Aufbruch

Ein Gedicht von Bernhard Trautvetter.

Aufbruch

Der keine Ahnung vom Kapitalismus hat
Die überall Verschwörungen sieht
Der Genosse, der schon damals im KZ und dann in Adenauers Zuchthaus
Die Grüne, die Petra Kelly und Gert Bastian erinnert
Der Christdemokrat, dem die Atomrüstung Angst einjagt
Der Sozialdemokrat, der mit Hartz IV nicht klarkommt
Die Friedensfreundin, die damals schon „alle sollen aufsteh’n“ sang
Der Philosoph und die Lyrikerin,
der Rentner und seine Mutter,
der Teenager, der kaum mehr Hoffnung auf eine friedliche Welt
der keine Lust auf Theorie hat aber auf Widerstand
Sie alle suchen Orientierung
in der aus den Fugen geratenden Welt
während die Ordnung weiter zerfällt
und die Gewaltspiralen immer wahnsinniger
nichts sehen, hören, immer mehr von dem, was uns da hin gebracht
Öl ins Feuer
Sogar ein Milliardär sieht plötzlich die Gefahr und will nicht mehr mitspielen
Niemanden mehr über den Tisch,
keine Bestechung, das Spiel ist aus
Sie alle eint das Interesse am Über
Leben
Und sie ahnen,
es geht nur, wenn wir
alle Seit an Seit
Hand in Hand
wo auch immer
nach alledem
uns endlich
nicht mehr
abspeisen
korrumpieren
Angst einjagen lassen
sondern
vielleicht gerade noch
rechtzeitig
aufsteh’n
Du und ich
ohne Erwartung,
aus Hoffnung
dass es noch nicht zu spät

11 Kommentare zu: “Aufbruch

  1. Lieber Frank Rothweiler.
    ich kann Ihnen in allem – nuja, fast allem – uneingeschränkt zustimmen.
    Um Ihnen, in den paar eher unwesentlichen Punkten, mit denen ich eher nicht einverstanden bin, widersprechen zu können, muss ich erst einmal eine Runde ausgeschlafen grübeln, um mich in die Lage zu versetzen, meine Argumente korrekt in Worte zu fassen.
    „Objektivität ist ein Jenseitsversprechen.“ – dazu muss ich erst mal die von Ihnen verlinkten Quellen lesen. Bitte geben Sie mir etwas Zeit für eine Antwort darauf. ;o)

    Vielleicht im Voraus schon mal etwas von Michael Ende: *Zitat*

    Der wirkliche Apfel
    .
    Ein Mann der Feder, berühmt und bekannt
    als strenger Realist,
    beschloß, einen einfachen Gegenstand
    zu beschreiben, so wie er ist:
    Einen Apfel zum Beispiel, zwei Groschen wert,
    mit allem, was dazu gehört.
    .
    Er beschrieb die Form, die Farbe, den Duft,
    den Geschmack, das Gehäuse, den Stil,
    den Zweig, den Baum, die Landschaft, die Luft,
    das Gesetz, nach dem er vom Baume fiel…
    .
    Doch das war nicht der wirkliche Apfel, nicht wahr?
    Denn zu diesem gehörte das Wetter, das Jahr,
    die Sonne, der Mond und die Sterne…
    .
    Ein paar tausend Seiten beschrieb er zwar,
    doch das Ende lag in weiter Ferne;
    denn schließlich gehörte er selber dazu,
    der all dies beschrieb, und der Markt und das Geld
    und Adam und Eva und ich und du
    und Gott und die Welt…
    .
    Und endlich erkannte der Federmann,
    daß man nie einen Apfel beschreiben kann.
    Von da an ließ er es bleiben,
    die Wirklichkeit zu beschreiben.
    Er begnügte sich indessen
    damit, den Apfel zu essen.
    .
    [Michael Ende]

    *Zitat Ende* (pun intended)

    Und ja, ich kann mich noch an die Zeit erinnern.. Akustikkoppler 300 Baud, dann hieß „das Internet“ Compuserve oder AOL, und.. Bad old times. Heute ist das alles irgendwie einfacher. ;o)

    • „Objektivität ist ein Jenseitsversprechen.“ ..
      Jetzt hab ich’s:
      Objektivität ist ein Diesseitsziel.
      LG waldbaer, auf der Suche nach der Wahrheit ;o)

  2. @waldbaer: Darüber machen sich die allerwenigsten Menschen überhaupt jemals Gedanken: Daß jeder unserer Begriffe letztendlich mehr oder weniger ein willkürliches Symbole ist, das nicht etwa vom Himmel fiel, sondern irgendwann einmal von irgend einem Individuum erfunden wurde. Auf diese Weise verändert sich Sprache, so entstehen nicht nur neue Begriffe, sondern auch neue Dialekte und – entfernt sich eine Gruppe zu weit von seinem Sprachraum, um noch regelmäßigen Kontakt zu seiner Herkunft pflegen zu können – auch eigene Sprachen. Doch ist das ein sehr weites Feld, das ich hier an dieser Stelle nicht beackern möchte.

    Interessant ist dennoch, worauf Jon Rappoport und viele andere vor ihm gestoßen sind: „Reality is invented. It isn’t just ‘there.“ Die Realität ist ein Erfundenes. Sie ist nicht dort, wo wir sie vermuten, sondern in unserem Gehirn. Dadurch, daß wir in einer bestimmten Realität aufwachsen, von der man uns ständig beteuert, daß sie die einzige ist, fällt es uns meist so schwer, uns eine andere Realität überhaupt nur vorzustellen. Dabei ist Realität stets das Resultat zahlreicher Schlußfolgerungen und nicht, wie immer behauptet wird, objektiver Beobachtungen. Denn die Objektivität ist lediglich ein Ideal, die gibt es im praktischen Sinne gar nicht, weil kein Mensch objektiv beobachten kann, sondern jedes Subjekt eben nur subjektiv sieht, hört, fühlt und denkt. Wenn wir von Objektivität reden, meinen wir im Grunde nichts anderes als bestehende Übereinkünfte, die Dinge genau so und nicht anders zu sehen.

    Bei dem, was die meisten Menschen für ihre eigene angeblich objektive Wahrnehmung halten, handelt es sich um ein Resultat stark selektiver Wahrnehmung. Selektion bedeutet ja soviel wie Ausfilterung, und genau das geschieht auch: Die Menschen haben, ohne es zu wissen, Filter vor ihrer Wahrnehmung, die nicht durchlassen, was nicht sein darf. Es darf nichts sein, was von ihren Autoritäten nicht gebilligt oder was den Aussagen ihrer Autoritäten widerspricht. Das ist das Unterwerfungs- und Gehorsamsprinzip, das schon im Kleinkind angelegt wird, indem man unerwünschte Reaktionen mit der Angst vor dem Verlassenwerden besetzt.

    http://www.gleichsatz.de/b-u-t/spdk/efrom.html

    Wer sich damit befaßt, und zwar nicht nur mal so nebenbei, wird mit der Zeit feststellen, daß hier phänomenale Zusammenhänge verborgen sind, die es ganz und gar nicht mehr verwunderlich erscheinen lassen, wie sich heutige Durchschnittsmenschen verhalten. Ich war bereits Ende der Achtziger,* als das Internet noch keine Bilder hatte, auf eine Website gestoßen, die damals Mauthner.de hieß und zahlreiche Schriften und Auszüge aus sprachwissenschaftlichen und sprachphilosophischen Gebieten enthielt. So begann ich zu lesen und langsam zu verstehen: Wir wissen eigentlich gar nichts, sondern bilden uns lediglich ein, etwas zu wissen. Wir glauben fest daran, daß unsere Theorien zutreffen, wenn das, was sie beschreiben, funktioniert. Das war aber schon immer so. Schließlich funktionierte das Feuermachen und das Feuer auch bereits vor 10.000 Jahren, und auch damals glaubten die Menschen, daß ihre Theorien über das Feuer wohl zutreffen müssen, weil es ja eindeutig brannte. Die Mauthner-Seiten wurden inzwischen neu geordnet und sind nun dort zu erreichen:

    http://www.gleichsatz.de/

    Auf Gleichsatz findet ihr zahlreiche und meiner Ansicht nach sehr erhellende Grundlagenschriften zur menschlichen Wahrnehmung. Einer der wichtigsen Sätze steht schon auf der Startseite: Objektivität ist ein Jenseitsversprechen. Ich kann, wenn überhaupt, erst dann objektiv sein, wenn ich nicht mehr Subjekt bin. So lange ich lebe, bin und bleibe ich Subjekt.

    Was machen wir denn im Grunde, wenn wir die Gültigkeit von Sätzen überprüfen? Prüfen wir das, was wir als Wirklichkeit, als Realität bezeichnen? Nein, wir prüfen, ob ein Satz unserer Sprachlogik entspricht. Tut er das nicht, halten wir ihn für falsch. Unsere Sprachlogik bildet sich jedoch wiederum aus allen Sätzen, die wir je für wahr befunden haben. Die Frage nach der Henne und dem Ei drängt sich auf: Wo kamen die ersten Sätze her? Die haben uns unsere Eltern erzählt. Später haben uns unsere Lehrer weitere Sätze erzählt. Als Erwachsene glauben wir unseren Vorgesetzten, den Zeitungen und dem Nachrichtensprecher. Und weil das so ist, kann man gerade im Zusammenhang mit unseren Massenmedien von einem eindeutigen Mißbrauch sprechen: Dieser Mechanismus wird nicht dafür eingesetzt, die Erkenntnisfähigkeit der Rezipienten zu erweitern, sondern ihre Sichtweise zu verengen, zu fokussieren, und zwar auf die Interessen einiger weniger, einer verschwindend geringen Minderheit der inzwischen 12 Milliarden Menschen auf diesem Planeten. Diese Minderheit könnte das jedoch niemals alleine bewerkstelligen; wir alle tragen unseren Teil dazu bei, indem wir blind sind für unsere eigenen inneren Mechanismen, blind dafür, wie wir wahrnehmen. Wahrnehmung = etwas für wahr annehmen.

    Ich bin gerade erst vorgestern aus einem Forum geworfen worden, weil ich dort angeblich die User abschrecke, irritiere, weil ich unliebsame Wahrheiten ausspreche. Aus der psychoanalytischen Sichtweise eines Arno Gruen betrachtet, stellen sich diese Zusammenhänge noch deutlicher dar: Das, was uns bereits als kleine Kinder mit Angst besetzt wurde, gewisse Teile unserer eigenen Wahrnehmung, wenn sie die Machenschaften von Autoritäten betrifft, das können wir nicht angstfrei wahrnehmen. Da wir aber die Angst, die uns jemand macht, der nicht diesen Zwängen unterliegt, nicht in uns selber vermuten dürfen, projizieren wir sie auf den Auslöser. So entsteht z.B. Fremdenfeindlichkeit als Resultat von Unwissen und mangelhafter Bildung. Nicht nur offensichtliche Ausländer, auch Menschen wie ich bleiben, auch wenn sie hier geboren und aufgewachsen sind, auch wenn sie schon immer den Dialekt ihres Wohnortes sprechen, weil sie schon immer hier leben, Fremde, weil bei ihnen diese Hemmung, genauer hinzuschauen, nicht greift.

    * Für all jene, die sich vielleicht fragen, wie man denn bereits 1989 ins Internet gehen konnte: Etliche Mailboxen boten einen sog. Slipzugang an. Man mußte einiges an Windows 3.1 konfigurieren (Sockets) und konnte dann mit Lynx, einem Nur-Text-Browser (DOS), Seiten abrufen, anzeigen und im Internet navigieren.

  3. Interessant finde ich das fehlende „ist“ in der letzten Zeile.

    *grübel* soll ich das jetzt wirklich.. Ich bin manchmal etwas albern ;o) , aber was solls:

    Ja, es ist nicht mehr Happy Hour.
    Was ist mit Shut Hour?
    Jetzt ist aber echt mal Feierabend.
    Ob Owe, die Stimme des Zorns, die so trefflich die Sprache der Liebe spricht, dies mal vertonen könnte? ;o)

    Nur sone Idee von einem, der mit bürgerlichem Namen Hoffmann heißt.. ;o)

    Das „wir“ sollte eigentlich „Empathie“ sein. Also etwas, mit dem wir alle geboren werden. Also eher so eine Art Naturgesetz.
    Wer bringt einem Vogel bei, wie man ein Nest baut? Das steckt drin, schon im Ei.
    Wer bringt einem Menschen bei, daß er ein Individuum ist? Und das Nächstenliebe, also das „wir“ eine tolle Idee ist?
    Ursprünglich steckt das drin.
    Zombifizierende Bildungssysteme, und.. ach, ich schwafel zuviel..

  4. Ich habe auch ein Gedicht. Allerdings ein kritisches.

    Zur Zeit wird in den Mainstream-Medien verbreitet, Putin betreibe „den Zerfall Europas“; offenbar gibt es Weisung „von oben“, gegen den Präsidenten Russlands einen erneuten Propaganda-Feldzug zu starten.
    Hier einige Beispiele:
    „Putins Traum von einem russisch dominierten Europa“
    http://www.welt.de/debatte/kommentare/article151849545/Putins-Traum-von-einem-russisch-dominierten-Europa.html von Richard Herzinger, Welt online
    Zitat: „Russlands Staatschef Wladimir Putin sieht die Chance, den von ihm betriebenen Zerfall der EU erheblich zu beschleunigen….“

    Putin bedrohe den Zusammenhalt Europas… sagen verschiedene Leute im Rundfunk… und in der ZEIT online: http://www.zeit.de/2016/06/nord-stream-2-deutschland-russland-pipeline
    heißt es: „…Wladimir Putin treibt mit Lust und Ausdauer einen Keil nach dem anderen zwischen die streitenden Europäer…“
    Offenbar haben die Chefredakteure den Journalisten Weisungen erteilt.
    Diese Propaganda ist jedoch hochgefährlich und verlogen, aber sehr wirksam.
    Es empört mich.
    So kam mir der Gedanke, dieses Spott-Gedicht von mir über Chefredakteure an Sie zu senden; Ich möchte aber betonen, dass es NICHT das unabhängige KenFM Team betrifft, sondern eher die Chefredakteure der oben genannten, anderen Medien; es heißt:

    Der Chefredakteur

    Ich sitze auf der Mächtigen Schoß
    In Luxus und Komfort
    Und doch bin ich bloß
    Ein Sprachrohr
    Der Umerziehung. In Amerikas Magen
    Bin ich zur Hintertür reingekommen
    Drum darf ich nur sagen
    Was ich dort vernommen.
    Zigarre glüht, behaglich warm
    „Halt du sie dumm, ich halt sie arm.
    Das Volk ist ein schlafender Drache.
    Dass niemals es erwache.
    Da sorg Du dafür, wie bestellt
    Und schreibe, was uns gefällt.“

    Auf die Schulter klopft man mir
    Macht mir so manch Geschenk
    Wenn ich den Pöbel richtig führ
    Und sorg, dass er nicht denkt.
    Als Gesinnungspolizist
    soll ich Gedanken lenken
    und sagen, was verboten ist
    und was erlaubt zu denken.
    Ich tadle das Volk, die tumbe Mass
    Unterstelle ihm Angst und Hass,
    trieze hier und hetze da,
    jag Gruppen aufeinander.
    In Thinktanks wurd ich getestet,
    Mit Dollars werd ich gemästet
    Für Maulhurendienste
    Und Kriegs-Tätterättäät
    Ich bin der, der sein Volk verrät.

  5. Zur Orientierung

    „Nicht der Wunsch nach besseren gesellschaftlichen Bedingungen steckt hinter rebellischen Bewegungen, sondern das Bedürfnis, Strukturen festzuschreiben.

    Die sprunghaft angewachsene Bevölkerung flüchtete zum Teil in die aufstrebenden Handelszentren. So entstand ein städtisches Proletariat. Es ging ihnen nicht besser als den Bauern, doch zusätzlich »litten sie an einer Orientierungslosigkeit. Es gab hier keinen uralten Sittenkodex, auf den sie sich berufen konnten . . ., vor allem stand ihnen kein soziales Beziehungsgeflecht zur Seite, wie es die Bauern hatten . . . In diesen Bevölkerungsgruppen am Rande der Gesellschaft entstand eine ausgeprägte Neigung, sich einem Laien oder auch einem ehemaligen Klosterbruder oder Mönch als religiöser Führungsfigur zuzuwenden, welche sich nicht nur als heiliger Mann, sondern als Prophet und Retter der Seele oder gar als Verkörperung Gottes ausgab. Gestützt auf Eingebungen oder Offenbarungen, von denen er sagte, sie seien göttlichen Ursprungs, gab ein solcher Führer seinen Anhängern eine verbindende Missionsaufgabe. Die Überzeugung, im Besitz eines Missionsauftrages zu sein und die göttliche Berufung zu einer großen Aufgabe empfangen zu haben, gab den Desorientierten und Gescheiterten ein neues Lebensziel und neue Hoffnung.«

    Nicht der Wunsch nach besseren gesellschaftlichen Bedingungen steckt hinter solchen rebellischen Bewegungen, sondern das Bedürfnis nach festgeschriebenen Strukturen. Das gilt auch für andere ideologische Systeme. Diese Erkenntnis unterhöhlt die gängige Auffassung, die auf der Trennung von Ideologie und Persönlichkeit beruht. Das Tragische ist die Wiederholung in der Geschichte. Die Rolle der unzureichenden Identität und ihre Begleiterscheinung, der Hass, sind die Ursachen für den ständigen Amoklauf der Welt.

    Der unendliche Zyklus von Revolte und neuer Loyalität.

    Zum Beispiel fand der amerikanische Historiker John Bushnell heraus, dass in den Revolutionsjahren 1905 und 1906 die Einheiten der russischen Armee, die ständig meuterten, dieselben waren wie die, die sich an der Niederschlagung der Aufständischen maßgeblich beteiligten. Die Soldaten wechselten in rascher Folge ihr Verhalten und durchliefen innerhalb von zehn Monaten zweimal den kompletten Zyklus von Revolte und neuer Loyalität.“

    Quelle: Arno Gruen, Wider den Terrorismus

    Warum ich gerade diese Textstelle aus Gruens letztem Buch zitiere? Weil sie mir spontan eingefallen ist, als ich über den Satz »Sie alle suchen Orientierung« gestolpert bin. Diese spezielle Orientierung hin zum Leben, hin zu Wahrhaftigkeit und innerer Aufrichtigkeit ist nicht die Orientierung, die von verunsicherten, über zahlreiche Generationen hilflos dressierte, auseinanderdividierte und immer mehr vereinzelnde Bevölkerungsmassen angestrebt werden. Diese „Volksmassen“, von deren leichten Manipulierbarkeit ein menschenverachtender Gustave Le Bon in seinem Buch „Psychologie der Massen“ schreibt, suchen nach der heilbringend Autorität, die sie schon immer suchten, seit ihre Individuen bereits als kleine Kinder dazu gezwungen wurden, ihre Peiniger zu „lieben“. Nochmal Gruen:

    „Die neue Unterwerfung ist eigentlich die alte.

    Das Bedürfnis nach Strukturen ist kennzeichnend für Menschen, die kein eigenes Selbst haben. Autoritäre Strukturen verleihen ihnen das Gefühl einer Identität, und daher gibt ihnen, solange die Autorität autoritär bleibt, solch ein Gefüge persönliche Bedeutung und Sicherheit. Es ist das Auseinanderbrechen dieser Strukturen, das die angestaute Wut zum Ausbruch bringt. Die Rebellion, die dadurch ausgelöst wird, hat nicht Freiheit zum Ziel, sondern sie will sich neuen Autoritäten oder Strukturen ergeben. Diese erneute Unterwerfung, getrieben von der Angst vor Identitätsauflösung und innerem Hass, bedeutet Erlösung.

    Die neue Unterwerfung ist eigentlich die alte Unterwerfung, und sie ist umso willkommener, je mehr die neue Autorität der angestauten Wut und Gewalttätigkeit nicht nur freien Lauf lässt, sondern sie auch als heilig deklariert. Zum Führer wird der erkoren, der dies am besten fördert – und nicht der, dem es wirklich um die Freiheit geht. Die Gefahren, die jeder Reformbewegung drohen, könnten auf einen Nenner gebracht werden: Die Ketten der früheren Anpassung an das Schlechte, das man für gut hielt, weil seine Autorität einem ein Sicherheitsgefühl gab, können gesprengt werden. Aber für den Erfolg jeder Revolution, Reform und Erneuerung muss die menschliche Abspaltung vom seelischen Inneren berücksichtigt werden.

    »Denn ein nicht auf Autonomie gegründetes Selbst revoltiert nicht, weil sich seine Natur grundlegend gewandelt hat. Es ändert nur die Richtung seiner Gewalttätigkeit. Revolutionen mögen an den Formen der Knechtschaft etwas ändern oder nicht – an der Knechtschaft selbst ändert sich nichts, solange die Autoritätshörigkeit nicht überwunden wird. Dann wird weiterhin das Böse als das Gute verteidigt, und es findet keine wirkliche Befreiung des Selbst statt. Erst sie würde zurückführen zu den wahren Bedürfnissen nach Liebe und den Teufelskreis der Zerstörung durchbrechen.« (Arno Gruen 1986)“

    Ich will damit sagen, daß all die Mißstände, all die Verwerfungen, die wir seit vielen Jahren beobachten, die Kriegstreiberei der letzten Jahre, die Kriege der letzten Jahrzehnte, auch die beiden Weltkriege, die ja eigentlich nur einer waren, der kalte Krieg danach, die neoliberale „Globalisierung“, der Raubbau an der Natur und der Raub von Ressourcen anderer Völker und Nationen – all das und noch viel mehr (die Liste scheint unendlich) ist nicht Ursache, sondern Resultat dieser Entfremdung, die der heutige Mensch größtenteils vollkommen unbewußt von Generation zu Generation weiterträgt und vervollkommnet. Irgendwann in naher oder ferner Zukunft, so es dann noch Menschen gibt, wird dieser Prozeß unumkehrbar sein. Dadurch, daß unser Wirtschafts- und Gesellschaftssystem die Entfremdetsten bevorzugt und die Integrierten weitgehend unterdrückt, findet eine negative Auslese statt. Noch immer werden Babies mit dem Bedürfnis nach empathischer Zuwendung geboren, noch immer wollen sie wachsen und geliebt werden. Noch gibt es keine Soziopathen von Geburt an, noch wird alles Schlechte, das den heutigen Menschen ausmacht, ihm in Kindheit und Jugend antrainiert – indem man die Entwicklung seines autonomen, auf eigener Wahrnehmung und Beurteilung beruhenden Selbst verhindert. Dieser Vorgang scheint den allermeisten Menschen so selbstverständlich und harmlos, daß sie schon den kleinsten Hinweis darauf, sie würden bereits ihre Kleinkinder zur Abtrennung wichtiger Selbstanteile zwingen, empört ablehnen. Dabei haben die meisten Eltern absolut keine Ahnung von Individual- und Entwicklungspsychologie, sie wissen nicht, daß bestimmte Entwicklungsfenster, sind sie einmal geschlossen, nicht wiederkehren. Sie sind bestrebt, die Kinder so zu erziehen, daß sie so werden, wie sie selber in ihren eigenen Augen sind. Aber sie sind ja nicht mal das, was sie selbst von sich halten! Das hat Milgram in seinem Experiment nachgewiesen:

    „Wir baten um eine Vorhersage des Verhaltens anderer Menschen. (Speziell baten wir darum, die Streuung der Abbruchpunkte von hundert US-Amerikanern unterschiedlicher Altersgruppen und Berufe anzugeben.) Psychologen, Abiturienten und Dozenten der Verhaltensforschung, Studienanfänger und erwachsene Personen aus der Mittelschicht beantworteten die Frage, und es ergab sich eine bemerkenswerte Ähnlichkeit in den Vorhersagen der verschiedenen Gruppen. Sie sagten vorher, daß praktisch alle Versuchspersonen dem Versuchsleiter den Gehorsam verweigern würden; nur von einer pathologischen Randgruppe, die nicht mehr als ein oder zwei Prozent betragen würde, erwartete man, daß sie bis ans Ende der Schockskala gehen würde. Die Vorhersagen der Psychologen sind im Detail in Abb. 3 dargestellt. Sie sagten voraus, daß die meisten Versuchspersonen nicht über die 10. Schockstufe hinausgehen würden (150 Volt, der Punkt, an dem das Opfer zum erstenmal deutlich darum bittet, abbrechen
    zu dürfen); etwa 4 Prozent sollten die 20. Schockstufe erreichen, und ungefähr eine Versuchsperson unter tausend würde den höchsten Schock auf der Skala anwenden.

    Welche Annahmen liegen diesen Prognosen zugrunde? Zunächst die, daß die Menschen im großen und ganzen anständig sind und nicht so leicht Unschuldigen wehtun. Zweitens, daß die Ursache des Verhaltens eines Menschen vornehmlich in ihm selbst liege, es sei denn, er werde durch physische Gewalt oder Drohung unter Druck gesetzt. Ein Mensch handelt in einer bestimmten Weise, weil er sich dazu entschieden hat. Die Aktion findet in einem physisch-sozialen Rahmen statt, doch ist dieser nur die Bühne für das Geschehen. Das Verhalten selbst entspringt dem inneren Kern der Person; innerhalb dieses Kerns werden persönliche Werte abgewogen, Befriedigungen ermessen und die daraus sich ergebenden Entschlüsse in Aktion übertagen. Mit solchen Voraussetzungen beginnen die meisten, wenn man sie ersucht, über das Gehorsamsexperiment nachzudenken. Sie konzentrieren sich auf die Eigenschaft des Individuums als eines autonomen Wesens, nicht auf die Situation, in der es sich befindet. Mit diesen Ansichten fällt es ihnen leicht, die Erwartung zu äußern, daß nur wenige Versuchspersonen sich den Befehlen des Versuchsleiters fügen werden.“

    Das Ergebnis war aber ganz ganz anders:

    „35 Prozent der Versuchspersonen widersetzten sich dem Versuchsleiter bei der Fernraum-Anordnung, 37,5 Prozent bei der akustischen Rückkopplung, 60 Prozent im Raumnähe-Versuch und 70 Prozent bei der Berührungsnähe. Wie können wir uns diese abnehmende Gehorsamsbereitschaft bei größerer Nähe des Opfers erklären? Wahrscheinlich tragen mehrere Faktoren dazu bei.“

    http://www.irwish.de/Site/Texte2c.htm

    Die Schlußfolgerungen, die Milgram damals aus diesem Ergebnis zog, sind ebenfalls hochinteressant:

    „In der Fernraum-Anordnung und in geringerem Maß in der akustischen Rückkopplungs-Anordnung besitzt der Schmerz des Opfers für die Versuchsperson einen abstrakten, entfernten Charakter. … “

    Je weiter das schreiende „Opfer“ entfernt war, desto leichter fiel es den Versuchspersonen (VP), ihm auf Befehl Schmerzen zuzufügen. Hört die VP das Opfer schreien schreckt sie eher davor zurück, noch mehr Schmerzen zu verabreichen. Sieht die VP das Opfer, wie es sich unter Schmerzen windet, wird das Empathievermögen der VP weiter gesteigert. Bei direkter räumlicher Nähe können nur noch wenige sich dazu überwinden, Schmerzen zuzufügen. Die heutigen Bomberpiloten, die schon bald den ganzen Nahen Osten zerbombt haben, sehen dagegen gar nichts von dem Blut der Kinder, Frauen, Männer und Alten, das spritzt, wenn sie Bomben schmeißen. Der Sachbearbeiter beim Jobcenter, der einen kurz vor der Berentung stehenden Langzeitarbeitslosen noch zwingen will, monatlich 20 Bewerbungen zu schreiben, nimmt sein Opfer ebenfalls nur noch abstrakt wahr, anders könnte er den Job gar nicht durchhalten. Junge Anfänger werden unter Aufsicht dazu gedrillt. Langjährige Sachbearbeiter, die mit der Zeit Einfühlungsvermögen für ihr Klientel entwickelt haben, wurden rigoros entfernt. Gerichtsvollzieher versuchen auch den ALG-II-Empfänger zu pfänden, wenn sie von der GEZ ohne Umweg über das Amtsgericht (kein Mahnbescheid) den Auftrag dazu erhalten. Mir droht jetzt der Verlust meiner Wohnung, weil man versucht, die beim Vermieter (Genossenschaft) hinterlegten Anteile zu pfänden. Ein Bekannter, der bereits seine Rente beantragt und bewilligt, aber noch nicht überwiesen bekommen hat, erhält kein Geld mehr vom Jobcenter noch vom Sozialamt, obwohl entsprechende Anträge gestellt wurden. Andere werden bis auf Null sanktioniert (Boes) und müssen schauen, wie sie drei, sechs oder zwölf Monate ohne Essen und Miete überleben. Das ist quasi ein Todesurteil! Trotz Verbot der Mißhandlung von Kindern, wozu nicht nur Prügel und sexueller Mißbrauch zählen, sondern ebenso seelischer Mißbrauch (die meisten wissen wohl eher nicht, was sie darunter zu verstehen haben), werden in Deutschland jährlich um die 200.000 Kinder körperlich schwer mißhandelt (Michael Tsokos + Saskia Guddat: Deutschland misshandelt seine Kinder, ISBN-10: 3426786370, ISBN-13: 978-3426786376). Die Dunkelziffer der seelisch schwer mißbrauchten Kinder läßt sich kaum erahnen. Seelische Mißhandlung, wie sie von Arno Gruen verstanden wird, geht ja viel weiter als das, was die deutsche Justiz darunter versteht.

    Leider finden die Ansichten von Arno Gruen, Erich Fromm und vielen anderen Gesellschaftskritikern kaum Verbreitung. Das stellt man jedoch erst fest, wenn man sich nicht hauptsächlich in gut informierten Kreisen bewegt, wie ich das mein Leben lang tue. Ich kenne ehrlich gesagt gar keine gut informierten Kreise, ich kenne nur die ganz normalen (wohlgenormten, nicht immer Wohlgeformtesten, auch nicht die Wohlgesonnensten, aber dafür in der Regel mit dem ausgeprägtesten Wohlverahlten) Leute, die auch mal eine Maulschelle verpassen oder ihren Kindern die Nahrungsaufnahme verweigern. Wir mußten noch regelmäßig aus Lippen und Nasen bluten, wenn der Alte abends besoffen aus dem Gartenverein kam …

  6. Ich möchte SEHR GERN etwas hinzufügen. Es zählt das WIR ist nur die halbe Botschaft. Ich möchte gern eine Erweiterung anbieten. „Es zählt das Wir, weltweit, jede/r Einzelne. Es zählt der Friede und das Miteinander“

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