Der Gott von Manhattan und Henry Kissinger

Auszug aus dem Roman „Alle Wünsche werden erfüllt“ von Renate Schoof, erschienen im Verlag zeitgeist.

Auszug 2

Ein Eichhörnchen kreuzt Amelies Weg, schaut sie herausfordernd an. Nun flitzt es den Stamm einer Buche hinauf, beäugt sie aus sicherer Höhe. Was mag in dem kleinen Kopf vorgehen, fragt sie sich. Versteht, warum diese roten Waldkobolde schon immer die Fantasie der Menschen beschäftigten. Dunkel erinnert sie sich an zwei sprechende Eichhörnchen in einem Hörspiel von Ingeborg Bachmann. „Der gute Gott von Manhattan“, hieß es, darüber hatte sie während des Studiums gearbeitet. Ein US-amerikanischer Gott – so oder ähnlich hat sie damals geschrieben. Oder nur gedacht? –, der einem Liebespaar eine als Geschenk verpackte Bombe bringen lässt, die den Körper der jungen Frau zerfetzt.

Die Erinnerung wird deutlicher. Ihre Interpretation war darauf aufgebaut gewesen, dass Ingeborg Bachmann in den 50er-Jahren bei ihrem Aufenthalt in den USA Henry Kissinger als Professor einer Summerschool kennengelernt hatte. Der einzige Vorwurf gegen die seinerzeit sehr gut benotete Arbeit lautete, dass Amelie Kissingers politischen Auffassungen über Staatsterrorismus darin zu breiten Raum gegeben hätte. Ingeborg Bachmann hatte den Geist des Politologieprofessors erkannt, geahnt, dass er ein gnadenloser Politiker werden würde.

Der Hörspielgott von Manhattan hatte eine Frau in die Luft gesprengt, weil sie liebte, weil sie vorbehaltlos liebte. Im Denkschema wirtschaftlicher und militärischer Hardliner musste Liebe als eine Form der Anarchie mit dem Tod bestraft werden. Dieser Gott bedauerte, dass nur Jennifers Körper von der Bombe zerrissen worden war und nicht auch der ihres Geliebten namens Jan. Unsagbares musste Ingeborg Bachmann bei ihrem Aufenthalt in den USA erspürt, beobachtet und erfahren haben. In ihrem Hörspiel wurde der maskulin gedachte Gott von einem männlichen Richter lediglich als Zeuge vernommen, nicht als Täter. Und selbstverständlich wurde er nicht als Mörder und Terrorist verurteilt. Er ging straffrei aus, genau wie Kissinger. Henry Kissinger, ein Mitschuldiger an Bombardements mit Tausenden von Opfern, ein Mitschuldiger an hunderttausend Folterungen und bestialischen Morden, nicht nur in Chile damals, am Verschwindenlassen unschuldiger Menschen durch Abwerfen über dem Meer. Der schreckliche Politiker, ein furchtbares Beispiel dafür, wie aus ehemaligen Opfern schlimmste Täter werden können. Amelie spürt, wie sehr sie das alles wieder aufwühlt, all die Gräueltaten, die Gegenwart geblieben waren, bis heute ungesühnt zur Politik der Großmacht gehören.

Schon in ihrer Semesterarbeit hatte sie sich gewundert, wie die Bachmann Ende der 50er-Jahre voraussehen konnte, welche Wunden im Auftrag Kissingers – oder mit seiner Billigung – geschlagen werden würden. In Argentinien, in Chile, in Kambodscha, auf Zypern und anderswo. „Für viele Menschen in Chile ist der vor dem Putsch so typische Lebensmut, die fröhliche Zuversicht und Aufbruchsstimmung nicht zurückgekehrt nach den Jahren mit Folterungen und Morden.“ Diese Aussage einer Chilenin war in ihre Arbeit eingegangen. Die Frau war als Kind Mitte der 70er-Jahre mit ihren Eltern nach Deutschland geflohen. Sie erzählte von der nächtlichen Angst, ein Familienmitglied könne abgeholt werden. Sie litt an schweren Schlafstörungen, die Angst hatte sich in ihr eingenistet. Eine von Hunderttausenden. Und die guten Götter von Manhattan leben unbehelligt als geehrte, ja hofierte Zeitgenossen, die gut schlafen können.

Bombenterror in einem Hörspiel, lange bevor Anschläge zu alltäglichen Nachrichten wurden. Ingeborg Bachmann erhielt den Hörspielpreis der Kriegsblinden dafür. Damals wurde noch ausgezeichnet, wer die Inhumanität der USA künstlerisch umsetzen konnte. Die Wahrheit ist den Menschen zumutbar. Die Lieblosigkeit nicht. Else Lasker-Schüler und Ingeborg Bachmann, Amelie sieht sie vor sich, die blonde Klagenfurterin und die in Wuppertal geborene Jüdin, beide zerbrochen an privater und gesellschaftlicher Lieblosigkeit. Sie hatten sich den Männern, die sie liebten, mit all ihren Ecken und Kanten zugemutet, mit ihren Macken, ihren Eigenheiten – und die Männer waren offensichtlich überfordert gewesen. Doch öffentlich wirksam, hatten sich die Dichterinnen auch einer inhumanen Gesellschaft zugemutet und preisgegeben.

Während Amelie, abgetaucht in eine innere Welt, weitergeht, bleibt das Eichhörnchen, mal von Baum zu Baum springend, mal über den Boden hüpfend, ihr ständiger Begleiter. Nun schaut es sie an, als wollte es fragen: „Und was habe ich damit zu tun?“

Gute Frage, denkt Amelie. Warum hat Ingeborg Bachmann Eichhörnchen zu Boten des „Guten Gottes von Manhattan“ gemacht? Wohl weil sie dem verliebten Paar in schwindelnde Höhen folgen konnten, als Fassadenkletterer am Wolkenkratzerhotel, überlegt sie. Und meint, Frankie und Billy höhnisch und voller Schadenfreude über das Zünden der Bombe keckern zu hören.

Kein Wunder, dass Eichhörnchen Menschen von Anfang an beeindruckt haben, denkt sie. Schon in der altnordischen Lieder-Edda spielt es das Botentier, das hatte sie während der Studienarbeit nicht gewusst. Die Mythen der Frühzeit begegneten ihr erst später, aber Ingeborg Bachmann wird die Edda gekannt haben.

Wenn sie sich recht erinnert, trägt ein Eichhörnchen Botschaften von dem in den Wurzeln hausenden Drachen zum Adler im Wipfel der Weltesche und die Antwort gleich wieder zurück zum Drachen. Das passt. Sie hatte die von ihr nacherzählte Geschichte zum Thema im Kunstunterricht gemacht, und ihre Schüler malten mit großer Hingabe. Besonders faszinierend fanden sie, dass der Drache da unten und der Adler da oben Gehässigkeiten austauschten, sich beständig stritten.

Seltsam, erst jetzt wird ihr klar: Die Vorfahren haben ein gutes Bild geschaffen von Kopf und Bauch, die, damals wie heute, nur selten dasselbe wollen, zu wenig in Einklang miteinander leben.

Renate Schoof: Alle Wünsche werden erfüllt

Klappenbroschur, 275 Seiten, 16.90 Euro, Verlag Zeitgeist Print & Online, Höhr-Grenzhausen
www.zeitgeist-online.de/alle-wuensche-werden-erfuellt

Zum Inhalt:
Mitten im Leben neu beginnen. Raus aus dem überfordernden Alltag und der zu eng gewordenen Partnerschaft. Endlich Luft zum Atmen und Träumen, endlich Platz für Wünsche.

Amelie lebt nun in einer Stadt für Anfänge und überraschende Begegnungen. Sie genießt es, unterwegs zu sein, zu malen – und sich zu verlieben. Der Verdacht, an Krebs erkrankt zu sein, verändert alles: Amelie gerät in einen Irrgarten aus Angst und Hoffnung. Doch da ist auch das Bedürfnis, dem inneren Kompass zu folgen.

Einfühlsam, klug und kenntnisreich gelingt es der Autorin, Gegenbilder zum Üblichen zu entwerfen. Das Streben nach Freiheit in Geborgenheit wird mit gesellschaftskritischen Gedanken verbunden, aber auch mit Fragen zu künstlerischer Arbeit, zu Ganzheit und Gesundung.

Die Schriftstellerin Renate Schoof lebt in Göttingen. Sie hat mehr als 20 Bücher für Erwachsene, Jugendliche und Kinder veröffentlicht, u.a. den Roman „Blauer Oktober“, den  Erzählungsband „In ganz naher Ferne“, sowie die Kinder- und Jugendromane „W + M = Liebe?“ und „Wiedersehen in Berlin“. siehe auch: https://kenfm.de/renate-schoof/

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