„Der Mensch ist Mittel. Punkt.“ Nachruf auf Dieter Hildebrandt

Von Ken Jebsen.

„Der Mensch ist Mittel. Punkt.“

Dieter Hildebrandt hat sich für immer in die ewigen Jagdgründe verabschiedet.

Was soll man dazu sagen?
Sein störsender.tv-Team, das er vor kurzem mit ins Leben gerufen hatte, sieht die Sache mit schwarzem Humor und titelt: „Spiel, Satz und Sieg“.

Wir stimmen dem nur bedingt zu, und auch Hildebrandt selber hätte das Wort ,Sieg‘ bestimmt nicht benutzt.

Wenn der zweitgrößte Kabarettist der Nachkriegszeit – Nr. 1 bleibt Wolfgang Neuss – etwas verabscheut hat, dann war es Krieg. Und Krieg wird immer geführt, um zu siegen. Oder präziser: Um zu besiegen.

Besiegt wird immer ein anderer Mensch. Oder auch hier präziser – denn Hildebrandt war Mr. Präzision: Besiegt werden mindestens zwei Menschen.

Auch der, der offiziell gesiegt hat, ist danach nicht mehr der selbe. Er zahlt einen hohen Preis. Er ist irreparabel verroht und wird so zum Problem für alle übrig gebliebenen. Sogar die eigenen Leute.

Krieg macht immer beide Seiten kaputt.

„Alles was Krieg kann, kann Frieden besser“.

Das ist ein Satz, den Dieter Hildebrandt sofort unterschrieben hätte. Ihm ging es ja sein Leben lang um ein Aufstehen gegen Ungerechtigkeit. Widerstand gegen Willkür.

Dieter Hildebrandt hat das nur immer sehr witzig und pointiert verpackt. So, dass der Zuschauer noch darüber lachen konnte.

Warum? Weil Hildebrandt genau wie Stéphane Hessel oder Jean Ziegler wusste, dass man die schon ziemlich lange anhaltenden Verhältnisse nur mit Humor ertragen kann, um parallel und permanent gegen sie anzuschreiben.

Hildebrandt war ein Schreibtischtäter, in Kombination mit einer Rampensau.

Er hat nie die Schnauze gehalten, und ist immer dahin gegangen, wo es weh tut. Was ihm und seinem Team bei störsender.tv nicht wirklich gelungen ist, ist der Sprung über die Klippe der übernächsten Generation.

störsender.tv sprach Menschen an, die schon wussten. Aufgeklärte Menschen. Fans von Hildebrandt und die Kabarettisten-Generation. Dieser Effekt ist normal, und nur sehr sehr wenigen politischen Köpfen gelingt es, diese Klippe zu überwinden. Spontan kommt da Stéphane Hessel in den Sinn. Sein Buch „Empört Euch“ verkaufte sich rund eine Million Mal. Vor allem an eine junge Generation wütender Franzosen.

Wie gehen wir, die Zurückgebliebenen, jetzt mit dem Tod von Dieter Hildebrandt um?

Trauer? Resignation? Frust?

Alles eben nicht. Hildebrandt war über 80. Er war lange schwer krank und erlag einem Krebsleiden.

Was wir jetzt tun sollten, ist, uns darüber klar zu werden, dass der Stab der politischen Verantwortung jetzt vor unseren Füßen liegt und von uns aufgenommen werden sollte, wenn wir das nicht sowieso schon getan haben.

Jetzt stehen wir in der Verantwortung, diese Welt fairer zu gestalten. Die menschenfeindliche Weltordnung, den Kapitalismus, wie wir ihn heute ertragen müssen, zu ersetzen. Nicht durch ein neues „System“, sondern durch ein uns völlig neues, und damit in Wahrheit uraltes Menschenbild.

Die Rückkehr des Humanismus ist unsere zentrale Aufgabe, und diese Aufgabe können wir nur lösen, wenn wir das, was der große Soziologe Arno Grün den „Verlust des Mitgefühls“ nennt, rückgängig machen.

Wir müssen unsere Gleichgültigkeit aufgeben. Auf allen Gebieten. Fast alle von uns leben nach dem Credo „Halt dich raus, dann kommst du in nichts hinein.“ Eine sehr sehr naive Einstellung.

Wir können absolut nachvollziehen, dass sich unmittelbare Optionen anbieten und auch genutzt werden, wenn man sich heute ansieht, wie wenige Global Player das Spiel machen und gewinnen, während die Rest-Menschheit auf der Strecke bleibt.

Entweder man greift zu Drogen, wobei Koma-Shoppen die am besten getarnteste darstellt, oder man schließt sich einer Terroristischen Vereinigung an, radikalisiert und isoliert sich also, wobei ein kompletter Rückzug in a-soziale Netzwerke als eine Art Vorstufe fungieren kann – nicht muss.

So oder so hat man wenig erreicht, und dabei liegt der Schlüssel in unser aller Händen. Wir leben in einer ICH-Gesellschaft. Diese iGesellschaft verkauft uns, dass die Selbstverwirklichung das Allergrößte sei.

Vom Tellerwäscher zum Millionär. Als Solist. Jedes Kind weiß, dass nur dann einer extrem viel haben kann, wenn die große Masse im Gegenzug am Hungertuch nagen muss.

Reichtum ist immer auch ein Weg aus der Machtlosigkeit. Das macht Reichtum für viele so attraktiv.

Nur ist der Einzelne eben gar nicht machtlos. Im Gegenteil. Alles, was die Ichlinge der Ich-Gesellschaft erkennen müssen und auch könnten, wenn sie es mal versuchen würden, ist, dass alle ICHs zusammen ein gigantisches WIR ergeben.

WIR sind 99%! Warum ist es UNS, den 99%, bisher nicht gelungen, UNSEREN Planeten endlich zu einem Ort zu machen, an dem Globalität sich nicht auf die Verfügbarkeit von Wirtschaftsgütern einiger weniger Hersteller bezieht, sondern auf ein globales Einstehen für Menschenwürde?

Was ist daran eigentlich so schwer zu verstehen? Und was ist daran so „unmöglich“, dass WIR es nicht endlich mal umsetzen wollen?!

Dieter Hildebrandt ist tot, aber die Aufgabe, die auch er Zeit seines Lebens sah, bleibt. Wir müssen alle Zusammenarbeiten, um den Egoismus zu überwinden. Hier liegt des Pudels Kern.

Diese Genration, die Generation @, hat als erste überhaupt die Chance, sich, da global vernetzt, auch global zu solidarisieren.

LET‘S DO IT!

Unsere Zeit läuft nämlich ab, womit nicht gemeint ist, dass die NSA schon an einem neuen StaSi-Update bastelt. Das tut sie – aber das ist hier nicht gemeint.

Der „moderne“ Mensch ist dabei, etwas zu schaffen, was vor ihm noch keiner anderen Spezies gelungen ist. Er schafft sich selber ab, indem er binnen 150 Jahren aus einem blauen Planeten einen Ort macht, an dem vor allem er selbst nicht mehr überleben kann.

Es ist der größte Irrtum aller „Hochkulturen“, die bisher auf der Erde gelebt haben, zu glauben, dass SIE für immer überleben würden. Egal, wie sie sich verhalten. Diese Einschätzung über sich selber ist arrogant.

Arroganz ist die höchste Form der Dummheit.

Wenn wir etwas aus dem Leben Dieter Hildebrandts mitnehmen sollten, dann das:

GIB NIEMALS AUF!

Hildebrandt war keiner, der je klein beigegeben hätte. Er hat niemals die Segel gestrichen. Das ist seine wesentliche Botschaft an uns, die Zurückgebliebenen.

Was uns Dieter Hildebrandt darüber hinaus klar machen sollte ist, dass guter Wille allein nicht reicht. Die Segel setzt man nicht mit Worten. Man muss auch seinen Hintern ins Rennen schicken.

Die FORM des Protestes, des Widerstandes, ist heute ein wesentlicher Schlüssel zum Erfolg.
Die Form kann nur formen, wenn DU deinen Protest umsetzt. Ihn auf die STRASSE trägst. Massenhaft.

Die, die Hildebrandt Zeit seines Lebens ansprach, waren kritische Geister. Schön. Aber was waren sie noch?

Waren sie nur kritisch? Oder waren sie auch persönlich aktiv? Gingen sie persönlich ein Risiko ein?

Oder trafen sie sich, wie 99% der Besucher politischer Kabarett-Programme, um z.B. durch Hildebrandt, Hüsch, Pispers, Schramm, Pelzig, Tegtmeier oder Matthias Beltz nur unterhalten zu werden?

Was die meisten Kabarettisten ein ganzes Leben lang nicht schaffen ist, dem Publikum klar zu machen, dass die Missstände, die auf der Bühne zu Pointen verarbeitet werden, als Missstände nur existieren, da das Publikum vor Ort, meist Menschen mit besserem Einkommen, höherer Bildung und belesen, es zulässt.

Der Feind, der auf der Bühne skizziert wird, findet seinen größten Unterstützer im Saal. Wer das als Kabarettist so offen ausspricht, spielt im Anschluss vor leerem Haus. Das unterscheidet Kabarettisten von Aktivisten.

Wenn DU also etwas aus dem Tod von Dieter Hildebrandt lernen willst, dann das: Warte nicht auf den nächsten Hildebrandt. Den nächsten Dutschke. Den nächsten Hessel, Sankara oder Ellsberg. Den nächsten Manning, Assange oder Snowden.

Was haben all diese Menschen gemeinsam? Sie haben, bevor sie in die Öffentlichkeit traten, keine Whistleblower-Schule besucht und keine Ausbildung zum Revoluzzer. Nein.

Sie sind schlicht und einfach ihrem Gewissen gefolgt. Und der Rest ergab sich.

Der Mensch wächst mit seinen Aufgaben. Wenn du ein Leben lebst, dass dir nicht fair erscheint, dich täglich mit der Frage „Kommt da noch was?“ konfrontierst, dann mach einen simplen Schritt.

Der Mensch wächst mit seinen Aufgaben. Such dir eine solche Aufgabe. Werde Aktivist.

AKTIVIST, WER AKTIV IST.

Dieter Hildebrandt war, bei aller kabarettistischen Begabung, ein solcher Aktivist. Jetzt ist er tot.

Aber bist du am Leben?

Der treffendste Satz, den Hildebrandt je um-formuliert hat, stammt von einer großen Volkspartei und wurde als deren Wahlbotschaft verkauft:

„Der Mensch ist Mittelpunkt“, hieß es da.

Dieter Hildebrandt erkannt in dieser Partei-Message einen kleinen Fehler. Er ergänzte den Claim durch einen PUNKT:

„Der Mensch ist Mittel. Punkt.“

Das trifft auch nach Hildebrandts Tod weiterhin zu. Ändere DU das.

Werde Aktivist!

 

 

3 Kommentare zu: “„Der Mensch ist Mittel. Punkt.“ Nachruf auf Dieter Hildebrandt

  1. Dieter Hildebrand ist einer von denen, deren Bewusstsein zu groß und deren Empfindsamkeit zu fein war, um nicht nur von wenigen wirklich verstanden zu werden. Das ist irgendwie die Tragik, der man in unserer gesamten Entwicklungsgeschichte immer wieder begegnet. Aber nichts gegen Optimismus und Hoffnungsfreudigkeit, lieber Ken!

  2. „Hildebrandt war keiner, der je klein beigegeben hätte.“

    Leider ist es genau dieser Satz den ich nicht nachvollziehen kann.

    Jemand der Kabarettist wird hat bereits klein beigegeben und wenn ich mir bei Youtube seine Sketsche ansehe oder was der Störsender macht dann ist es doch eher seichte Kritik.

    Nichts gegen den Entertainer Hildebrandt aber wenn es zu konkreten Lösungen kommt zeichnet sich immer schnell nebulös, idealistischer Anarchismus ab.

    Allgemein scheint dass aber wie eine Berufskrankheit zu sein…

  3. Leider habe ich Hildebrandt überhaupt erst mit dem Störsender kennengelernt (auch wenn es ein paar sehr kritische Ausgaben gab, ein interessantes Magazin), weshalb ich zu ihm nicht viel sagen kann. Dennoch ist es ein gut getroffenes Statement von dir Ken, nur wird sich an der Situation wohl leider (vorerst) nichts ändern. Wie sagte Andreas Popp einst: „Satt geht nicht auf die Strasse“. Vielleicht müssen wir unseren „Gegener“ auch erst einmal voll realisieren und ihn besser kennenlernen um ihn „anzugreifen“. Es bringt ja nichts Symptome zu „bekämpfen“, man muss das Übel an der Wurzel packen, nur ist der Mensch das Übel selbst. Man kann zwar das System abschaffen und ein anderes errichten, aber gerade dies ist es ja wiederum was vom Menschen geschaffen wird. Eine Zwickmühle sondergleichen.

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