Das Mitgefühl des Fuchses für das flügellahme Huhn – wie die Marktradikalen das Volksvermögen ruinieren

Von Hermann Ploppa.

Zum Vermögen, das sich die Menschen in Deutschland im Laufe der letzten zweihundert Jahre erarbeitet haben, gehören auch die zahlreichen Genossenschaften. Die Genossenschaften haben dafür gesorgt, dass die profitorientierte Privatwirtschaft in Deutschland nicht allzu viel Macht anhäufen konnte. Einkaufsgenossenschaften, Agrargenossenschaften, Baugenossenschaften und nicht zuletzt Genossenschaftsbanken (Raiffeisen-, Volks- und Spardabanken) haben dafür gesorgt, dass der von den Menschen erzeugte Reichtum in der Region blieb, wo er erzeugt wurde. Dass von Menschen für Menschen produziert wurde. Dass die Lebensqualität in Deutschland auf hohem Niveau blieb. Genossenschaften sind eigentlich unzerstörbar – gesetzt der Fall, sie werden nicht von innen her unterwandert und zweckentfremdet. Von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt vollzieht sich gerade jetzt auf diese Weise eine gigantische Volksenteignung.
Hier nun ein Fallbeispiel aus meinem aktuellen Buch:

Die DZ Bank ist in einem schicken futuristischen Hochhauskomplex in Frankfurt am Main untergebracht, eingebettet zwischen bombastischen Wolkenkratzern privater Banken. Die DZ Bank ist sozusagen Herz und Hirn der 900 Genossenschaftsbanken mit 12.000 Filialen in Deutschland. Die DZ Bank vertritt die Kreditgenossenschaften nach außen, stellt internationale Kontakte her, reguliert Geldströme zwischen den einzelnen unabhängigen Genossenschaftsbanken.

Auf der Webseite der DZ Bank findet man allerdings keine Stellungnahmen zu den bedrohlichen neuen EU-Regulierungen öffentlicher Banken. Dafür kann man sehr viel über Aktienkurse erfahren, viele beflissene Anglizismen sollen den Stallgeruch einer stinknormalen Universalbank vermitteln. Und dann erfährt man, dass die DZ Bank seit einem extra dafür abgesegneten Bundesgesetz aus dem Jahre 1998 gar keine Genossenschaft mehr ist, sondern eine Aktiengesellschaft! Der Kopf ist sozusagen vom genossenschaftlichen Rumpf abgetrennt. Noch gehören die Aktien der DZ Bank den vielen Genossenschaftsbanken. Ihre Dienstleistungen gewährt die DZ Bank jetzt ihren „Kunden“, den Genossenschaften.

Führungskräfte rekrutiert die DZ Bank nicht mehr allein aus der genossenschaftlichen Szene. So genannte „Headhunter“ – zu Deutsch: Kopfjäger – heuern für eine stolze Provision Banker aus privaten Bankhäusern an. Ob diese Bosse wohl eine innere Beziehung zum Genossenschaftsgedanken entwickeln können und – wollen? Thomas Duhnkrack hat seine Karriere bei der Deutschen Bank begonnen, bevor er zur DZ Bank überwechselte, wo er bis 2009 blieb. Jetzt arbeitet er wieder privat bei der Lloyd Funds AG. Zudem ist Duhnkrack bei der Atlantik-Brücke aufgetaucht. Chefvolkswirt der DZ Bank ist Stefan Bielmeier, der 14 Jahre bei der Deutschen Bank arbeitete, bevor er 2010 bei der DZ Bank einstieg.

Die Nummer eins bei der DZ Bank ist Wolfgang Kirsch, der im Jahre 2002 von der Deutschen Bank zur DZ Bank überwechselte. Man ließ ihn nur ungern von einem Kopfjäger abwerben, wie es in den Verlautbarungen heißt. Ganz nebenbei: Just hat ihn ein Presseclub zum „European Banker of the Year 2013“ gewählt.

Ob Wolfgang Kirsch die genossenschaftlichen Interessen gut vertritt? Zweifel sind angebracht. Seitdem Kirsch der DZ Bank vorsteht, taucht diese Bank immer öfter als Sponsor marktradikaler und transatlantischer Veranstaltungen auf. Die proamerikanische Lobbyorganisation Atlantik-Brücke, die wir noch vorstellen wollen, veranstaltete am 8. Februar 2011 ihre zwölfte Arthur Burns Memorial Lecture. Eine alljährlich abgehaltene Lobrede auf die enge Bindung Deutschlands an die USA. Der Redner war kein Geringerer als Karl-Theodor zu Guttenberg, damals noch Bundesverteidigungsminister und Träger eines ihm kurz danach aberkannten Doktortitels. Guttenberg plädierte für eine bedingungslose Gefolgstreue gegenüber den USA und erteilte allen Bestrebungen nach außenpolitischer Unabhängigkeit eine klare Absage.

Jene Rede wurde vor 250 Mitgliedern und Gästen der Atlantik-Brücke in den Räumen der Frankfurter Zentrale der DZ Bank gehalten. Gastgeber war DZ-Chef Wolfgang Kirsch, der stolz neben Guttenberg steht – wie man auf der Webseite der Atlantik-Brücke bestaunen kann. Wie kommt der Direktor einer Genossenschaftsbank dazu, neoliberalen Feinden der Genossenschaftsbanken die Räume der DZ Bank zur Verfügung zu stellen?

Kirsch ist nicht nur der transatlantisch-neoliberalen Atlantik-Brücke sehr verbunden. Der DZ-Banker befindet sich noch weiter im Zentrum transatlantischer Netzwerke. Die Webseite der Trilateral Commission nennt Wolfgang Kirsch als festes Mitglied ihrer deutschen Gruppe. Die Trilateral Commission wurde von David Rockefeller gegründet, und verbindet marktradikale proamerikanische Spitzenkräfte aus den Kontinenten Amerika, Asien und Europa im Einsatz für eine grenzenlose Welt des freien Handels der großen Konzerne.

Ob Konzernlobbyist Kirsch nun der richtige Mann ist, um den Dachverband der Genossenschaftsbanken durch die Wellen gischtenden Fahrwasser zu lotsen, die schon absehbar sind? Da hat nämlich im Auftrag einiger Regionalbanken ein Professor Nolte mit seiner Beratungsfirma 4p Consulting ein Gutachten erstellt, dessen Inhalt bislang nicht veröffentlicht wurde. Dessen Befunde man aber umso eifriger in die Presse lanciert.

Demzufolge werden im Jahre 2018 zwei Drittel aller Regionalbanken nicht mehr rentabel arbeiten. Die Regionalbanken könnten mit ihren Zinsen nicht mehr gegen die Onlinebanken konkurrieren. Die strengeren Regeln der EU-Aufsicht würden den bürokratischen Aufwand so erhöhen, dass kleine Banken die Lasten nicht mehr schultern könnten. Drittens würden die Kunden immer kürzere Fristen für ihre Geldeinlagen wünschen, während sie gleichzeitig aber weiterhin langfristige Kredite frei Haus bekommen möchten. Viertens würde sich der hohe Personalaufwand bei Regionalbanken definitiv nicht mehr rentieren.

Prognosen sind schon viele gegeben worden. Es kann aber auch ganz anders kommen. Trotzdem gingen quasi auf Knopfdruck sofort an höchster Stelle gewisse Lichter an, wie das Handelsblatt berichtete:

„Die europäische und die Bundespolitik alarmieren diese Erkenntnisse: EZB-Chef Mario Draghi und IWF-Chefin Christine Lagarde haben das Thema bereits auf dem Zettel. Die Bundesbank überprüft die ‚Zukunftsfähigkeit des Geschäftsmodells deutscher Regionalinstitute‘. Regierungskreise bestätigen dem Handelsblatt, dass der Ausschuss für Finanzstabilität ,mögliche Rückwirkungen des Niedrigzinsumfeldes mit Blick auf mögliche Gefährdungen‘ bei Sparkassen und Volksbanken eingehend analysiert.“

Frage: was geht dieses Thema den IWF an? Welche Bevormundung maßen sich die internationalen Finanzbürokraten hier eigentlich an?

„Auf dem Zettel“ klingt bedrohlich. EZB-Chef Mario Draghi ist sicher kein Freund der Genossenschaften. Er war bei der Privatbank Goldman Sachs tätig, bevor er in den öffentlichen Sektor überwechselte. Draghi ist immer noch ständiges Mitglied in der von David Rockefeller gegründeten Banklobbyorganisation „Group of Thirty“, sozusagen einer Schwesterorganisation der Trilateral Commission. Und IWF-Chefin Lagarde arbeitete als Wirtschaftsanwältin für die US-Sozietät Baker & McKenzie, bevor sie in den öffentlichen Sektor überwechselte. Die Anteilnahme dieser Damen und Herren an den vermeintlichen Problemen der deutschen Regionalbanken ist der Anteilnahme des Fuchses an flügellahmen Hühnern nicht unähnlich.

So sieht es auch der Wirtschaftswissenschaftler Reinhard Schmidt, von der Goethe Universität Frankfurt:

„Auf europäischer Ebene wird dem deutschen Sparkassen- und Genossenschaftsbanken-System nicht viel Verständnis entgegengebracht. Ich sehe erneut harte Attacken gegen das Drei-Säulen-System kommen – und eine Vereinheitlichung in Richtung börsennotierte Großbanken fände ich bedauerlich. Auf drei Beinen steht es sich sicherer als auf zweien … Wenn ich richtig verunsichert wäre, dann würde ich mein Geld zu einer Sparkasse tragen. Das empfindet man in Brüssel noch immer als Wettbewerbsverzerrung.“

Wir können aus den gezeigten Beispielen klar erkennen: von Hause aus sind die nicht-kapitalistischen Wirtschaftszweige unkaputtbar. Es müssen erst Kräfte einsickern in die intakten Organismen, um sie durch Zweckentfremdung systematisch zu zerstören. Das klingt ungeheuerlich und nach Verschwörung. Dennoch werden wir in den folgenden Kapiteln die Akteure und Netzwerke näher kennenlernen, deren erklärtes Ziel die Welt eines enthemmten Privatkapitalismus ist. Ohne Grenzen für den Handel. Ohne demokratisch legitimierten Staat, dessen Bürger womöglich andere Ziele verfolgen könnten als die Erzielung größtmöglichen Profits für ganz wenige Individuen.

Rettet die Biodiversität unserer Gesellschaft!

Ich hätte Beispiele aus anderen Bereichen der Gesellschaft – aus Gesundheit, Bildung, Sozialarbeit oder öffentlicher Infrastruktur ausführlich darlegen können, wo genau dieselben Methoden zur Verarmung unserer so reichen Gesellschaftskultur angewandt werden. Die Monokultur des nackten Profits ist das Ziel dieser Seilschaften. Das macht die Menschen mürbe und führt zur inneren Kündigung von Millionen begabter Mitarbeiter. Unter dem Strich haben wir jetzt eine Pfuschkultur des „Es wird schon irgendwie gut gehen!“

Unter der Diktatur des Marktradikalismus erinnert so vieles an die Endzeit der DDR: eine Explosion der Bürokratie, deren papierene und digitale Ausscheidungen immer nichtssagender werden, weil nicht gesagt werden darf, was gesagt werden muss: es läuft alles schief. Unerfahrene Dummbeutel werden in Führungspositionen gehievt von irgendeiner unsichtbaren Seilschaft. Dummbeutel, die sich von erfahrenen Mitarbeitern nichts sagen lassen, und täglich einen neuen Arbeitsplan nach dem anderen anschleppen, der auch wieder die Arbeit nur schwerer macht. Dummbeutel, die die Mitarbeiter überwachen bis zur absoluten Schamlosigkeit. Kein Mensch kann gesund bleiben unter dieser unwürdigen Distanzlosigkeit.

Und so wird unsere immer noch so wunderbar vielfältige Lebenswelt im alten Europa immer weiter verwüstet. Es erinnert nicht nur mich an die Zerstörung des tropischen Regenwaldes. So schnell wird aus Karstland nicht wieder ein saftiger Regenwald. Lassen wir den bereits zitierten Professor Reinhard Schmidt dieses Kapitel abschließen:

„Ich sehe … die Gefahr eines Verlusts an Diversität. Das ist wie bei der Umwelt: Meist fällt erst nach ihrem Aussterben auf, wozu eine Spezies gut war. Vielleicht stellt sich erst in vierzig oder fünfzig Jahren heraus, wozu es gut war, die Gattungen der Sparkassen und Genossenschaftsbanken zu erhalten. Wir sollten diese Biodiversität im Finanzsystem nicht gefährden. Vielleicht sind ja gerade diese Säulen der Bankenwelt dauerhafter als die Shareholder-Value-getriebenen Großbanken.“

Ein Auszug aus dem Buch: Hermann Ploppa: Die Macher hinter den Kulissen – Wie transatlantische Netzwerke heimlich die Demokratie unterwandern. Frankfurt 2014.

Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Textes.

KenFM bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Meinungsartikel und Gastbeiträge müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

KenFM hat ein Interview mit Hermann Ploppa zu seinem Buch geführt. Hier der Link zu KenFM im Gespräch: https://kenfm.de/kenfm-im-gespraech-mit-hermann-ploppa-die-macher-hinter-den-kulissen/

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6 Kommentare zu: “Das Mitgefühl des Fuchses für das flügellahme Huhn – wie die Marktradikalen das Volksvermögen ruinieren

  1. Das Buch ist ja schon ein bisserl alt, ich möchte jedoch bestätigen, dass in den Sparkassen bereits Tendenzen sichtbar sind, dass das Management nicht mehr die Aufgaben und Ziele der vormals öffentlichen Institute verfolgt.
    Ziel war immer gewesen, dass Sparkassen dem gemeinwohl dienen und Dienstleistungen rund um Spareinlagen erbringen.
    Inzwischen ächzen die Sparkassen unter dem niedrigen Zins, der es praktisch unmöglich macht dauerhaft kostendeckend (nicht rentabel!) zu arbeiten. Dabei wird überwiegend auf Kostensenkung und ertragssteigerung gesetzt, was dazu führt, dass die Mitarbeiter immer mehr unter Druck gesetzt werden.
    Eigentlich sollten die Sparkassen – aber auch alle anderen Regionalinstitute darauf drängen, dass die Politik endlich wieder eine verlässliche Volkswirtschaft betreibt (nach Keynes). Diese Sichtweise ist jedoch auf Führungsebene praktisch nicht vertreten – hier wird schlicht Betriebswirtschaftlich kalkuliert. Das mag Einzelwirtschaftlich sinnvoll und nachvollziehbar sein – langfristig tragbar ist es nicht und man fragt sich, warum es überhaupt Volkswirtschafter in Banken und Sparkassen gibt, wenn diese immer nur die gescheiterte Lehre des Neoliberalismus verfolgen.

  2. Wenn ich heute die Gesellschaftskritiken lese – oder selber über die kranken Systeme sinniere- kommt mir oft – wie hier auch wieder,die letzte Szene des opulenten Pollanski- Filmspektakels „Tanz der Vampire“ in den Sinn. Die Schöne wurde zwar im letzten Moment noch aus dem Schloss des Grafen Dracula befreit und die Pferde-Kutsche bringt sie im Galopp hinweg vom finsteren Ort, aber sie ist ja schon gebissen worden und „so breitete sich das Böse über die ganze Welt aus“, wie man als Kinobesucher von der Stimme aus dem Off verabschiedet wurde.

    • Hi Veganislove,
      du schreibst u.a.: „… über kranke Systeme sinniere… “
      Dazu fällt mir Black Rock ein!
      https://www.youtube.com/watch?v=Zp7vgOqgpBg

    • DEUSSEMPERMAJOR: Danke! So schließt sich der Sichtkreis – und mir schossen wieder viele Assoziationen durch den Kopf. Zum Beispiel über das Schicksal Polanskis durch seine tiefsichtigen frühen Filme (Rosemary’s Baby, Wenn Katelbach kommt) und anderes…aber das würde wohl hier zu weit führen. Nur eines noch: Man lässt in China produzieren und da gibt es „Produktionsstädte“, wo die Arbeiter im Anstellungsvertrag unterschreiben müssen, dass sie nicht während der Arbeitszeit Suizidversuche unternehmen-z.B. aus dem Fenster springen. Ich habe vor Jahren schon in der „Monde Diplomatique“ einen Bericht darüber gelesen. Es gab ein Foto dazu, das zeigte, dass unter jedem Fenster der Fabrik vor-bzw. nach-sorglich Hängematten angebracht waren, damit nicht immer wieder mitten in der Produktion die Arbeitskräfte verloren gehen.

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