Chemiewaffen, die 2. (Teil 4)

Wie man die Kriegslügen allgemein und selbst erkennt

von Jochen Mitschka.

Im ersten Teil der Artikelserie auf Basis eines Essays habe ich über die Beweggründe gesprochen, die dazu führten, dass Tim Anderson und ich versuchten, dem normalen Medienkonsumenten das Handwerkszeug zu vermitteln, damit er selbst vergangene und zukünftige Kriegslügen des Establishments erkennen und bewerten kann. In Teil zwei begann ich mit der Besprechung der am häufigsten genannten „Chemiewaffen“-Einsätze der Regierung Syriens. Im dritten Teil kam ich zum Fall Douma. Im vierten Teil der Artikelserie nun ein BBC-Bericht und seine Erklärung.

Die BBC-Zusammenfassung

Tim Anderson ist der Meinung, dass es nicht notwendig ist, jeden einzelnen behaupteten Fall des Einsatzes von Chemiewaffen durch die Regierungskräfte zu besprechen, wenn man einmal die Grundsätze festgelegt hat und sich daraus jeder selbst die Meinung bilden kann. Ich will dennoch noch auf eine BBC-Zusammenfassung von dramatisch erscheinenden Chemiewaffeneinsätzen eingehen.

Am 15. Oktober 2018 erschien in der BBC ein zusammenfassender Bericht mit dem suggestiven Titel „Wie Chemiewaffen halfen, Assad zum Sieg zu bringen“. Bevor wir in die Details einsteigen, muss dem Leser bewusst werden, dass die BBC neben dem Guardian die heftigsten Vertreter eines Regime-Change in Syrien waren und sind. Und dass in mindestens einem Fall nachgewiesen wurde, dass die BBC nicht nur von Terroristen gedrehtes Bildmaterial als Beweis für Angaben der „Rebellen“ verwandte, sondern sogar selbst in Fälschungen einer Dokumentation verwickelt war.(1)

Und so gilt es den scheinbar hochwissenschaftlichen und seriösen Bericht der BBC (2), der aber doch mit einer so plakativen Überschrift für sich wirbt, mit Vorsicht zu genießen.

Die Organisation „Friends of Syria – die Wahrheit enthüllen“ veröffentlichte eine Antwort von Tony Cartalucci, einem unabhängigen Analytiker mit Sitz in Bangkok, auf die Behauptungen der BBC. Er beginnt damit zu hinterfragen, wo denn in dem ganzen Artikel die Behauptung erklärt werde, dass Präsident Bashar al Assad den Krieg wegen Chemiewaffen gewonnen hätte.

Jedoch, nicht ein einziges Mal liefert die BBC eine Erklärung, warum oder wie die Chemiewaffen Damaskus näher an den Sieg gebracht hätten. Selbst wenn man die Aussage als bare Münze nehmen würde, wird die Prämisse des Artikels in jedem Absatz durch die Statistiken und die beschriebenen Ereignisse selbst in Frage gestellt.“ (3)

Der Autor erklärt, dass die Chemievorfälle „ein Tropfen Wasser im Ozean“ wären und fährt dann mit einem Zitat aus dem BBC-Artikel fort. Darin wird behauptet, dass in sieben Jahren Bürgerkrieg mehr als 350.000 Menschen gestorben wären, und dass der Präsident Assad nun vor einem Sieg über jene Kräfte stünde, die versucht hatten ihn zu stürzen.

Cartalucci weist darauf hin, dass weiter unten im Artikel unter der Überschrift „Geschätzte Opferzahlen in den 106 Angriffen, nach Orten von 2014-18“, die BBC zugibt, dass überhaupt nur 55 der 106 angeblichen Angriffe durch die Regierung ausgeführt worden sein sollten, und das noch nicht mal ein einziges Opfer der angeblichen Angriffe einwandfrei bewiesen wurde. Er zitiert aus dem Artikel: „Es war nicht möglich zu verifizieren, dass die gemeldeten Opfer das Resultat des Kontaktes mit Chemikalien waren.“ (4)

Außerdem, so stellt er fest, hätte die BBC selbst zugegeben, dass es keinen Beweis dafür gab, dass der größte Teil der Zivilisten durch konventionelle Waffen getötet worden wäre.

Und so sieht man auch an diesem Beispiel wieder, wie „Qualitätsmedien“ mit der Überschrift einen Eindruck erwecken, den dann unvorsichtige Leser bei flüchtigem Lesen trotz der Widersprüche im Kopf behalten. Ein anderes Beispiel hatten wir in Deutschland bei der Diskussion der Flüchtlinge aus Syrien gesehen. (5)

Um die „Wichtigkeit“ der Chemiewaffen für die syrische Regierung irgendwie zu beschreiben, zitiert die BBC dann Dr. Lina Khatib, die Vorsitzende einer „Denkfabrik“ für den Mittleren Osten und Nordafrika – Chatham House. Chatham House gehört zu den Denkfabriken, die die EU auffordern aufzurüsten, um sich für einen Krieg gegen Russland vorzubereiten.(6)

Die zitierte Aussage lautet: „Manchmal nutzt das Regime Chemiewaffen, wenn es keine militärischen Möglichkeiten hat, um ein Gebiet mit konventionellen Waffen zurückzugewinnen. (…) Chemiewaffen werden immer genutzt, wenn das Regime eine starke Warnung an die lokale Bevölkerung richten will, dass ihre Präsenz unerwünscht ist. (…) Zu der Tatsache, dass Chemiewaffen die ultimative Strafe sind, Angst bei den Menschen erzeugen, sind sie auch billig und bequem für das Regime in Zeiten, wenn die militärischen Kapazitäten wegen der Konflikte reduziert sind. (…) Nichts macht den Menschen mehr Angst als Chemiewaffen. Und immer, wenn Chemiewaffen eingesetzt wurden, fliehen die Bewohner aus diesen Gebieten, und kommen oft nicht wieder“. (7)

Der Autor des Artikels weist darauf hin, dass nach diesen Zitaten die BBC den angeblichen Chemieangriff auf Khan Sheikoun, Idlib beschreibt, bei dem vom Westen unterstützte Militante (…) das Gebiet auch danach noch besetzt hielten. Der Artikel behauptet, dass es der „tödlichste“ der 106 Angriffe gewesen wäre, aber trotzdem hatte es die Zivilisten nicht vertrieben oder die Militanten dazu gebracht, das Gebiet zu verlassen. Also stünden diese Tatsachen im direkten Widerspruch zu den Aussagen von Dr. Khatib.

Cartalucci meint, dass das Ereignis, das am stärksten dem beschriebenen angeblichen Chemiewaffeneinsatz ähnelte, der Fall von Ost-Ghouta gewesen wäre. Dazu behauptet die BBC: „Douma, die größte Stadt in Ost-Ghouta, war das Ziel von vier berichteten Chemieangriffen im Verlaufe von vier Monaten, während die regierungsfreundlichen Kräfte ihre Luftangriffe intensivierten, bevor sie einen Bodenangriff starteten. (…) Der letzte und tödlichste Vorfall, nach Aussagen des medizinischen Personals und der Ersthelfer, fand am 7. April statt, als ein gelber Industrie-Gas-Zylinder den Berichten zufolge auf einen Wohnblock abgeworfen wurde. Die Kapitulation der Opposition folgte am Tag darauf.“ (7)

Der Autor stellt fest, dass die BBC den angeblichen Angriff vom April 2018, den die Organisation für das Verbot Chemischer Waffen (OPCW) selbst NICHT als Chemievorfall bezeichnet, mit der „Kapitulation der Opposition“ zusammenhängt. Mit anderen Worten: Obwohl die OPCW keine Spuren von Sarin fand, und das, was als Chlorverbindungen aufzuspüren waren, in jedem größeren Haushalt, insbesondere in Krankenhäusern in Reinigungsmitteln und als deren Rückständen, vorhanden ist, behauptet die BBC, als ob es eine Tatsache wäre, dass ein Chemiewaffeneinsatz stattgefunden hätte. Und suggeriert, dass genau dieser Angriff zur Kapitulation geführt hätte.

Cartalucci bezieht sich noch einmal auf die Überschrift und erklärt, dass in den vier angeblich stattgefundenen Vorfällen (von denen kein einziger bewiesen war) nach Angaben der „Opposition“ angeblich 30 Menschen getötet worden wären. Er fragt, ob das wohl genug gewesen wäre, um den Widerstand zu „brechen“, wenn alleine zwischen Februar und April über 3.000 Menschen umkamen? Er argumentiert dann:

Selbst, wenn man glauben würde, dass die syrische Regierung vier Mal Chemiewaffen eingesetzte hätte und mehrere dutzend Menschen damit tötete, dann verblasst das im Vergleich mit dem Opferzoll, der zugegebenermaßen auf konventionelle Waffen zurückzuführen war. Was die Frage aufwirft, warum die syrische Regierung sich die Mühe machte, die weitaus weniger effektive und politisch viel gefährlichere Chemiemunition einzusetzen“. (9)

Und so schließt der Autor daraus, dass der letzte der vier angeblichen Chemieangriffe einen Tag vor der Kapitulation erfolgte, dass er von den Aufständischen inszeniert worden war, um die Offensive der Regierung zu verlangsamen, zu behindern oder sogar ganz aufzuhalten. Regierungskräfte, die, selbst der BBC zufolge durch die wesentlich wirksameren konventionellen Waffen auf dem Vormarsch waren.

Schließlich erklärt Cartalucci, dass nicht Chemiewaffen für den Erfolg der Offensive ausschlaggebend gewesen waren, sondern die Luftunterstützung durch Russland. Und er fragt berechtigterweise, ob der angebliche 106-fache Einsatz von Chemiewaffen zwischen 2014 und 2018 das Risiko aufwog, US-Militärschläge auf sich zu lenken. Und er weist darauf hin, dass selbst die BBC aufzeigt, wie gering die Opferzahlen bei den angeblichen Chemiewaffeneinsätzen waren, im Verhältnis zu den 350.000 Opfern seit 2011.

Dr. Khatib hatte ja erklärt, dass „das Regime“ auf Chemiewaffen zurückgreifen würde, wenn ihr quasi die konventionelle Munition ausging, und weil sie billig wäre. Cartalucci schreibt dazu: „Um die Behauptungen von Dr. Khatib und der BBC zu beurteilen – sollte man die Rolle der russischen Luftwaffe in dem Konflikt berücksichtigen, die – nach Aussage des russischen Außenministeriums, 28.000 Kampfeinsätze flog und bis zum Jahr 2017 über 90.000 Luftschläge ausführte. Selbst nach Angaben westlicher Medien, flog das russische Militär im Mittel über 70 Flüge am Tag.“ (10)

Er wies darauf hin, dass eine Publikation, die ausdrücklich Russland gegenüber kritisch eingestellt ist, darauf hinwies, dass Russland doppelt so viele Luftschläge flog wie die USA.(11)

Wenn man die Zahlen im Artikel von „Daily Beast“ liest, versteht man, wenn Cartalucci erklärt, dass die angeblichen 106 Chemiewaffeneinsätze mit angeblich 55 Opfern in keinem Verhältnis zu dem Einsatz konventioneller Waffen standen und deshalb die Titelzeile abwegig und vollkommen irreführend ist. Und sicher zeigen diese Einsätze auch auf, dass keine Rede davon sein konnte, dass die „militärische Kapazität“ erschöpft gewesen wäre und deshalb auf Chemiewaffen zurückgegriffen worden wäre.

Cartalucci erklärt, was jeder Militärfachmann bestätigt: Entscheidend für den Sieg der Regierung war der Einsatz der russischen Luftwaffe, die befestigte Stellungen der Terroristen angreifen konnte, wo die Artillerie Syriens nicht zuschlagen konnte – und das mit einer wesentlich höheren Präzision.

Er begründet dann, warum es wesentlich wahrscheinlicher ist, dass die angeblichen Chemiewaffeneinsätze der Regierung in Wirklichkeit False Flag Ereignisse waren:

(…) Chemiewaffen, genutzt in so kleinen Mengen, gerade genug, um die Titelzeilen zu erreichen, Opfer vorweisen zu können und als Vorwand für das westliche Militär zu dienen, eine Intervention durchzuführen, hilft der Strategie vom Westen unterstützter Militanter und ihren ausländischen Sponsoren, die gegen Damaskus und seine Verbündeten in Syrien kämpfen.“ (12)

Abschließend stellt er fest, dass die BBC wohl gehofft hatte, mit bunten Bildern, Grafiken und Fotos angeblicher Opfer die Öffentlichkeit, von der sie annimmt, dass sie faul und ignorant ist, zu überzeugen.

Vorschau

Im fünften Teil der Artikelserie werde ich eine Anklage formulieren, denn meiner Meinung nach sind die Politiker, die diese Art der Politik vertreten, mitverantwortlich für die Verbrechen, die begangen werden.

Quellen und Anmerkungen:

(1) bbcpanoramasavingsyriaschildren.wordpress.com, Fabrication in BBC Panorama ‚Saving Syria’s Children‘, https://bbcpanoramasavingsyriaschildren.wordpress.com/ Seite zuletzt aufgerufen am 24.01.2019.
„Die Analyse der Panorama-Dokumentation der BBC vom 13. September 2013 „Saving Syria’s Children“ und die dazu gehörenden BBC- Nachrichten enthalten Filmsequenzen, die von BBC-Personal und anderen Beteiligten im Atareb-Krankenhaus, Aleppo am 26. August 2013 aufgenommen wurden, und vorgeben, die Folgen eines Brandbombenangriffs auf eine nahe gelegene Schule zu zeigen, sind zum größten Teil, wenn nicht insgesamt, gestellt gewesen.“
Siehe auch:
Vanbergen, Graham (2018) BBC caught Staging FAKE News Chemical Attack (2016) To Drag Britain into Syrian War, 11.
April, online: https://www.globalresearch.ca/bbc-caught-staging-fake-news-chemical-attack-to-drag-britain-into-syrian-war/5560433 Seite zuletzt aufgerufen am 24.01.2019.

(2) al-Maghafi, Nawal (2018) How chemical weapons have helped bring Assad close to victory, 15. Oktober, online: https://www.bbc.com/news/world-middle-east-45586903 Seite zuletzt aufgerufen am 24.01.2019.

(3) Cartalucci, Tony (2018) Fabricated and Staged Chemical Attacks in Syria? BBC Claims Chemical Weapons Helped Assad But Fails to Explain How, 16. Dezember, online: https://friendsofsyria.wordpress.com/2018/12/16/fabricated-and-staged-chemical-attacks-in-syria-bbc-claims-chemical-weapons-helped-assad-but-fails-to-explain-how/ Seite zuletzt aufgerufen am 25.01.2019.

(4) Ebd.

(5) Mitschka, Jochen (2016) Deutsche Medien und der Krieg gegen Syrien, 21. September, online: https://jomenschenfreund.blogspot.com/2016/09/in-der-propaganda-zum-syrienkonflikt.html Seite zuletzt aufgerufen am 25.01.2019.

(6) Gaseta Nesawissimaja (2015) Britische Experten fordern Aufrüstung gegen Russland, 05. Juni, online: https://de.sputniknews.com/zeitungen/20150605302648353/ Seite zuletzt aufgerufen am 25.01.2019.

(7) Cartalucci, Tony (2018).

(8) Ebd.

(9) Ebd.

(10) Ebd.

(11) Axe, David (2016) Russia Is Launching Twice as Many Airstrikes as the U.S. in Syria, 23. Februar, online: https://www.thedailybeast.com/russia-is-launching-twice-as-many-airstrikes-as-the-us-in-syria Seite zuletzt aufgerufen am 25.01.2019.

(12) Cartalucci, Tony (2018)

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung.

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