Die Heimat, der Krieg und der Goldene Westen

Roman von Wolfgang Bittner, erschienen am 25. März 2019 im Verlag zeitgeist

Auszug 3

Schlesien wurde Ende Januar 1945 von der Roten Armee eingenommen und Millionen Deutsche wurden von den nachrückenden Polen im Oktober 1945 vertrieben, darunter die Mutter und das Kind. Nach Misshandlungen und Überfällen in der Sowjetischen Besatzungszone angekommen, werden die Heimatvertriebenen auf die Städte und Dörfer verteilt. Es ist Winter, eisig kalt, und es gibt kaum zu essen. In dem Gesindehaus eines Bauernhofes soll ein Zimmer zur Verfügung gestellt werden. Aber der Weg von Potsdam dorthin ist lang und beschwerlich.

Die Bahnfahrt in die Uckermark dauert mehrere Stunden. Die an einem der Brandenburger Seen gelegene kleine Kreisstadt, ihr erstes Ziel, war in den letzten Tagen des Krieges durch Bomben, Artilleriebeschuss und Brandschatzung der Sowjets – wie viele Städte der Region – fast völlig zerstört worden. In dem in einer Schule am Stadtrand eingerichteten Landratsamt erfahren die beiden Frauen, dass sie in einem Dorf in Stadtnähe untergebracht werden. Es sei nicht weit, erklärt der Beamte, nur etwa zehn Kilometer. Leider gebe es keine Verkehrs- oder Transportmittel dorthin, sie müssten zu Fuß gehen.

Frostiges Wetter und vor dem trüben Himmel die Gerippe ausgebrannter Häuser. Auf der Uferpromenade am See weht ein eisigkalter Ostwind. Ein paar freigeräumte Straßen führen durch die Stadt, die ein Bild des Grauens bietet. Der Turm der großen domartigen Kirche ragt schwarz verkohlt in den Himmel, das Kirchenschiff ebenso wie die umliegenden Häuser und das ehemals ansehnliche Rathaus sind völlig zerstört. Die Landstraße führt durch leicht hügeliges Land mit kleinen Dörfern und Bauernhöfen, die vom Krieg offenbar verschont geblieben sind.

Dem Kind ist kalt, es ist müde und hat Hunger, dazu Blasen an den Füßen, die aufplatzen. „Mir tun die Füße so weh“, klagt es. „Nur noch ein oder zwei Kilometer“, erwidert die Mutter. „Wir sind bald da, dann machen wir es uns warm und essen etwas Gutes, und danach schlafen wir in einem weichen Bett.“ Ein weiches Bett, darauf freut sich das Kind, setzt einen Fuß vor den anderen. Es sieht, wie sich die Mutter und Tante Franzi mit ihren Koffern abmühen. Es hört, wie Edmund, der zu seinem Rucksack noch die Reisetasche seiner Mutter schleppt, vor sich hinspricht: „Flink wie ein Windhund, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl.“

Die Straße geht nach einigen Kilometern in einen Schlackenweg über, der kein Ende zu nehmen scheint. Rechts und links Wiesen, Felder, kleine Waldstücke. Die Frauen schleppen sich mit ihren Koffern ab und müssen immer öfter Pausen einlegen. Edmund murmelt: „Was uns nicht umbringt, macht uns nur noch härter.“ Tante Franziska stöhnt und jammert, sie will sich an den Straßenrand legen und erfrieren. Die Mutter sagt: „Mach das, wenn dir danach ist. Wir gehen jedenfalls weiter.“

„Mir ist so schwindlig“, sagt das Kind und hält sich am Mantel der Mutter fest, damit es nicht hinfällt. Die Mutter stellt schwer atmend ihr Gepäck ab, stößt mühsam hervor: „Dann rasten wir einen Moment. Sie setzt sich auf einen Stein, nimmt das Kind auf den Schoß. Die Tante hat sich auf den Koffer gesetzt, Edmund legt sich lang auf den Weg. „Müssen wir jetzt sterben?“, fragt das Kind. „Ach was“, flüstert die Mutter und wiegt es auf dem Schoß. „Wir gehen gleich weiter, wir sind doch fast da.“ Sie zeigt nach vorn, wo zwischen Bäumen ein Dach zu sehen ist. Dann nimmt sie das Kind auf die Schultern über dem Rucksack, in eine Hand den Koffer, in die andere die Tasche und schleppt sich weiter, gefolgt von Tante Franziska und Edmund.

Es ist tatsächlich nicht mehr weit, hinter einer Biegung des Weges taucht das Dorf auf. Nur wenige Häuser, zumeist aus Fachwerk, eine Kneipe, ein kleiner Laden, etwas erhöht die Kirche aus Feldsteinen, daneben Gräber, ein Kriegerdenkmal, am Ende des Dorfes das Ziel: ein großer Bauernhof mit Nebengebäuden, vor der Scheune zum Weg hin der Misthaufen, riesig groß und dampfend. Es wird bereits dunkel.

Die Bauernfamilie sitzt gerade beim Abendessen, es riecht bis in den Flur verlockend nach Gebratenem. Warm ist es hier, die Frauen stellen rasch ihr Gepäck ab, Edmund und das Kind setzen sich auf eine Bank. Aus der Küche kommt die Bäuerin, eine hagere Frau Ende vierzig. Sie schaut sich nur kurz den Einweisungsschein an und händigt der Mutter einen Schlüssel aus. „Der ist für das letzte Zimmer, das wir noch vergeben können“, sagt sie mürrisch. „Drüben im Gesindehaus, der Knecht wird es Ihnen zeigen. Für die Haustür brauchen Sie keinen Schlüssel, die ist nicht verschlossen.“ Sie ruft einen vierschrötigen Mann herbei, der die Ankömmlinge freundlich begrüßt. Er nimmt die beiden Koffer, hängt sich noch den Rucksack der Mutter um und führt die Frauen mit den Kindern über den Hof zu einem einzeln stehenden Haus. Dem Kind, das die Wärme im Bauernhaus belebt hat, fällt auf, dass er hinkt. So sieht also ein Knecht aus, denkt es und fragt sich, was ein Knecht macht und wo der viele Mist herkommt.

Im Gesindehaus gehen von einem dunklen, muffig riechenden Flur mehrere Zimmertüren ab. Der Knecht zeigt auf die erste Tür links: „Hier wohnt Frau Reuchel mit ihrer kleinen Tochter, dahinter ist Ihr Zimmer, und gegenüber wohnt die Familie Kapitzke, bei denen geht es immer hoch her.“ Er fügt noch hinzu: „Herr Kapitzke ist manchmal etwas laut, ihn hat es in Russland erwischt.“ Er zeigt mit dem Finger an die Stirn. „Kopfschuss.“

„Wo bekommen wir eigentlich unsere Lebensmittelkarten?“, erkundigt sich die Mutter.

„Beim Bauern, er ist der Bürgermeister und hat es hier im Dorf zu sagen“, klärt sie der Knecht auf. „Am besten, Sie kommen morgen Vormittag mal vorbei.“

Das Zimmer ist feucht, unansehnlich und dürftig möbliert: Tisch, vier Stühle, zwei Betten, ein Kleider- und ein Küchenschrank, ein uralter Herd zum Kochen. Mehr passt auch nicht hinein. In der Mitte hängt von der Decke eine matte Funzel, die den Raum spärlich erhellt. Die Wände sind fleckig, die Dielenbretter knarren, und das Nachbarzimmer ist nur durch eine abgeschlossene Stubentür getrennt. Bevor der Knecht geht, nennt er noch seinen Namen: Kasubke. Und er deutet auf die zerfaserten Kupferdrähte einer abgerissenen elektrischen Leitung neben dem zugigen Fenster: „Nicht berühren! Das Kabel führt noch Strom. Ich komme bei Gelegenheit mal vorbei, um es zu isolieren.“

 

„So ein Loch“, sagt Tante Franziska.

„Am Ende der Welt“, bestätigt die Mutter.

Das Kind zieht seine Schuhe aus, legt sich auf eines der Betten und sagt: „Mir ist kalt, und mir tun die Füße so weh.“

„Ich schau mir das gleich an“, erwidert die Mutter. Sie wirft einen Blick in den Küchenschrank, in dem sich nur etwas Geschirr, Besteck, ein zerbeulter Kochtopf und eine Bratpfanne befinden.

 

„Was machen wir denn hier?“, will Edmund wissen, dem die Vorstellung, in diesem Raum und in dieser Umgebung längere Zeit zu verbringen, offensichtlich Unbehagen bereitet.

„Das weiß ich auch nicht“, antwortet Tante Franziska und legt sich auf das zweite Bett.

„Wir werden es herausfinden“, antwortet ihm die Mutter. „Jedenfalls sind wir erst einmal in Sicherheit und haben ein Dach über dem Kopf.“

„Ich habe Hunger, und ich bin so müde“, sagt das Kind und schläft ein.

zeitgeist Verlag: „Die Heimat, der Krieg und der Goldene Westen“.

„Man fällt wie durch eine plötzlich auftauchende Geschichtstüre in die plastisch vorhandene Jetzt-Zeit. Es braucht keine Vorstellungskraft, weil man sofort nicht nur im Bild, sondern mittendrin ist. Man ist das nicht im Text erwähnte weitere Familienmitglied. Glänzend!“ (Willy Wimmer)

Der Schriftsteller und Publizist Wolfgang Bittner lebt in Göttingen. Er hat mehr als 60 Bücher für Erwachsene, Jugendliche und Kinder veröffentlich. 2017 erschien von ihm im Westend Verlag in Frankfurt am Main das Buch „Die Eroberung Europas durch die USA – eine Strategie der Destabilisierung, Eskalation und Militarisierung“.

Siehe auch KenFM im Gespräch: https://kenfm.de/wolfgang-bittner/

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