Der Fall Nawalny: Eine Provokation westlicher Geheimdienste? (Teil 1)

Teil 1: Wer als erster Nowitschok schreit, hat gewonnen. „Cutouts“ erledigen die Propaganda.

Von Jürgen Cain Külbel.

Die Saga um den medizinischen Notfall Alexei Nawalny begeistert täglich mit überraschenden Wendungen. Zuletzt warf das Spurenbeschaffungskommando „Team Nawalny“ eine aus Alexei Nawalnys Zimmer im Tomsker Hotel Xander gestohlene, nach Berlin entführte Wasserflasche in den Ring; ein Bundeswehr-Labor will Spuren des Nervengiftes Nowitschok daran entdeckt haben. Die späte Präsentation der Flasche, deren „Sicherstellung“ ein Video auf Nawalnys Instagram-Kanal dokumentiert, ist eine geschickt gestellte Falle, die insinuieren soll, Nawalny kann nur in Russland vergiftet worden sein. Mediale Aufschreie, nun seien Tatort, Spuren vernichtet, Beweise entwendet etc., sind gewollt, da sie das Narrativ weiterhin verdichten; e diverso machen sie aber die toxikologischen Ergebnisse der russischen Ärzte in Omsk wertlos. Die hätten das Gift doch entdecken müssen – haben sie aber nicht, erst die ehrenwerten Labore in Deutschland, Frankreich, Schweden. Die zweite Falle wurde mit Maria Pewtschik aufgemacht, um die aus London stammende Begleiterin Nawalnys, die nachher auf mysteriöse Weise verschwand. Egal wie man es dreht: war sie die Giftverabreicherin oder nicht, war sie der Transporteur der Flasche von Tomsk nach Omsk oder nicht, selbst wenn sie für Drahtzieher in London gearbeitet hätte – all das unterfüttert das Narrativ, der Tatort befinde sich auf russischem Boden, was den Befunden der Omsker Forensiker, Toxikologen den Gnadenschuss versetzen soll. Ich will das nur ankratzen, doch gehe ich davon aus, dass das „Team Nawalny“ zum Stillschweigen verdonnert wurde. Daher sehe ich die Veröffentlichung des Videos durch Nawalny als einen in Absprache mit interessierten Stellen getätigten Vorgang im Rahmen des Informationskrieges um die Deutungshoheit in dem Fall.

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Hamish de Bretton-Gordon, und Hamish de Bretton-Gordon war das Wort.

Jede Edel-Marke hat sein unverwechselbares Branding. Ferrari, na klar, ein italienischer Flitzer; Porsche, Mercedes, klar doch, deutsche Präzisionsarbeit. Und Nowitschok, ein so unverwechselbar russisches Wort, gibt jedem Mord mit Nervengift den drive, den es braucht – sagst du Nowitschok, meinst du russisches Verteidigungsministerium, meinst du den russischen Militär-Nachrichtendienst, die Hauptverwaltung für Aufklärung GRU (Glawnoje Raswedywatelnoje Uprawlenije). Genial ausgedacht. Vor dem März 2018 war das Wort Nowitschok kaum in der Welt; Fachleute kannten es, Geheimdienstler, einige Presseleute. In den öffentlichen Gebrauch mit abschreckender Wirkung gelangte es erst nach dem medizinischen Vorfall um den MI6-Spion Sergej Skripal und Tochter Yulia in Salisbury; und zwar durch Zutun der britischen Partner.

Ich habe mehrfach über den britischen Oberst a. D., Hamish de Bretton-Gordon geschrieben, jenen Ex-Nachrichtendienstler, Zuarbeiter für den britischen Auslandsgeheimdienst MI6 (SIS), den Chemiewaffen-Experten, der im Giftgas-Theater in Syrien in Kooperation mit dem MI6, den Weißhelmen von Beginn an mitmischte, wie auch im Fall Skripal. Verblüffend jedoch sein jüngstes Geständnis: Am 3. September 2020 erschien sein Buch „Chemical Warrior“, eine Art Selbstheiligsprechung. Unzweifelhaft liest man zwischen den Zeilen, dass er sich als ein neuer Lawrence von Arabien spiegelt, ein „furchtloser Chemiewaffen-Krieger“, der in Syrien tödlicher Gefahr ausgesetzt war, der die Welt selbstlos vor Giftgasen aller Art rettete. Doch sollte man sich von de Bretton-Gordon keine Hörner aufsetzen lassen, auch wenn er für sein Buch hochherrschaftlich lasziv in Army-Jacket mit paspeliertem Revers gekleidet neben Geweih, Fusel, Fernglas posiert. Eine Passage in „Chemical Warrior“, in der er auf den Fall Skripal eingeht, ist jedenfalls mehr als pikant; da hat ihm wohl die Selbstbewunderung einen Streich gespielt: Im März 2018, wenige Stunden nach dem Vorfall mit den Skripals in Salisbury, de Bretton-Gordon befand er sich auf einer Sicherheitskonferenz in Abu Dhabi, bemerkte auf seinem Handy „verpasste Anrufe von einer mir bekannten Nummer“, die von Freunden in der Geheimdienstwelt“ stammten. Er, der Zivilist, an den sich die britische „Geheimdienstwelt“ händeringend und hilfesuchend wandte, rief zurück. Der Teilnehmer erklärte:Wir haben eine Situation (…) Wir glauben, dass es in Salisbury einen chemischen Angriff gegeben hat.“ De Bretton-Gordon ließ sich die Situation am Telefon erklären, stellte prompt die Fern-Diagnose: „Ich dachte, das klingt eindeutig nach einem anderen staatlich geförderten russischen Hit-Job, bei dem offensichtlich ein Nervenagent eingesetzt wurde. Es klang jedoch weitaus ernster als alles, was wir jemals zuvor gesehen hatten, weitaus wirksamer. ‚Es könnte Nowitschok sein‘, platzte es aus mir heraus.“ Aha, wenige Stunden nach dem medizinischen Vorfall um die Skripals wusste der im fernen Abu Dhabi weilende Zivilist Bescheid, dass die Russen dahinter steckten und gab auch gleich den Nowitschok-GRU-Takt an, der die Welt seither in Atem hält.

Porton Down, das Zentrum der britischen Chemie- und Biowaffenforschung, wo de Bretton-Gordon aus- und eingeht, musste seine Diagnose natürlich nur noch bestätigen. Das dort später und pflichtgemäß im Fall Skripal eruierte Nowitschok – (getürkte Proben?) wurde dann der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) übergeben, die nur noch abzunicken brauchte. Die direkten Kontakte de Bretton-Gordons in die OPCW hinein, die alles nicht besser machen, beschreibe ich im dritten Teil dieses Beitrages.

Am 4. April 2018, also einen Monat nach dem Vorfall in Salisbury, verschwatzte sich der „Zivilist“ de Bretton-Gordon in The Guardian: „Nachdem ich viele verschiedene Geheimdienstquellen gesehen habe, bin ich zu 100 Prozent zuversichtlich (…), dass die Russen schuldig sind. Porton Down hat die Arbeit gemacht, die sie tun müssen. Sie haben den Nervenkampfstoff identifiziert und gesagt, dass es sich um Nowitschok handelt.“ Gegenüber Radio Freies Europa/Radio Liberty bestätigte er, „dass Geheimdienstinformationen, die er gesehen habe, eindeutig auf die Einrichtung in Schichany (Russland) hinwiesen. Die dort lagernden Mengen von Nowitschok reichen für Angriffe aus, seien aber für militärische Operationen zu klein.“

Und so kam das Wort Nowitschok in die Welt, das für immer und ewig mit den Wörtern Russen, Putin, GRU verbunden bleiben soll. Am 22. August 2020, zwei Tage nach dem Vorfall mit Nawalny, druckte die Daily Mail eine von de Bretton-Gordon verfasste Eigenwerbung für sein Buch ab, in der er behauptet, er sei von Putin, dem Leibhaftigen, persönlich bedroht worden: „Während meiner Arbeit in Syrien vor zwei Jahren (…) [erhielt mein britischer Arztfreund David Nott] einen Anruf von einer unterdrückten Nummer. Es war Putin selbst (…) [der} bedrohlich sagte: ‚Sagen Sie Ihrem Freund de Bretton-Gordon, er soll Assad keine chemischen Angriffe mehr vorwerfen.‘“ Lassen wir das mal so stehen, auch wenn es zu aufgetragen erscheint. Dass de Bretton-Gordon jetzt seine Memoiren verbreiten darf, ist jedoch ein gutes Zeichen, scheint er doch für „vergeheimnissende“ Projekte verbrannt zu sein. Was ihn aber nicht abhält, den Fall Nawalny als Werbe-Trommelfeuer für sein Buch zu nutzen. Was für ein Timing – oder letzter Lohn?

De Bretton-Gordon und Komplizen geben dem Fall Nawalny die Richtung

Natürlich ließ sich Hamish de Bretton-Gordon im medizinischen Vorfall Nawalny nicht lumpen. Am 20. August 2020 twitterte er zynisch: Meine Güte, eine russische Vergiftung?!, um zwei Tage später Zweifel an der russischen Schuld abzuschmettern: Nur einen Hauch verdächtig? Seither macht er anti-russischen Nowitschok-Krawall auf allen Kanälen im In- und Ausland unter Feilbieten seines Buches. Perfekt.

Und de Bretton-Gordons Freund aus gemeinsamen Tagen im Panzer-Regiment, der BBC-Journalist Mark Urban, der den MI6-Spion Sergei Skripal vor dessen angeblicher Vergiftung mit Nowitschok umfangreich interviewen durfte, darüber die „Die Akte Skripal“ verfasste, spricht ebenfalls am 24. August 2020 von einer möglichen Vergiftung (Nawalnys) durch Nervengift“. Am gleichen Tag läßt das MI6-Sprachrohr Luke Harding, ein vom Russenhass zerfressener britischer Journalist, seinen Kumpel de Bretton-Gordon in The Guardian zu Wort kommen: „das Vorhandensein von Cholinesterasehemmern (in Nawalnys Körperflüssigkeiten) darauf hindeute, dass (der) an einer Vergiftung durch Nervengift leide. (…) die Messung des Cholinesterase-Spiegels (wird) routinemäßig in Porton Down, der Einrichtung der britischen Regierung, durchgeführt, in der das gegen Skripal verwendete Nowitschok identifiziert wurde.“ Vier Tage hat es gedauert, bis de Bretton-Gordon endlich das Zauberwort Nowitschok im Zusammenhang mit Nawalny über die Lippen brachte.

Verscheuchen wir den britischen Nebel: De Bretton-Gordon kennt Mark Urban, der Sergei Skripal kennt. Luke Harding kennt de Bretton-Gordon und den Ex-MI6-Christopher Steele, der das „Trump-Dossier“ verfasste sowie dessen Geschäftspartner Ex-MI6-Pablo Miller, der Führungsoffizier von Skripal war.

Am 25. August findet sich de Bretton-Gordon endlich auch im Hamburger Spiegel: Es ist einen Hauch verdächtig, dass jemand, der sich vehement gegen den russischen Staat wendet, so erkrankt. Am 26. August 2020 legte er auf Radio National Breakfast, eine nationale Nachrichtensendung in Australien, das Motiv vor, das nachher vom Mainstream übernommen wurde: Die Vergiftung Nawalnys sei eine Warnung an andere, die Putin und dem Regime kritisch gegenüberstehen. Am 2. September 2020 präzisierte er in BBC Newsnight:Wenn das Ziel darin bestand, ihn abzuschrecken und als Gegner aus dem Spiel zu nehmen, ist das erledigt.

Die britische Geheimdienst-Kloake und Bellingcat

Britische Ex-Nachrichtendienstler halten immer zusammen: So sind/waren Bob Seely, Hamish de Bretton-Gordon, der Suizident James Le Mesurier, ein korrupter britischer Offizier seiner Majestät der Königin und Gründer der „Weißhelme“, ein Herz und eine Seele. Das heutige Mitglied des britischen Parlaments Bob Seely, tätig im Foreign Affairs Select Committee, hatte eine gute Beziehung zum Weißhelm-Gründer: James war ein Bekannter; seine Frau Emma war eine gute Freundin von mir. Sie hatten vor einigen Jahren eine wundervolle Hochzeit in der Türkei, an der ich teilnehmen durfte… Mit Hamish de Bretton-Gordon und einer Crew britischer Ex-Offizier reiste Seely sogar im Juli 2018 ins türkische Gaziantep, um Vorbereitungen auf einen bevorstehenden Giftgas-Fake in der nordsyrischen Terroristenhochburg Idlib zu überprüfen; The Telegraph am 23. Juli 2018: „Britische Chemiewaffenexperten bereiten Syriens Ärzte für den ‚Doomsday‘ in der letzten Rebellenfestung vor“. 

De Bretton-Gordon, Bob Seely, bis zu seinem Tode auch James Le Mesurier, sind seit Jahren mit dem NATO-Propaganda Outfit Bellingcat verbandelt. De Bretton-Gordon, der für den MI6 angebliche Giftgasproben aus Syrien herausholte, um einen Vergeltungsschlag der NATO-Terror-Achse gegen Syrien zu provozieren, steht mit Bellingcat-Gründer Eliot Higgins seit spätestens 2013 in Kontakt. Doch auch die Amerikaner haben bei Bellingcat das Sagen; schließlich hält Higgins sein antirussisches Konstrukt mit Geldspritzen der CIA-nahen US-amerikanischen Denkfabrik National Endowment for Democracy am Leben. Higgins ist der pummelige Vorturner, der seiner Marke Bellingcat den Stallgeruch vom einsamen Nerd, der von zu Hause aus nach Durchschnüffeln von Open Sources jederart Kapitalverbrechen aufklärt, anheften soll. Die eigentliche Nummer Eins bei Bellingcat ist für mich der Bulgare Christo Grozev, der dort die Fäden zieht. „Der steckt bis zur Hüfte im Arsch der Geheimdienste“, kommentierte jemand, das will ich mir aber nicht zu eigen machen. Aber mit dem britischen Ex-Geheimen Seely hat er was; mit ihm präsentierte Grozev beispielsweise seine „ermittelten“ russischen GRU-Attentäter in Sachen Skripal. Allerdings kann ich nicht behaupten, dass der Tory-Abgeordnete und Ex-Militärnachrichtendienstler Bob Seely Grozevs Führungsoffizier sei, denn der kümmert sich ja auch noch rührend um Eliot Higgins, den er unter anderen in der rechtslastigen Henry Jackson Society unterbringt, in der sich Sir Richard Dearlove tummelt, der Ex-Chef des britischen MI6. Jedenfalls ist die Kooperation zwischen dem Ex-Nachrichtendienstler Seely und Bellingcat sowie Grozev in persona ausgezeichnet.

Wobei wir wieder beim MI6 wären. Am 3. Dezember 2918 hielt Sir Alex Younger, Chef des britischen Auslandsgeheimdienstes, eine seltene Rede; vor Studenten der University of St Andrews sprach er über Interna. Lesen Sie gut mit: Wir haben die Täter entlarvt und die bisher größte kollektive Vertreibung russischer Geheimdienstoffiziere aus der NATO und den Partnerstaaten koordiniert, wodurch die russischen Geheimdienstfähigkeiten erheblich beeinträchtigt wurden.“ Es war der MI6, der die russische Täterschaft konstruierte – nicht die Bellingcat-Kochlehrlinge, die am Laufband neue Rezepte für russische Kriminalgerichte liefern.

Es ist bekannt, dass der MI6 gern „Cutouts“ benutzt, also Kreise, die vielleicht keinen direkten Kontakt oder keine dokumentierbare Beziehung zu denen haben, die sie mit „Informationen“ und „Beweisen“ füttern, denen möglicherweise auch nicht bewusst war oder ist, dass sie benutzt werden. Genügt es den Londoner Schlapphüten, dass diese „Cutouts“, die meistens gut vernetzt sind, Verbindung zu großen Medien herstellen, gewollte Schuldzuweisungen und Informationen verbreiten. Natürlich existieren Mittelsmänner als direkter Draht zwischen „Cutout“ und Hintermännern. Möglicherweise ist Grozev so einer, doch ich kann es nicht behaupten. Durch diesen Cutout-Trick erfassen wir nur die Außendarstellung dessen, was wer hinter den Kulissen geköchelt hat – die Profi-Köche bleiben indes stets im Dunklen. Für mich ist Bellingcat ein sehr gut aufgestellter, organisierter, vernetzter „Cutout“, der eigene Ableger pflegt, in Deutschland beispielsweise beim Spiegel, dort in enger Kooperation mit dem Journalisten Fidelius Schmid. Man muss aber ehrlich eingestehen: Bellingcat ist ein „Cutout“, der im Propaganda-Krieg leider die Nase ganz weit vorne hat, extrem erfolgreich britisch-amerikanische Geheimdienstküche mit großer Kelle verteilt. So auch im Fall Nawalny.

Die Spur Nowitschok wurde mit langem Atem vorbereitet

Omsk in Sibirien, Donnerstag, 20. August 2020: Die Rettungssanitäter hatten die Hecktür der Schnellen Medizinischen Hilfe, die den schwer erkrankten rechtsnationalen Oppositionellen Alexei Nawalny vom Flughafen in das Notfallkrankenhaus Nr. 1, Intensivstation, Perelyota Street 9, Uliza Pereljota 9 transportierte, noch nicht geschlossen, da twitterte Christo Grozev, „Hauptermittler“ bei Bellingcat, „das Maß an Besorgnis und Unterstützungsangeboten für @navalny aus dem Rest der Welt ist überwältigend. Hilfsangebote kamen auch von den bulgarischen Ärzten, die 2015 den von der GRU vergifteten Emilian Gebrev behandelten“. Die Omsker Ärzte mühten sich zu dem Zeitpunkt, Nawalnys Leben zu retten; eine Diagnose lag noch nicht vor. Doch Grozev verknotete das unklare Geschehen um Nawalny mit dem Ereignis um den bulgarischen Waffenhändler Gebrev, zu dem Grozev selbst in die Welt gesetzt hatte, der wäre mit Nowitschok angegriffen worden. Und zwar von russischen Geheimdienstlern der GRU. Die Nervengift-Spur zum Nachteil der Russen war also schon wenige Stunden nach dem Kollaps von Nawalny gelegt.

Am 26. August 2020 legt der Spiegel nach; drei Autoren, darunter Grozev von Bellingcat – wir erinnern uns: das Scharnier zwischen ihm und de Bretton-Gordon ist der Ex-Nachrichtendienstler Bob Seely – bringen den Vorfall Nawalny in Zusammenhang mit anderen, vermeintlich von russischen GRU-Agenten verübten Giftanschlägen. Am 28. August 2020 heißt es in einem weiteren Stück: „Ein verwandter Fall interessiert die Ärzte der Berliner Charité nun offenbar besonders: der Giftanschlag auf den bulgarischen Waffenhersteller Emilian Gebrew vor fünf Jahren. Es stellte sich heraus: Einer der Mitarbeiter des russischen Auslandsgeheimdienstes GRU, der auch bei der Skripal-Vergiftung eine Rolle spielte, war kurz vor Gebrews Zusammenbruch dort eingereist. In dieser Woche haben sich Charité-Experten nach SPIEGEL-Informationen an die bulgarischen Ärzte von Gebrew gewandt, um dessen klinische Befunde mit denen von Nawalny zu vergleichen. Offenbar sehen sie Parallelen. Die Experten der Charité klären im Fall Nawalny den Einsatz eines Nervenkampfstoffs ab. Diskret ersuchten die Berliner auch Hilfe bei der Bundeswehr und in Porton Down in Großbritannien (…) Eines lässt sich mit Sicherheit sagen: Nawalnys Vergiftung ist ein Resultat des Systems, das Putin aufgebaut hat. Und kaum jemand zweifelt daran, dass es eine direkte Linie gibt von dieser Tat bis in die obersten Etagen der russischen Führung.“

Briefkasten der Dienste“

Der 1969 im bulgarischen Plowdiw geborene Grozev studierte an der American University in Sofia; alimentiert von George Soros und der United States Agency for International Development (USAID). 1995 bot ihm die US-Firma Metromedia International – gegründet von John W. Kluge, ein ex-OSS-Agent (Vorgänger-Organisation der CIA), vor Bill Gates der reichste Mann Amerikas – eine Tätigkeit innerhalb ihrer russischen Assets an: Grozev startete Radio Nika in Sotschi, den Kanal Melody, Eldoradio in St. Petersburg, dutzende Radiosender im Baltikum, Finnland, Bulgarien, Ungarn. Im Jahr 2000 wurde er dann Präsident von Metromedia International. Als die Firma 2003 das Radiogeschäft beendete, erwarb er die russischen Radiostationen, verkaufte sie später an die französische Firma Lagardere. Nach 2006 war Grozev als Investor in verschiedenen Medienanlagen tätig; vor allem in den Niederlanden, Bulgarien.

Heute lacht halb Bulgarien über Bellingcatsinvestigativen Journalisten“: Grozev ist natürlich der moderne Baron von Münchhausen. Er zieht an seinen Haaren und kann fliegen. Einmal flog er sogar auf einer geheimen Mission zum Mond. Ein anderes Mal wurde er aus einer Kanone abgefeuert und landete direkt im Hauptquartier der Pressegruppe 168chasa als ‚Käufer‘ von Trud und 24chasa, zusammen mit Ognyan Donev und Lubo Pavlov … Jetzt gibt es eine neue Inkarnation – einen ‚investigativen Journalisten‘, einen internationalen, der russische Spione jagt. Sie halten uns wohl für Zwiebelköpfe., feixte der Journalist Nedyalko Nedyalkov, Eigentümer des unabhängigen Mediums pik.bg. Nedyalkov spielt auf einen Medienskandal aus 2011 an. Die Bulgaren Donev, Pavlov, Grozev kauften zwei der einflussreichsten politischen Tageszeitungen mit der höchsten Auflage – Trud und 24 chasa. Verkäufer war der deutsche Konzern Westdeutsche Allgemeine Zeitung. Grozev konnte das für seinen Anteil notwendige Geld wohl nicht im Ansatz aufbringen. Da ein anderes Tandem, die Herren Vasilev und Peevski, ebenfalls Interesse an dem medialen Beutestück zeigten, wechselte Grozev die Seiten. Eine Schlammschlacht begann: Grozev verklagte 2012 die Ex-Partner Donev und Pavlov wegen Geldwäsche durch Verkauf von Aktien und Dokumentenbetrug. Später gestand Vasilev, dass er Grozev finanziert hatte, um an die Medien heranzukommen. Der Geldwäschefall wurde von der Staatsanwaltschaft im März 2013 eingestellt, nachdem Grozev als Zeuge zurückgezogen hatte und die Staatsanwaltschaft feststellte, dass es überhaupt keine Beweise gab. Böse Menschen würden meinen, Grozev sei käuflich, jongliere mit falschen Tatsachenbehauptungen – ich mache mir das nicht zu eigen, denn er ist ja nach Lesart des westlichen Mainstream ein prämierter und international renommierter Investigativer, der in blitzschneller Aufklärungsarbeit – allerdings irgendwie autistisch nur gegen GRU-Russen – alle Kriminaler und Spione dieser Welt in den Schatten stellt; vielmehr gefällt mir die Diagnose seines Ex-Geschäftspartners Donev: Grozev „braucht spezielle Hilfe.”

Die hat Grozev jetzt, ist er doch nach der Pleite in Bulgaren zuerst als “Investigativer” bei Bellingcat aufgeschlagen, dann beim Hamburger Spiegel, bekannt durch die lügende Wunderwaffe Claas Relotius. Das spiegelt sich auch im jährlich wiederholenden Selbstbefriedigungsakt des Mainstream, dem European Press Prize: 2017 erhielt ihn Relotius, 2019 Grozev. Folgerichtig wurde für 2020 Bellingcat nominiert, der Geheimdienst des Volkes, eine Selbstbezeichnung, die das transatlantisch abgerichtete NATO-DesinformationsKommando dem ehrenwerten Aufklärer Julian Assange geklaut hat. Miroljuba Benatowa, eine bekannte bulgarische Journalistin mit 26 Jahren Erfahrung in den größten Rundfunkgruppen des Landes, ist darüber empört: Grozev sei gar kein Journalist, sondern ein Briefkasten der Dienste„.

Grozevs Bemerkung im Januar 2020 im bulgarischen Fernsehsender bTV, dass es schwer sei, ein Investigativer zu sein, kommentierte Anna Zarkowa, Reporterin der Trud, so: Ich habe nie einen Kollegen sagen hören, dass es harte Arbeit ist, ein investigativer Journalist zu sein (…) [zu Grozev:] du sitzt an einem Computer in einem Wiener Wohnzimmer und untersuchst dies und das. So entdeckst du russische Spione in den Alpen und bekommst eine Belohnung. Und dann kommst du bei Hekimian [Nachrichtendirektor bei bTV] vorbei, um ihm zu erzählen, wie und wann KGB- und GRU-Offiziere heimlich zwischen der Schweiz und Bulgarien herumspazieren.“ Grozev, Bellingcat-Akteur der ersten Stunde, ist tatsächlich die treibende Kraft hinter den Desinformationskampagnen in Sachen Skripal, MH17, den Kapitalverbrechen um Changoschwili, Gebrew, nun auch im Vorkommnis Nawalny. Und eines hat er mit Hamish de Bretton-Gordon gemeinsam: auch er leidet unter dem Wahn, die Russen seien hinter ihm her: „Russland versuchte, ihn durch Drohungen und Erpressungen zu erschrecken, dass er seine Arbeit aufgebe“. Aber er zeigte sich als wahrer Held: Ich bin mir bewusst, dass ich meine Familie einem Risiko aussetze. Zum Glück verstehen sie, dass das, was ich tue, wahrscheinlich etwas wichtiger ist als das Risiko.Andere sagen, Grozev habe doch keine Wahl, er muss seine Schulden bei den Amerikanern abarbeiten, die ihm damals die Radiojobs in Russland und anderswo zuschoben – auch das mache ich mir nicht zu eigen.

Eine Bitte zum Schluss an Spiegel, Bellingcat, The Insider. Kollegen, falls ihr auch im Fall Nawalny plant, GRU-Attentäter ins Spiel zu bringen: beachtet doch diesmal bitte die Frauenquote! Es gibt so viele hübsche russische Spioninnen.

Im zweiten Teil erzählt ein Zeuge, was sich während des Fluges von Herrn Nawalny von Omsk nach Berlin ereignet haben soll. Untersucht werden zudem die Ungereimtheiten hinsichtlich der „Bestätigung“ des Nowitschok-Fundes durch verschiedene Labore.

Der Autor:
Jürgen Cain Külbel, 1956 in Thüringen geboren. Studium der Kriminalistik an der Humboldt-Universität zu Berlin,
Kriminalist von 1974 bis 1988. Freiberuflicher Journalist für Junge Welt, Neues Deutschland, Al Watan, Ad Diyar, RT Deutsch u. a. 2006 Buchveröffentlichung „Mordakte Hariri“, die in der arabischen Edition zum Bestseller avancierte.

Investigative Artikel zu den „Vergiftungsfällen“ Skripal und Nawalny, dem Chemiewaffen-Theater in Syrien, zu britischen Geheimdienstmachenschaften bei RT Deutsch

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Dieser Artikel erschien zuerst in einer kürzeren Version am 03. Oktober 2020 bei RT-Deutsch

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Vielen Dank an den Autor für die exklusive Zurverfügungstellung einer erweiterten Artikelversion.

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Bildquelle: Herr Loeffler / shutterstock

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