Als sie 1945/46 Silvester im „Niemandsland“ feierten

Auszug aus dem Roman „Die Heimat, der Krieg und der Goldene Westen“

Von Wolfgang Bittner.

Das Lager besteht aus einem Verwaltungsgebäude, ehemaligen Wehrmachtskasernen, mehreren Baracken und großen Garagenblocks, in denen zuvor Militärfahrzeuge untergebracht waren. Dort ist Stroh aufgeschüttet. „Besser als gar nichts“, sagt die Mutter aufatmend. „Das hätten wir erst mal geschafft. Wir sind im Westen, in der britischen Besatzungszone. Das Weitere ist nicht mehr so schlimm, das kriegen wir auch noch hin.“ Sie und Tante Franziska sind froh, dass sie diesen Teil der Reise, der an die norddeutsche Küste fortgesetzt werden soll, wohlbehalten mit den Kindern hinter sich gebracht haben. Sie suchen sich einen freien Platz und breiten auf dem Stroh ihre Decken aus. Todmüde legen sich alle vier schlafen. (…)

Am Silvesterabend zünden einige Vertriebene auf einem Platz neben dem Hangar ein Feuer an. Sie haben leere Munitionskisten als Sitzgelegenheiten aufgestellt, und bald ist eine kleine Schar um das Feuer versammelt und wärmt sich. Die Mutter und Tante Franziska setzen sich dazu, auch das Kind und Edmund dürfen dabei sein. Es ist bitterkalt, eine schneefreie, sternklare Nacht. Die meisten schauen, in Decken gehüllt, still in die Flammen, aber hier und da entwickeln sich allmählich Gespräche über das Woher und Wohin. Das Kind hustet immer noch, aber nicht mehr so stark wie vorher. Es kuschelt sich in seine Decke und freut sich an den Feuerzungen, die in den kalten Himmel lodern und ein Meer von Funken versprühen.

Der kriegsversehrte Soldat, der offensichtlich einsam ist, gesellt sich zu den Frauen. Er zieht aus einer Umhängetasche ein Päckchen Kekse und eine Flasche: „Echter Wodka, hab ich extra für heute Abend aufgespart.“ Er nimmt einen Schluck und gibt die Flasche der Mutter, die zögert. „Ich weiß gar nicht, ob ich Schnaps noch vertrage“, meint sie. „Es ist lange her, dass ich so etwas getrunken habe.“

„Nur zu“, ermutigt sie der Soldat. „Es entspannt. Wir sind alle noch viel zu verkrampft.“ Er verteilt die Kekse, von denen die Kinder nicht genug kriegen können. Jemand hat ein Akkordeon aufgetrieben und spielt – zuerst leise, dann beflügelt, kraftvoll, beschwingt – volkstümliche Weisen, Lieder über die Liebe und die Heimat. Allmählich kommt so etwas wie Stimmung auf. Als die Melodie des Schlesierlieds erklingt, summen und singen einige mit: „Kehr ich einst zur Heimat wieder, früh am Morgen, wenn die Sonn’ aufgeht. Schau ich dann ins Tal hernieder, wo vor einer Tür ein Mädchen steht …“ Edmund kennt das Lied von seinen Ausflügen mit dem Jungvolk, singt aus voller Kehle: „Mein Schlesierland, mein Heimatland … wir sehn uns wieder, mein Schlesierland, wir sehn uns wieder am Oderstrand …“ Der Soldat singt: „Liebes Mädchen, lass das Weinen sein, wenn die Rosen wieder blühen, ja dann kehr ich wieder bei dir ein.“ Er hat eine schöne Sopranstimme.

Eine Weile herrscht Stille. Der Soldat sagt: „Das haben wir oft gesungen, die Kameraden und ich. Aber ich kehr nicht nach Schlesien heim, ich komme aus der Gegend von Mainz, wir sind Weinbauern.“ Er zeigt auf sein hochgeschlagenes, mit einer Sicherheitsnadel befestigtes Hosenbein: „Mal sehen, vielleicht bekomme ich eine gute Prothese, mit der ich in den Weinberg steigen kann.“

„Bestimmt“, sagt die Mutter, und Tante Franziska nickt ihm zu: „Das wünsche ich Ihnen.“ Jetzt lacht der Soldat. „Wenn ich noch beide Beine hätte, würde ich um einen Tanz bitten. Ich heiße übrigens Lothar.“ Er schaut in die Flammen und erzählt: „Ich war bei den Panzern, unsere Division – oder was davon übrig geblieben war – hatte den Befehl, vor Berlin die Russen aufzuhalten. Völliger Blödsinn, Wahnsinn. Aber wir glaubten immer noch, unser Vaterland verteidigen zu müssen. ‚Führer befiehl, wir folgen dir!‘ Na ja, unser Panzer bekam einen Volltreffer, zwei Kameraden sind verbrannt.“ Er schiebt den linken Ärmel seines Mantels hoch, und eine große Brandnarbe kommt zum Vorschein.

„Ich war schon raus“, fährt er fort, „da hat es mich doch noch am Bein erwischt. War zuerst gar nicht so schlimm, wurde von den Kameraden gleich abgebunden. Aber bis ich zum Verbandsplatz kam, verging ein halber Tag, wir lagen unter Feuer, und ins Feldlazarett kam ich erst zwei Tage später. Habe Wundbrand bekommen, der Arzt fackelte nicht lange.“ Er macht eine wegwerfende Handbewegung. „Es ist, wie es ist. Ich bin am Leben, jetzt heißt es, vorwärts zu schauen.“ 

Kurz vor Mitternacht wird es laut, und der Krach steigert sich noch. Die Briten schießen in die Luft, obwohl das eigentlich verboten ist, und Signalfarben erhellen die Nacht. 1945 geht in das Jahr 1946 über. „Prost Neujahr!“, heißt es. „Ein gesegnetes neues Jahr! Ein frohes und gesundes neues Jahr!“ Die beiden Frauen umarmen sich. „Es kann nur besser werden“, sagt die Mutter. „Lass uns für meinen Ernst, für unsere Eltern und die Schwiegereltern beten.“ Einen Moment herrscht Schweigen in der Runde. Alle denken an ihre Lieben, die sie vermissen, und wie es weitergehen wird. „Wir sind davongekommen“, sagt eine Frau. „Neues Spiel, neues Glück!“

Der Soldat pflichtet ihr bei: „Machen wir das Beste daraus!“ Die Mutter nimmt ihm die Wodkaflasche aus der Hand, prostet ihm zu und trinkt. Dann reicht sie die Flasche weiter an Tante Franziska, die mächtig zulangt. Edmund will auch Schnaps trinken und regt sich auf, als ihm das verweigert wird. Zur Beruhigung zaubert Lothar für ihn und das Kind aus der Umhängetasche eine Stange Lakritz. Das ist schön süß, da schweigt Edmund auf der Stelle. Bevor Tante Franziska mit den beiden Kindern zum Schlafen in die Garagenhalle zurückgeht, flüstert sie: „Ist er nicht nett?“

„Wen meinst du?“, fragt die Mutter irritiert. 

„Na, dieser Lothar natürlich.“

Jemand wirft noch einmal Holz in das Feuer, das hoch auflodert. Die Umsitzenden genießen die Wärme und das Beisammensein. Ihre Gespräche sind verstummt, jeder hängt seinen Gedanken nach und schaut in die züngelnden Flammen, bis die letzten Holzscheite verglimmen. Die Mutter bedankt sich bei dem Soldaten für den Wodka. Beim Aufstehen schwankt sie ein wenig. Als sie in der Halle zu ihrem Strohlager kommt, liegen Tante Franziska und die Kinder schon in ihre Decken gehüllt in tiefem Schlaf.

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung.

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Aus: Wolfgang Bittner, „Die Heimat, der Krieg und der Goldene Westen“, Roman, zeitgeist Verlag 2019

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Bildhinweis: Vladimir Zhoga / Shutterstock

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5 Kommentare zu: “Als sie 1945/46 Silvester im „Niemandsland“ feierten

  1. Ja, eine berührende Geschichte aus der Vergangenheit.
    Leider ist es nur ein Text.
    Ich bin da eher der Kinofan, der sich diese Leute am Lagerfeuer nicht nur in der Fantasie vorstellen will, sondern auch sehen will.

    Aus dem selben Jahr 1946 ist der Film "Die Mörder sind unter uns".
    Dieser zeigt sehr beeindruckend das total zerbombte Berlin, die tief traurigen Menschen, die selbst an Weihnachten nicht fröhlich sein können und die Hoffnung eines alten Mannes, dass er seinen Sohn noch einmal sieht, bevor er stirbt.

    Ich empfehle jedem diesen Film, der zum Glück auf Youtube ist:
    https://www.youtube.com/watch?v=01TtbYu5rPU

    Ja, das waren sehr harte Zeiten.
    Aber die jüngeren Menschen von heute kennen das nur noch aus Erzählungen und wissen gar nicht was Krieg bedeutet.
    Und unsere Rüstungsministerin trommelt schon zum nächsten Krieg.
    Die Menscheit ist nicht nur krank, sondern auch unendlich dumm.

    • "Leider ist es nur ein Text."

      NUR.

      Dieser Satz kommt mir wie der Grabspruch auf eine Kultur vor, die von Phantasie, Vorstellungskraft, Imagination keine Ahnung mehr hat; und der solche Fakultäten viel zu anstrengend erscheinen.
      Sie will sich nichts mehr vorstellen. Sie möchte keine Freiräume mehr und Leerstellen, in denen das kreative Ich wirken und sich entfalten kann. Sie will alles sehen. Sie möchte es festgelegt. Bestimmt. Eindeutig.
      Zwangsläufig.

      Das ist die Internet-, Video- und Handygeneration, die keine Bücher mehr lesen kann. Denn in Verbindung mit diesen, wäre sie auf sich selbst zurückgeworfen.en.
      Und das könnte sie nicht aushalt

      Einfach nur traurig.

      NUR ein Text.

      Wer so etwas sagt, gehört zu den Krähen auf den Gräbern aller großen Kunst und Kultur.

  2. An Gesara:
    Danke für die guten Wünsche, die ich gern erwidere.

    An Kit2:
    Eugen Drewermann sagt: "Die Welt, in der wir leben, ist krank." Das sehe ich ebenso, und mir scheint es sehr sinnvoll zu sein, darüber aufzuklären, damit Bewusstsein für eine Änderung entstehen kann.

    Herzliche Grüße und alles Gute für das neue Jahr!

  3. Ach ja…schon traurig.

    Traurig auch, wenn es scheint, dass es solche Szenen bald wieder geben könnte….falls wir nicht ohnehin alle komplett platt gemacht wurden und es im Westen (der EU) nicht einmal mehr versprengte, hungernde, kranke Zivilisten und Militärs geben wird.

    Damals wurde nicht hingeguckt gleich nach der "Machtübernahme", wie z.B. immer mehr Wohnungen frei wurden, weil Menschen (darunter die eigenen Hausärzte, Familienanwälte und Lehrer) verschleppt wurden oder emigrieren mussten, wie immer mehr Einschränkungen, absurde Vorschriften, Drill und Geldknappheit und was noch alles, einfach hingenommen wurde, ohne größere Proteste.

    Angeblich hätte man "nichts gewusst", obwohl die Lastwagen mit den Verschleppten vor der eigenen Haustür standen…

    Nun geht es also schon wieder los, die Zeichen drohenden Unheils sind kaum übersehbar. Und wir haben es wieder "nicht gewusst".

    Und eigentlich ist dieses "Nichtwissen" heute viel schlimmer, als in den 1930er Jahren, wo die Menschen kaum mehr als ihre Tageszeitung und das Radio hatten, um sich zu informieren. Heute hingegen ist die Info ohne weiteres einsehbar, ganz einfach.

    Und trotzdem werden wir möglicherweise – ganz genau wie unsere Vorfahren – bald wieder am Lagerfeuer hungern müssen….wenn überhaupt.

    Tut mir wirklich Leid.

    "Eugen Drewermann: Die Welt, in der wir leben, ist krank" – https://youtu.be/lzk7_naqz64

  4. Sehr berührend. Da ist kein Wort überflüssig. Ich mag diese eindringliche Schlichtheit und freue mich
    schon darauf, das ganze Buch demnächst zu lesen.

    Einen guten Rutsch, lieber Herr Bittner!

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