Die Sekte der Ökonomen – Ein Interview

Interview von Jens Wernicke mit Ulrike Herrmann.

Die „Wirtschaftsweisen“ sprechen gerne vom Wettbewerb. Nur für sie selbst gilt das nicht. Sie kennen nur eine Theorie, die Neoklassik, mit der sie das herrschende System absichern, sagt die Wirtschaftsjournalistin Ulrike Herrmann in ihrem neuen Buch.

Wernicke: Frau Herrmann, Ihr Buch trägt den Titel „Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung“ – haben Sie jetzt die Seiten gewechselt?

Herrmann: Der Titel ist ironisch gemeint. Er spielt darauf an, dass in der heutigen Mainstream-Ökonomie der Kapitalismus überhaupt nicht vorkommt. Die sogenannte „Neoklassik“ tut so, als würden wir uns in einer Art fiktivem Mittelalter befinden und als hätte es die Industrialisierung nie gegeben. In der herrschenden Theorie fehlt alles, was einen voll ausgereiften Kapitalismus ausmacht. Großkonzerne kommen nicht vor, auch die grassierende Spekulation wird ausgeblendet. Investitionen und Kredite spielen keine zentrale Rolle – ja selbst Geld und Gewinne sind völlig nebensächlich.

W: Also ein Glasperlenspiel im Elfenbeinturm.

H: Leider sitzen die Wirtschaftswissenschaftler nicht isoliert in einem Elfenbeinturm, wo sie keinen Schaden anrichten können. Im Gegenteil, sie sind so mächtig wie keine andere Disziplin. Sie beherrschen alle Expertengremien, beraten die Regierungen und lenken die Zentralbanken. Es ist nicht übertrieben: Die Irrtümer der Ökonomen kosten nicht nur Milliarden, sondern sogar Menschenleben. Allein die jüngste Finanzkrise hat weltweit Billionen gekostet. Dieser teure Crash war nur möglich, weil die Ökonomen eine Theorie vertraten, in der Finanzkrisen gar nicht vorkamen: Stattdessen wurde behauptet, dass die Finanzmärkte stets zur „Effizienz“ und zum „Gleichgewicht“ neigen würden.

W: Sie verstehen Ihr Buch als Brandrede gegen die Mainstream-Ökonomie, der sie blanke Ideologieproduktion vorwerfen.

H: Die heutige Ökonomie hat mit Wissenschaft nichts mehr zu tun – sondern ist eine Religion. Wer das Mantra vom Gleichgewicht nicht glaubt, kann an einer großen Universität keine Karriere machen. Alle wichtigen Lehrstühle sind von Neoklassikern besetzt. Deshalb ist auch nicht zu erwarten, dass sich die Ökonomie von innen erneuert. Generationen von Studenten werden indoktriniert: Derzeit sind in Deutschland 429.676 Studierende im Fach Wirtschaft eingeschrieben. Sie lernen nie, ihre Disziplin kritisch zu hinterfragen. Stattdessen müssen sie sich durch Lehrbücher quälen, die „Musteraufgaben“ und „Musterlösungen“ präsentieren – also suggerieren, dass es eine „Wahrheit“ namens Neoklassik gäbe.

W: Aber es gibt doch viele verschiedene Schulen in der Ökonomie: Klassiker wie Adam Smith, Karl Marx und John Maynard Keynes haben sehr unterschiedliche Ansätze vertreten.

H: Zum Dogmatismus der Mainstream-Ökonomen gehört, dass sie die wichtigsten Theoretiker ihres eigenen Faches ignorieren. Adam Smith, Karl Marx und John Maynard Keynes werden an den Universitäten kaum, verzerrt oder gar nicht mehr gelehrt. Dabei haben diese Theoretiker ihre Disziplin begründet und umgewälzt. Ohne sie gäbe es die moderne Volkswirtschaftslehre überhaupt nicht. Natürlich waren Smith, Marx und Keynes auch Kinder ihrer Zeit, sodass manche ihrer Ideen durch die historische Entwicklung widerlegt wurden. Aber anders als die heutigen Ökonomen haben sie die wesentlichen Fragen gestellt – und sich in der realen Welt umgesehen.

W: Es müsste auch den Neoklassikern auffallen, dass sie mit ihrer Theorie zu kurz springen. Die Realität schlägt doch täglich zu.

H: Es hat eine politische Funktion, dass die Neoklassiker so nachdrücklich behaupten, dass die Wirtschaft stets zum Gleichgewicht tendieren würde: Dies entsorgt das leidige Thema „Macht“. Plötzlich ist es keine Frage mehr, warum einige reich und viele arm sind. Jeder bekommt, was angeblich seiner „Leistung“ entspricht. Die Neoklassik ist eine Theorie, die für die Privilegierten sehr bequem ist.

W: Können Smith, Marx oder Keynes erklären, warum die Armen arm und die Reichen reich sind und was dagegen unternommen werden kann?

H: Adam Smith hat bereits vor 240 Jahren klar erkannt, dass nicht die Intelligenz oder die „Leistung“ erklärt, ob jemand arm oder reich ist. Stattdessen sah er genau, dass die Herkunft entscheidend ist – und dass Arbeiterkinder kaum Chancen haben. Karl Marx hat beschrieben, wie der Einsatz von Technik dazu führt, dass am Ende nur noch wenige Großkonzerne übrigbleiben, die ihre Branchen beherrschen. Der Wettbewerb wird ausgehebelt, und es entsteht ein Oligopol. Und Keynes hat erstmals die Macht der Finanzmärkte analysiert. Er gilt ja oft als „linker Spinner“. Das ist eine völlig falsche Wahrnehmung. Keynes war selbst professioneller Spekulant und hat ein Vermögen von umgerechnet 22 Millionen Euro hinterlassen. Aber gerade weil er lebenslang mit Derivaten spekuliert hat, wusste er genau, dass man die Finanzmärkte sehr stark regulieren muss, wenn man verhindern will, dass eine kleine Elite sich auf Kosten der Mehrheit bereichert.

W: Wodurch entstehen Krisen und in welcher Situation befinden wir uns Ihrer Meinung nach? 

H: Gefährliche Finanzkrisen entstehen immer dadurch, dass zu viele Kredite vergeben wurden. Dieser Schuldenberg lastet dann auf der Realwirtschaft. In genau dieser Situation befinden wir uns jetzt. Es hat sich eine „Superblase“ aufgepumpt, die bis zum Zerreißen gespannt ist. Allen Bankern ist klar, dass es zu einer weiteren schweren Finanzkrise kommen wird. Genau deshalb ist jetzt die Angst so enorm groß, dass die Deutsche Bank in die Pleite schlittern könnte.

W: Aber wir wissen doch alle: Krisen gehören zum Kapitalismus.

H: Finanzkrisen lassen sich vermeiden: Man muss nur die Banken entmachten. Investmentbanken sind völlig überflüssig; Sparkassen reichen aus. Historisch lässt sich zeigen, dass das Wachstum immer dann am stärksten war, wenn es keinen „Freihandel mit Geld“ gab, sondern Kapitalverkehrskontrollen dafür sorgten, dass man mit Devisen nicht spekulieren konnte.

W: Was ist von Smith, Marx und Keynes zu lernen?

H: Finanzminister Schäuble sollte unbedingt einmal Smith lesen, der schon vor 240 Jahren wusste, dass Exportüberschüsse unsinnig und extrem gefährlich sind. Smith war keineswegs ein radikaler Liberaler, obwohl die Neoklassiker immer so tun, als wäre er ihr Stammvater. Marx hat ganz klar gezeigt, dass der Kapitalismus keine Marktwirtschaft ist, weil es keinen Wettbewerb gibt – und auch nicht geben kann. Es ist daher extrem bedenklich, dass heute immerzu nach „Marktlösungen“ gesucht wird und sich der Staat zurückzieht. In den letzten Jahren wurden fast alle öffentlichen Güter verkauft: Wasserwerke, Krankenhäuser, Elektrizitätswerke, Sozialwohnungen. Jetzt wird diskutiert, ob man auch die Autobahnen durch „Private-Public-Partnership“ indirekt privatisiert. Besonders krass war die Riester-Rente, die exemplarisch zeigt, wer von diesen „Marktlösungen“ profitiert: Die staatlichen Subventionen haben nur die Allianz und die Deutsche Bank reich gemacht. Von Keynes kann man lernen, wie ein Weltwährungssystem aussehen müsste, das die Devisenspekulation sofort beendet. Dieser Vorschlag ist brandaktuell: Momentan kreisen täglich fünf Billionen Dollar um den Erdball, um mit Währungen zu hantieren.

W: Wie streut man einer so großen und gut geölten Macht- und Propagandamaschine Sand ins Getriebe?

H: Ich setze auf Aufklärung. Mein Buch habe ich geschrieben, damit auch Nicht-Ökonomen verstehen, welche Theorien es gibt – und wie absurd der herrschende Mainstream ist.

Info:

Ulrike Herrmann, Jahrgang 1964, ist ausgebildete Bankkauffrau, hat Wirtschaftsgeschichte und Philosophie studiert, ist Wirtschaftskorrespondentin der taz und Autorin zahlreicher Bücher. Ihr neuestes („Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung“) ist im Frankfurter Westend Verlag erschienen, steht auf der Spiegel-Bestsellerliste und kostet 18 Euro. Am 10. 2. 2017 liest sie in der Stuttgarter Stadtbibliothek.

Dieser Text erschien zuerst am 09.11.2016 bei der Wochenzeitung Kontext

Weitere Veröffentlichungen von Jens Wernicke finden Sie auf seiner Homepage jensewernicke.wordpress.com.

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9 Kommentare zu: “Die Sekte der Ökonomen – Ein Interview

  1. Ökonomie <= gr. oikou + nomoi = Gesetze/Regeln des Haushalts.
    Wenn also im alten Griechenland ein Adeliger sein Landgut bewirtschaften ließ, dann war er quasi 'Ökonom'.
    Die Bewirtschaftung eines solchen Landgutes wurde nachfolgend 'makroökonomisiert', weswegen auch die Verwaltung der Landesmittel 'Staatshaushalt' genannt wird.

    Die Regeln einer erfolgreichen Bewirtschaftung sind sehr simpel, sonst hätte man das damals im alten Griechenland nicht ohne Studium bewerkstelligen können ;-):
    Reicher werden kann man damit nur, wenn man Überschüsse erwirtschaftet (Waren, Dienstleistungen…) und diese gewinnbringend veräußern kann und dabei nicht mehr Wert ausgibt als man einnimmt bzw. hält oder indem man eine Monopolisierung (auch ein altgriechisches Wort) erreicht und infolge davon eine Abhängigkeit, die gleichbedeutend mit Marktmacht bzw. Hoheitsrecht ist.
    Punkt.

    Eine vorgebliche 'Wissenschaft' wird daraus nur, weil die Transformationsmittel und -methoden, mit denen Ressourcen veredelt oder nutzbar gemacht werden, verkompliziert wurden und so (ähnlich wie bei Jura, dem Steuerrrecht etc.) nur noch Fachidioten ein Überblick und manchmal auch Durchblick des künstlichen Vektorendschungels vergönnt ist – also ein absolut synthetisches 'Wissens'monopol.

    Und genau darin liegt das Kernproblem dieser 'Wissenschaft':
    Sie gibt vor Antworten und Lösungen zu haben für Probleme, die erst durch sie entstanden sind 🙂

    Außerdem:
    wenn auch nur die Hälfte dessen wahr wäre, was ihre Zunft so proklamiert, und dieses dann auch nachweislich Schaden abwenden oder zum Besseren führen würde, indem wahlweise gewarnt oder entsprechend planungstechnisch oder wie auch immer vorgegangen und damit erfolgreich sein würde, dann wäre es ja noch in Ordnung.
    Aber dem ist halt leider nicht so.
    Die sind im Grunde nicht schlauer und erfolgreicher als irgendwelche Wahrsager vom Jahrmarkt.
    Und wer lässt sich schon seine Lebensplanung von einer Kristallkugelleserin vorgeben???
    ….
    achja, z.B. Franz Josef Strauß und Buchela, die ihm die Bundeskanzlerschaft geweissagt hat…
    oder Francois Mitterand und Madame Teissier…
    oder Ronald Reagan und Joan Quigley…
    huch, gibt ja doch einige…

    Na, dann ist ja auch geklärt, welche Funktion die 'Wirtschaftsweisen' haben und wie sie zu ihrem Status kommen konnten – reiner Aberglaube 😉

  2. Wer Prof. Mausfeld verfolgt hat, kann diese Phänomene der Wissensblockade mit weniger schwierigkeiten nachvollziehen.
    Die angeborene, vorprogrammierte Schwäche des Menschens die der Doppelmoral könnte eine Erklärung sein.
    Also ist keineswegs nur die Disziplin der Ökönomie betroffen. Sobald eine Persönlichkeit an gewissen Schaltstellen gelangt ist und somit eine gewisse Deutungshoheit für sich beansprucht, dann kann er seine Theorie den Label „Naturgesetz“ verpassen letzteres erspart er sich viel Diskursauseinandersetzung.
    Das aufgeblähte Ich/Ego und somit seine Eitelkeit gebiet es einem schier unmöglich von der Deutung der Unwiderlegbarkeit seiner Theorie abzuweichen.

    🙂 also was hat die Natur sich dabei gedacht, bei der Schöpfung des Menschens ihm diese Schwachstelle einzubauen?

  3. Da lernt man in der Schule Dreisatz und Wahrscheinlichkeitsrechnung,
    und steht dann trotzdem grübelnd vor dem Backofen,
    und fragt sich welche der vier möglichen Schienen nun laut Dreisatz und Wahrscheinlichkeitsrechnung die Mittlere ist!

    Als Vater von mehreren Kindern brauche ich keine Experten die mir sagen wie viel Geld ich im Geldbeutel habe, das ich ausgeben kann.
    Und ich brauche keine Kreditangebote um mir etwas leisten zu können, das ich mir nicht leisten kann!
    Denn erst wenn am Ende des Monats etwas übrig ist, dann kann ich mir mit der Zeit etwas leisten, sofern ich dieses anspare und die Inflation dieses nicht entwertet.
    Sollte das nicht der Fall sein, dann brauche ich keinen Kredit, sondern weniger Ausgaben oder einen besseren Job.
    Geht beides nicht, dann muss ich mehr arbeiten!
    Geht das auch nicht, dann stimmt mit dem System etwas nicht, das behauptet Fachkräfte würden gesucht und gebraucht, wenn niemand bereit ist diese anständig zu bezahlen!
    Experten gibt es im Großen wie im Kleinen, – nur das die im Kleinen oft besser Bescheid wissen wie die Großen!
    Denn die einen haben Fachkompetenz wenn Sie vor dem Backofen stehen, während Idioten in die Röhre schauen!

    Viele Grüße, Der Hund
    Autor der Bücher: „Scheiße – Voll angepisst!“ und „Scheiße – voll beschissen!“ Beide 2016 auf den Buchmessen in Leipzig und Frankfurt veröffentlicht

    • Bitte die Ausschweifung zu entschudigen, nur wegen der Plätzchen… Zur mittleren Schiene kann man die 2. und 3. Schiene machen, aber nur wenn man ein Rost benutzt das verschieden hohe Ober-und Unterseite hat. 2. Schiene ist die mittlere wenn man das Rost so reinlegt, daß die Auflagefläche unterhalb der 2. Schiene ist – Rost also mittig. Benutzt man die 3.Schiene, legt man das Rost so, daß die Oberfläche über der Schiene ist – Rost mittig. Beim Blech geht das nicht.

      Den Bogen zur Ökonomie finde ich jetzt nicht, außer, daß eine Definition immer in einem Kontext steht. Und daß in der Wirtschafts“wissenschaft“ der Bezug zur Realität oft fehlt. Schluß jetzt.

    • Wenn das mit Ökonomie nichts zu tun hat, ist es auch nicht sehr aufschlussreich.

      Wenn der Wirtschaftswissenschaftler scheinbar den Bezug zur Realität verloren hat, liegt das meistens daran, das seine Realität eine andere ist.

      Warum „Schluß jetzt“?

  4. Das Problem der meisten Volkswirtschaftler besteht darin, dass ihnen die handwerkliche Basis für ihre Disziplin fehlt. Das heißt, sie wissen nicht, was es mit der volkswirtschaftlichen „Saldenmechanik“ auf sich hat. Das ist so, als ob ein Mathematiker keinen Dreisatz lösen kann. Der Ausdruck „Fachidioten“ trifft in dieser Disziplin sehr oft zu. Leider.

    • Fachidioten sind das nicht.
      Es gibt ja auch Volkswirtschaftler und Ökonomen die eine andere Meinung haben.
      Prof. Dr. Peter Bofinger bei den Wirtschaftsweisen z.B.
      Das auf sie kaum gehört wird, ist wohl eher Absicht.

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