursache…“

      Ob man den Zins(eszins) als Symptom oder Ursache bezeichnen will, ist willkürlich. Denn ich kann auch das ganze Wirtschaftssystem als Symptom und unseren Geist als Ursache annehmen.

      Darüber hinaus kann es auch sinnvoll sein, Symptome zu bekämpfen. Wenn ich einen verspannten Muskel habe (Symptom), ist dieser auch die Ursache meines Schmerzes (Symptom). Und der Schmerz ist wiederum Ursache für eine noch stärkere Verspannung und diese wiederum für einen noch stärkeren Schmerz usw..

      Selbst wenn ich die letztendliche Ursache der Muskelverspannung noch nicht ergründet habe, kann die Versorgung mit Schmerz- und Entspannungsmitteln für den Patienten die Therapie sein, die jetzt dringend geboten ist. Denn was nützt es dem Patienten, ihm zu sagen: „Die Ursache deiner Verspannung ist ein unverarbeitetes Kindheitstrauma. Mach mal eine Psychotherapie, dann bist du in 10 Jahren schmerzfrei.“

      „…Ich halte es für eine Irreführung und Verkürzung, davon auszugehen, dass durch Beseitigung von Zins auch nur einen Deut das Produktionssystem verändert werden kann…“

      Und ich halte es für eine Irreführung davon auszugehen, dass der exponenzielle Wachstumseffekt, der auf der Gegenseite einen exponenziellen Schrumpfungseffekt auslöst, dauerhaft „nur“ als Symptom abgetan werden kann, ohne dass der Patient laut aufschreit und vor Schmerzen wild um sich schlägt.
      Was man sonst noch alles ändern sollte/müsste, um das Produktionssystem zu ändern, steht auf einem anderen Blatt.

  2. In Oxfams 7-punktigen „Set von Maßnahmen“ fehlt das Entscheidende:

    Ein anderes Geldwesen.

    Das heutige Geld schließt Negativzinsen fast komplett aus. Es ist das fast ausnahmslos positive Zinsniveau, dass die Vermögenden immer noch vermögender macht.

    Vorbild Regiogeld „Chiemgauer“: es verliert pro Quartal 2%. Also 8% per annum (p.a.). Wäre der Euro ebenso gestaltet, könnte die EZB den Leitzins auf z.B. -5% p.a. (minus! fünf) senken. Die Leute würden ihr Geld immer noch gerne zur Bank bringen, da minus fünf besser ist als minus acht. Der Kapitalmarkt würde also nicht zusammenbrechen. Im Gegenteil: jeder würde versuchen, möglichst kein Geld zu horten, sondern auf Geldhaltung möglichst zu verzichten. Das Geld würde wieder gescheit umlaufen. Draghi (EZB) könnte darauf verzichten, ständig neues Geld in den Markt zu pumpen. Und das Zinsniveau könnte sich auf sein natürliches Niveau einpendeln, und wäre nicht länger durch eine durch das Geld künstlich geschaffene Zinsuntergrenze von Null (zero lower bound) gestört. Das sage man mal den Verfechtern des freien Marktes! Vielleicht brauchen wir einen Mindestlohn, aber wir brauchen sicherlich keinen Mindestzins = Zinsuntergrenze.

Hinterlasse eine Antwort