Das Fronttheater

Mit der unreflektierten Weitergabe von Kriegspropaganda durch die Tagesschau erklärt die ARD ihren journalistischen Bankrott.

Hinweis zum Rubikon-Beitrag: Der nachfolgende Text erschien zuerst im „Rubikon – Magazin für die kritische Masse“, in dessen Beirat unter anderem Daniele Ganser und Rainer Mausfeld aktiv sind. Da die Veröffentlichung unter freier Lizenz (Creative Commons) erfolgte, übernimmt KenFM diesen Text in der Zweitverwertung und weist explizit darauf hin, dass auch der Rubikon auf Spenden angewiesen ist und Unterstützung braucht. Wir brauchen viele alternative Medien!

Fühlst du dich über die Folgen deutscher und transatlantischer Kriegspolitik informiert, über das reale Grauen in den davon heimgesuchten Ländern? Ukraine? Syrien? Somalia? Jemen? Mali? Libyen? Hast du dank sauberer ARD-aktuell-Information nennenswerte Erkenntnisse gewonnen über die zugrunde liegende Gewalt, Verbrechen, deren Verursacher, die Interessenlagen? Komm, lieber Nachbar, betrachten wir die Kriegsberichterstattung so gut es geht mal konzentriert auf Afghanistan. Sonst sprengt das hier den Rahmen.

Schlag im Internet das Angebot der ARD-aktuell auf: tagesschau.de. Trag das Stichwort „von der Leyen“ in das Suchfeld ein. Auf den ersten drei Seiten, zurückreichend bis zum 30. November, bekamst du am 4. Januar 30 Sendungshinweise zu verschiedenen Berichtsthemen:

Zwölfmal das neue Bundeswehr-Transportflugzeug A 400 M, fünfmal der Komplex Geldverschwendung des Verteidigungsministeriums mittels korruptionsverdächtiger Beraterverträge, viermal Erwähnungen im Zusammenhang mit dem CDU-Parteitag, dreimal die mängelbehafteten Maschinen der Bundeswehr-Flugbereitschaft, zweimal Ministerinnenäußerungen im Zusammenhang mit dem geplanten US-Abzug aus Syrien und je einmal die Entscheidung über das vorläufige Aus für Segelschulschiff „Gorch Fock“, die Öffnung der Bundeswehr für Soldaten aus der EU sowie eine Reportage über einen Truppenbesuch der Ministerin am Hindukusch (1).

Afghanistan? Lange nichts Grundlegendes mehr von dort gehört, nicht wahr, lieber Nachbar?

Starte also eine neue Suche bei tagesschau.de, diesmal mit dem Stichwort „Afghanistan“. Unter den 30 Hinweisen auf den ersten drei Seiten sind an diesem 4. Januar nur fünf Beiträge gelistet, die sich mit der Lage im Land beschäftigen, drei davon betreffen einen verheerenden Bombenanschlag (2). Über den Rand des Sensationellen reichen aber auch sie nicht hinaus. Der große Rest ist eh nur Buntes, Pillepalle.

Krank bis ans Lebensende

Dir geht die trockene Argumentation gegen den Tendenzjournalismus mittels statistischer Zahlenwerke auf den Geist? Verständlich. Betrachten wir also das Thema Afghanistankrieg von einer ungewöhnlichen Seite: aus dem Blickwinkel von Bundeswehrsoldaten, die nach ihrem Auslandseinsatz als seelisch zerstörte Menschen zurückkommen.

Was müssen sie getan oder erlebt haben, dass sie zumeist für den Rest ihres Daseins unter „posttraumatischen Belastungsstörungen“ (PTBS) leiden? Unter Nervenzusammenbrüchen, Albträumen, zeitweiligem Orientierungsverlust, Verlust des Selbstwertgefühls, Depression, körperlichen Schäden infolge medikamentöser Behandlung, tiefer Verzweiflung darüber, dass PTBS, dieses seelische Leiden, meist nicht mehr heilbar ist und deshalb nicht selten mit Selbstmord endet?

Vor knapp 20 Jahren schickte die damals von SPD und Grünen geführte Bundesregierung zum ersten Mal Bundeswehrsoldaten in einen Krieg, in ein verfassungs- und völkerrechtswidriges Unternehmen. NATO und Bundeswehr mutierten zur Mörderbande:

„Am 24. März 1999 begannen die fast drei Monate dauernden, illegalen NATO-Bombardierungen auf Jugoslawien. Tausende Zivilisten kamen ums Leben, zehntausende Wohnhäuser und viele historische Bauwerke wurden zerstört. Auch Uranmunition [3] und Streubomben [4] kamen zum Einsatz“ (5).

Wir wissen, keiner der politisch und militärisch Verantwortlichen wurde dafür jemals zur Rechenschaft gezogen. Aber wir wissen im Allgemeinen nicht, dass seit damals PTBS auch für die Bundeswehr ein brennendes Problem ist.

Politisches und moralisches Versagen

Jugoslawien sollte nicht das letzte Völkerrechtsverbrechen sein, der Rechtsbruch wurde unter Führung der Unionsparteien in den Koalitionsregierungen mit der FDP und der SPD unvermindert fortgesetzt und wiederholt. Aus der Geschichte lernen? Ach, woher denn …

Hast du mal die neuesten Werbespots für den „Dienst fürs Vaterland“ betrachtet? Unsere Regierung wirbt junge Menschen mit gewissenloser Hochglanz-Schönfärberei in den Soldatenberuf — Vermittlung von technischen, handwerklichen und akademischen Ausbildungs-Zertifikaten, Ansehen, Weltgewandtheit, Abenteuer, Rundumversorgung —, schickt sie dann trotz Grundgesetz und Völkerrecht zum Töten und Sterben ins Ausland, lässt sie dort ihren grausigen Dienst mit der Waffe ableisten und sie kaputt wieder heimkehren — und hält für sie zuhause noch nicht einmal ausreichende medizinische Hilfsangebote vor.

Dazu gleich mehr. Vorher eine Frage: Wie viele Selbstmorde von Soldaten und ehemaligen Soldaten gehen auf das Konto von Kriegseinsätzen der Bundeswehr im Ausland?

Nicht einmal über diese traurigen Fälle kann das Verteidigungsministerium schlüssige Angaben machen. Tödliche Folgen der psychischen Störungen stellen sich häufig auch erst ein, nachdem die Betroffenen längst aus dem Dienst ausgeschieden sind. Manchmal sogar erst viele Jahre danach. Die Technische Universität Dresden geht in einer Studie davon aus, dass die Hälfte aller PTBS-Fälle in den Reihen der aktiven und ehemaligen Soldaten unerkannt bleibt (6).

Mehr als 250.000 Soldaten hat die Bundeswehr in den vergangenen 20 Jahren ins Ausland geschickt, jedoch über die Zahl und Schwere der PTBS-Erkrankung in diesem Menschenheer gibt es nur Schätzungen. Und nicht einmal über diese erbärmliche Sachlage informiert die Tagesschau. Deren Besatzung betreibt eben keinen eigenständig investigativen, sondern nur noch reproduktiv plakativen Journalismus.

Zu wenige Krankenbetten

Im Jahr 2017 habe es 1.900 ärztliche Behandlungskontakte mit traumatisierten Bundeswehrlern gegeben, schreibt die Frankfurter Allgemeine Zeitung (7). Von je 100 Soldaten auf Einsatz in Afghanistan seien zwei mit PTBS zurückgekehrt. Das Psychotraumata-Zentrum in Berlin verfüge aber nur über 90 Behandlungsplätze. Die seien ständig belegt, an Bedarfsdeckung sei überhaupt nicht zu denken. Es gebe zudem zu wenige Fachärzte bei der Bundeswehr. Der Bundesverband deutscher Einsatzveteranen kümmere sich ehrenamtlich um 500 Traumatisierte.

Lässt sich ein noch schlimmeres Versagen der Ministerin als das bei der Fürsorge für die ihr anvertrauten „Arbeitnehmer“ vorstellen? Und trotzdem kümmert sich ARD-aktuell nicht darum?
Deutschland schickt Truppen ins Ausland, aber eine ernstzunehmende und umfassende Frontberichterstattung gibt es nicht.

Nur das Hochglanzzeug der Presseoffiziere und Propagandakompanien sowie die hübschen Beschreibungen von Agenturjournalisten und Fernsehreportern; die zivilen Journalisten sind allerdings „embedded“, stehen also unter sorgfältiger und vor allem kritischer Bewachung und Betreuung des Militärs. Da, wo es böse knallt, kommen sie garantiert nicht hin, auch wenn man sie martialisch mit „kugelsicheren“ Schutzwesten ausstattet und ihnen Stahlhelme verpasst, damit sie wenigstens authentisch aussehen; sie sollen ja schön gesund bleiben und „ordentlich“ berichten können, nicht wahr?

Das garantiert zwar keine authentischen Beschreibungen, aber darüber scheint allseitiges stilles Einvernehmen zu herrschen. Man „weiß“ offenbar auch so, was Sache ist. Der Michel auf dem Sofa erwartet gar nicht, dass ihn aus der Wunderlampe im Wohnzimmer realistische Kriegsbilder anstrahlen, die ihn aus den Schlappen hauen.

Opfer und Täter

Bilder von zerfetzten Leibern liefert die Tagesschau nicht. Sie hat dafür moralische Gründe, will keine Sensationsgier und abartigen Voyeurismus bedienen und den Opfern die Würde lassen; Begründungen, die man ernstnehmen möchte, die aber dennoch moralisierend und nicht aufrichtig wirken. Sie haben zugleich etwas Hermetisches: Eine ethisch und intellektuell anspruchsvolle und schlüssige Auseinandersetzung über die Grenzen journalistischer Kriegsberichterstattung wird damit vermieden.

Unser Land zeigt sich bezüglich der Militäreinsätze im Ausland alles andere als zimperlich. Was wäre, wenn wenigstens unsere Medien rückhaltlos und realitätsgetreu über den Krieg und seine mörderischen Folgen berichten würden? Wie würde sich das auf die politischen Entscheidungsprozesse auswirken?

Kannst du, lieber Nachbar, dich daran erinnern, dass solche Fragen jemals von ARD-aktuell öffentlich ventiliert worden wären?

Ist ja schon gut! Selbstverständlich ist die Frage erlaubt, wie weit das Verständnis für die im Ausland tätigen Soldaten gehen darf. Es stimmt, lieber Nachbar, sie bekommen dicke Zulagen — 110 Euro pro Tag, steuerfrei —, das Abenteuer wird ihnen schmackhaft gemacht. Es gibt bunte Ordensbänder und Ehrenabzeichen für den Einsatz und allerhand sonstige Anerkennung und Privilegien … Unsere Staatsbürger in Uniform sind selbstredend aber nicht nur Opfer, sondern auch Täter. Logisch, lieber Nachbar!

Alsdann: Was erfahren wir darüber in der Tagesschau — beispielsweise über Taten und möglicherweise Untaten des Kommandos Spezialkräfte (KSK) in Afghanistan? Obwohl unsere „Elitesoldaten“ längst wieder zuhause sind, werden ihre Aktivitäten bis heute strikt geheim gehalten. Warum? Waren sie etwa illegal? Gehen garantiert keine schweren Kriegsverbrechen aufs Konto der KSK? Keine gezielten Morde? Keine „Kollateralschäden“?

Haben sich die geheimen KSK-Spezialisten, anders als ihre CIA-Kumpane, mit denen sie oft gemeinsam unterwegs waren, wirklich eine blütenrein weiße Weste bewahrt? Nicht gefoltert, nicht ganze Regionen terrorisiert, wie US-Qualitätsjournalisten über die Exzesse ihre Landsleute meldeten? Oder sind sie nur, wie jene auch, von durchaus angebrachter straf-justizieller Verfolgung verschont worden (8, 9)?

Nicht mal der Verteidigungsausschuss des Bundestages erfuhr Genaues darüber, obwohl wir doch angeblich eine „Parlamentsarmee“ haben. Hat das „Hauptstadtbüro“ der ARD-aktuell in Berlin jemals einen ernsthaften investigativen Versuch zur Aufklärung unternommen?

Schutzbedürftige Beschützer

Im Oktober 2001 überfielen die USA Afghanistan, ohne Mandat des Weltsicherheitsrates, aber mit der falschen Anschuldigung, die Taliban seien für den Angriff auf die Zwillingstürme in New York am 11. September verantwortlich. NATO und Bundeswehr beteiligten sich willig an dem Bombenunternehmen. Nachträglich, im Dezember jenes Jahres, „heilte“ der Sicherheitsrat den Völkerrechtsbruch zwar mit entsprechenden Resolutionen. Das zeigte aber nur den überwältigenden Einfluss der „Westlichen Wertegemeinschaft“ auf die UN, es war fern jeder Rechtlichkeit, Redlichkeit und Menschlichkeit.

17 Jahre tobt dieser schreckliche Krieg nun schon, und über seine Todesopfer gibt es nicht einmal halbwegs genaue Zahlen, sondern ebenfalls nur Schätzungen. Längst findet keine regelmäßige Unterrichtung über das Geschehen mehr statt. Afghanistan-Infos sind out. Die Mär von den Brunnen bohrenden, Brücken und Mädchenschulen bauenden Soldaten erzählt inzwischen zwar auch kein ARD-aktuell-Journalist mehr weiter, aber von Afghanistans Demokratisierung wird gelegentlich immer noch bramarbasiert.

Was treibt die Bundeswehr da? Lieber Nachbar, sie ist jetzt zuständig für den Unterstützungs- und Ausbildungseinsatz „Resolute Support“ der NATO. Unsere 1.300 Soldaten befähigten die afghanische Armee zur Selbstverteidigung gegen die Taliban und den IS, behaupten Bundesregierung, Parlamentsmehrheit und ihre medialen Tröten unisono.

Kein Wort verlieren unsere Qualitätsjournalisten hingegen über die Tatsache, dass die Bundeswehr in Afghanistan nicht einmal fähig ist, sich selbst zu verteidigen: „Unsere Jungs und Mädels“ können ihre festungsgleichen Lager überhaupt nur unter Gefahr für Leib und Leben verlassen. Sie sind praktisch Gefangene in der Fremde. Sie brauchen Schutz und Hilfe von Einheiten anderer Besatzungsmächte, vorzugsweise von den USA.

Krokodilstränen wegen Trump

Und nun kommt US-Präsident Trump, dieser verachtete und verlachte Polit-Rüpel, gewissenlose Schaumschläger, unbefangene Drohnenmörder und kindisch versessene Mauerbauer, dennoch aber Hassobjekt aller Kriegstreiber, endlich auf die begnadete Idee, nach der Sinnhaftigkeit des Afghanistankrieges zu fragen. Er kündigt an, seine 14.000 Mann starke Besatzungstruppe in Bälde um die Hälfe zu verringern, weil es in Afghanistan nichts zu gewinnen gebe. Längerfristige Zielsetzung: Abzug.

Und was passiert? Die Tagesschau lässt darob die deutsche Stahlhelm-Fraktion Krokodilstränen vergießen, lässt die entsetzliche Ministerin von der Leyen „tiefe Besorgnis“ verkünden. Was bringen die Qualitätsjournalisten sonst noch zum Thema?

Nichts.

Dabei hätten sie nicht mal aus eigener Erkenntnis referieren müssen, sondern hätten sich aufs Rapportieren beschränken können: nur berichten, dass der frühere Bundeswehr-Generalinspekteur Harald Kujat öffentlich erklärt hat, ein Ende des Einsatzes deutscher Truppen am Hindukusch sei „zwingend“:

„Wenn die Vereinigten Staaten sich bis auf ein Restkontingent aus Afghanistan zurückziehen, gibt es auch für uns keinen Grund mehr, diesen Einsatz fortzusetzen“ (11).

Einen annehmbaren Grund dafür hat es zwar nie gegeben. Immerhin jedoch beweist Kujat Aufrichtigkeit, Konsequenz und Realitätssinn. NATO-General Egon Ramms sieht die Situation ähnlich:

„Der Truppenabzug würde bedeuten, dass die Amerikaner wesentliche Unterstützungsleistungen für die anderen dort eingesetzten Nationen wie beispielsweise Deutschland nicht mehr leisten könnten. ‚Resolute Support’ hätte letztendlich keinen Sinn mehr“ (ebenda).

Kujat, einst oberster militärischer Befehlshaber der Bundeswehr, und Ramms, im NATO-Hauptquartier für den Bundeswehreinsatz in Afghanistan zuständig, halten es für undenkbar, dass Großbritannien, Frankreich oder andere Alliierte anstelle der USA einspringen werden. Aber ARD-aktuell hält es nicht für nötig, über solche brisanten Äußerungen zu informieren.

Ja, guck nur, lieber Nachbar!

Es könnte der Tag kommen, an dem nicht bloß das verlogene Geschwätz zu vernehmen ist, dass Deutschland „mehr Verantwortung in der Welt“ übernehmen müsse, eine von den Steinmeiers, Merkels und von der Leyens bevorzugte Phrase, oft auch in der Tagesschau zu hören. Und zwar ohne den Hinweis, dass die Herrschaften konkret noch mehr Kriegseinsatz im Ausland, noch mehr Mord und Totschlag und noch höhere Rüstungsausgaben meinen. Es könnte einmal geschehen, dass jemand unüberhörbar fragt, wer politisch verantwortlich ist für das vom Militär angerichtete Elend.

Wenden wir uns Implikationen zu, die Trumps Rückzugspläne haben und über die ARD-aktuell ihr Publikum nicht „umfassend“ unterrichtete. Beispiel: Der Iran führt derzeit Gespräche mit den Taliban, wie die Zukunft Afghanistans friedlich gestaltet werden könnte, wenn denn die gegenwärtigen imperialen Besatzer abgezogen sein werden (11). Davon erfährst du aber nichts in der Tagesschau.

Verkaufsschlager Opium

Die Taliban in Afghanistan? Das pure Hassobjekt der Westlichen Wertegemeinschaft? Tja, lieber Nachbar, diese Leute schafften anno 2000 und 2001 Einmaliges: Sie vernichteten die afghanische Opium-Produktion fast komplett. Von früher durchschnittlich 4.500 Tonnen pro Jahr schrumpfte sie um 97,5 Prozent auf wenig mehr als 120 Tonnen (12). Der Export brach vollkommen zusammen.

Doch dann kamen die westlichen Befreier. Sie vertrieben die Taliban vielerorts und schützten fortan den Schlafmohnanbau. Der US-Auslandsgeheimdienst CIA übernahm Teile der Produktionsorganisation und des Vertriebes. Schon ein Jahr später konnte aus Afghanistan wieder geliefert werden, in den Westen und nach Osten; der Schmuggel nach Osten, nach Russland und in die VR China, bekam besondere geheimdienstliche Hilfe. Die Droge dient dort der Aufzucht einer kriminellen Szene. Die soll besagte Staaten von innen her destabilisieren. Der heimliche Dritte Opiumkrieg wird von der Westlichen Wertegemeinschaft geführt.

2017 war absolutes Rekordjahr: 9.000 Tonnen Opium aus Afghanistan beglückten den Rest der Welt. Im vergangenen Jahr waren es zwanzig Prozent weniger, aber nicht wegen moralischer Vorbehalte der CIA, der USA insgesamt und über sie hinaus der WWG, sondern bloß wegen der extremen Trockenheit im Sommer (13). Afghanistan ist trotzdem wieder globaler Exportmeister, es beherrscht jetzt 93 Prozent des Welthandels (14). Ist das nicht alarmierend? Wäre es nicht eine Reportage der Tagesschau wert gewesen?

Deutschlands Größe

Lieber Nachbar, was meinst du: Gehört der Pfaffe, der die Kanonen segnet, wirklich der Vergangenheit an? In der Bundeswehr heute ist zwar der große Bedarf an psychiatrischer Betreuung nicht gedeckt, aber religiöse Seelsorger gibt es zur Genüge: gut bezahlte Priester und Bischöfe in Uniform, die sich ebenfalls um PTBS-Kranke kümmern. Ihre Umtriebe finden nur in ganz seltenen Ausnahmefällen die Aufmerksamkeit der ARD-aktuell.

Der Militärbischof von der Evangelen-Fraktion, Sigurd Rink, war im Advent auch in Afghanistan. Er predigte nicht über das Jesus-Wort „Wer das Schwert nimmt, der soll durchs Schwert umkommen“ (Lutherbibel, Matthäus 26:52) oder über das alttestamentarische „Wer Menschenblut vergießt, des Blut soll auch durch Menschen vergossen werden, denn Gott hat den Menschen zu seinem Bilde gemacht“ (1. Mose, 9:6). Vielmehr demonstrierte er selbstbewusste Kampfbereitschaft:

„Mit Blick auf Deutschlands Größe und Wirtschaftskraft sind wir in den UN-Einsätzen noch weit unterrepräsentiert“ (15).

Solche wenig friedfertigen Sprüche liegen im Trend kirchlicher Sowohl-als-auch-Demagogie:

„Leide mit mir als guter Soldat Christi Jesu. Keiner, der in den Krieg zieht, lässt sich in Alltagsgeschäfte verwickeln, denn er will, dass sein Heerführer mit ihm zufrieden ist“ (2. Timotheus, 2:3).

Moralische Rechtfertigung für Deutschlands martialische Politik am Hindukusch hatte der Bischof jedenfalls ausreichend auf Lager:

„Wir sind jetzt seit 17 Jahren hier, eine junge Generation wächst nach, und die können wir doch nicht allein lassen. Wenn wir jetzt gehen, wird vermutlich alles zurückfallen, was aufgebaut wurde, etwa die Schulen“ (ebenda).

Zum Glück sind nicht alle Berufschristen gleich. Erinnern wir uns kurz: Margot Käßmann, vormals niedersächsische Landesbischöfin und EKD-Ratsvorsitzende, befand in ihrer nicht bloß besinnlichen, sondern nachdenklichen Neujahrsansprache anno 2010:

„Nichts ist gut in Afghanistan (…) All diese Strategien, sie haben uns lange darüber hinweggetäuscht (…) Waffen schaffen offensichtlich keinen Frieden (…) Wir brauchen mehr Fantasie für den Frieden, für ganz andere Formen, Konflikte zu bewältigen“ (16).

Diese Frau, seinerzeit von SPD-Chef Sigmar Gabriel angefragt, wäre tatsächlich eine bessere, aufrichtigere Kandidatin für das Bundespräsidentenamt gewesen. Sie wollte es nicht werden. Drum hat es nur zu dem Soozi Steinmeier gelangt. Für so einen wie ihn hat die Tagesschau auch immer ein offenes Ohr.

Ein ums andere Mal müssen wir daran erinnern, lieber Nachbar: ARD-aktuell hat den gesetzlichen Auftrag, umfassend und sachlich zu informieren, der Wahrheit verpflichtet, dem Volke zu Diensten. Tagesschau, Tagesthemen & Co. sollen die Urteilskraft des Bürgers stärken und zur Völkerverständigung beitragen. Aber dazu bräuchten auch unsere Qualitätsjournalisten „mehr Fantasie für den Frieden“ und „ganz andere Formen“.

So viel Format haben sie nämlich nicht.


Quellen und Anmerkungen:

(1) https://www.tagesschau.de/suche2.html?page_number=1&query=von+der+Leyen&sort_by=date&dnav_type=
(2) https://www.tagesschau.de/suche2.html?query=Afghanistan&sort_by=date
(3) https://de.wikipedia.org/wiki/Uranmunition#Studien_und_Kritik
(4) https://de.wikipedia.org/wiki/Streumunition#Völkerrechtliche_Ächtung_von_Streumunition
(5) https://www.gegenfrage.com/nato-jugoslawien/
(6) https://alumni.tu-dresden.de/magazin/pdfs/Wittchen.pdf
(7) https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/rueckkehr-aus-afghanistan-zu-hause-wartet-der-innere-krieg-15961294.html?premium&service=printPreview
(8) https://www.nytimes.com/2018/12/31/world/asia/cia-afghanistan-strike-force.html
(9) https://www.infosperber.ch/Artikel/FreiheitRecht/CIA-Soldner-in-Afghanistan-foltern-und-terrorisieren
(10) https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/militaer-verteidigung/id_85002648/deutsche-ex-militaers-fordern-abzug-aus-afghanistan.html
(11) http://www.atimes.com/article/iran-in-talks-with-taliban-as-us-prepares-afghan-troop-drawdown/
(12) https://www.blaetter.de/archiv/jahrgaenge/2018/april/die-opiumfront
(13) https://en.wikipedia.org/wiki/Opium_production_in_Afghanistan
(14) https://www.dw.com/de/opiumproduktion-in-afghanistan-erreicht-neues-rekordhoch/a-2754587
(15) https://www.js-magazin.de/sites/default/files/Heftarchiv/2019/JS-2019-01_Gesamt.pdf
(16) https://www.ekd.de/100101_kaessmann_neujahrspredigt.htm

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Dieser Beitrag erschien am 19.01.2019 bei Rubikon – Magazin für die kritische Masse.

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4 Kommentare zu: “Das Fronttheater

  1. Dass man als deutsche/r Bürger/in quasi nicht informiert wird über die Situation in ganzen Teilen der Welt (Afghanistan, Libyen, Somalia, und auch Syrien und Irak) ist in der Tat wahr.

    Aber ich denke schon, dass man stark unterscheiden muss zwischen erfolgreich zu Ende geführten Operationen wie der in Jugoslawien, chaotischen Kriegen wie in Afghanistan oder Syrien, wo wirklich nichts gut ist und aus Sicht der Bürger westlicher Länder desaströsen Ergebnissen wie in Libyen oder dem Irak.

    Das Völkerrecht ist jedenfalls kein Gebietsschutz für Diktatoren – die ja zudem oft auch aus anderen Ländern finanziert worden sind..!

    Und Trumps Grenzmauerwahn ist eben nicht nur kindisch, sondern de facto Krieg gegen einfache Bürgerinnen und Bürger. Gewaltsam geschlossene Grenzen sind eine Art kriegerischer Akt gegen die einfache Bevölkerung, da es da letztlich um willkürliche militärische Gewalt geht. Wo die Politik im Sinne der Bürger funktioniert, kann man angemessen frei reisen.
    Wenn Trump jetzt ergebnislos aus Afghanistan abziehen will, muss man natürlich auch sehen, in welchem Zustand das Land danach sein wird. Wenn das so aussieht wie in Libyen oder Syrien, kann man nicht ansatzweise von guter Politik sprechen.

    • Das Völkerrecht ist jedenfalls kein Gebietsschutz für Diktatoren – die ja zudem oft auch aus anderen Ländern finanziert worden sind..!

      Das kann man so stehen lassen. Allerdings sind Bedingungen nötig.

      – Ehrliche Moral und Ethik auf Basis des Menschenwohl und nicht auf Basis von Interessen.
      – Die Bezeichnung Diktator sollte an objektiven Kriterien gemessen werden können.
      – Die Akteure die den Diktator stürzen wollen, sollten nicht die Gleichen sein, die ihn vorher
      – finanziert haben
      – provoziert zu haben
      – sonst wie erst in die Lage gebracht zu haben

      […] erfolgreich zu Ende geführten Operationen wie der in Jugoslawien

      Ist das tatsächlich so? Ich selbst kann das nicht beurteilen, gehe aber davon aus, dass keine ehrliche Sorge oder Moral im Spiel waren. Bist Du Kenner des Balkan? Dann bitte, ich bin sehr gerne bereit mein Misstrauen in Freude über eine gelungene „Operation“ einzutauschen.

  2. wir sollten bei keiner Wahl einer Partei unsere Stimme geben, die sich für Kriegseinsätze außer zur direkten Verteidigung Deutschlands einsetzt. ich wünsche mir das alte Grundgesetz zurück, das meine Eltern und Lehrer mir als Lehre zweier Weltkriege vermittelt haben.

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