Aus den Schlagzeilen verschwunden!

Von Evelyn Hecht-Galinski.

Was konnte dem Netanjahu-Regime eigentlich besseres geschehen, als das Geschenk „IS“ und terroristische Anschläge weltweit?

Denn wie lassen sich der eigene Staatsterrorismus besser verschleiern, als durch den Fokus, der sich auf den sogenannten „Islamischen Staat“ richtet und zugleich den Islam pauschal als Wurzel allen Übels entdeckt hat?

Wie war das doch gleich, als Netanjahu mit Teilen seines Gruselkabinetts zu Regierungskonsultationen in Berlin weilte? Kein Wort der Kritik über die schändliche Besatzungspolitik, kein Wort über die Menschenrechtsverbrechen und Völkerrechtsvergehen, sondern nur Einigkeit im gemeinsamen Kampf gegen den Terror, der für sie natürlich nur „islamistisch“ ist. Der „Jüdische Staat“ konnte sich wie immer als westliches Bollwerk gegen den Terror darstellen und auf die volle Unterstützung der deutschen Regierung zählen.

Solange sich das Netanjahu-Regime immer wieder nur als bedrohtes, von Feinden umgebenes friedliches kleines Land darstellt, solange kann das zionistische Siedlersystem fortfahren in seiner landräuberischen Judaisierung Palästinas.

Nebenbei wird gemeldet, dass die UNO und ihr Generalsekretär Ban Ki Moon den neuerlichen Landraub im großen Stil durch das jüdische Netanjahu-Regime kritisiert hat, aber das war es dann auch wieder einmal, ohne dass dies zu Konsequenzen geführt hätte. Und so kann, ungehindert von der westlichen Wertegemeinschaft, der „Jüdische Staat“ in der ethnischen Säuberung Palästinas auf dem Weg zum Endziel „Groß-Israel“ (Eretz Israel) weiter voranschreiten.

Solange die USA und die EU treu bei der Stange bleiben und die USA, derzeit durch den Wahlkampf politisch quasi gelähmt, die jüdischen Besatzer gewähren lassen und alle US-Präsidentschaftskandidaten sich überbieten in ihrer Anbiederung an jüdische Lobbygruppen wie die AIPAC sowie konservative jüdische Wähler, und den „Jüdischen Staat“ beflissen umschmeicheln, solange wird sich gar nichts ändern. Auch wenn es tatsächlich immer mehr jüngere, progressive US-Juden gibt, die sich mit Abscheu abwenden von dieser Politik eines „Jüdischen Staates“, mit dem sie nichts verbindet.

Solange aber die Mehrheit der jüdischen Funktionäre und der jüdischen Bevölkerung ernsthaft meinen, nur durch die uneingeschränkte Unterstützung des „Jüdischen Staates“ eine Lebensversicherung zu haben, solange wird sich nichts ändern an dieser schrecklichen jüdischen Besatzerideologie. Ein Umdenken wäre dringend geboten, denn nichts sichert das Überleben Israels mehr, als eine Demokratie in Palästina/Israel für alle seine Bürger und Ethnien. Allerdings ist mit diesem „Jüdischen Staat“ kein Staat zu machen. Jüdisch und demokratisch schließen sich nun einmal aus, und Frieden mit den Palästinensern oder gar ein Ende der illegalen Besatzung Palästinas steht und stand niemals auf der Agenda des Jüdischen Staates.

In einem zionistischen Regime, in dem Militarismus und Zivilmilitarismus das zionistische Dogma sind, in einem Land, in dem der Mythos der eigenen Leidensgeschichte als ewiger Sicherheitsanspruch instrumentalisiert wird, und in dem immer wieder suggeriert wird, dass nur Juden die edlen Menschen sind, während Nichtjuden, und schlimmer noch Muslime, immer nur als Feinde zu betrachten sind, wird es niemals freiwillig zu einem demokratischen Wandel kommen.

Immer wieder wird propagandistisch behauptet, dass der „Jüdische Staat“ keinen Friedenspartner findet, während er mit der „ausgestreckten Hand“ sofort in Friedensverhandlungen ohne Vorbedingungen eintreten würde. Das Gegenteil ist der Fall, denn tatsächlich steht für das religiös-zionistische Regime ein Palästinenserstaat nie zur Debatte, denn es gibt nur „Eretz-Israel“. Bitter ist, dass es inzwischen keine Opposition mehr im „Jüdischen Staat“ gibt, und sich alle jüdischen Parteien nur in eine rassistische Richtung bewegen.

Schließlich bestätigen ja auch die Wahlen diese verhängnisvolle Politik der jüdischen Alleinherrschaft, die Politiker von Netanjahu bis Minister Naftali Bennett, dem „Siedlerkönig“, ebenso Beitenu Lieberman und der sogenannte Oppositionsführer Herzog bestimmen, dessen Partei sich nicht umsonst weg vom Begriff Arbeitspartei in zionistisches Lager umbenannte. Auch Herzog plädiert für ein Jerusalem, das geteilt von einer neuen jüdischen Mauer die 200.000 palästinensischen Bewohner vom illegal annektierten Ost-Jerusalem abtrennen soll. (1)

Der Zionismus bediente sich schon früh primitivster propagandistischer Formeln, um gar keinen Zweifel darüber aufkommen zu lassen, dass es kein palästinensisches Volk gäbe. So konnte man mit der Leugnung des Begriffes des palästinensischen Volkes suggerieren, dass man in ein Land ohne Volk kam, für ein Volk ohne Land. Denn schließlich war es der zionistischen Bewegung ja nur durch diese Existenzleugnung möglich, ein „leeres Land“, dem „jüdischen Volk“ „von Gott versprochen“, in Besitz zu nehmen und zum „blühen“ zu bringen.

So hatte man zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen, die Existenz des palästinensischen Volkes geleugnet und vernichtet, dafür aber den Begriff des „jüdischen Volkes“, einer Religionsgemeinschaft, gezielt zu instrumentalisieren, um die Vorarbeit für den „Jüdischen Besatzerstaat“ zu leisten.

Was aus dieser Idee geworden ist, sieht man als traurige zionistische Wirklichkeit im heutigen „Jüdischen Staat“. Blühende Siedlungen auf besetztem Land, während die Palästinenser im eigenen Land in Unterdrückung, Demütigung und Unfreiheit von Besatzer Gnaden ihr Leben fristen müssen.

Nach dem Sieg über die „Araber“ konnten sich die Zionisten 1948 breit machen in „Eretz Israel“, nachdem sie mehr als 75% von Palästina erobert hatten, international anerkannt, bis heute ständig erweiternd, in einem zionistischen Land ohne anerkannte Grenzen, das einmalig in der Welt, Landraub und Besatzung beinahe ungestört fortführen kann.

Tatsächlich waren mehr als 750.000 Palästinenser vertrieben worden, wie es Ilan Pappe eindringlich in seinem wieder neu aufgelegten so wichtigen Standardwerk „Die ethnische Säuberung Palästinas“(2) beschreibt. Die damals übrig gebliebenen etwa 160.000 Palästinenser die im „jüdischen Staat“ eingebürgert wurden, werden bis heute nicht als Palästinenser, sondern immer nur als „arabische Minderheit“ tituliert. Aus dieser Minderheit wurden bis heute etwa 20% der palästinensischen Bevölkerung in Israel.

Also ist jeder fünfte Israeli palästinensischer Herkunft. Ihr Leben als „arabische“ Minderheit ist erschreckend und armselig. Diskriminiert werden sie in der „jüdischen Ethnokratie“, dem jüdischen Apartheidstaat.

Wenn es jetzt mehr Geld für „gute Araber“ geben soll, so ist das eine Chuzpe sondergleichen, ein Almosen der jüdischen Herrscher, der „guten Juden“, an eine gedemütigte Minderheit, aber als i-Tüpfelchen nur für die „guten Araber“, wenn sie sich zum „jüdisch-demokratischen Staat Israel“ bekennen. (3)

Was für ein Ansinnen, sich zu einer undemokratischen Ethnokratie bekennen zu müssen und damit noch die ihnen versagte Gleichstellung zu besiegeln!

Nur wenn endlich die Ursachen der mehr als verständlichen Gewaltausbrüche der vorwiegend palästinensischen Jugendlichen auf den Tisch kommen, nämlich die Besatzung als Wurzel allen Übels, die Demütigungen, die tagtägliche Gewalt, die unsägliche Administrativhaft ohne Anklage, die auch vor der Inhaftierung von palästinensischen Kindern nicht zurückschreckt, die brutalen Foltermethoden der „jüdischen Besatzer“, die Abrieglung, Blockaden, die rassistische Apartheidpolitik, die illegalen Häuserzerstörungen, die Kollektivbestrafung und die unbeschreiblichen Zustände insgesamt im illegal besetzten Palästina, kann es einen Ansatz für ein freies Palästina geben.

Doch solange die jüdischen Besatzer aus den Schlagzeilen verschwunden sind, solange wird der Aufschrei eines frustrierten und hoffnungslosen besetzten palästinensischen Volkes zu Recht weitergehen.

Widerstand wird zur Pflicht, wo Besatzung zu Recht wird!

Deshalb ist unsere Unterstützung von BDS, der gewaltfreien Bewegung aus der palästinensischen Zivilgesellschaft, so wichtig, solange, bis die illegale Besatzung Palästinas beendet ist. (4)

Für ein freies Palästina from the River to the Sea….

Frohe Ostern!

Quellen:

(1) https://www.washingtonpost.com/world/middle_east/an-israeli-leader-wants-to-put-jerusalems-arabs-on-the-other-side-of-a-new-wall/2016/03/07/32bd089e-e16e-11e5-8c00-8aa03741dced_story.html

(2) http://haffmans-tolkemitt.de/autoren/ilan-pappe/

(3) http://www.taz.de/!5283287/

(4) http://bds-kampagne.de/aufruf/aufruf-der-palstinensischen-zivilgesellschaft/

Dieser Text erschien bei Sicht vom Hochblauen. 

Link zum Text: http://sicht-vom-hochblauen.de/aus-den-schlagzeilen-verschwunden/

 

Danke an die Autorin für das Recht der Zweitverwertung.

KenFM bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Meinungsartikel und Gastbeiträge müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

5 Kommentare zu: “Aus den Schlagzeilen verschwunden!

  1. Blühende Siedlungen auf besetztem Land……… Da braucht es nichtmal einen hochfunktionalen Autismus für die Mustererkennung.

    Bekomme grad richtig Hunger. Könnte einen ganzen Pfälzer Saumagen verdrücken…..

    Es gibt wirklich nichts zu relativieren oder umzudeuten bei dem Artikel. Der ist noch milde geschrieben. Es fehlen leider die Rückblenden zum Balfour-Abkommen von 1916.

    Feiert man das eigentlich gerade in Israel? Schliesslich nagelt im Kinderfernsehen ein Bikini-Mädchen auch eine Affenpuppe ans Kreuz. Jeder soll sich erfreuen an was er will. Wir leben ja in einer toleranten Welt.

    Ich schreibe sehr selten hier. Das war so nicht geplant. Etwas aktiver wollte ich eigentlich schon sein sein. Es ist mir bisweilen vergangen. Der Grundgedanke, hier das gesamte Meinungsspektrum abzubilden, ist löblich. Leider erfüllt zu vieles hier auch nur den Zweck, den „Mythos der eigenen Leidensgeschichte“(Textzitat) am Leben zu halten.

    Die Anstrengungen hierzu werden täglich grösser, aber auch unkoordinierter und stümperhafter. Das ist Hinweis genug auf die aktuelle Verfassung des „auserwählten Volkes“.
    Wer nicht dazugehört, wird wörtlich als Vieh bezeichnet und entsprechend behandelt. Das geht durchaus bis zur Schlachtung.

  2. Wer seine Identität darin sieht, Angehöriger des auserwählten Volkes zu sein, das gehasst und verfolgt wird, und dem die Vernichtung droht, der sucht und braucht so einen Zustand, wie er in Israel herrscht.

    Israel hätte vor 50 Jahren sämtliche Palästinenser aus dem eroberten Gebiet vertreiben können. Ein paar Jahrzehnte später hätte das keinen mehr gestört. So etwas ist schon mehrmals passiert, und immer ähnlich gelaufen.
    Dass ein Staat einen Teil der Menschen, über die er herrscht, systematisch quält, aber nicht deren Vernichtung oder Vertreibung, sondern deren Feindschaft zum Ziel hat, ist einzigartig.

  3. „Darin liegt die Schwäche, die latente Unglaubwürdigkeit der israelischen Friedensbewegung: Die wenigsten ihrer überwiegend jugendlichen Anhänger haben je ein persönliches Gespräch mit einem Palästinenser geführt. Die Älteren hatten wohl hier und da irgendwelchen arabischen Tagelöhnern Weisungen erteilt. Ein so enges, fast freundschaftlichen Verhältnis, wie es der im Kibbutz geborene Moshe Dayan zu den Söhnen Ismaels pflegte – möglicherweise in Unterschätzung der unüberwindlichen Gegensätze, – konnte kaum ein anderer Israeli aufweisen, ganz bestimmt nicht jene liberalen Intellektuellen, die sich auf arabischer Seite nur mit ihresgleichen unterhielten und nichts ahnten von den Nöten und Demütigungen der kleinen Leute in Gaza und auf dem West-Jordan-Ufer.“

    Quelle: Peter Scholl-Latour, Lügen im Heiligen Land – Machtproben zwischen Euphrat und Nil, München 2000.

  4. PS: Wie sieht denn die Diskriminierung arabischer Israelis konkret aus? Meines Wissens haben die sogar explizite Parteien im Knesset – und müssen keinen Wehrdienst leisten. Da ich die Wehrpflicht klar ablehne, kommt mir fast in den Sinn, dass Israel die Juden diskriminiert (so lächerlich es sich im ersten Moment anhört) und diese dann möglicherweise teilweise ‚inoffiziell‘ die Araber diskriminieren, die ja nicht mal Wehrdienst leisten. Lösung dafür wäre, die Wehrpflicht in Israel ganz abzuschaffen und auf eine Berufsarmee umzustellen.

  5. @Frau Hecht-Galinski
    Meines Wissens ist es Gesetz des israelischen Staates, dass Palästinenser die israelische Staatsbürgerschaft bekommen können, wenn sie auf israelischem Territorium leben.
    Wenn Israel also die Palästinensergebiete beansprucht (und das tut die israelische Regierung ja), dann kann das Problem dadurch gelöst werden, dass alle Palästinenser israelische Staatsbürger werden.
    Das steht auf dem Papier meines Wissens (oder täusche ich mich da etwa?), wird aber für die Einwohner in Gaza nicht umgesetzt, da es real für sie kaum möglich ist, diesen Prozess durchzuführen. Dennoch hielte ich das – die Einstaatenlösung (von mir aus kann ja Israel dann in Israel-Palästina umbenannt werden) – für die klar beste Lösung.
    Die Blockierer dieser Lösung sind vor allem (neben israelischen Kriegstreibern und Extremisten, das leugne ich ja nicht) die Palästinenserorganisationen, die ja mit diese Lösung ihre Macht vollständig verlieren würden. Gewinner wären meines Erachtens die allermeisten Palästinenser und die vielen jüdischen und arabischen Israelis, die eine Normalisierung der Verhältnisse wünschen.

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