Defender 2020. Manöver der Schande

Willy Wimmer: “Schande, das NATO-Drohmanöver gegen Russland, 75 Jahre nach Ende des 2. Weltkrieges“

Von Willy Wimmer.

Wenn eine Feststellung jemals zutreffend gewesen sein sollte, dann ist es diese: so etwas hätte es bei Helmut Kohl als Bundeskanzler nicht gegeben. Jedem Zeitgenossen sind noch die Bilder von Verdun, dem großen Schlachtfeld des Ersten Weltkrieges in Erinnerung. Vor dem Mahnmal von Douaumont reichten sich der französische Staatspräsident Francois Mitterand und der deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl die Hände. Jeder, der dabei gewesen ist und jeder, der diese Bilder in Erinnerung hat, wußte, das diese Geste nichts von politischem Flugsand an sich haben würde. Das war bei Willy Brandt im Warschauer Ghetto nicht anders. Damit wurde nicht nur dem Gedenken in würdiger Weise entsprochen. Damit war eine Verpflichtung verbunden, die weit über den Anlaß hinausgehen würde. Selbst die große Militärparade 1962 auf dem französischen Truppenübungsplatz von Mourmelon, die der französische Präsidenten-General Charles de Gaulle und Konrad Adenauer auf den Schlachtfeldern beider Weltkriege mit Truppengattungen beider ehemals verfeindetes Armeen und Staaten abnahmen, atmete den Geist einer möglichen Versöhnung. Friede sollte zwischen beiden Staaten und Völkern möglich sein.

Die deutsche Bundeskanzlerin, Frau Dr. Angela Merkel, begeht mit der Teilnahme deutscher Soldaten bei dem größten NATO-Manöver seit Ende des Kalten Krieges gegen Russland einen Tabubruch, der geeignet ist, genau das gegenüber der Russischen Föderation und dem russischen Volk nicht entstehen zu lassen, was durch großartige Gesten und vernunftbetontes Handeln möglich wurde: dauerhafter Friede und mögliche Versöhnung.

Es ist gerade das russische Volk, das den deutschem Menschen mit einer Aufgeschlossenheit begegnet, die nach den Verheerungen des Zweiten Weltkrieges und dem Angriff des Deutschen Reiches gegen die Sowjetunion eigentlich völlig unvorstellbar sein würde. Nein, man kann sich auf den Straßen und Plätzen dieses großartigen Landes aufhalten, wo man will: man ist als Deutscher willkommen. Bei meinem Besuch 1987 in der berühmten Taman-Division nahe Moskau als erster westlicher Verteidigungspolitiker war selbst das Divisionsmuseum frei davon, die Soldaten der gegnerischen Wehrmacht herabzusetzen. Der Politoberst der Division lies sich mit den Worten seiner Mutter vernehmen, daß um diese jungen deutschen Soldaten auch eine Mutter trauern würde.

1985 hat der deutsche Bundespräsident Richard von Weiszäcker im Deutschen Bundestag ein Verhalten angeprangert, das „geschichtsvergessen“ genannt werden könne. Dieses Wort ist auf das Verhalten der gesamten deutschen Staatsspitze heute anzuwenden. Sie hat dafür gestimmt, dieses Manöver mit deutschen Soldaten ablaufen zu lassen. Sie hat die Zielrichtung festgelegt und läßt die Generale der Bundeswehr über das Manöver so reden, wie sie es tun. Sie hat nichts dagegen, daß sich deutsche Soldaten „in den Vorgärten von Leningrad/St. Petersburg“ eingegraben haben. St. Petersburg ist heute eine strahlende Perle der gemeinsamen europäischen Kultur. Am 28. Januar 2020 wird in Jerusalem der russische Präsident Putin anläßlich einer Gedenkveranstaltung der Befreiung von Auschwitz ein Denkmal enthüllen, das an die Blockade Leningrads durch das Deutsche Reich im Zweiten Weltkrieg erinnern wird. Die deutsche Bundeskanzlerin wird anwesend sein und trägt dafür die Verantwortung, daß Russland heute Ziel des gleichen Ungeistes von „Versailles“ geworden ist und zu werden droht, wie er mit dem Ersten Weltkrieg und Versailles das eigene Land getroffen hatte.

Es ist geradezu kein Wunder, daß die deutsche Bundesregierung im Mai des Jahres 2019 nicht an „Versailles“ vor einhundert Jahren erinnert hat oder der Herr Bundespräsident in einer von ihm zu verantwortenden Gedenkveranstaltung. Versailles bedeutet nicht nur „Ungeist der Rache“ sondern die bewußte Unfähigkeit, sich um Frieden zu bemühen. Stattdessen war den Diktat-Verantwortlichen von Versailles bewußt, den Fahrplan zum nächsten Krieg mit „Versailles“ 1919 aufzulegen. Wolfgang Effenberger hat in diesen Tagen darauf aufmerksam gemacht, daß des französische Marschall Foch, an dessen Grab US-Präsident Trump 2017 stand, von einem weiteren Krieg in etwa zwanzig Jahren sprach.

Er sollte sich nicht irren. Dieses Denken kommt mit dem NATO-Großmanöver, bewusst zum Tag des Kriegsendes am 9. Mai 1945 angelegt, erneut zum Ausdruck. Als hätte es noch eines weiteres Beweises bedurft. Über ein Impeachment wird ein amerikanischer Präsident gejagt, der im Wahlkampf den Ausgleich mit Russland propagiert hatte. Der „NATO-Westen“ kann keinen Frieden, er kann nur Krieg, ob kalt oder heiß.

Die amerikanische Konferenz von Bratislawa / Slowakische Republik im April 2000 hat das amerikanische Ziel für Europa deutlich gemacht: Eiserner Vorhang zwischen Ostsee und Schwarzem Meer, Russland kann bleiben, wo es will und sich in kleinere Stasten zerlegen oder zerlegt werden. Das Ende Januar 2020 beginnende Manöver der NATO ist ein „Manöver der Schande“, das nur den Kriegstreibern dient.

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung.

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Bildquelle: Bumble Dee/ shutterstock

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Dieser Artikel erschien am  20. Januar 2020 auf der Seite World Economy

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9 Kommentare zu: “Defender 2020. Manöver der Schande

  1. Sehr geehrter Herr Wimmer,
    wie gut, dass Sie Ihre Stimme immer wieder laut und deutlich vernehmen lassen, dass Sie warnen vor den Gefahren, die von solchen Manövern ausgehen, und dass Sie klarmachen, in wie geringem Maße die gegenwärtige deutsche Regierung ihrer Verantwortung und ihren Möglichkeiten gerecht wird. Mögen das viele lesen und bedenken.

  2. Vielen Dank in Willy Wimmer, treffender kann man es nicht sagen:
    Der „NATO-Westen“ kann keinen Frieden, er kann nur Krieg, ob kalt oder heiß.
    Die NATO ist eine Raubmordorganistion zur Ausweitung der westlichen Märkte und zum Rauben von Ressourcen.

    Die Begriffe "Verteidigung" oder "Wertewesten" sind schlicht Orwellsche Propaganda. Jeder, der in irgendeiner Form für die NATO arbeitet macht sich schuldig. Diejenigen, die meinen, sie würden gemäß der bestehenden staatlichen Ordnung und entsprechend der offiziellen Propaganda ihre Pflicht tun, wenn sie für die NATO arbeiten, erinnere ich an die Mauerschützenprozesse. Dort wurde sogar von 18-jährigen verlangt, Unrecht und Mord zu Erkennen und sich gegen die staatliche Ordnung zu stellen. Da wird sich ein erwachsener Bundeswehroffizier wohl später kaum herausreden können.

  3. 75 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkrieges sollte Deutschland dem Krieg eine endgültige Absage erteilen, stattdessen wird es zu einem Unterwerfungsritual und zur offiziellen Anerkennung den Krieg als politisches Mittel anzuerkennen.

    Wer sich verteidigen muss bevor eine echte Gefahr droht, d.h. präventiv aggressive Maßnahmen ergreift, übergeht den menschlichen Dialog. Das Handeln unserer Bundesregierung und des Bundestages zeugt nicht von Selbstbewusstsein in Anbetracht einer Nachbarschaft sondern folgt der ideologischen Überhöhung einer vermeintlichen atlantischen Stärke.

    • Danke für das Konzert. Das Schöne, Gute und Wahre hat mehr Kraft als jegliche Dummheit, denn schöpferische Kraft ist die wahrhafte Quelle des Lebens.

  4. Defender 2020 – allein der Name ist eine Lüge – ist ein gefährliches Unterfangen. Es wäre wünschenswert, es wären keine deutschen Einheiten dabei. Man kann nur hoffen, dass aus der Übung nicht ernst wird.

    • …dass aus der Übung nicht ernst wird. Das kommt mir irgendwie bekannt vor.
      Kann sich Trump gegen den militärisch-industriellen Komplex durchsetzen?
      Dass D. mit Merkel keine Souveränitätsansprüche, wozu ein erster Schritt die Weigerung wäre, an dem Manöver teilzunehmen, geltend macht, zeigt, dass wir Politiker vom Formt Brandt und Kohl nicht mehr haben, die zwar auch die Kanzlerakte unterschrieben haben, aber mehr als der 51. Staat der USA sein wollten.
      Wer sich dem Imperium nicht unterordnet, wird bestraft, dass wissen alle Staaten der Welt. Sie dürfen sich nicht länger spalten lassen.

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