Chemiewaffen, die 2. (Teil 3)

Wie man die Kriegslügen allgemein und selbst erkennt

von Jochen Mitschka.

Im ersten Teil der Artikelserie auf Basis eines Essays habe ich über die Beweggründe gesprochen, die dazu führten, dass Tim Anderson und ich versuchten, dem normalen Medienkonsumenten das Handwerkszeug zu vermitteln, damit er selbst vergangene und zukünftige Kriegslügen des Establishments erkennen und bewerten kann. In Teil zwei begann ich mit der Besprechung der am häufigsten genannten „Chemiewaffen“-Einsätze der Regierung Syriens. In dem vorliegenden dritten Teil nun komme ich zum Fall Douma.

Douma

Der vierte und ebenfalls umfangreich medial beachtete Fall war ein angeblicher Chemiewaffenangriff, von dem behauptet wurde, dass er genau in dem Augenblick stattgefunden hätte, als sich die syrische Armee daran machte, den letzten Rest der Stadt Douma von al-Kaida und verbündeten Dschihadisten zu befreien. Es war der angebliche Angriff vom 7. April 2018 auf das Krankenhaus von Douma.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte die syrische Armee mit der Hilfe Russlands und des Irans die Dschihadisten langsam aber sicher aus allen urbanen Zentren vertrieben und das mit wesentlich weniger Totalbombardierungen wie die USA in Rakka vorgemacht hatte. Wieder einmal fehlte jede rationale Begründung für den Einsatz von Chemiewaffen in dieser Situation. Und doch wurde der Einsatz von der „Armee des Islam“ und der verbotenen al Nusra und deren westlichen Sponsoren behauptet.

Und wieder einmal verbreiteten die White Helmets und ihre Partner Videos, die zeigten, wie Menschen in die Rezeption des Krankenhauses eilten und wie Kindern die Augen mit Wasser ausgewaschen wurden. Das Weiße Haus und die mit ihm verbundenen Medien (darunter die BBC, CNN, Bellingcat und die in den USA ansässige „Syrisch-Amerikanische Medizinische Gesellschaft“) verbreiteten die von den Terrorgruppen erstellten Nachrichten.

Der Medienarm der „Armee des Islam“, das „Ghouta Media Centre“ verbreitete die Geschichte, dass „Hunderte“ getötet und verwundet worden wären, und zwar durch eine „Fassbombe mit Sarin“.(1) Und die gesamten Qualitätsmedien, auch in Deutschland, zögerten nicht, die Meldung zu verbreiten.

Eine Stellungnahme des Weißen Hauses bestätigt ernsthaft: „Die Vereinigten Staaten stellen mit Überzeugung fest, dass das syrische Regime am 7. April 2018 Chemiewaffen in den östlichen Vororten von Damaskus eingesetzt hat, dabei dutzende von Männern, Frauen und Kindern tötete. (…) Informationen deuten darauf hin, dass das Regime Chlorgas in seiner Bombardierung von Duma verwandte, während einige zusätzliche Informationen darauf hinweisen, dass das Regime auch das Nervengift Sarin einsetzte.“ (2)

Die meisten westlichen Medien verbreiteten genau das. Später wurde die Geschichte verändert in eine „Chlorgas-Bombe“, nachdem das Foto eines nicht explodierten Behälters in einem Gebäude verbreitet worden war.

(3)

Nachdem die syrische Armee die Kontrolle über Douma übernommen hatte, sollte eines der Kinder, das in dem Video als Opfer gezeigt worden war, die Geschichte dementieren. Es sagte, dass es in Wirklichkeit in die unerwartete Filmrolle gedrängt worden war, aber mit keinerlei toxischen Chemikalien in Berührung gekommen wäre. Da seine Aussage denen der Dschihadisten widersprach, stellten westliche Medien fest, dass es ein „ahnungsloses Opfer“ wäre.(4)

Jedoch, so wie dieses „Opfer“ wider Willen, so erklärten mindestens zwölf Angestellte des Krankenhauses den Medien in Damaskus, dass kein Chemieangriff stattgefunden hätte. Mehrere dieser Ärzte wurden nach Den Haag geflogen, um ihre Aussage zu wiederholen. Diese Ärzte und Schwestern sagten in unterschiedlicher Weise aus, dass es eine gefilmte, in die Länge gezogene Aufregung an der Rezeption gegeben hätte, dass es aber keinen Luftangriff auf das Krankenhaus gegeben hätte, dass es keine Opfer gab und keine chemischen Waffen.(5) Fast alle westlichen Medien ignorierten die Aussagen oder verwarfen sie als russische Propaganda.

Der britische Guardian nannte es eine „obszöne Maskerade“ organisiert durch Russland. Andere westliche Medien behaupteten, dass diese Zeugen möglicherweise unter Druck der syrischen Regierung ausgesagt hätten.(6)

Bei einem solchen medialen Erfolg sollte es nicht überraschen, wenn weitere Verbrechen begangen werden, um die syrische Regierung zu belasten.(7) Und sehr vermutlich war die Unterbrechung der Befreiung von Idlib durch eine Vereinbarung zwischen der Türkei, Russland, Syrien und dem Iran der Auslöser, dass der nächste „Chemiewaffenzwischenfall“ zunächst vertagt wurde.

Zurück zu der aufgeworfenen Kontroverse. Wir sollten nicht vergessen, dass die Mitarbeiter des Krankenhauses nicht hätten überleben können, wären sie Sympathisanten der Regierung gewesen. Es ist sehr wohl bekannt, dass sowohl religiöse Minderheiten, als auch Unterstützer der Regierung durch die „Armee des Islam“ und Jabhat al Nusra ermordet wurden. Aus diesem Grund kann man davon ausgehen, dass das medizinische Personal weitgehend neutral eingestellt war.

Nun gut, nicht viel später, nachdem das Gebiet befreit worden war, stießen die Fachleute der OPCW in das Gebiet vor und machten ihren Bericht. Zunächst fanden sie keinerlei Spuren von irgendeinem Nervengift: “no organophorphorous nerve agents or their degradation products were detected.” (Keine phosphororganischen Nervengifte konnten festgestellt werden.) (8)

Damit waren die Behauptungen des „Ghouta Media Centre“ und der White Helmets widerlegt. Was war aber mit der als Backup genutzten Chlorgas-Geschichte? Das UNO-Thema fand „verschiedene organische Chlorverbindungen (…) an zwei Stellen“. Jedoch „kann das FFM nicht ausreichend zuverlässig bestimmen, ob die spezifischen Chemikalien als Waffe genutzt worden waren oder nicht“.(9)

Diese Stelle des Berichtes wurde dann von Medien genutzt, um zu behaupten, dass die UNO Chlorgasspuren gefunden hätte, die in Waffen eingesetzt worden wären. Einige kritische Medien wiesen jedoch darauf hin, dass „organische Chlorverbindungen“ in den meisten Haushalten zu finden sind, insbesondere in Reinigungsmitteln von Krankenhäusern. Obwohl das UNO-Team in New York unter großen Druck geriet, widersprach sie dem offiziellen Douma-Narrativ der Gegner Syriens.

Die BBC jedoch, indem sie den OPCW Bericht weiterspann, titelte: „Douma Angriff war Chlorgas – Überwachungsbehörde“.(10) Die so dargestellte Geschichte war eine komplette Fehlinterpretation des OPCW-Berichtes, wurde aber erst korrigiert, nachdem es von mehreren Seiten kopiert und verbreitet worden war.

Um fünf Jahre von infamer Propaganda wegen Chemiewaffen zusammen zu fassen, sollten wir berechtigt sein, nicht nur die Beweise von Unabhängigen sondern auch die „Aussagen gegen eigenes Interesse“ zu berücksichtigen. Letztere beinhalten auch Aussagen von militärischen Führern der USA und Großbritanniens. Der US-Verteidigungsminister James Mattis zum Beispiel sagte vor und nach dem Douma-Vorfall, dass er „keine Beweise“ hätte, dass die offiziellen syrischen Kräfte Sarin genutzt hatten, sondern dass er sich auf Veröffentlichungen in den sozialen Medien berief. Mit anderen Worten, weil es im Internet stand, musste es stimmen, dass Syrien Sarin benutzt hatte.

Am 3. Februar 2019 wurde berichtet, dass Mattis erklärt hatte: „Wir haben weitere Berichte vom Schlachtfeld, von Menschen, die behaupten, dass es genutzt wurde. Wir haben dazu keine Beweise. Wir suchen nach Beweisen dafür“. (11)

Im April, nur einen Tag nach dem behaupteten Douma-Vorfall, erklärte er im US-Kongress: „Wir sind nicht dort vor Ort engagiert, deshalb kann ich ihnen nicht bestätigen, dass wir Beweise haben, obwohl es natürlich eine Menge Indikatoren in den Sozialen Medien gibt, dass entweder Chlorgas oder Sarin eingesetzt wurde“. (12)

Zwei ehemalige britische Militärführer drückten hinsichtlich der Douma-Vorwürfe ihre Ungläubigkeit aus, obwohl diese Behauptungen durch ihre eigene Regierung ausdrücklich unterstützt wurde. Diese Tatsachen machen sie sowohl unabhängig als auch qualifiziert. Der ehemalige SAS-Kommandeur, General Jonathan Shaw fragte:

„Warum sollte Assad dieses Mal Chemiewaffen einsetzen? Er hat den Krieg gewonnen. Das ist nicht nur meine Meinung, sondern ich teile sie mit hochgestellten Militärs der USA. Es gibt keinen Grund für eine Mittäterschaft von Assad. Er ist überzeugt, dass die Rebellen die besetzten Gebiete in Bussen verlassen müssen. Er eroberte ihr Territorium. Warum also sollte er sie vergasen wollen?“ (13)

Eine ähnliche Meinung drückte Lord Alan West aus, ein früherer, hochrangiger britischer Sicherheitsberater und ehemaliger Chef der britischen Marine:

„Gerade bevor er [Präsident Assad] sich daran macht, es [das Douma-Gebiet] zu übernehmen, entscheidet er sich offensichtlich, noch schnell einen Chemieangriff durchzuführen. Das klingt einfach unwahr, es erscheint ungewöhnlich, denn er sollte wissen, dass es sehr wahrscheinlich zu einer Antwort der Alliierten führen wird (…) was für einen Nutzen gibt es da für sein Militär? Die meisten der Kämpfer der Rebellen, diese verzweifelte Gruppe von Islamisten, haben sich bereits zurückgezogen. Es gibt da noch ein paar Frauen und Kinder in der Gegend. Welchen Nutzen gibt es, zu tun, was er tat [sic]? Ich finde das unglaublich. Während wir wissen, dass in der Vergangenheit islamistische Gruppen Chemie benutzt hatten, und natürlich für sie ein riesiger Nutzen entstehen würde, wenn sie die Angriffe als von Assad kommend darstellen könnten. Denn sie würden berechtigterweise damit rechnen, dass es darauf eine Antwort von den USA geben würde. So wie beim letzten Mal, und möglicherweise auch eine Antwort von Großbritannien und Frankreich. (…) Die Berichte, die von dort kamen, stammten von den White Helmets, welche, lassen Sie uns den Tatsachen ins Auge blicken, nicht neutral sind. Sie wissen, dass sie sehr stark auf der Seite der verzweifelten Kräfte stehen, die Assad bekämpfen“. (14)

Dies sind zwei echte und unabhängige Einschätzungen von zwei Militärexperten. Tim Anderson argumentiert, dass der Grundsatz der “ähnlichen Sachverhalte“ (similar fact) im Strafrecht, den Beobachter in die Lage versetzt, ihre Begründungen zu Douma auf die früheren Behauptungen anzuwenden, die die gleichen bewaffneten Gruppen im gleichen Gebiet im August 2013 verbreitet hatten. Das heißt, es gibt ein Verhaltensmuster der bewaffneten Gruppen, wiederholte, gefälschte Behauptungen zu verwenden, um größere militärische Unterstützung zu erhalten. Das Muster dieser „Ähnlichen Sachverhalte“ vergrößert das Vertrauen darin, dass die „Beweise“ tatsächlich von ihnen gefälscht worden waren.

Tim Anderson erklärt, dass wenn man das Gezeter der streitenden Parteien entfernt, ebenso wie das ihrer Medien und ihrer bezahlter Propagandisten, dass dann die unabhängigen Beweise eindeutig in eine Richtung zeigen: Jeder einzelne Vorfall, jede Behauptung der Nutzung von chemischen Waffen, die angeblich durch die syrische Armee eingesetzt worden sein sollten, war eine Täuschung.

„Wie Lord Alan West sagte, wollten die mit al-Kaida verbundenen Gruppen größere westliche Unterstützung erzeugen. Westliche Regierungen und ihre Medien sprangen auf den Zug der erweiterten Massenvernichtungswaffenlüge auf. Die westlichen Zuschauer wurden ein zweites Mal innerhalb eines Jahrzehntes mit der Geschichte von Massenvernichtungswaffen an der Nase herumgeführt. Und die meisten hatten den Köder geschluckt.“ (15)

Vorschau

Im vierten Teil der Artikelserie werde ich auf einen langen Artikel der BBC hinweisen und zeigen, wie der Leser erkennen kann, was dahintersteckt.

Quellen und Anmerkungen:

(1) Embury-Denis, Tom (2018) Trump warns of ‚big price to pay‘ as he blames Assad, Putin and Iran for alleged Syria chemical weapons attack, 9. April, The Independent, online: https://www.independent.co.uk/news/world/americas/us-politics/donald-trump-syria-civil-war-chemical-weapons-attack-putin-assad-iran-russia-civilians-killed-douma-a8294806.html Seite zuletzt aufgerufen am 23.01.2019.

(2) White House (2018) United States Government Assessment of the Assad Regime’s Chemical Weapons Use, 13. April, online: https://www.whitehouse.gov/briefings-statements/united-states-government-assessment-assad-regimes-chemical-weapons-use/ Seite zuletzt aufgerufen am 24.01.2019.

(3) Quelle des Fotos: Screenshot aus der Internetseite Orbis, 11. April, online: https://orbisnjus.com/2018/04/11/videos-das-chemiewaffen-theater-der-white-helmets-sehr-amuesant/ Seite zuletzt aufgerufen am 25.01.2019.

(4) Barker, Anne (2018) Syrian war: The boy at the centre of conflicting tales about alleged Douma chemical attack, ABC News, 29. April, online: https://www.abc.net.au/news/2018-04-28/hassan-becomes-face-of-information-war-surrounding-syria-douma/9705538 Seite zuletzt aufgerufen am 24.02.2019.

(5) RT (2018b) No attack, no victims, no chem weapons: Douma witnesses speak at OPCW briefing, 26. April, YouTu-be: https://www.youtube.com/watch?v=kSZrMfdgw64 Seite zuletzt aufgerufen am 24.01.2019.

(6) Wintour, Patrick (2018) ‘Obscene masquerade’: Russia criticised over Douma chemical attack denial, The Guardian, 27. April, online: https://www.theguardian.com/world/2018/apr/26/obscene-masquerade-russia-criticised-over-douma-chemical-attack-denial Seite zuletzt aufgerufen am 24.01.2019.

(7) Webb, Whitney (2018) ‘White Helmets Currently Staging “False Flag” Chemical Attack in Idlib’, MintPress News, 11. September, online: https://www.mintpressnews.com/white-helmets-chemical-attack-idlib/249121/

(8) OPCW (2018) OPCW issues fact finding mission reports on chemical weapons use allegations in Douma, Syria in 2018 and in al-Hamadaniya and Karm al-Tarrab in 2016, 6. Juli, online: https://www.opcw.org/media-centre/news/2018/07/opcw-issues-fact-finding-mission-reports-chemical-weapons-use-allegations Seite zuletzt aufgerufen am 24.01.2019.

(9) Ebd.

(10) Im Original ist der BBC-Artikel mit dieser Überschrift nicht mehr auf der Seite der BBC zu finden. Jedoch gibt es Kopien davon: http://www.myvuenews.com/syria-war-douma-attack-was-chlorine-gas-watchdog/ Die BBC änderte später die Überschrift in: https://www.bbc.com/news/world-middle-east-44746147 Beide Seiten zuletzt aufgerufen am 24.01.2019.

(11) Burns, Robert (2018) US has no evidence of Syrian use of sarin gas, Mattis says, Associated Press, 3. Februar, online: https://apnews.com/bd533182b7f244a4b771c73a0b601ec5 Seite zuletzt aufgerufen am 24.01.2019.

(12) RT (2018a) Mattis: No evidence on Syria chemical attack, but I believe there was one, 12. April, Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=vWlXTBaN1Sc Seite zuletzt aufgerufen am 24.01.2019.

(13) Basu, Joy (2018) ‚He’s WON the WAR‘ – British general claims Assad DIDN’T use chemical weapons, The Daily Star, 15 April, online: https://www.dailystar.co.uk/news/latest-news/696049/syria-war-assad-theresa-may-world-war-three-douma-missile-attack Seite zuletzt aufgerufen am 24.01.2019.

(14) NewsVoice (2018) Admiral Lord West Casts Doubt on Syria Attack Intelligence – BBC News, 18. April, YouTube: https://www.youtube.com/watch?v=_6sJKKspTEc Seite zuletzt aufgerufen am 24.01.2019.

(15) E-Mail an den Autor.

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