Der Russe vor der ARD – Ein Denkmal für eine Feindbild

Von Ulrich Gellermann.

Feierlich klingt Marschmusik auf: Vor dem TAGESSCHAU-Studio haben sich Damen im Kostüm und Herren im Dreiteiler versammelt. Mit ernstem Gesicht tritt Dr. Gniffke an das Mikro: „Wenn wir uns heute und hier versammelt haben, um das Denkmal des RUSSEN zu enthüllen, dann wissen wir warum. Der RUSSE ist der wahre Anchorman unserer Nachrichten. Denn er ist der Feind. Und wer einen Feind hat, der hat auch eine Richtung. Und – wie ich schon in meinem Handbuch zum Thema „Wie Journalismus auch einfacher geht“ geschrieben habe – ohne Richtung ist alles nichts! So verneigen wir uns denn vor einem Denkmal, das unser immer daran erinnern soll, dass unsere Väter nicht umsonst vor Stalingrad gefallen sind!

Hinten, in der dritte Reihe der Denkmal-Einweihungs-Gemeinde stehen die Kollegen der ARD-Beobachtungsstelle (Bräutigam & Klinkhammer). Sagt der eine. „Umsonst?“. Sagt der andere: „Quatsch, Vergeblich!“ Aber lesen Sie weiter unten:

Programmbeschwerde:
Tendenzjournalismus- Rückzug russischer Truppen aus Syrien
TS 15.03. 2016, 20 Uhr
http://www.tagesschau.de/multimedia/sendung/ts-13075.html
 
 
Sehr geehrte Frau Vorsitzende,
 
der Bericht über den Beginn des Abzugs russischer Kampfflugzeuge aus Syrien ist ARD-aktuell in der Hauptausgabe der Tagesschau einmal mehr zu einem Musterbeispiel feingesponnener antirussischer Propaganda geraten. Diesmal nicht mit dezenten Falschangaben, auch die missbräuchliche  Wortwahl überstieg nicht das übliche Maß.  Vielmehr verhinderte das Weglassen wesentlicher Zusatzinformationen, dass sich der Zuschauer ein stimmiges Gesamtbild machen konnte. 
Studio-Text:
 
„Nach der überraschenden Ankündigung von Präsident Putin gestern hat Russland damit begonnen, seine Truppen aus Syrien abzuziehen. Erste Militärmaschinen haben nach russischen Angaben bereits ihre Heimatbasis erreicht. US-Außenminister Kerry will kommende Woche in Moskau Gespräche über den Teilabzug führen. Der Beginn des Syrienkrieges jährt sich heute zum fünften Mal.“
 
Das klingt außerordentlich sachlich und ist es doch nicht, weil die Darstellung so tut, als sei Russland seit fünf Jahren mitverantwortlich für diesen Krieg. Es wird nichts über Kontext und Ziel der Reise des US-Außenministers gesagt und verschwiegen vor allem, dass die USA Haupttriebfeder des Syrienkrieges sind, s. u.a.:
 
„Indiens Botschafter bestätigt: Krieg in Syrien wurde von aussen angezettelt“
http://www.zeit-fragen.ch/index.php?id=2366
Robert F. Kennedy Jr.:„Warum die Araber uns in Syrien nicht wollen“
http://www.nachdenkseiten.de/?p=32213
 
Es folgt eine Grafikserie „Fünf Jahre Krieg in Syrien“, auch diese versetzt dem Bericht im Kontext des russischen Abzugs einen propagandistischen Drall. Statistischen  Angaben:
 
250 000 Tote (davon 90 000 Soldaten der regulären syrischen Armee).  4,8 Mio. Flüchtlinge in Nachbarländer (!) 6,6 Mio. Binnenvertriebene im eigenen Land.
 
Anzumerken ist zu diesen Daten, dass die EU-Staaten sicher keine Nachbarländer Syriens sind, aber ein Viertel der syrischen Asylsuchenden aufnahm; die Bezeichnung „Binnenvertriebene“ für die Gesamtheit der 6,8 Mio Binnenflüchtlinge ist unzutreffend, weil nur ein sehr kleiner Teil dieser Ärmsten Vertriebene im Wortsinne sind.
 
Der anschließende Korrespondentenbericht enthält als Unappetitlichkeit einen Satz, den Th. Aders von ungenannter Diplomaten an nicht genanntem Ort aufgeschnappt haben will:
 
„Mit dem Ende des rund fünfmonatigen russischen Kampfeinsatzes an der Seite der syrischen Armee – so Diplomaten heute – wachse der Druck auf Präsident Assad, sich an den Genfer Verhandlungen ernsthaft zu beteiligen.“
 
Das äußert der gleiche Journalist, der erst wenige Wochen zuvor im Interview von Präsident Assad den Satz überlieferte: „Wenn das syrische Volk will, dass ich diesen Platz räume, dann habe ich das sofort und ohne Zögern zu tun“. Abwegig ist die Andeutung über Assads bisher mangelhafte Verhandlungsbereitschaft, weil der Syrer sich lediglich geweigert hatte, mit Terroristen der al Nusra und des IS zu verhandeln; fehlenden Willen, sich „an den Genfer Verhandlungen ernsthaft zu beteiligen“, kann ein Korrespondent ihm nur unterstellen, wenn er sich dabei hinter nicht genannten Diplomaten unbekannter Herkunft und Bedeutung versteckt.
 
Erwartungsgemäß enthält der Bericht wieder die ARD-aktuell-typische propagandistische Unterscheidung zwischen guten und bösen Kopfabschneidern. Die Russen hätten bei ihrem Kampfeinsatz:
„Stellungen von Rebellen und islamistischen Milizen unter Beschuss genommen“
Gekrönt wird die ganze Agit-Prop-Darbietung mit einem kontextfreien und dieser Form vollkommen unsinnigen Ban-Ki-Moon-Zitat
„5 Jahre nach Beginn des Bürgerkrieges steht die Welt vor einer humanitären Katastrophe von nie dagewesenem Ausmaß“
 
Erstens ist „humanitäre Katastrophe“ eine blödsinnige contradictio in adiecto und ein Produkt der Schaum-vorm-Maul-Journaille. Zweitens hat es in der Menschheitsgeschichte bedauerlicherweise sehr viel größere Katastrophen als die in Syrien gegeben, davon mehrere wie die syrische ausgelöst von unseren „Freunden“ in Washington.
 
Zusammenfassung: Die Tagesschau bildete den Eindruck ab, Russland führe den Krieg in Syrien, habe ihn zumindest mitverursacht. Kein Wort darüber, dass der Luftwaffen-Einsatz der Russen von Anbeginn begrenzt war und es dabei ausschließlich um das Zurückdrängen bereits siegreicher Terroristenbanden des IS, der al Nusra und der al Kaida ging, von Verbrecherorganisationen also, die sich nach Originalrezepten und mit erheblicher materieller Unterstützung der USA gebildet hatten. Kein Wort über den notwendigen Fortgang des Kampfes gegen den IS, kein Hinweis generell auf die kriegstreiberische Rolle der USA, die Mitwirkung der Blutsäufer-Regimes in Riad und Doha sowie über das kriminelle und kriegsfördernde Treiben des Regimes Erdogan.
 
Mit einer Berichterstattung aus neutraler Distanz und im Bemühen um genaue und objektive, vor allem vollständige und stimmige Information hatten die TS-Nachrichten in dieser Sendung über den russischen Teilabzug wieder einmal nichts zu tun.
 
Höflich grüßen

Volker Bräutigam und Friedhelm Klinkhammer

 

Quellen: http://www.rationalgalerie.de/schmock/der-russe-vor-der-ard.html

 

Danke an den Autor für das Recht der Zweitverwertung.

KenFM bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Meinungsartikel und Gastbeiträge müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

2 Kommentare zu: “Der Russe vor der ARD – Ein Denkmal für eine Feindbild

  1. Ich möchte an dieser Stelle einmal vermerken das ich als ich noch geistig umnachtet die Bundeswehr besuchte zusammen mit Deutsch Russen Dienst an der Waffe tat. Ohne Witz . Echte Russen mit Deutschem Pass. Was haben wir Spaß gehabt . Ich kann nur sagen ich bin nie und zu keinem Zeitpunkt auf diese Anti Russen Kampagne herein gefallen. Vieleicht sollte man dem Normalen Deutschen doch ein Hang zur Intelligenz zugestehen das er auch nie dazu fähig wäre

  2. tagesschau.de = Abgehalfterter Laden, bei dessen neuen Internetauftritt allein fast 20 Millionen Euro Steuergelder unnötig verballert wurden, und wiederum dessen Online-Kommentarfunktion entweder — megapeinlich wie ärgerlich — permanent „überlastet“ ist oder nur noch als Abort für Klugsch**** oder Einlull-Kommentare dient.

    Sobald man dort anfängt sich kritisch zu äußern oder kritisch nachzufragen (ganz besonders wenn es um Regierungs- Merkel- oder US-Kritik geht!) war’s das, sofort „Rot“; Nichtveröffentlichung — die ts-Lohnzensoren werden immer schärfer darauf getrimmt.

    Kein Wunder dass es massenhaft personelle Abwanderung von dort gibt, Qualität massiv ausdünnt, bald nur noch die zweite und dritte Garnitur vorhanden ist, ja man muss sich beinahe wundern, dass man dort überhaupt noch auf ein paar gute, aufrichtige und undressierte Berichterstatter trifft. Wer kann es guten Leuten verdenken, sich früher oder später von dort abzuwenden?

    Die megapeinliche, dauernde und infantile Patzigkeit von diesem unsäglichen Obertagesschlaumeier Kai Gniffke, macht einem dann schmerzlichst bewusst, dass die schieren Massen an Gebühren-Gelder, von denen sich diese Vergeuder ungestraft bedienen dürfen, letztlich dazu verdammt sind, immer öfter in der journalistischen Gosse zu landen oder für miserabelste Regierungspresse zweckentfremdet zu werden.

    Das Beste an den ts-Kommentaren dieser arroganten Heulboje: Sein ultra-sexy Gniffke-Konterfei, was an diese synthetisch anmutenden Titel-Titten-Trullas solcher TV-Spielfilm- und TV-Movie-Titelseiten gemahnt.

    Für einen guten Nachruf z. B. an den leider jüngst verstorbenen Hans-Dietrich Genscher, braucht es keine tagesschau mehr. Ganz gewiss nicht. Und was der „Rundfunkrat“, das Schwarze Loch für zahllose tagesschau-Beschwerden, eigentlich noch soll, fragt man sich auch immer öfter.

    Beim vormals so genialen DLF sieht es mittlerweile übrigens auch immer öfter düster aus, so dass es einem beim Zuhören eiskalt den Rücken runterläuft, oder man das Radio nur noch ausschalten kann, weil so viel versuchte Hirnwäsche einem ansonsten den Tag restlos versaut. Insbesondere in den Morgen-Interviews kommen immer mehr Scharfmacher und politische Indoktrinierer zu Wort.

    Es ist bald echt eine Katastrophe.

    Die Verantwortlichen, also die Neunmalklugen und Verschlimmbesserer der Medienwelt, die Obrigkeits-Getriebenen und Kurzdenkenden, sie alle treten dabei Türen auf, die wir womöglich nie wieder zu bekommen.

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