Als Hinz und Kunze wieder freigelassen wurden in Deutschland

Von Dirk C. Fleck.

Wir waren zu dritt im Abteil, die Frau, der Mann und ich. Die Frau sah mich unentwegt an, ihre Lippen bewegten sich wie zum Gebet. Der Mann öffnete seinen Aktenkoffer auf den Knien und wühlte mit tief hängendem Kopf in seinen Unterlagen. Hinter ihm prangte der dezente Anschlag eines Beerdigungsinstituts. Der Mann hob den Kopf, seine Augen, die mich durch dicke Brillengläser fixierten, bohrten ihren toten Gruß in mich hinein. Ich fand kein Gegengift.

Das Neonlicht umspülte mich wie ätzende Säure; bald war die Verbindung zwischen Gehirn und Gliedern unterbrochen. Meine zur Schau gestellte aufrechte Haltung war das Ergebnis einer ungeheuren Anstrengung. Im Gesicht meines Gegenübers wuchs ein grob gemeißeltes, schräges Grinsen heran. Ich hatte meine Identität verloren, ich kannte weder meinen Namen, noch wusste ich, wohin wir fuhren oder wo ich wohnte. Ich lehnte die Schläfe an die Fensterscheibe, ihr kühler Stempel gab mir Halt. Nicht denken! Hör auf zu denken …!

Mit geschlossenen Augen lauschte ich dem Fahrgeräusch, in meinem Kopf wirbelten die Bilder einer Stadt auf. Kinder hockten apathisch zwischen gigantischen Scherbenhaufen. Zerrissene Pappkartons wirbelten durch die Straßen. Menschen mit Handwagen zogen stumm aneinander vorbei, sie beachteten die Leichen nicht, die auf den blutverschmierten Gehwegen lagen. Plötzlich liefen die Bewohner auseinander, sie versteckten sich in Hauseingängen, hinter Trümmern oder in der Kanalisation. Kurz darauf schlenderten zwei blonde Männer in schwarzen Uniformen die Straße herunter, sie scherzten miteinander wie auf einem Sonntagsspaziergang.

Vor der unbekleideten Leiche eines jungen Mädchens blieben sie stehen. Während der eine mit der Stiefelspitze gegen ihre Brust stieß, zog der andere seine Pistole und feuerte auf das letzte intakte Fenster in dieser Stadt. Gelangweilt setzten sie ihren Weg fort. Hinter ihnen hoben sich die Gullydeckel …

Ich riss die Augen auf. DAS IST DIE LÖSUNG! stand auf einem Plakat.

Mein Name ist Dirk Fleck, ich bin ein Kind der Hölle. Hier trägt man den Filter des Vergessens im Gesicht, das ist Pflicht.

Der Mann mit dem Aktenkoffer war verschwunden, die Frau auch. Stattdessen saßen mir nun zwei ältere Herren gegenüber. Sie lasen die gleiche Zeitung. „Kunze ist frei“, sagte der eine und setzte die Sonnenbrille auf.

PS: Vergessen wir das dämliche Spiel der Eliten, bleiben wir bei uns selbst. Erzählen wir uns wieder mehr Geschichten, anstatt den Narrativen aufzusitzen, die der Politik entspringen. Diese Geschichte bezieht sich auf ein Erlebnis während einer Zugfahrt im Jahre 1963, als ich auf dem Weg nach München war, um dort meinen Zivilen Ersatzdienst anzutreten. Damals dauerte er noch 18 Monate, während Bundeswehrsoldaten nur 12 Monate zu dienen hatten. Kriegsdienstverweigerer hatten sich einer „Gewissensprüfung“ zu unterziehen, um anerkannt zu werden. Da saß man also als 18-jähriger vor einer Riege von Altnazis und musste sich rechtfertigen. Naja. Ersatzdienstleistende wurden bestraft. Die ersten Monate arbeitete ich im Verbrennungskeller des Rot-Kreuz-Krankenhauses in Nymphenburg. Als ich mich schließlich weigerte, dort weiterhin den Operationsmüll in die Verbrennungsöfen zu schaufeln, versetzte man mich in das Schwesternheim des Roten Kreuzes in Grünwald. Das Anwesen hatte früher Hitlers Reichswirtschaftsminister Hjalmar Schacht gehört. Ich durfte dort in der Gärtnerei arbeiten, was Spaß gemacht hat.

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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Bildquelle: Vilgun / shutterstock

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5 Kommentare zu: “Als Hinz und Kunze wieder freigelassen wurden in Deutschland

  1. Josef Gabriel Twickel sagt:

    Hallo Herr Fleck,
    sie waren ein Kind, das in der Hölle des zweiten Weltkriegs geboren wurde und aufwuchs. Mit 18 saßen Sie als Wehrdienstverweigerer Altnazis gegenüber. Als 20igjähriger hatten Sie eine ziemlich schreckliche Zugfahrt. Und mussten Operationsmüll in den Verbrennungsofen schaufeln.

    Sie haben mein plötzliches starkes Mitgefühl dafür …

    – obwohl ich sie vorher nur fragen wollte:
    "Und jetzt als 77igjähriger, was sehen und fühlen sie da jetzt gerade vor sich und um sich und – außer dem Erzählten – auch noch in sich ?"

    • Dirk C. Fleck sagt:

      Ich danke Ihnen für Ihre Zeilen. Diesen "Aufruf" habe ich gerade auf Facebook gepostet, er könnte Ihre Frage beantworten:
      "Wir leben in einer Zeit, in der die Mediengesellschaft das Wort Krieg prüfend in ihren Händen wiegt wie einen Kohlrabi auf dem Gemüsemarkt, in der man das Denunziantentum hoffähig macht und den Maulkorb zum Accessoire erhebt. Die Kraftspeicher für die Wachgebliebenen in unserer narkotisierten Zivilgesellschaft sind fast leer. Jetzt gilt es, angesichts des globalen Treibens einer durch geknallten Finanz- und Politelite nicht den Verstand zu verlieren.
      Deshalb ist es dringend notwendig, dass wir uns frei machen von den Narrativen, die der Politik entspringen, dass wir uns wieder unsere eigenen Geschichten erzählen. Schließlich gibt es noch ein Leben außerhalb des politischen Ränkespiels, das unsere Seelen immer mehr zu vergiften droht.
      Es braucht über den riesigen Misthaufen, den das von Gier gesteuerte System permanent produziert, weder weitere Informationen noch Aufklärung – wir wissen doch seit Jahrhunderten, nach welchen Gesetzen ein menschen- und naturverachtendes System funktioniert.
      Vergessen wir das dämliche Spiel der „Mächtigen“, bleiben wir bei uns selbst, das lohnt sich. Es ist das einzige, was sich noch lohnt. Vor allem dann, wenn wir füreinander in Liebe da sind. Davon haben die seelenlosen Killer und Psychopathen aus Wirtschaft und Politik nämlich nicht die geringste Ahnung. Verschwenden wir unsere Energien nicht in einem aussichtslosen Kampf gegen sie, in dem die Gewalt die einzige Option zu sein scheint. Auf diese Weise werden wir nie gewinnen. Arbeiten wir an uns selbst, seien wir uns wichtig, jeder für sich, und sehen wir zu, dass wir die Personen in unserem unmittelbaren Umfeld aus ihrer Bewusstlosigkeit reißen. Machen wir sie vertraut mit sensiblen, mitfühlenden Menschen. Das ist die einzige Chance, die Gesellschaft von Grund auf zu verändern. Eine andere haben wir nicht."

    • Josef Gabriel Twickel sagt:

      Lieber Herr Fleck, ich lese Ihre Gedanken zur gegenwärtigen Situation. Danke dafür.
      Welche Gefühle haben Sie dabei ?
      Sie schreiben "Arbeiten wir an uns selbst, seien wir uns wichtig, jeder für sich, und sehen wir zu, dass wir die Personen in unserem unmittelbaren Umfeld aus ihrer Bewusstlosigkeit reißen."
      Wir brauchen aber den ehrlichen Austausch miteinander. Miteinander, gegenseitig.
      Ich sehe darin, eine Person aus meinem unmittelbaren Umfeld aus ihrer Bewusstlosigkeit zu reißen, ein rigides Gedankenkonzept. Ohne Gegenseitigkeit, ohne Einfühlung und Liebe.

      Was halten Sie von Gopal Norbert Klein ? Seine Idee der Lokalen Gruppen zum Ehrlichen Mitteilen ist möglicherweise genau das, was auch Sie sich wünschen für den Neuaufbau unserer Gesellschaft.
      Von der Einsamkeit in den Kontakt – Gopal Norbert Klein im Gespräch, 13.9.2020 https://www.youtube.com/watch?v=BNn0CbNJx-M
      Ehrliches Mitteilen (EM) – Für alle die NEU hier sind…13.07.2020, https://www.youtube.com/watch?v=cARUzSHfJZ4&t=15s

      Mit einem herzlichen Gruß !

  2. libertine999 sagt:

    Sehr schöne Geschichte, kann und muß man öfter lesen … vielen Dank.

  3. MenschVomLehmDerErde sagt:

    Danke. Gute Geschichte. Erinnert Ihr Euch noch an das Buch von der Maus, ich glaube sie hieß Frederik, die im Sommer, statt "zu arbeiten" im Sinne des "gesellschaftlichen" Framing, wärmende Geschichten sammelte, die sie im Winter dann in der unterirdischen Mausehöhle den (winterdepressiven , hungrigen und lebensmüden) Mitmäusen erzählte, damit die sich im Dunkeln vorstellen konnten, daß auch wieder Frühjahr, Sommer und Herbst kommen?

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