200 Jahre Karl Marx und Friedrich Raiffeisen


von Rainer Nowotny, Vorstand der Hanffaser Uckermark eG.

1818 wurden zwei Wegbereiter für die Wege aus der Ausbeutung geboren, genauer gesagt Wege aus der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen.

Der eine hieß Karl Marx, geboren am 05. Mai 1818. Der andere hieß Friedrich Wilhelm Raiffeisen, geboren am 30. März 1818.

Marx, zweifelsfrei der Größere, sowohl als Denker wie auch in seiner Wirkung auf die Nachwelt. Doch auch Raiffeisens Wirken prägt uns bis heute.

Marx formulierte seine Ideen der Beendigung der Ausbeutung der arbeitenden Klasse durch eine reiche Klasse zusammen mit Friedrich Engels 1848 im Manifest der Kommunistischen Partei. Es war die radikale Abkehr vom kapitalistischen System, welches bei Marx noch bürgerliches System hieß.

Raiffeisen begründete nahezu zeitgleich mit Schulze-Delitzsch und den Pionieren von Rochdale den modernen Genossenschaftsgedanken.

Raiffeisen war in der preußischen Verwaltung beschäftigt und gründete 1848 den Flammersfelder Hilfsverein zur Unterstützung unbemittelter Landwirte, der ersten Kredit-Genossenschaft. Sechs Jahre später gründete er den Heddesdorfer Wohltätigkeitsverein, wobei nicht Almosen verteilt wurden, sondern Kredite. 1865 erschien sein Buch „Die Darlehenskassen-Vereine als Mittel zur Abhilfe der Not der ländlichen Bevölkerung sowie auch der städtischen Handwerker und Arbeiter“, welches bald Nachahmer motivierte. Abgesehen von einer vorbildlichen Uneigennützigkeit, entwickelte er auch die Verbindung zwischen kleinen Darlehensvereinen und versuchte, diesen Vereinigungsgedanken auch auf andere Bereiche der Wirtschaft zu übertragen.

Zwei Sozialreformer, Friedrich Raiffeisen und Hermann Schulze-Delitzsch, bereiteten die Grundlage, Konsumverein und Genossenschaftsbanken zu gründen, die sich dem Finanzkapitalismus weitestgehend entziehen. Jedoch waren sie der Auffassung, der Staat solle bleiben; Kommunisten und Sozialdemokraten seien Umstürzler, mit denen nicht zu kooperieren sei.

Auch umgekehrt, war es vielen Kommunisten widerstrebend, innerhalb des kapitalistischen Systems politisch und wirtschaftlich aktiv zu werden. Vielmehr galt es, nur noch die Revolution vorzubereiten. Hätte es also Sinn, sich in Genossenschaften für ein besseres Wirtschaften einzusetzen, solange das kapitalistische System existiert? Erst im 20. Jahrhundert beantwortete Lenin diese Frage in seinem Buch „Der Linke Radikalismus, Kinderkrankheit des Kommunismus“, in dem er es als „unbedingte Pflicht“ ansah: „Solange seid ihr verpflichtet… gerade innerhalb dieser Institutionen zu arbeiten“.

Ohnedies sieht man mit dem Abstand von 200 Jahren die radikal unterschiedlichen Ansichten gelassener. Es ist für viele Menschen nach wie vor ein Ziel, die Ausbeutung des Menschen durch eine reiche Klasse zu zerschlagen und es ist nach wie vor ein Ziel, uneigennützig nicht Almosen zu geben, sondern sich gemeinschaftlich wirtschaftlich zu ertüchtigen.

Marx starb 1883; Raiffeisen starb fünf Jahre später.

Auch nach 200 Jahren vermag das kapitalistische System die Probleme unserer Zeit nicht zu lösen:

  • Ausbeutung von Menschen oder Völkern
  • ungebremst wachsender Bedarf an Rohstoffen und Energie
  • irreversible Zerstörung unseres Lebensraumes
  • Länder und Gebiete, die über große Vorkommen an Bodenschätzen verfügen, mit Kriegen zu überziehen.

Genossenschaften sind Gebilde der bestehenden Wirtschaftsgesellschaft. Genossenschaften sind aber in diesem real existierenden Wirtschaftssystem – abgesehen vom Staatseigentum, welches eher einer verkaufbaren Staatsreserve entspricht – die Wirtschaftsstrukturen mit der größtmöglichen Vergesellschaftung und mit der Vorgabe, sich dem Finanzkapitalismus nicht zu unterwerfen. Ein Handel mit Geschäftsanteilen oder Unternehmensteilen ist im Grunde nicht oder nur sehr schwer möglich.

Eine Aktiengesellschaft hingegen kann ebenfalls einen hohen Grad an Vergesellschaftung verkörpern, obliegt ihrem Wesen aber vollständig und untertänig dem Finanzkapitalismus, ja mehr noch, verkörpert diesen gerade, denn das Vergesellschaftungsprädikat, die Aktie, ist gerade der Lieblingsgegenstand des Finanzhandels; und darauf aufbauend alle Ableitungen davon und Wetten darauf; natürlich, später dann noch auf die Ableitungen und Wetten auf die resultierenden Finanzprodukte.

Wo ist die Genossenschafts-Idee heute?

Die Raiffeisenbanken und die anderen Genossenschaftsbanken sind heute normale Banken, welche die Verträge Basel 2 und Basel 3 erfüllen müssen. Sicherlich ist das Spekulationsgeschäft in Genossenschaftsbanken nicht so stark anzutreffen, aber Kredite an Selbstständige, an Bauern oder an Handwerker in Not sind im heutigen Wirtschaftssystem nicht mehr möglich.

In der DDR wurden Landwirtschaftliche Genossenschaften und Handwerkliche Genossenschaften oft unter Zwang gegründet. Diese wurden entweder in den letzten 29 Jahren aufgelöst oder arbeiten heute als Eigentums-Verwaltungsgesellschaften.

Einkaufsgenossenschaften und Eigentums-Verwaltungsgenossenschaften gibt es heute etliche, als Wohnungsbauverwalter, als Windkraftanlagenbetreiber, als Agrarflächenbesitzer, als Einkaufs-Fachmärkte oder als landwirtschaftliche Vermarktungsgenossenschaften.

Wenn diese auch nicht mehr den sozialreformistischen Ideen von Raiffeisen und erst recht nicht den revolutionären Gedanken von Marx entsprechen, macht der hohe Grad an Vergesellschaftung des gebundenen Kapitals sie zu einer Alternative, stellen sie trotzdem einen Gegenentwurf zu den Konzentrationen von internationalem Monopolkapital dar.

Darüber hinaus beginnen sich neue genossenschaftliche Unternehmensformen zu entwickeln, die den starken genossenschaftlichen Gedanken so tragen, wie er einst gedacht war: genossenschaftlich und im Sinne einer Gesellschaft, die ohne Bestreben nach Kapitalkonzentration gestaltet werden sollte. Die sich den Anforderungen einer Industrie- und Informationsgesellschaft annehmen, dabei dem Bestreben des Neoliberalismus auf Eigennutz und Milton-Friedman-Gier entgegenwirken.

Genossenschaft ist eine Möglichkeit, innerhalb der Kapitalherrschaft, mit dem Eingeständnis, das bestehende System nicht kurzfristig ändern zu können, trotzdem eine Alternative zur Beschaffung von Investitionsmitteln zu schaffen, durchaus unter Verwendung von Zins auf Geldeinlagen, aber auf breite Schultern fußend, möglichst unter Vermeidung von unangemessener Bereicherung.

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Ein Kommentar zu: “200 Jahre Karl Marx und Friedrich Raiffeisen


  1. Danke für den interessanten Beitrag. Leider habe ich im Moment nicht die Zeit für eine längere Erwiderung. Allerdings fand ich den Genossenschaftsgedanken schon immer attraktiv. Leider ist die Möglichkeit, eine sozialistische Gesellschaft zu reformieren, zumindest in unseren Breiten von der politischen Landkarte verschwunden. Ich bin ein unverbesserlicher linker Romantiker, der sich 89 gewünscht hätte, das östliche System in einen Sozialismus zu wandeln, der menschlichen Interessen dient und eine bessere Verbindung zwischen den Produzenten und Produktionsmitteln ermöglicht. Die VEB waren dafür in der Regel eine ungeeignete Struktur. Aber das ist hypothetisch und macht keinen Sinn, hierin weitere Gedanken zu investieren.
    Wenn es heute überhaupt so etwas wie eine „Soziale Marktwirtschaft“ gibt, dann über den Weg eines relevanten Anteils an genossenschaftlichem Eigentum. Das zu ermöglichen bedarf es einen demokratischen Raum, den wir aus meiner Sicht im Moment leider nicht haben. Umso anerkennenswerter sind Initiativen wie Ihre, die gegen den Strom Beispiele geben. Man kann Ihnen nur Erfolg wünschen.

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