Die narzisstische Gesellschaft

Wo sich das Ego mit Hilfe moderner Medien aufplustert, bleibt die Menschlichkeit auf der Strecke.

Hinweis zum Rubikon-Beitrag: Der nachfolgende Text erschien zuerst im „Rubikon – Magazin für die kritische Masse“, in dessen Beirat unter anderem Daniele Ganser und Rainer Mausfeld aktiv sind. Da die Veröffentlichung unter freier Lizenz (Creative Commons) erfolgte, übernimmt KenFM diesen Text in der Zweitverwertung und weist explizit darauf hin, dass auch der Rubikon auf Spenden angewiesen ist und Unterstützung braucht. Wir brauchen viele alternative Medien!

von Wolfram Rost

In unserer Selfie-Kultur ist das wichtigste Objekt fotografischer Aufmerksamkeit der Fotografierende selbst. Auch in den „sozialen“ Medien dreht sich alles um Selbstoptimierung und Selbstaufblähung. Ist dies eine zufällige Häufung von negativen Charaktereigenschaften Einzelner? Viel wahrscheinlicher ist, dass diese Zurschaustellungsgesellschaft einen Spiegel des ökonomischen Wandels darstellt, der uns immer stärker ergreift. Eine Kultur des Sich-Vergleichens und Übertrumpfens und der Druck, eine „marktfähige“ Persönlichkeit zu entwickeln, haben den menschlichen Zusammenhalt schwer geschädigt.

Seinen wohl sichtbarsten Ausdruck findet das wachsende Bedürfnis zu narzisstischer Selbstdarstellung der eigenen Person gegenwärtig in den sozialen Medien des Internets. Der Narzissmus des einzelnen Menschen muss aber immer auch in Beziehung zu den ihn umgebenden gesellschaftlichen Zusammenhängen untersucht sowie dem jeweiligen kulturellen und politischen Hintergrund gesehen werden. So wurde kürzlich in einer repräsentativen Befragung der Zusammenhang von „Parteipräferenz und Narzissmus“ ermittelt. Die im Oktober 2018 veröffentlichte Studie erbrachte ein interessantes und für so manchen Betrachter sicherlich zum Teil auch unerwartetes Ergebnis. Doch was genau ist eigentlich Narzissmus? Wodurch zeigt er sich? Und wie konnte er zu einer den einzelnen Menschen sowie die gesamte Gesellschaft prägenden Erscheinung werden?

Bei der Behandlung psychischer Probleme habe er – schreibt Alexander Lowen – in den letzten Jahrzehnten seiner ärztlichen Tätigkeit bei seinen Patienten „eine ausgeprägte Veränderung“ festgestellt: Die klassischen Neurosen früherer Jahre, „die sich in lähmenden Schuldgefühlen, Ängsten, Phobien oder Zwangsvorstellungen manifestierten“, seien immer weniger geworden. Zugleich habe aber die Anzahl von Patienten stetig zugenommen, die in seine Praxis kommen und „über Depressionen klagen“, die „einen Mangel an Gefühl, eine innere Leere, ein tiefes Empfinden von Frustration und Unerfülltheit“ beschreiben (1).

In der Regel handelt es sich dabei – so Lowen – um egoistische, auf ihre eigenen Interessen ausgerichtete Menschen, denen es aber zugleich an einem soliden Selbstgefühl mangelt, und die ihr Dasein oftmals nur noch als leer und sinnlos erleben können. Ausgesprochen wichtig ist ihnen jedoch der Eindruck, den sie auf andere Menschen machen, die Wirkung, die sie auf ihre soziale Umwelt ausüben. In ihrer Arbeit sind sie, trotz ihrer inneren Leere und ihrem Mangel an Gefühl, meist auch sehr erfolgreich und wirken oft sogar als „zu tüchtig, zu mechanisch, zu perfekt, als daß sie menschlich sein könnten. Sie funktionieren eher wie Maschinen als wie Menschen“ (2).

So fällt es ihnen auch leicht, persönlich Eindruck zu machen, und ihre „meisterhafte Fähigkeit, die Feinheiten der Selbstdarstellung zu handhaben“, kommt ihnen im Berufsleben immer wieder zugute (3). Es sind Menschen, bei denen „zwischen der Art, wie sie in der Welt funktionieren, und dem, was in ihnen vor sich geht, eine Spaltung besteht“ (4).

Lowen sieht in dieser Art von Persönlichkeitsstörung, die er als Narzissmus bezeichnet, eine für die heutige Zeit typische Erscheinung, mit der nicht nur der individuell-psychische Zustand vieler Menschen beschrieben werden kann, sondern mit der sich auch die allgemein-kulturelle Situation, in der wir uns befinden, treffend kennzeichnen lässt (5).

Der Narzissmus ist für ihn damit nichts anderes als ein pathologischer Zustand, der für die moderne Gesellschaft charakteristisch geworden ist und sowohl auf individueller als auch auf kultureller Ebene eine weite Verbreitung gefunden hat.

Die Charakterstruktur des narzisstischen Menschen

In ihrer Gefühlsarmut, in ihrem Handeln ohne Gefühl, liege „die Grundstörung der narzisstischen Persönlichkeit“ (6). Daher zeigen narzisstische Menschen auch weniger Interesse daran, was sie selbst sind, sondern vielmehr daran, wie sie anderen Menschen erscheinen, wie sie von diesen wahrgenommen werden. Ihre Außendarstellung ist ihnen weitaus wichtiger als ihre natürlichen Bedürfnisse und Empfindungen. Es kommt ihnen in erster Linie darauf an, welches Bild sich die anderen Menschen von ihnen machen, wie sie von diesen gesehen und beurteilt werden. Indem sie ihre Gefühle verleugnen und meist ohne Gefühl handeln, neigen sie zudem stärker als andere zu „verführerischem und manipulativem Verhalten und Streben nach Macht und Herrschaft “ (7).

Von Ängsten gequält, entwirft der narzisstische Mensch zugleich Phantasien seiner eigenen Allmacht. Er erwartet, dass seine materiellen Bedürfnisse unverzüglich befriedigt werden, und ist der festen „Überzeugung, andere ausbeuten zu dürfen und ein Recht auf die Erfüllung der eigenen Wünsche zu haben“ (8).

Auf individueller Ebene ist der Narzissmus damit nichts anderes als „eine Persönlichkeitsstörung, die gekennzeichnet ist durch eine übertriebene Pflege des eigenen Image auf Kosten des Selbst.“ (9).

Der Narzisst ist bereit, sich den an ihn gerichteten Erwartungen sowie den allgemein vorherrschenden gesellschaftlichen Normen weitestgehend anzupassen und dafür seine eigene Natur, sein wahres Selbst und damit all jene Gefühle, die dem angestrebten Image widersprechen, zu verleugnen. Er möchte seiner sozialen Umwelt als besser, größer und perfekter erscheinen, als er in Wirklichkeit ist. Es geht ihm zuallererst darum, Anerkennung zu finden, bewundert zu werden, etwas darzustellen und erfolgreich zu sein.

Erich Fromm spricht in diesem Zusammenhang vom ‚Marketing-Charakter‘ des modernen Menschen, dessen Erfolg wesentlich davon abhängt, wie er sich öffentlich darstellen kann, wie er sich auf dem Markt verkauft. Eine vorhandene Eignung und ganz bestimmte Fähigkeiten reichen dabei nicht mehr aus, man muss auch „imstande sein, in der Konkurrenz mit vielen anderen seine Persönlichkeit vorteilhaft präsentieren zu können“ (10).

Zu dieser Charakterstruktur passen keine Gefühle. Auch auf tiefer gehende emotionale Bindungen verzichten Narzissten weitgehend, rein verstandesmäßiges Denken dominiert, und „optimales Funktionieren unter den jeweiligen Umständen“ wird für sie zu einem wichtigen Ziel. Was wirklich zählt, ist am ehesten noch „das Prestige oder der Komfort, den bestimmte Dinge gewähren“, die allerdings auch total austauschbar sind wie Freunde oder Liebespartner (11).

Die Ursprünge des Narzissmus liegen bereits in der Kindheit

Der amerikanische Psychoanalytiker Otto Kernberg nennt als „Hauptkennzeichen narzisstischer Persönlichkeiten“ vor allem deren „Größenideen“ und „extrem egozentrische Einstellung“ sowie den auffälligen „Mangel an Einfühlung und Interesse für ihre Mitmenschen, so sehr sie doch andererseits nach deren Bewunderung und Anerkennung gieren“ (12). Außerdem weist Kernberg darauf hin, dass sich die Ursprünge einer narzisstischen Persönlichkeitsstruktur meist schon in der frühen Kindheit finden und damit auf einen ganz bestimmten familiären und gesellschaftlichen Hintergrund schließen lassen. Daher will der Narzisst die ungenügende emotionale Zuwendung durch eine starke Orientierung an äußeren Normen sowie an den herrschenden Konventionen ausgleichen.

Auch Alexander Lowen ist dieser Ansicht und spricht in diesem Zusammenhang davon, dass Kinder oftmals schon sehr früh bestimmten Enttäuschungen und Traumatisierungen ausgesetzt sind. Der Narzissmus gehe vor allem auf eine „Verzerrung“ in der Entwicklung des Kindes zurück, die als Folge einer gestörten Beziehung zwischen den Betreuungspersonen und dem Kind gesehen werden muss. So unterlassen es Eltern häufig, „auf emotionaler Ebene genügend Nährboden und Unterstützung zu liefern, indem sie die Individualität ihrer Kinder nicht anerkennen und respektieren“ (13).

Die oft unzureichende emotionale Zuwendung der Eltern in der Kindererziehung hat aber auch einen kulturellen Hintergrund. Der daraus resultierende Verlust von Wohlgefühl und Glücksempfinden wird daher nicht ohne Folgen für das weitere Leben der davon betroffenen Kinder bleiben. So führt dieser schon frühzeitige Verlust nicht selten zu einer lebenslangen Suche nach einem geeigneten Ersatz, der sich dann vielfach im ständigen Drang nach Besitz oder dem bloßen Erwerb von Gegenständen sowie in einem sich steigernden Konsum von materiellen Gütern äußert.

Sich-glücklich-Fühlen ist damit „nicht mehr der Normalzustand des Lebendig-Seins“ des modernen abendländischen Menschen, sondern wird vielmehr zu einem von ihm immer wieder angestrebten, auf Dauer jedoch kaum mehr zu erreichenden Ziel (14).

Doch der Mangel an emotionaler Zuwendung und Anerkennung bringt allein noch nicht jene Verzerrung in der Entwicklung hervor, die zu einer narzisstischen Störung führt, sondern er verschlimmert diese nur. Vielmehr ist es das praktizierte Verhalten der Eltern, Macht gegenüber ihren Kindern auszuüben und „sie so zu formen, wie sie nach ihrer Vorstellung sein sollten“. Das kann dann bei diesen schon frühzeitig zu Selbstwertstörungen und, in dessen Folge, zur Entstehung einer narzisstischen Persönlichkeitsstruktur führen (15).

Statt ausreichend Zeit für ihre Kinder zu haben und sich um ein Verständnis ihrer Gefühle und Bedürfnisse zu bemühen, sind Eltern häufig nur daran interessiert, bei ihren Kindern ein von ihnen gewünschtes Verhalten durchzusetzen, wobei sie sich an den allgemein vorherrschenden Normen und der jeweiligen Mehrheitsmeinung orientieren.

Oft sind es die vielen, mitunter auch eigensüchtigen Forderungen der Eltern an das Kind, bei gleichzeitigem Mangel an Zuwendung und Unterstützung, was die Gefahr des Auftretens einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung steigert. Je weniger also die Bedürfnisse der Kinder erfüllt werden, desto mehr werden sie für eine solche Fehlentwicklung empfänglich.

Für eine harmonische Entwicklung brauchen die Kinder, außer Zuwendung und Unterstützung, eben auch viel „Aufmerksamkeit und Respekt für ihre Gefühle, um ein solides Selbstgefühl zu bekommen“ (16). Ansonsten entsteht eine Art Teufelskreis, denn je weniger Zeit für die Kinder vorhanden ist und je weniger ihre Individualität respektiert wird, desto mehr suchen sie „ihre Erfüllung in einer rastlosen Aktivität, die sie noch frustrierter zurücklässt.“ (17). Aber leider – so Lowen – ist dies genau „die Richtung, die die moderne Kultur in Bezug auf die Kindererziehung einschlägt“ (18).

Zunahme des Narzissmus bedeutet auch Rückgang an Empathie

Das Gegenteil des Narzissmus ist die Empathie. Der Grad ihres Narzissmus und ihrer Empathie wird seit den späten 1970er Jahren bei Normgruppen von Studierenden durch wiederkehrende Befragungen erfasst. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen „zeigen über die Jahrzehnte hinweg eine signifikante Zunahme von Narzissmus bei einer signifikanten Abnahme von Empathie“ (19).

Im Gegensatz zum übersteigerten Selbstbild und der übermäßigen Selbstbezogenheit der narzisstischen Persönlichkeitsstörung zeichnet sich empathisches Verhalten durch ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen gegenüber anderen Menschen aus. Es „bezeichnet die Neigung, emotional mit anderen in Kontakt zu treten, Dinge aus der Perspektive anderer zu sehen und Mitgefühl angesichts des Unglücks anderer zu zeigen“.

Dabei wurde bestätigt, dass Menschen mit einem hohen Narzissmuswert die eigenen Fähigkeiten meist überschätzen, während diejenigen mit niedrigeren Empathiewerten bei Mobbing eher als Täter auftreten und Schutzbedürftigen weniger helfen als der Durchschnitt der Bevölkerung (20).

In einer von der Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Universität Leipzig in Auftrag gegebenen repräsentativen Befragung „der deutschsprachigen Wohnbevölkerung zum körperlichen und geistigen Wohlbefinden“ wurden über 2000 Wahlberechtigte unter anderem zu ihren Parteipräferenzen und ihrem Selbstbild befragt (21). Untersucht wurde dabei auch der Zusammenhang von „Parteipräferenz und Narzissmus“.

Danach sind es vor allem die Anhänger der Alternative für Deutschland (AfD), gefolgt von den Anhängern der Linkspartei, bei denen die höchsten Narzissmuswerte gemessen und damit ein überdurchschnittlich starker Hang zum Narzissmus festgestellt werden konnte.

So fanden beispielsweise die Aussagen „Ich ziehe viel Kraft daraus, eine ganz besondere Person zu sein“ und „Ich will, dass meine Konkurrenten scheitern“ bei den Wählern der AfD den höchsten Zuspruch. Bei den Aussagen „Ich habe es verdient, als große Persönlichkeit angesehen zu werden“ und „Ich reagiere genervt, wenn eine andere Person mir die Schau stiehlt“ erreichten dagegen die Anhänger der Linkspartei noch höhere Werte als die Anhänger der AfD (22).

Das Ergebnis einer solchen Befragung sollte nicht überbewertet werden. Dennoch wirft es einige Fragen auf. So scheint es zunächst durchaus plausibel, dass die Anhänger und Wähler einer Partei, welche die eigene Nation und die Werte der eigenen Kultur immer wieder unkritisch herausstellt, allem Fremden aber prinzipiell ablehnend oder gar feindlich gegenübersteht, dann auch das eigene Selbst überhöhen und zu überdurchschnittlich hohen Narzissmuswerten neigen.

Andererseits muss es aber zumindest verwundern, dass es gerade unter den Anhängern der Linkspartei, einer Partei, die in ihrer gesamten Tradition und Programmatik stets ihren solidarischen, sozialen und internationalistischen Charakter betont, zu einer derartigen Hinwendung zu narzisstischen Denk- und Verhaltensweisen kommen konnte.

Der moderne Narzissmus ist ein Ergebnis der herrschenden Kultur

Zwischen den Kindheitserlebnissen und den Einstellungen oder Handlungen im Erwachsenenalter gibt es bekanntlich vielfältige Zusammenhänge. So wird nicht nur das Selbstwertgefühl, wie überhaupt das Bild, das Menschen von sich selbst haben, durch die Art der Beziehungen und Bindungen geprägt, die sie in der frühen Kindheit hatten. Auch ihr gesamtes Welt- und Menschenbild, einschließlich des Verhaltens gegenüber den Mitmenschen, entwickelt sich wesentlich auf der Grundlage dieser frühen Erfahrungen.

Ebenso bestehen zwischen dem individuellen Narzissmus der Menschen und den Verhältnissen und Werten der herrschenden Kultur enge Verbindungen und Wechselwirkungen. Das eine kann ohne das andere nicht verstanden werden. Die Menschen formen die Kultur und die sie umgebenden gesellschaftlichen Verhältnisse nach ihrem Bild und werden ihrerseits wieder durch diese geformt (23).

Wenn dann materieller Reichtum und Bekanntheit allgemein höher bewertet und damit für wichtiger gehalten werden als Weisheit und persönliche Würde, „wenn Erfolg wichtiger ist als Selbstachtung, überbewertet die Kultur selber das ‚Image‘, und man muss sie als narzisstisch ansehen“.

So kann man den Narzissmus auf kultureller Ebene nicht zuletzt auch an dem innerhalb der modernen Gesellschaften sich vollziehenden „Verlust menschlicher Werte erkennen – an einem Fehlen des Interesses an der Umwelt, an der Lebensqualität, an den Mitmenschen“ (24).

Ein solcher Narzissmus – so der amerikanische Historiker Christopher Lasch – passt genau in unsere modernen Verhältnisse. Er ist die „typische Persönlichkeitsstruktur“ unserer, „von großen bürokratischen Organisationen und Massenmedien beherrschten“ abendländischen Gesellschaft (25).

So scheint es, als ob der narzisstische Mensch perfekt an die abendländische Kultur und deren Werte angepasst wäre und sich in vollem Kontakt mit der ihn umgebenden Welt befinden würde. Aber kann sich ein Mensch – fragt Lowen –, dessen Identität auf ein bloßes Image, auf eine äußere Fassade gegründet ist, überhaupt in vollem „Kontakt mit der Realität seines Seins“ befinden? Weiß er denn, in „seinem falschen Selbst“, wirklich noch, wer er eigentlich ist (26)?

Oder steckt in dem Realitätsverlust, dem aufgeblähten Selbstbild und der Großspurigkeit des narzisstischen Menschen nicht doch „ein gewisses Maß an Geisteskrankheit?“ (27). Stellt der Bruch in seiner Persönlichkeit nicht zumindest eine Tendenz zum Wahnsinn dar, der mit der Zunahme der narzisstischen Merkmale immer ausgeprägter werden kann (28)?

Bei der Antwort auf diese Fragestellungen sollte allerdings bedacht werden, dass viele der einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung zugerechneten Symptome inzwischen zu einem Teil der gelebten Normalität geworden sind und damit – zumindest im öffentlichen Bewusstsein – nicht mehr als Krankheitszeichen erkannt und betrachtet werden.

Sicher hat es bestimmte Erscheinungen des narzisstischen Größenwahns auch schon in früheren Zeiten der Menschheitsgeschichte gegeben. Dass der Narzissmus aber zu einer Massenerscheinung und kulturbestimmend werden konnte, hat nicht zuletzt auch mit der Verbreitung jener Illusionen, Verheißungen und Werte zu tun, die vor nahezu 2000 Jahren die geistige Grundlage der sich damals herausbildenden abendländischen Zivilisation bildeten, und die dann über Jahrhunderte die weitere kulturelle Entwicklung wesentlich beeinflussen und prägen konnten.

Wurde doch schon zu Beginn dieses kulturellen Prozesses ein Weltbild propagiert, das die Stellung des Menschen in der Welt stark überhöhte und damit seinen Egoismus geradezu befördern musste, indem es ihn als ein über der Natur stehendes Wesen betrachtete, dem nicht nur alle anderen Lebewesen unterstellt seien, sondern dem selbst auch der Tod nichts mehr anhaben könne. Durfte es doch – bei Vorhandensein eines festen und gehorsamen Glaubens – nun sogar auch noch auf die eigene, auf die persönliche Unsterblichkeit hoffen.

Sich selbst und die eigene Lebensweise ständig erhöhen und aufwerten zu müssen, gleichzeitig aber alle anderen Lebensweisen und Kulturen dementsprechend abzuwerten, wurde dann auch zu einem typischen Kennzeichen der gesamten abendländischen Zivilisationsgeschichte.

Deutlich wurde dies schon in den Kreuzzügen des Mittelalters. Seinen eigentlichen Ausdruck fand es dann aber erst im Prozess der europäischen Expansion und dem sich daraus ergebenden – und über Jahrhunderte währenden – Kolonialsystem. Abgelöst wurde der Kolonialismus schließlich durch die neoliberale Form der Globalisierung unserer Tage, die die alten Strukturen durch wirtschaftlichen Druck, staatliche Einmischung sowie durch direkte militärische Interventionen auch weiterhin aufrechterhalten will.

Das gegenwärtige „Zeitalter des Narzissmus“, diese ganze moderne „Zurschaustellungsgesellschaft“ (29) mit ihrer selbstsüchtigen Fixierung auf die eigene Person und den eigenen Vorteil, kann damit auch als logische Folge des Wirkens der Werte sowie der gesellschaftlichen Verhältnisse und Denkweisen von zwei Jahrtausenden abendländischer Kultur gesehen werden.


Quellen & Anmerkungen

(1) Lowen, Alexander: Narzißmus. Die Verleugnung des wahren Selbst. München 1986. S. 8.
(2) Ebd.
(3) Lasch, Christopher: Das Zeitalter des Narzißmus. Hamburg 1995, S. 75.
(4) Lowen, Alexander: Narzißmus. Die Verleugnung des wahren Selbst. München 1986. S. 8.
(5) Lowen, a.a.O., S. 7.
(6) Lowen, a.a.O., S. 11.
(7) Lowen, a.a.O., S. 7.
(8) Lasch, Christopher: Das Zeitalter des Narzißmus. Hamburg 1995, S. 68.
(9) Lowen, Alexander: Narzißmus. Die Verleugnung des wahren Selbst. München 1986, S. 7.
(10) Fromm, Erich: Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft.
München 1990, S. 142.
(11) Fromm, a.a.O., S. 143f.
(12) Kernberg, Otto F.: Borderline-Störungen und pathologischer Narzißmus. Frankfurt am Main 1991,
S. 262f.
(13) Lowen, Alexander: Narzißmus. Die Verleugnung des wahren Selbst. München 1986, S. 22.
(14) Liedloff, Jean: Auf der Suche nach dem verlorenen Glück. Gegen die Zerstörung unserer
Glücksfähigkeit in der frühen Kindheit. München 2013, S. 143f.
(15) Lowen, Alexander: Narzißmus. Die Verleugnung des wahren Selbst. München 1986, S. 23.
(16) Lowen, a.a.O., S. 213f.
(17) Lowen, a.a.O., S. 220.
(18) Lowen, a.a.O., S. 219.
(19) Gray, Peter: Befreit Lernen. Wie Lernen in Freiheit spielend gelingt. Klein Jasedow 2015, S. 149.
Siehe auch: Garsoffsky, Susanne / Sembach, Britta: Die Alles ist möglich-Lüge. Wieso Familie und Beruf nicht zu vereinbaren sind. München 2014, S. 21.
(20) Gray, Peter: Befreit Lernen. Wie Lernen in Freiheit spielend gelingt. Klein Jasedow 2015, S. 149.
(21) Die Parteien und das Wählerherz. Repräsentative Befragung bei 2531 Personen im Alter von 14 bis 91 Jahren. Studie der Universität Leipzig. Veröffentlicht am 11.10.2018.
(22) Ebd.
(23) Lowen, Alexander: Narzißmus. Die Verleugnung des wahren Selbst. München 1986, S. 7f.
(24) Lowen, a.a.O., S. 7.
(25) Lasch, Christopher: Das Zeitalter des Narzißmus. Hamburg 1995, S. 334.
(26) Lowen, Alexander: Narzißmus. Die Verleugnung des wahren Selbst. München 1986. S. 22f.
(27) Lowen, a.a.O., S. 22.
(28) Lowen, a.a.O., S. 23.
(29) Lasch, Christopher: Das Zeitalter des Narzißmus. Hamburg 1995, S. 334.

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Dieser Beitrag erschien am 16.02.2019 bei Rubikon – Magazin für die kritische Masse.

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5 Kommentare zu: “Die narzisstische Gesellschaft

  1. Beim Anblick des einleitenden Fotos kam mir spontan ein Gedanke, den ich dem Artikel ergänzend hinzufügen möchte. Ein Aspekt der Selfie-, und überhaupt der Selbstdarstellungskultur könnte auch darin liegen, daß es einen Mangel an Wahrgenommenwerden gibt. Zwar ist man dauernd von Menschenmassen umgeben, die einen auch ständig mit allen möglichen Ansprüchen (zuerst und zuletzt verkaufstechnischen …) bedrängen, aber als menschliches Individuum ist man in dieser Masse oft genug allein und verloren. Meistens wird man nicht wahrgenommen … nicht als der Mensch, der man ist (oder glaubt zu sein, oder sich wünscht zu sein), sondern bloß als ein mehrweniger lästiges Objekt. Also zieht man seine digitale Wundertüte aus der Hosentasche (sofern man sie nicht ohnehin schon in der Hand hält, weil man sie ununterbrochen in der Hand hält) und macht ein Foto (oder gleich ein Dutzend) von sich selbst, damit es wenigstens einen Menschen gibt, von dem man wahrgnommen wird.

    • Narzißmus — oder wie ich lernte, meine Sonnenbrille zu lieben (von Kuley Stanbrick)

      Ja, gut erfühlt, MB. Eine Zeitlang war ich immer mit Sonnenbrille bewaffnet unterwegs, um mich gegen beifallheischendes Angeschautwerden zu schützen. Es gibt da so einen bestimmten, leise triumphierenden Blick, der etwa sagen will, dazuzugehören zu den in der Konkurrenzgesellschaft erfolgreich Bestehenden. Ein Blick, der auf Bewunderung, bzw. ein Bettlerblick, der auf Almosen aus ist.

  2. Empathie und Einfühlungsvermögen sind, und da will ich noch einen Schritt weiter denken als im Text, schon zu einem Unding, einer Eigenschaft ohne Nutzen verkommen. Die Selbstinszenierung und der damit verbundene Narzissmus nähren sich sehr stark von gesellschaftlicher Akzeptanz. Ich habe das lange beobachtet und bin ebenfalls zu dem Schluss gekommen, dass Gespräche unter Bekannten/Freunden/Familie immer mehr von der Ich-Form dominiert werden. Das Eingehen auf den Gesprächspartner kann man wie eine Steilvorlage für den Narzissten verstehen, der sich nicht mal dafür bedankt und weiter in seinem Ich-Kanon weiterspricht.

    Man sollte solche Gespräche eher mal unter diesem Gesichtspunkt betrachten, es mit jüngeren Jahren vergleichen und wird eine eklatante Änderung der Gesprächkultur feststellen. Die „Früher war alles besser“-Floskel würde ich hier sogar noch dick unterstreichen. Man ist dann dem Wohlwollen des Narzissten ausgeliefert, wenn man schon empathische Füllsätze einstreut, was deren Redefluss nur noch mehrt.

    Mir ist das ziemlich lästig geworden. Nicht nur den Gesprächsverlauf und deren Verhalten im Alltag, sondern auch die Anstrengung, Menschen finden zu müssen, die eben nicht so gestrickt sind. Es wird immer schwerer, empathische Menschen zu finden.

  3. Wenn ich nicht von Anfang an, also ab dem Entstehungsprozess, von Außen gefühlt bekomme, dass zum einen die Welt um mich herum in Ordnung ist und zum Anderen, dass ICH in Ordnung bin, werde ich ein Leben lang auf der Suche nach dem Schmerz, der Wut und der Angst um diesen Verlust sein.
    Erst im gefühlten Bewusstsein um diesen eigenen Verlust, kann ich auch den Verlust bei anderen Menschen um mich herum wahrnehmen.

    Empahtie dient dem Überleben und kann nicht verloren gehen, sie kann jedoch in entsprechender Ressonanz in jedem von uns aktiviert werden und sich nahezu unendlich ausdehnen. Überleben bedeutet in diesem Zusammenhang stressfrei, weil wir in unserer natürlichen Beschaffenheit so ausgelegt sind.

    Da ist es dann auch wichtig, gewisse Unterscheidungen wahrzunehmen:
    Empahtie im Leid bedeutet immer Stress weil es sich eingräbt in uns und uns vereinnahmt. Empathie in Sinne von bewusstem Erkennen, bewusstem Abschied in Trauer und in Aussöhnung bedeutet ein Abfließen im spirituell geistigen Sinne, bedeutet innere Befreiung.
    Es ist somit auch wichtig im gesellschaftspolitischen Sinne, unsere Ressonanzfelder, in denen wir uns bewegen, genauer zu betrachten. Denn: In Statistiken und Pathologisierungen liegt keine Empahtie – andersherum brauche ich aber Empathie um diese Bewertungen entsprechend und im Sinne einer konstrkutiven Auseinandersetzung deuten zu können.
    Denn egal wie es im Außen gedreht und gewendet werden will – aller Anfang von gemeinsam gelebter Empathie liegt stets bei uns selbst.

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