Die Blaupause für eine ökologische Wende ist längst geschrieben

Ein Beitrag von Dirk C. Fleck.

Vor kurzem bekam ich über die Kontaktadresse meiner Website Post aus Neuseeland. Absender war Klaus Bosselmann, seit 1988 Professor für Umwelt und Völkerrecht an der Universität Auckland. Nun muss man wissen, dass Klaus Bosselmann einer meiner Heroes ist. Dies hat mit seinem Buch zu tun, das 1992 im Scherz Verlag erschien, im selben Jahr also, als mein erster Roman „Palmers Krieg“ veröffentlicht wurde, in dem ein Ökoterrorist einen gekaperten Supertanker vor das UN-Gebäude in New York steuert und mit der Sprengung droht, wenn nicht sämtliche Fernsehanstalten der USA für eine Woche ihr Programm einstellen, um CBS die Möglichkeit zu geben, das Publikum unter Anleitung von Wissenschaftlern und Umweltschutzgruppen über den wahren Zustand des Planeten aufzuklären.

Klaus Bosselmann schien damals von der gleichen Sorge gepeinigt wie ich. Allerdings sah er noch Auswege aus der Krise, die ich nicht mehr zu erkennen vermochte. Mit seinem Buch „Im Namen der Natur. Der Weg zum ökologischen Rechtsstaat“ lieferte er die Blaupause für einen radikalen, weil notwendigen, Umbau der globalen Zivilgesellschaft. Der Mensch, so Bosselmann, darf sich nicht mehr als das Maß aller Dinge begreifen, er muss lernen, sich als Teil der Natur zu sehen. Er muss ihren Eigenwert anerkennen und ihn zur Grundlage persönlichen und gesellschaftlichen Handelns machen.

Das Buch „Im Namen der Natur“ ist in vier Teile gegliedert.

Teil eins: Die neue Sicht der Wirklichkeit

Teil zwei: Das Ende des Industriesystems

Teil drei: Das System schlägt um

Teil vier: Die neue Ordnung

Im dritten Teil finden sich die Kapitel „Menschenrechte – Mitweltrechte“, „Abschied von der Anthropozentrik“, „Die veränderte Einstellung zur Natur“. Ein Kapitel im vierten Teil fasst dann die ganze Botschaft des Autors zusammen: „Eine Politik für die Erde“.

In seinem Schlusswort schreibt Klaus Bosselmann: „Auch die neue Ordnung ist kaum mehr als eine Metapher für eine Überlebensstrategie, deren Inhalte wir erst mühsam erarbeiten müssen. Und doch gibt es eine einfache Antwort auf die Frage, was wir zu tun haben: Wr müssen in unserem Alltag, und wo immer einzelne Verantwortung tragen, eine zusätzliche Verantwortung akzeptieren. Wenn Eltern im Namen ihrer Kinder handeln, Ärzte im Namen ihrer Patienten, Anwälte im Namen ihrer Mandanten, Journalisten im Namen ihrer Leser, Regierende und Richter im Namen des Volkes usw., dann sollte jeder einzelne sich aufgerufen fühlen, auch im Namen aller Menschen (heutiger und künftiger Generationen) und des Lebens schlechthin, kurz der lebendigen Natur zu handeln. Im Namen der Natur zu leben bedeutet, unser wahres Selbst zu entdecken. Und dieses Selbst wird sich eine andere Ordnung schaffen als die bisherige der Naturzerstörung. Die neue Ordnung wird kommen, wenn wir es wollen, genauer, wenn wir zur Kenntnis nehmen, welche tiefgreifenden Veränderungen sich in der Welt derzeit vollziehen. Die globale Revolution ist unumgänglich!“

Ist es nicht erfrischend, solche Worte zu vernehmen? Ich finde es wunderbar, dass jemand so unbeirrt und voller Zuversicht auf die Bewusstwerdung einer Spezies setzt, die nach wie vor in allen Lebensbereichen daran arbeitet, unsere fantastische Erde in die Tonne zu treten. Bisher kommen mir solche Postulate der Hoffnung jedoch vor, als würden wir auf einem Strand noch schnell ein Bündel Seegras pflanzen, um dem heran nahenden Tsunami die Stirn zu bieten.

Aber natürlich hat Klaus Bosselmann recht, wenn er sagt, dass eine bessere Welt nur möglich ist, wenn wir zu einer grundsätzlich anderen Lebens- und Weltanschauung finden. Die Frage ist nur, ob uns noch genügend Zeit bleibt, um uns der Lage wirklich bewusst zu werden. Die Krise, in der wir uns befinden, ist eine Krise der Herzen, und die ist nicht mal eben so leicht zu beheben. Wir wissen einfach nicht mehr, woran wir uns orientieren sollen, es ist ein moralischer Kollaps, den wir erleben. Die Beziehungen zwischen uns Menschen und den Pflanzen, Tieren und Wesenheiten unserer Mitwelt sind zerbrochen. Weil wir den Dünkel besaßen, uns selbst in den Mittelpunkt der Schöpfung zu stellen. Wir haben uns abgenabelt vom Leben, wir schätzen und schützen es nicht, wir nehmen unsere Mitwelt ausschließlich als Beute wahr.

Um aber nicht wieder als ewiger Nörgler und Pessimist abgestempelt zu werden, will ich einige Sätze aus meinem Roman MAEVA zitieren, die sich doch sehr mit der optimistischen Sichtweise Klaus Bosselmanns decken. In ihrer Inaugurationsrede als Präsidentin der URP (United Regions of the Planet) sagt Maeva folgendes:

„Angesichts der Wahrheiten, die es heute zu konfrontieren gilt, fühlen wir uns so klein und zerbrechlich, dass wir glauben, es würde uns in Stücke reißen, sobald wir uns erlaubten, unsere Gefühle über den Zustand der Welt zuzulassen. Wir befürchten eine tiefe Depression oder Lähmung. Aber das Gegenteil ist der Fall. Wenn wir den Schmerz, den wir für die Welt empfinden, unterdrücken, dann isoliert uns das. Wenn wir ihn jedoch akzeptieren, anerkennen und darüber sprechen, dann merken wir, dass er weit hinaus geht über unser kleines Ego, dann erfahren wir durch ihn eine größere Identität, dann wird er zum lebendigen Beweis unserer Verbundenheit mit allem Lebendigen. Unser Schmerz um den Zustand der Welt und unsere Liebe für die Welt sind untrennbar miteinander verbunden, sie sind zwei Seiten derselben Medaille. 

Zum ersten Mal in unserer Geschichte sind wir mit der selbstverursachten Zerstörung aller biologischen Lebensgrundlagen konfrontiert. Keine Generation vor uns hatte eine solche Bedrohung auszuhalten. Die eigentliche Frage, die wir uns also zu stellen haben, lautet: kollektiver Selbstmord oder geistige Erneuerung? In dieser Frage liegt eine ungeheure Chance. Die Menschen hungern förmlich nach einer positiven Perspektive.

Wir müssen uns fragen: Was wollen wir? Wer sind wir? Was brauchen wir? Indem wir uns dies fragen, schulen wir nicht nur unsere Wahrnehmung, wir formulieren auch unsere Bedürfnisse neu. Es gibt inzwischen viele Menschen auf der Welt, die diesen Bewusstseinswandel vollzogen haben, und täglich werden es mehr. All das passiert in einem ungeheuren Tempo, und es passiert jetzt. Die Vertreter des alten Systems wissen das. Sie wissen, dass ihre Richtlinien, Normen und Werte nicht mehr funktionieren. Ein solcher Wertezusammenbruch macht zunächst einmal Angst. Wir haben Angst vor Chaos und Anarchie, Angst davor, unterzugehen in diesem Endzeitszenario, in dem sich jeder gegen jeden zu behaupten versucht. Aber nicht wir sind dem Tode geweiht, es sind unsere alten Sicht- und Handlungsweisen die sterben. Im Grunde müssen wir heute zwei Aufgaben zugleich bewältigen: als Sterbebegleiter für ein abgewirtschaftetes System und als Geburtshelfer für eine neue Kultur. Wenn es uns gelingt, eine positive Zukunftsvision in uns erblühen zu lassen, dann werden wir sie in der praktischen Politik auch umsetzen können. Denn es wird nichts Neues durch uns in die Welt kommen, was nicht vorher in unserem Bewusstsein Gestalt angenommen hat“.

Sein Einverständnis voraus setzend möchte ich zum Schluss einige Passagen aus der E-Mail zitieren, die Klaus Bosselmann mir geschrieben hat. Dort heißt es etwa:

Lieber Dirk Fleck,

wir kennen uns mittelbar durch unser gemeinsames Anliegen – als Stimme gegen den Zusammenbruch der Zivilisation – und über gemeinsame Verbündete wie z.B. Franz Alt, Rudolf Bahro, K.-M. Meyer-Abich und noch viele andere. Ich schreibe Ihnen, weil ich Ihnen danken möchte für Ihre Beharrlichkeit – auch den gelegentlichen Zynismus, den ich menschlich sympathisch finde – und für Ihre Präsenz etwa in KenFM oder Rubikon.

Hier in Neuseeland habe ich ein Stück von dem erfahren, was tatsächlich möglich ist. Wir haben das fortschrittlichste Umweltrecht der Welt und eine Premierministerin, Jacinda Adern, die sich wirklich für Leute wie Sie und mich interessiert. Gerade vor ein paar Tagen hat sie in meinem Kurs „Global Environmental Law“ gesprochen, auch als acknowledgement dafür, das ich mich für die Rechte der Natur eingesetzt habe (Whanganui River, Uruwera Park, Mount Taranaki). Damit ist NZ das erste Land, das der Natur rechtliche Bedeutung einräumt. Nicht ausreichend, aber mutmachend.

In enger geistiger Verbundenheit,

Klaus Bosselmann

Im Herbst kommt Professor Bosselmann zu Besuch nach Deutschland. Wir werden uns treffen, darauf freue ich mich.

+++

Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung.

+++

Bildhinweis: sdecoret / Shutterstock

+++

KenFM bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Meinungsartikel und Gastbeiträge müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

+++

KenFM jetzt auch als kostenlose App für Android- und iOS-Geräte verfügbar! Über unsere Homepage kommt Ihr zu den Stores von Apple und Google. Hier der Link: https://kenfm.de/kenfm-app/

+++

Dir gefällt unser Programm? Informationen zu Unterstützungsmöglichkeiten hier: https://kenfm.de/support/kenfm-unterstuetzen/

+++

Jetzt kannst Du uns auch mit Bitcoins unterstützen.

BitCoin Adresse: 18FpEnH1Dh83GXXGpRNqSoW5TL1z1PZgZK

20 Kommentare zu: “Die Blaupause für eine ökologische Wende ist längst geschrieben

  1. Ein paar provokante Worte. Nach dem ich seit bald 35 Jahren (Mitte der 80er rüttelte mich die Empörung über einen Studenten wach, der am Nebentisch in der Mensa mit einem anderen Studenten über den zu jener Zeit aus der damaligen Tschechoslowakei über die Landesgrenze gewehten sauren Regen diskutierte und dabei vehement die Meinung vertrat, dem industriellen Fortschritt müsse um jeden Preis der Vorzug eingeräumt werden, auch wenn deswegen ein paar Bäume eingingen), einschließlich einiger Aktivistenjahre bei Greenpeace, auf einen Wandel im Umgang mit den natürlichen Lebensgrundlagen warte, aber sehe, daß sich nicht nur nichts in diese Richtung tut, sondern es sogar immer schlimmer wird, frage ich mich, wozu man die Welt eigentlich retten sollte. Mag sein, daß wir in eine Ökodiktatur schlittern (wie ich es Mitte der 90er in einigen Notizen prognostizierte) und vielleicht kommt es sogar zu einem menschlichen Massensterben noch in diesem Jahrhundert. Aber was solls? Sterben werden wir sowieso alle – früher oder später. Ist doch egal, ob früher oder später … wenn es ohnehin je später desto höllischer zu leben sein wird. Zumal die, die früher sterben, die Welt auch nicht retten könnten oder auch nur ein besseres Leben in ihr vorfinden würden, wenn sie länger lebten. Und die paar, die dann noch übrigbleiben sollten, können ja dann noch mal von vorne anfangen und es, sofern sie etwas aus der überstandenen Katastrophe lernen, besser machen. Oder?

  2. sehr wertvoller Artikel (!) Chapeau … macht Freude zu lesen

    Ich bin vor einigen Monden ein paar Schritte zurück getreten und für mich erkannt, dass das „was“ im Grund irrelevant ist, da das „was“ weit höheren Kräften/Mächten/oder wie es jeder für sich selbst nennen mag unterliegt. Allerdings ist das „warum“ für mich weit wertvoller geworden. Das „warum“ entkernt von gut und böse Makalatur entlarvt Hintergründe. Hintergründe, die helfen zu verstehen. Auch zum reflektieren mit seiner eigenen inneren Welt.

    Ob Rudolf Steiners Wissenschaft oder andere Ansätze von Geisteswissenschaften, so bleibt stets die Essenz der Entwicklung. Entwicklung von Bewusstsein. Dazu gehört alles Lebendige, auch dieser Planet. Und genau wie wir, jeder Einzelne von uns, hier ist für die eigene und kollektive Entwicklung, unterliegt alles Lebendige dem werde und stirb Prinzip. Auch hier wieder der Planet.

    Für mich zählt demnach weniger ob der Planet vergeht, was er tun wird, viel mehr gilt für mich die Frage wie er gehen darf. Ob mit und unter Gewalt oder in Freiheit. Eben jene Freiheit, die wir als freie-Willen-Wesen genießen dürfen. Zu entscheiden ob wir im einigen Mehrklang, kooperativ, verbunden wirken und den Planeten „ordentlicher und gesünder“ verlassen, als wir ihn vorgefunden haben.

    Freier Wille muss erlebt werden, im Schatten wie im Licht. Ob sich jeder dort draußen sich dessen bewusst ist, dass es ums „erfahren“ geht. Um dann die freie Entscheidung zu treffen, wohin sich das eigene Bewusstsein entwickeln will.

    Hilfe gegen die Gewalt und den Zerstörungswahn werden wir kaum von außerhalb erhalten, am Ende haben wir uns und unseren freien Willen an der passenden Stelle Nein und an der wertvollen Stelle Ja zu sagen.

  3. Lieber, von mir sehr geschätzter, Dirk C. Fleck, danke für den Artikel.

    Aber: „Ein solcher Wertezusammenbruch macht zunächst einmal Angst. Wir haben Angst vor Chaos und ANARCHIE (Hervorhebung von mir), Angst davor, unterzugehen in diesem Endzeitszenario, in dem sich jeder gegen jeden zu behaupten versucht.“
    Es überrascht und enttäuscht mich sehr, dass Sie den Begriff „Anarchie“ in diesem diffamierenden, völlig verzerrtem und falschem Sinne verwenden.
    Zur Richtigstellung empfehle ich folgendes Gespräch mit Herrn Rainer Mausfeld von Min. 7:48 – Min. 15:58

    www.activism.org/politics/activism-videoserie-rainer-mausfeld/
    ,

  4. Den größten Impuls auf meinem eigenen Wege zu einer anderen Lebens- und Weltanschauung lieferte in jüngerer Zeit das Buch „Endloses Bewusstsein – Pim van Lommel“, welches jemand ebenfalls hier in den Kommentaren empfohlen hatte, meine es war sogar jemand der hier auf KenFM publiziert.

    Ist noch ein weiter Weg, und zuvor hatte ich mich mit derlei Themen noch nicht wirklich beschäftigt, aber ich fand es überwältigend.
    Während Herr Fleck eindrucksvoll die materielle Seite, also unsere Existenz hier auf Erden in unserer Umwelt, mit dem, ich nenn es mal Menschsein, verknüpft, oder auch (moralischen, ethischen) Aspekten des Bewusstseins, lieferte mir Herr van Lommel erstmalig so etwas wie eine brauchbare Erklärung dieser Verknüpfung.
    Das Buch war für mich wie Hintergrundwissen, von dem ich vorher nicht wusste das es fehlt, und nach der Lektüre kann ich mich auf die Botschaft Herrn Flecks viel besser einlassen, positiver herangehen.
    Das war jetzt blöd erklärt, wie ich beim Drüberlesen merke.
    Das Buch hat mir einfach Mut gemacht, dass Flecks Kampf weder aussichtslos noch sinnlos ist, auf eine Art die über einfaches dran glauben hinaus geht. Besser kann ich es nicht erklären. Ist aber auch wirklich ein heftiges Buch.

  5. Stimme gegen den Zusammenbruch der Zivilisation

    Ich bin zu dem Entschluss gekommen, dass ich meine Energie nicht weiter dafür einsetzen will, mich gegen den Zusammenbruch der Zivilisation zu stemmen. Die Energie, die ich (wir) bisher in bester Absicht gegen den drohenden Zusammenbruch aufwendet habe, ist im System gelandet und hat es im Grunde nur noch stärker gemacht.

    Ich bin inzwischen überzeugt, dass ich (wir) den Zusammenbruch auf diese Weise nicht verhindern kann. Mir ist klar geworden, dass ich (wir), wenn ich (wir) so weiter mache, am Tag des Zusammenbruchs mit leeren Händen dastehen werde. Vielleicht sind die Aussichten für einen Neustart sogar besser, wenn der Zusammenbruch möglichst bald geschieht – wer weiß das schon!

    Seit ich das für mich erkannt habe, konzentriere ich mich lieber darauf, mich (uns) auf den Neustart vorzubereiten. Ich baue lieber das auf, was ich (wir) dann benötigen werden, um die zweite Chance, so sie mir (uns) denn dann gegeben sein wird, möglichst fest beim Schopfe zu packen.

    Wenn wir ehrlich sind, ist das Alte doch noch nie aus Einsicht durch etwas Neues ersetzt worden, sondern immer dadurch, dass das Neue auf einmal da war und sich niemand mehr für das Alte interessiert hat. Insofern habe ich die leise Hoffnung, mit meinem Ansatz den Zusammenbruch der Zivilisation doch noch verhindern zu können, aber nicht als das Ergebnis eines Kampfs, sondern weil das bestehende System noch rechtzeitig vor dem Zusammenbruch neben dem Neuen bedeutungslos geworden ist.

    • Eine interessante Einstellung, aber ist sie so neu? Die Frage ist, ob „das Neue auf einmal da war“ oder ob es stärker war und das Alte deshalb überholt hat.

    • Ich habe nicht den Anspruch, dass meine Erkenntnis neu oder sonst wie bewundernswert sein muss. Wenn es dazu schon etwas gibt, würde ich mir das gerne ansehen.

      Ich strafe das Alte mit Nichtbeachtung. Vielleicht gebe ich ihm ab und an noch einen kleinen Schubs, aber nur damit es früher stolpert. Ansonsten kümmere ich mich um die Vorbereitungen für den Wiederaufbau und bereite die Saat für den Aufbau des Neuen. Vieles, was mir aus diesem Grund lohnenswert erscheint, scheint auch gegen das Alte gerichtet zu sein. Das sind aber nur unbeabsichtigte Kollateralschäden.

  6. Was nutzt eine Blaupause für eine ökologische Wende, ohne „eine Blaupause“ für eine ökonomische Wende?
    Ist die ökonomische Wende nicht Grundvoraussetzung für eine ökologische Wende?
    Wird das in „Teil zwei: Das Ende des Industriesystems“ deutlich?

    Denn Industriesysteme sind ja nicht generell umweltschädlich.
    Sie werden es erst durch die westlich geprägte, neoliberale, kapitalistische Wirtschaftsordnung,
    die ja bekanntlich nur durch „ewiges“ Wirtschaftswachstum „überleben kann“.
    Sprich steigender Resourcenverbrauch, steigende Produktion, steigender Konsum sind systemisch bedingte, betriebswirtschaftliche Vorgaben, letztlich in allen bedeutenden westlichen Unternehmen.
    Es gibt unendlich viele konkrete und erprobte Lösungen eine Halbierung unserer Klimagase UND der Umweltzerstörung durch unsere heutige Industrieproduktion zu erreichen, aber die sind nicht gewollt.
    Es wäre der Tod des neoliberalen, kapitalistischen Systems. Der Finanzwirtschaft, des militärisch industriellen Komplexes, der börsennotierten Aktien, der Renditejäger und der unendlich mächtigen Hedgefonds wie Blackrock, etc.

    Ich denke, wenn die neuseeländische Ministerpräsidentin das neoliberale, kapitalistische System ernsthaft in Frage stellt, wäre sie morgen nicht mehr im Amt.
    Und wie soll man die Auswirkungen bekämpfen (ökologische Wende), wenn man die (ökonomischen) Ursachen nicht bekämpft.
    Das ausgerechnet aus den Ländern, in denen Weiße die Urbevölkerung fast ausgerottet haben und diese bis heute mehrheitlich unterdrücken und diskriminieren (USA, Kanada, Australien, Neuseeland) eine Hoffnung für eine ökolische Wende kommen soll, mag ich nicht so recht glauben.

    Ich denke die Klimadebatte wird hier wie dort voraussichtlich nur zu Steuererhöhungen führen, die ausschließlich die normale Bevölkerung trifft. Das Einkommensniveau wird weiter sinken, auch für Hartzer, Mindestlohnempfänger, Rentner, Kinder, Behinderte, Alleinerziehenden, dich und mich.
    Nur den Vermögenden (den sogenannten Eliten), wird das, wie immer, am Arsch vorbeigehen.
    Und wenn sie die Erde kaputt gemacht haben, sollen ihre Nachkommen (Musk, Gates, Bezos, Kladden, Poroschenko & Co) ja zum Mars fliegen um dort weiter leben zu können (ohne diesen mittellosen Unterschichten-Pöbel).

    • Vielen Dank Udo Pfeiffer, genau meine Gedanken, die ich nun nicht formulieren muß.
      Es hilft nicht an der Oberfläche zu kratzen (Greta, Tierschutz, Regenwald u.s.v.m.), ohne das was Manchem erst nach dem Kratzen bekannt wird dann auch tatsächlich fundamental infrage zu stellen.
      Alle Analysen liegen umfassend auf dem Tisch, aber noch stagniert es auf dem Level der Analyse.

  7. Alles richtig und trotzdem alles falsch.
    Eine Rettung der Natur rangiert nur für Altruisten vor der Rettung ihres Individuums.
    Für den überwältigend mächtigen ‚Rest‘ gilt, was im Kommentar von Meissen als Gelbwestenzitat angeführt wurde: „Ihr redet vom Ende der Welt und wir vom Ende des Monats“.

    Bevor also nicht die bedrängende soziale Schieflage aus Sicht der davon Betroffenen erträglich geregelt wurde, ist ihnen ein Ideal bzw. eine Ideologie nicht zu ‚verkaufen‘.
    Aber ohne die Betroffenen geht es schon mal gar nicht.

    Vergleichbares gilt für die andere Seite – die Mächtigen und Wohlhabenden bis Privilegierten.
    Notwendiger Verzicht im Rahmen einer ‚Natur-Restauration‘ ist vereinzelt sicher vorkommend, aber auch hier der Mehrheit nicht weiter als bis zur Mäzenaten-Medaille und dem Stiftungs-Orden abzuringen.
    Privileg macht nämlich süchtig.

    Die angesprochene Selbst-Wertentdeckung, -findung (als Voraussetzung zur Rückverbindung mit der Natur als Gebärmutter, Hort und ’nährender Busen‘) ist nur möglich innerhalb von bedeutenden Handelsspielräumen zur Selbsterprobung und Selbsterfahrung.
    Aufgrund maximierter zeitlicher, finanzieller, arbeitstechnischer und sozialer Zwangsjacken ist dieser unumgänglich notwendige HandlungsSPIELraum auf Singularitätengröße geschrumpft (weil er ’natürlich‘ keineswegs erwünscht ist von denen, die es allein ermöglichen könnten, aber leider dabei ihre Privilegien ablegen müssten).

    Staunenswerterweise wird insgesamt die Rechnung ohne den eigentlichen Wirt gemacht: dem eigenen Gehirn.
    Ein blindes, taubes Organ, das über defizitäre Drittmittelverwertung sich eine Ahnung von der Wirklichkeit erschummeln muss, indem es aus den spärlichen Daten eine Simulation entwirft, daraus eine Spekulation ableitet, um solchermaßen seine ganz persönliche Befriedigung, Satisfaktion zu erlangen (seinen eo ipso-Glücksmoment), um sich kurz darauf schon wieder auf eine Wiederholung dieser Erfahrung zu fixieren, was naturgemäß zu einer Art Glück-Solipsismus führt, der nicht förderlich ist, wenn es um das Wohl des Ganzen geht.

    Diese Gehirn muss, um nicht weiter auf sich selbst, eine Tricks und Illusionen herein zu fallen, eben dies durch sich erkennen und anerkennen.
    Wie schwer das sein kann, vermittelt z.B. das Jnana-Yoga und es erklärt, warum so wenige bisher dorthin gelangen konnten (obwohl dies prinzipiell wirklich jedem offen steht).
    Es gleicht nämlich dem Versuch mit einem astronomischen Fernrohr sich selbst in den Hintern zu gucken, um heraus zu finden, woher das ganze mentale Exkrement herkommt.

    Mit Titel, Thesen und Theorien – genauer: phrasen-, mem- und metapherbasierten Aktionismen u.ä. ist da selbstredend rein gar nichts zu holen – aber eben dies ist flächendeckend das Fundament jeglicher Agenda zur ‚Weltrettung‘ und der Grund warum, trotz redlicher Absichten in vielen Fällen, sich letztlich nichts Entscheidendes tut.

    • Zitat:

      (Es steht zu befürchten, dass sich Besserverdienende sehr gut auf die gesellschaftlichen Anpassungen einstellen können, während Menschen mit geringeren Einkommen “die Zeche” zahlen. Wer gut verdient, kann sich bereits heute eine arbeitsplatznahe Wohnung (selbstverständlich energetisch saniert) in einem ÖPNV erschlossenem Ballungsraum leisten. Von den diversen Möglichkeiten inzwischen auch mit dem Klimawandel Geld an den Finanzmärkten zu verdienen ganz zu schweigen (EE Fonds, …). Ich erlaube mir auch den Hinweis auf den ursprünglichen Auslöser der Gelbwestenbewegung in Frankreich (höhere Dieselbesteuerung) und den dort aufgebrachte Losung: “Ihr redet vom Ende der Welt und wir vom Ende des Monats”.)

  8. Das ist eine der großen Paradoxien der bürgerlichen Gesellschaft. Sie spricht für die ganze Welt, aber nie für andere Menschen. Die müssen schon für sich selbst sprechen, während die bürgerliche Gesellschaft bloß Podium und Bühne zur Verfügung stellt. Sprechen sie aber dann für sich selbst, um Interessen und Unternehmungen zu propagieren, durchzusetzen und zu verteidigen, tun sie dies konkurrent.

    Eine neue Welt entsteht nur im Bruch mit der vorangegangenen Zivilisation, nicht aus ihr heraus etwa aus Keimformen oder gar als Ableitung. Und als Juristin sage ich, dass das Elend der Rechtsförmigkeit hoffentlich bald ihr Ende hat.

  9. Großen Dank, Dirk C. Fleck, für diesen schönen Hoffnungsschimmer, gerade so sehr gebraucht!

    Und vielen Dank auch für die Vorstellung von Herrn Bosselmann, der – leider weit entfernt, aber nah genug – uns Auswege aus dem Kollaps zeigt. Vielleicht gibt es im kommenden Herbst zu seinem Besuch weitere Neuigkeiten von ihm?

    Ein sehr anregendes Video mit ihm gibt es hier bereits anzusehen: https://youtu.be/OvxPuHD46MI
    „Big History Anthropocene Conference – Environmental Lawyer Professor Klaus Bosselmann“

  10. Danke, Herr Fleck.

    Es wäre interessant, etwas mehr über Neuseeland zu erfahren, was bei uns ja fast nie der Fall ist.

    Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet in so einem offenbar fortschrittlichen Land etliche superreiche Verbrecher (Kapitalisten) riesige private Anwesen erworben haben für die Flucht nach dem erwarteten Zusammenbruch…

    Hoffentlich nimmt die Geschwindigkeit der kollektiven Bewusstwerdung der Menschheit exponenziell zu.

Hinterlasse eine Antwort