Das Schwarze Loch des Systems | Von João Romeiro Hermeto

In der neuen Normalität geht die Empathie verloren, während zugleich Zeit und Raum aufgehoben scheinen.

Hinweis zum Beitrag: Der vorliegende Text erschien zuerst im „Rubikon – Magazin für die kritische Masse“, in dessen Beirat unter anderem Daniele Ganser und Hans-Joachim Maaz aktiv sind. Da die Veröffentlichung unter freier Lizenz (Creative Commons) erfolgte, übernimmt KenFM diesen Text in der Zweitverwertung und weist explizit darauf hin, dass auch der Rubikon auf Spenden angewiesen ist und Unterstützung braucht. Wir brauchen viele alternative Medien!

Für das Forttreiben des Profitimperativs wurde der Versuch durchgeführt, die digitale Welt auf eine bisher beispiellose Art zu fördern und damit gleichzeitig die Einsamkeit wegen der Entgesellschaftung und die Notwendigkeit der Isolierung verschärft. Das Kapital darf für sein Fortbestehen weder gestoppt noch hinterfragt werden. Deshalb erschien die digitale Eindringung als unter den gegenwärtigen Bedingungen unentbehrlicher Imperativ zur Profitmacherei.

Das atomisierte Onlinewesen ersetzte die medizinisch empfohlene präventive Isolierung. Gemäß des neuen Imperativs konnten einige Menschen einen fortbestehenden kapitalistischen Gesellschaftsverband zelebrieren. Faktisch aber bedeutet die unaufhörliche Online-Erreichbarkeit alles andere als einen bleibenden Gesellschaftsverband.

Die digitale Verbindung hat tatsächlich ermöglicht, dass Menschen trotz der Gesundheitskrise und der dementsprechenden Sozialisolierung Kontakt miteinander halten konnten; auf der anderen Seite ist der Verlust der zwischenmenschlichen Sinnlichkeit eine neue Gesellschaftsdimension und keine Fortsetzung der bestehenden Verhältnisse.

Menschen gehören zugleich zur anorganischen und organischen Natur sowie zum gesellschaftlichen Sein. Als Lebewesen enthalten sie anorganische Materie wie Mineralien, aber jedes organische Wesen muss sowohl das einzelne Leben aufrecht erhalten als auch sich für den Fortbestand der Spezies Mensch reproduzieren. Der Tod führt hingegen zur Rückkehr in die anorganische Natur. Die Menschen aber reproduzieren ihre Leben nicht bloß aus einer genetischen Reaktion auf ihre Umwelt, wie bei manchen anderen Lebewesen, sondern im ständigen Austausch miteinander und der Umwelt. Der Grundmechanismus dieses Austausches ist die Arbeit, die die kausalen Bestimmungen der Natur beeinflusst und verändert.

Zerstörung des gemeinschaftlichen Tuns

Der Neoliberalismus hat ein schon existierendes kapitalistisches Phänomen auf eine neue Stufe gebracht: nämlich die Zerstörung kollektiver Kräfte beziehungsweise der gesellschaftlichen Verhältnisse, die unser soziales Leben strukturieren und regulieren. Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass das, was zwei Individuen getrennt machen, eine andere Qualität besitzt, als wenn sie gemeinsam etwas tun.

Dennoch wurde von der neoliberalen Lehre (ein Oxymoron) beziehungsweise von der Politik angekündigt, „so etwas wie eine Gesellschaft gibt es nicht“, das heißt die Qualität des gemeinsamen Tuns ist ideologisch vernichtet worden und an ihre Stelle eine eindimensionale Sphäre der Quantität getreten, als ob die Summe einzelner Teilen und das gemeinsame Verhältnisse dieser Teile gleich wären, als ob kein qualitativer Unterschied bestünde.

In der Natur kann so etwas nicht existieren. Alles, was existiert, kann nur in bestimmten Verhältnissen existieren. Beispielsweise Wasser: Für sich alleine, das heißt als einzelne Elemente, sind sowohl Sauerstoff als auch Wasserstoff hochentzündlich, zusammen bilden zwei Atome Wasserstoff und ein Atom Sauerstoff das Lebenselixier Wasser.

Auf der Ebene der Kultur beispielsweiese das Wissen: Ohne die Gemeinschaft müsste jedes Neugeborene „ganz von vorne“ anfangen, gäbe es keine Sprache, keine kulturelle Überlieferung, keine Arbeitsteilung, keine Bildung, keine Politik, et cetera, mit einem Wort: keine Kultur. Trotz der Ablehnung von allem, was das Menschsein ausmacht, ist dieser absurde Aphorismus Leitfaden für die Organisation der kapitalistischen Kulturen beziehungsweise Gesellschaften geworden.

In den letzten Jahrzehnten haben die Arbeiter und dementsprechend die Ideologie, die die Arbeitswelt reguliert, an die Möglichkeit der Macht atomisierter Individuen geglaubt, obwohl sie weder ökonomische noch politische Macht besaßen. Diese irrationale — also realitätsfremde — Lehre war aber kein Konzeptionsfehler, sondern sie wurde mit Absicht konzipiert und dann teils bewusst, teils unbewusst von Wissenschaftlern, Journalisten, Intellektuellen, Künstlern et cetera verabschiedet.

Es ist ebenfalls kein Zufall, dass westliche Gesellschaften zusammenfallen und als einziger Wert das Mantra des Eigennutzes übrigbleibt, des Egoismus, des Krieges von allen gegen alle. Keine Gesellschaft kann existieren, in der das einzige gemeinsame Interesse darin besteht, kein gemeinsames Interesse zu haben.

Die gesellschaftliche Atomisierung, mit anderen Worten die Herabsetzung von Individuen zu Konsumenten hat den bislang bestehenden Gesellschaftsverband zersprengt. In seine Stelle trat ein Verhältnis zwischen atomisierten Individuen und Waren. Das außerhalb der naheliegenden kapitalistischen Sphäre zwischenmenschliche Verhältnis ist zu einer Vermittlung von Waren geworden.

Das Produkt — nun als Ware — hat aufgehört, von einem jeden Menschen getragen zu werden, sondern ist stattdessen der Träger des Menschen geworden. Das Produkt ist nicht mehr ein Moment des menschlichen Austausches, der menschliche Austausch ist ein Moment des Produkts geworden. Der Mensch — ursprünglich das Subjekt — ist zum Prädikat geworden; das Produkt — ursprünglich das Objekt (oder Prädikat) — ist zum Subjekt geworden.

Atomisierte Individuen

Wie können sich Menschen aufeinander beziehen, wenn sie aufgehört haben, jeden menschlichen Kontakt zu pflegen? Das gesellschaftliche Individuum hat sich in ein atomisiertes Individuum verwandelt. Seine Einsamkeit ist kein Symptom einer Depression, einer Pathologie, einer Krankheit, sondern das Resultat einer Preisgabe, gesellschaftlich zu handeln, politisch zu streben, menschliche Beziehungen zu pflegen, für emanzipierte Arbeitsverhältnisse zu kämpfen. Das Alleinsein im Alltag und der atomisierte Kampf, um seine Lebensexistenz innerhalb der kapitalistischen Arbeitsverhältnisse zu ermöglichen, verdeutlichen seine notwendige Unsicherheit.

Dadurch entsteht eine existentielle Furcht, eine Unbeholfenheit beziehungsweise eine Ohnmacht zu handeln. In einer Welt, wo die herrschende Macht so konsolidiert, organisiert, akkumuliert ist, wie kann ein Einzelner allein dagegen kämpfen? Die darin eingebettete Handlungsunfähigkeit ist das Ergebnis von schon über mehrere Jahrtausende bestehenden Beherrschungstaktiken, zum Beispiel, die Taktik „teilen und beherrschen“. Das heißt, wenn eine Gruppe zersplittert ist, wird sie als getrennte einzelne Individuen schwach und leicht beherrschbar.

Eine zweite Taktik lautet: „beherrschen, ohne zu kämpfen“. Das heißt, wenn einzelne Individuen daran glauben, dass sie ohnmächtig beziehungsweise handlungsunfähig sind oder der Feind unbesiegbar ist, dann geben sie jeden Kampf auf, bevor sie damit überhaupt begonnen haben.

Nicht nur die gesellschaftliche Atomisierung, sondern auch das Zurückziehen in die digitale Welt verfestigen die Furcht sowohl vor der eigenen Existenz als auch vor der Empörung gegen die derzeitigen Lebensbedingungen. Die Furcht wiederum verursacht eine Betäubung beziehungsweise eine Lähmung nicht nur des eigenen Lebensvermögens, sondern auch der gesellschaftlich unentbehrlichen Zugehörigkeit.

Die Fähigkeit empathisch zu sein, nimmt ab im umgekehrten Verhältnis zum Wachstum dieses Prozesses der Entgesellschaftung. Je einsamer, je isolierter, desto unfähiger jemand ist, den anderen beziehungsweise seinen Schmerz überhaupt zu spüren, desto schwieriger ist es, sich selbst und seine Umwelt wahrzunehmen. Empathie ist keine angeborene menschliche Geschicklichkeit, sondern eine Fähigkeit, die innerhalb einer bestimmten Art des menschlichen Zusammenlebens entsteht, daher ist sie sowohl an die Vergesellschaftung als auch an die gegenseitige Rücksicht beziehungsweise Anerkennung geknüpft. Der Arbeitsprozess ist dafür grundlegend und erforderlich, weil sich Menschen in diesem Prozess in gewissem Grad kooperativ verhalten müssen, um ihre Existenz zu sichern.

Das durch die Digitalisierung isolierte Individuum dringt in die Privatsphäre des Anderen rücksichtslos und angreifend ein. Aus der kooperativen Arbeit wurde nun eine rein individuelle Arbeit, die komplett selbständig und voneinander unabhängig erfolgt. Gemäß der neoliberalen Lehre war jedes Individuum schon vor der Coronakrise ein Unternehmen geworden, sodass jedes Individuum auch jedes Problem selbst verursacht haben musste, an jedem so-genannten Scheitern und aufgetauchten Schwierigkeiten, die ein Individuum in seinem Leben haben konnte, musste es selbst schuld gewesen sein.

Mit dem Zurückziehen auf die digitale Welt ist das atomisierte Individuum nun eine besondere Art von Unternehmen, da es nun stets erreichbar sein muss. Die Vermittlung durch den Handy- beziehungsweise Rechnerbildschirm kennt keine menschliche Spur auf der anderen Seite des Bildschirms — beziehungsweise Kommunikationskanals. Die digitale Anforderung an einen Kontakt kennt daher keine menschliche Grenze.

Eine Art ewige Bereitschaft

Bringt diese Form des Austauschs einen Verlust von Respekt und Höflichkeit mit sich? Jede digitale Kommunikation ist von vornherein eine Eindringung, die keine Grenze kennen kann. Das vermittelte Verhältnis bedeutet eine Umkehrung des Kommunikationsvorgangs. Das Verhältnis erscheint nur als ein Verhältnis zwischen digitalen Autonomen beziehungsweise Gadgets, während die Menschen nun bloß als ihr Treibstoff erscheinen.

Daher ist die von einem Menschen wahrgenommene Eindringung nichts anderes als das unpersönliche Imperativ des Kapitals, das keinen menschlichen Wert wie etwa Respekt oder Höflichkeit kennt, sondern nur den ökonomischen Wert des Profits. Das, was als menschliche Eindringung erscheint, ist faktisch konkretisierte, dennoch fließende ausgeübte kapitalistische Macht.

Die Aufhebung von Raum und Zeit — eine Art ewiger Bereitschaftsbetrieb —, die mit der quantitativen Zunahme der Digitalisierung eine neue qualitative Ebene erreicht hat, ist das Ergebnis und gleichzeitig auch die Voraussetzung für die Zerstörung beziehungsweise mindestens die weitere Herabsetzung zwischenmenschlicher Verhältnisse und, dadurch, der Empathie. Zwar sollten die kapitalistischen Verhältnisse durch die Digitalisierung vor einer Krise bewahrt werden.

Doch wär die ewige Bewegung des Kapitals zum Stillstand gebracht worden, hätte das Kapital aufgehört, Kapital zu sein. Die aktuelle Entwicklung erscheint nun vielmehr als der bisher höchste Grad der menschlichen Entfremdung.

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Danke an den Autoren für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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Dieser Artikel erschien zuerst am 03. Juni 2021 bei Rubikon – Magazin für die kritische Masse.

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Bildquelle:     Nick Brundle Photography / shutterstock

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