Afghanistan, Schrottplatz der Großmächte | Von Willy Wimmer (Podcast)

Ein Kommentar von Willy Wimmer.

Jetzt soll es auf einmal schnell gehen. Bei Präsident Trump und seinen Abzugsplänen aus Afghanistan wollte es in Berlin niemand so recht glauben, das mit dem Abzug. Jetzt ist es unumstößlich, wenn man sich ansieht, wie zügig der neue Präsident Joe Biden die vertraglichen Vereinbarungen seines Vorgängers mit den Paschtunen/Taliban über Afghanistan umzusetzen gedenkt. Damit kommt auf Berlin unausweichlich die Frage zu, was Deutschland der Einsatz der Bundeswehr neben toten deutschen Soldaten und mehr als 10 Milliarden Euro, die in Afghanistan in den Sand gesetzt worden sind, überhaupt gebracht haben soll.

Nach der Berliner Politik-Methode kann das nur zur Folge haben, dass dies totgeschwiegen werden soll, um das vor sich her duselnde Wahlvolk nicht unsanft aufzuwecken. Kritisch mit dem Einsatz deutscher Soldaten sich auseinander zu setzen, kann nach der hiesigen Lesart nur bedeuten, in der Geschichte der Wehrmacht herumzuwühlen, um jene mundtot zu machen, die sich heute mit heutigen Problemen auseinander setzen müssten.

Man könnte sich ja mit der Frage beschäftigen, ob der in Zusammenhang mit dem 11. September 2001 ausgerufene NATO-Bündnisfall, der an Kriterien nach der Charta der Vereinten Nationen angebunden, aber nie eingehalten worden ist, über den Abzugstermin aus Afghanistan aufrecht erhalten bleiben soll. Bisher hat man jedenfalls in diesem Zusammenhang nichts gehört. Man ist es allerdings bei der NATO gewohnt, den letzten Zipfel der Legitimität krampfhaft in den Klauen zu halten, um den Parlamentariern die Möglichkeit zu geben, die Augen vor dem schiefen Gebäude der NATO-Rechtskonstruktion zu verschließen. Lange, zu lange ist es her, dass man in Deutschland sich dessen bewusst gewesen ist, mit der Völkerrechtsabteilung des Auswärtigen Amtes eine Abteilung mit Weltruf zu haben. Seit den völkerrechtswidrigen Angriffskriegen, an denen sich Deutschland über das NATO-Konstrukt beteiligen muss, ist diese Abteilung aus Berliner Gründen in der Bedeutungslosigkeit verschwunden.

Fast zeitgleich zu den Abzugsentscheidungen der NATO und damit auch der Bundeswehr hat der ehemalige Botschafter Pakistans in Bonn, General a.D. Asad Durrani, in einem Pressetext auf geradezu eherne Gesetzmäßigkeiten in Zusammenhang mit jedem Großmächte-Einsatz in Afghanistan hingewiesen. Seit dem Altertum sind Großmächte als Großmächte in Afghanistan einmarschiert und gedemütigt aus Afghanistan geflohen. Den Sowjets ist es auf der berühmten Brücke bei Termez in Usbekistan gelungen, in einem guten Truppenbild das geschundene Land zu verlassen. Nach den jüngsten Ankündigungen der Paschtunen/Taliban muss damit gerechnet werden, dass der Abzug der NATO-Truppen unter amerikanischer Führung zu einer heillosen Flucht ausarten kann. Vor allem dann, wenn die Taliban ihre Drohung wahrmachen und die abziehenden, auch deutschen Soldaten, im Abzug angreifen werden. Amerika wird sich aber nicht nur mit der Frage beschäftigen müssen, welchen Status es einnimmt, nachdem es das eherne Gesetz für den Angriff auf Afghanistan nicht gebrochen hat. Es hat der langen Liste von in Afghanistan gescheiterten Großmächten nur ein weiteres Beispiel hinzugefügt. Es hat den “Fluch”, der über fremde Invasoren in Afghanistan hängt, nicht brechen können.

Es gibt nach Botschafter Durrani aber noch einen zweiten Satz, der nicht nur für die USA gilt. Den kann sich Berlin auch hinter die Löffel schreiben. Werden in Zusammenhang mit Afghanistan Washington, aber auch Berlin und die anderen, üblichen Verdächtigen, bereit sein, die Brücken zu den Völkern und Staaten wieder aufzubauen, die sie selbst mutwillig zerstört haben? Wer kann sich noch daran erinnern, dass in Zusammenhang mit dem 11. September 2001 Afghanistan ein zumindest willkürlich herausgegriffenes Ziel für die amerikanische Rache gewesen ist. Die Täter stammten jedenfalls nicht aus Afghanistan, soweit sie für das verantwortlich gewesen sind, was in New York und Washington Tod und Terror verursacht hatte. Hinzu kam, dass geeignete Wege gewählt worden sind, von der Zeit vor dem amerikanischen Einmarsch in Afghanistan bis unmittelbar vor der Tötung von Osama Bin Laden und seiner Angehörigen, Osama Bin Laden vor ein internationales Gericht zu stellen. Heute drängt sich der Eindruck auf, dass unter geo-strategischen Gesichtspunkten der Einatz in Afghanistan deshalb beendet werden kann, weil das nächste Ziel mit Myanmar vor der Haustüre steht.

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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Bildquelle: Michal Knitl / shutterstock

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