Alle krank?! | Von Anselm Lenz (Podcast)

Die Krankschreibung der ganzen Gesellschaft kann auch als spätes Kulturphänomen der gescheiterten Revolution von 1968 gedeutet werden. Derweil inszeniert das Bundespräsidialamt einen Kritikertisch — und will demnächst dem Angstmacher der Nation, Christian Drosten, das Bundesverdienstkreuz umhängen.

Ein Standpunkt von Anselm Lenz.

So richtig hatte es damals nicht klappen wollen und so ganz war es vielleicht gar nicht gewollt worden: Die westlichen Revolutionäre des Jahres 1968 probten den Aufstand ausgerechnet in jenen Jahren, in denen sich tatsächlich einmal die Verheißung von Freiheit und Gleichheit einzulösen schien: Bildung für alle und die Öffnung der Universitäten, Lohnsteigerungen, Vollbeschäftigung, die Möglichkeit, auch mit kleinen Jobs auszukommen und eine bescheidene, aber doch zählbare Vermögensbildung sogar für Hilfsarbeiter. Öffnung aller zivilen Berufe für Frauen, rechtliche Gleichstellung, Abschaffung der Kriminalisierung von Minderheiten. Das Versprechen des Aufstiegs in den bürgerlichen Lebensstil für alle, etwa mit Musikunterricht für die Kleinen.

Männer wie der spätere Außenminister Josef Fischer oder der ebenfalls nicht sehr friedliebende spätere Europaabgeordnete Daniel Cohn-Bendit machten sich also zu einem Zeitpunkt zur letzten gesellschaftlichen Grenze auf, der sozialen Revolution, als sie selbst bereits in den Genuss aller Segnungen der Gesellschaftsform einer Republik und eines sozial engagierten Rechtsstaates gekommen waren. Die Türen standen ihnen offen. Sie entschieden sich, sie auch noch einzurennen.

Eine Technik, die in der Neoliberalen Epoche ab Anfang der 1970er Jahre zum gängigen Prinzip wurde: Wer ein Pöstchen erhaschen möchte, reklamiert ausschnitthafte Benachteiligungen, lässt aber alle substantiellen Fragen weg. So kann man seither mit Aussicht auf Karriere monieren, dass Frauen im Management der Rüstungsindustrie in der Minderzahl sind, nicht aber die Rüstung in Frage stellen. Es war zugleich die Zeit, in der es in Mode kam, Konkurrenten und politischen Gegnern allerlei Krankheiten zu unterstellen, am liebsten psychischer Art. Da wurde am WG-Küchentisch schon gern mal ein Vaterkomplex attestiert oder allerlei sexuelle Schwierigkeiten unterstellt. Irgendeine Minderwertigkeit wurde immer gefunden.

Den Gegner für krank zu erklären, wird seither mit immer neuen Begriffen aufgewärmt. Was heute dem Hanns Guck-in-die-Luft der Kondensstreifen am Firmament, ist dem Politruck sein Aluhut im jährlichen Poesiealbum des Inlandsgeheimdienstes: Im Grunde sind Staatsfeind und Politfunktionäre eine sich gegenseitig erhaltende Verbindung eingegangen. Wenn der Gegner einmal wegfiele, müsste er glatt erfunden werden. Was macht ein Verfassungsschutz, wenn die Regierung, wie derzeit, im rechtsfreien Raum agiert? Sehen wir die Schlapphüte bald ein Ballett auf den Treppen des Reichstags in Schwarz-Weiß-Rot aufführen? Oder haben wir das bereits?

Wer alle für voll nimmt, kann nicht ganz dicht sein

Nicht alle legten einen solch kometenhaften Impact wie Fischer und Cohn-Bendit hin. Wahrlich mutigere Leute als die beiden genannten Bummelstudenten aus der Frankfurter Wohngemeinschaftsküche, nämlich jene, die tatsächlich eine neue gesellschaftliche Qualität ermöglichen wollten, einen wahrhaftigen sozialen Ausgleich, echte Demokratie und Friedenspolitik, wie etwa der Soziologe Rudi Dutschke, wurden bereits frühzeitig aus der Bahn geworfen. Im Falle Dutschkes geschah dies bereits im April 1968, noch vor den Mai-Unruhen, durch ein dubioses Attentat. Für Fischer und Cohn-Bendit öffnete sich aber der Weg zu großen Karrieren — wohlgemerkt im bestehenden Apparat.

„Es gibt kein richtiges Leben im Falschen“ —? Das berühmte Zitat des Philosophen Theodor Adorno meint letztlich, dass es Momente in der Geschichte gibt, in denen ein Rückzug ins Private, die nobel abwartende Haltung, keine Möglichkeiten mehr darstellen, weil die gesellschaftlichen Umstände eine öffentliche Haltung einfordern. Wie alle Philosophen erzählte Adorno seinen Lesern letztlich von sich selbst, und doch fragt er schließlich: Wann ist der Moment gekommen, in dem ich die Welt nicht nur interpretiere, sondern handelnd einzugreifen habe, zumindest insofern, praktische Handreichungen anzubieten?

Die Ikone aller Achtundsechziger, der personifizierte Feingeist schlechthin dieser vergangenen Zeit, eben dieser Adorno, wäre heute sicherlich nicht auf Seiten des Corona-Regimes. Es lässt einen tiefen Einblick in den Zustand westlicher Gesellschaften zu, dass die öffentlichen Intellektuellen, Kulturschaffenden und Künstler fast durch die Bank seit sechs Monaten auf Tauchstation sind, nicht einmal in der Lage scheinen, Forderungen für die alsbaldige Nach-Corona-Zeit zu formulieren. In jenem Moment, in dem die Gesellschaft sie bräuchte, haben sie sich auf die Seite eines absolutistisch zur Macht greifenden Regimes geschlagen, dessen Umrisse zu beschreiben doch immerhin ihre Aufgabe wäre. „Ein wahres Wort“, wie es einer der verbliebenen Redlichen, Professor Giorgio Agamben, fordert, bleiben sie schuldig.

Abgedichtet in der Schweigespirale

So, wie die Hinterbänkler der Parteien sich in vorauseilendem Gehorsam bereits im März unterwarfen, sind die zweite und die dritte Reihe der Buchautoren und Kommentatorinnen, die vermeintlichen Edelfedern und Aushängekünstler verschwunden. Und nun weiß man auch, warum die letzten Jahre so flau waren, warum nichts Neues durchgelassen wurde, warum die Kritik so kärglich und zuweilen eindimensional geriet, also nach Herbert Marcuse, einem weiteren Denker der Achtundsechziger-Zeit, „technokratisch“, „geprägt von Herrschaft und Gleichschaltung“, eine niemals endende Netflix-Serie des Immergleichen, wo doch ein prägnantes „wahres Wort“ soviel verändern könnte. Ein Schlaglicht fällt heute auf traurige Gestalten in ihrer selbstverschuldeten Düsternis; doch was soll man hier Namen nennen, die alsbald vergessen werden, es im Grunde schon sind.

Und also ist es ein trauriger Rahmen, den das Bundespräsidialamt da gezimmert hat, um noch letzte hilflose Versuche eines Framings, einer Rahmung der gesellschaftlichen Diskussion zu simulieren: Am gestrigen Dienstag tafelten im Schloss Bellevue nicht etwa Professorin Karina Reiß und Professor Sucharit Bhakdi, die führenden Vertreter der schulmedizinischen Wahrheit zum Corona-Virus beim Staatsoberhaupt, nicht etwa Dr. Bodo Schiffmann und Michael Ballweg, Wortführer der außerparlamentarischen Opposition der deutschen Demokratiebewegung. Auch nicht Gunnar Kaiser, Lehrer und Philosoph, nicht Hendrik Sodenkamp, Theaterdramaturg und oppositioneller Journalist, nicht Friederike Pfeiffer-de Bruin, Friedensaktivistin, die immer wieder aus dem Vorwort des Hausherren, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeiers zur aktuellen Druckfassung des Grundgesetzes zitiert, die nicht müde wird, den ganzen Text der Redenschreiber mitsamt Steinmeiers krakeliger Unterschrift vorzulesen und sich einfach nicht abbringen lässt, dies auf allen Bühnen und bei allen Versammlungen der Republik zu tun.

Es sind seit 28. März 2020 Aberhunderte Versammlungen mit insgesamt vielen Millionen Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus der Mitte, den Rändern und allen Schichten der Gesellschaft, aller Hintergründe und sämtlicher Couleur, ja, auch den geächteten. Von den Augustdemonstrationen ganz zu schweigen, die mit „Hunderttausenden“ friedlichen Demonstranten zurückhaltend eingeschätzt sind. Jeder weiß es, der anwesend war, jeder Polizist, sogar jeder zufällige Passant in jenen Tagen, der irgendwie im Zentrum Berlins unterwegs war. Sie alle wissen, dass die Zahlen von „20.000“ und „38.000“ politisch festgelegt wurden, jeweils mindestens eine Null einfach weggestrichen, weggelogen wurde.

Alles auf Maulkorb

Und so endet der Bericht der Propagandaplattform tagesschau.de vom 22. September 2020 zum Thema der Simulation eines Runden Tisches in unser aller Schloss Bellevue auch mit folgenden Sätzen: „Die Berliner Schülersprecherin Luisa Regel zieht das Fazit: Es war ein gutes Gespräch, sie sei zu Wort gekommen, wenn auch deutlich kürzer als die Kritiker am Tisch: ›Aber das waren halt auch diejenigen, die sehr starke persönliche Meinungen vertreten haben. Wir haben halt eher, gerade im künstlerischen Bereich und in der Schule, für eine breite Masse gesprochen.‹ Und die ziehe Abstandsregeln und Maskenpflicht ja auch nicht grundsätzlich in Zweifel.“

Was soll man dazu nach sechs Monaten des Bruchs mit Verfassung und Menschenrecht, der Verhöhnung der Freiheit von Forschung und Lehre, des Missbrauchs der Schulmedizin, des finalen Vertrauensbruchs der großen Medienbetriebe noch sagen? Es scheint fast so, als wäre den Altachtundsechzigern — jenen, die eine Karriere im Apparat gemacht haben, zu denen qua Jahrgang auch Steinmeier gehört — im Moment des Zusammenbruchs des Finanzmarktkapitalismus, wie er sich seit Mitte des Jahres 2019 in Form von Negativzinsen ankündigte, nichts anderes eingefallen, als die Gesellschaft krankzuschreiben und alle anzulügen.

Der Gesundheits-Coup wäre womöglich keine schlechte Idee gewesen, um kurzfristig Schlimmeres zu verhindern und dann zu einer wahrhaft demokratischen, aufklärerischen und menschenfreundlichen Aushandlung von Gegenwart und Zukunft zurückzukehren. Leider ist das einzige Ziel des Ausnahmezustands — das lässt sich fast auf den Tag genau ein halbes Jahr nach Beginn der verfassungswidrigen Notstandsregimes heute leider konstatieren — die Verstetigung einer fanatischen Konzernherrschaft über das ganze Menschengeschlecht, eine Wirklichkeit gewordene Dystopie, vor der wir jahrzehntelang gewarnt worden waren in Werken von Blade Runner bis Star Wars, von Autoren wie George Orwell bis Mark Fisher. Die vermeintlich offene Gesellschaft hat dort versagt, wo sie ihre eigene Stärke behauptet: Bei der Diskussion von Ethik, dem Respekt vor der Menschenwürde und der Ablehnung von Übergriffigkeiten auf Körper und Privatautonomie.

Und so passt es in das traurige Bild, das die konzernhörige, politmediale Kaste abgibt, dass der führende Angstmacher der Nation, der nimmermüde Pandemie-Ausrufer, der bereits 2009 wie ein Irrer den totalen Notstand in Sachen Schweinegrippe propagierte, demnächst das Bundesverdienstkreuz verliehen werden soll, im trauten Kreise einiger weiterer Regierungstreuer am 1. Oktober im Regierungsschloss an der Spree.

Die „20.000“ kommen wieder nach Berlin ab 2. Oktober

Schon ab 2. Oktober Uhr versammeln sich dann wieder die, na, „20.000“ der Demokratiebewegung in ihrer Hauptstadt. Darunter werden wieder viele Kinder mit ihren Familien sein, eine wachsende Zahl von Beamten, die ihrer Remonstrationspflicht nachkommen, zusammen mit echten Linken aus den Kiez-Initiativen, Liberalen aus dem Mittelstand und Menschen strammen republikanischen Geistes, die sich einfach nicht mehr anlügen lassen wollen.

Nach politischen Zahlen werden es wieder einmal nichts als ein paar Unwürdige gewesen sein — womit wieder einmal die bloße physische Anwesenheit der meisten Leute geleugnet worden sein wird. Es wird bejubelt werden, dass es diesmal wahrscheinlich tatsächlich ein paar weniger sein werden, als im sommerlichen August. Es ist ein unendlich trauriges Menschenbild der Herrschenden, das auch von einer lange aufgebauten Verzweiflung zeugt, von einem anscheinend unüberbrückbaren Abstand, einem tiefsitzenden Hass auf die Menschen in ihrer körperlichen Präsenz, die von der politmedialen Kaste nur noch als überflüssig, ja, als Belästigung wahrgenommen werden.

Bleiben die bis heute nicht abschließend beantwortbaren Fragen: Was spricht dagegen, den Leuten einfach mal die Wahrheit zu sagen? Wer oktroyiert diesen absolut perversen Maskenzwang, dessen Ziel nichts anderes ist, als die Leute zu demütigen und in Angst zu halten? Die übergeordnete Bedrohung muss gar fürchterlich sein, ist jedenfalls nicht mehr mit jeder noch so gut gemeinten Aktion etwa zum Schutz des planetaren Klimas zu rechtfertigen.

Oh Himmel, die menschliche Spezies, die das mit sich macht — und mit sich machen lässt — muss wahrlich in einem erbärmlichen Zustand sein. Man könnte fast zum Schluss kommen, dass da jede Krankschreibung angebracht ist. Allein, Corona ist nicht das Problem. Und leider, es ist auch keine psychische Krankheit. Es sind Auswirkungen eines ungezügelten Wirtschaftssystems, das krankhafte Machtkonzentrationen zur Folge hat und Fantasien davon, durch Entmündigung möglicherweise sogar gutgemeinte Ziele durchsetzen zu können. Aber so geht das eben nicht.

Anselm Lenz ist Herausgeber des Demokratischen Widerstandes (DW), der aus einem informativen Flugblatt in kürzester Zeit zur auflagenstärksten Print-Wochenzeitung der Republik geworden ist. Die oppositionelle Zeitung wird auch kommenden Wochenende auf dem ganzen Bundesgebiet verteilt und erreicht Menschen, die ansonsten ausschließlich der Regierungs- und Konzernpropaganda ausgesetzt wären. Der DW ist auf Spenden angewiesen an IBAN DE51 1001 1001 2625 2368 69 oder am besten als Patreon.

+++

Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

+++

Bildquelle: bekulnis / shutterstock

+++

KenFM bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Meinungsartikel und Gastbeiträge müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

+++

KenFM jetzt auch als kostenlose App für Android- und iOS-Geräte verfügbar! Über unsere Homepage kommt Ihr zu den Stores von Apple und Google. Hier der Link: https://kenfm.de/kenfm-app/

+++

Abonniere jetzt den KenFM-Newsletter: https://kenfm.de/newsletter/

+++

Jetzt KenFM unterstützen: https://www.patreon.com/KenFMde

+++

Dir gefällt unser Programm? Informationen zu weiteren Unterstützungsmöglichkeiten hier: https://kenfm.de/support/kenfm-unterstuetzen/

+++

Jetzt kannst Du uns auch mit Bitcoins unterstützen.

BitCoin Adresse: 18FpEnH1Dh83GXXGpRNqSoW5TL1z1PZgZK

Hinterlasse eine Antwort