Die Sprache der Macht

Der Begriff „Verschwörungstheorie“ wird als Waffe im Kampf gegen freies Denken benutzt.

von Peter Frey.

Hinweis zum Rubikon-Beitrag: Der nachfolgende Text erschien zuerst im „Rubikon – Magazin für die kritische Masse“, in dessen Beirat unter anderem Daniele Ganser und Rainer Mausfeld aktiv sind. Da die Veröffentlichung unter freier Lizenz (Creative Commons) erfolgte, übernimmt KenFM diesen Text in der Zweitverwertung und weist explizit darauf hin, dass auch der Rubikon auf Spenden angewiesen ist und Unterstützung braucht. Wir brauchen viele alternative Medien!

Verschwörungstheorien umgarnen uns als Begrifflichkeit über die Leitmedien. Aber nicht, um unsere Neugier zu wecken, sondern uns zu warnen. Man warnt uns vor den dahinter stehenden Gedanken wie den Menschen, die solche Gedanken vertreten. Und man warnt uns vor Menschen, die andere Menschen kennen, welche sich offenbar mit solchen Gedanken ebenfalls beschäftigen. Verschwörungstheorien scheinen ja wirklich etwas sehr Gefährliches zu sein. Warum empfinden wir so und sind wir uns im Klaren, was eine Verschwörungstheorie tatsächlich ist?

Es ist ja nicht nur der Mainstream – auch Kommunikations- und Informationsplattformen weit weg von diesem verorten den Begriff „Verschwörungstheorie“ (VT, [a1]) unterschwellig als etwas Negatives und versuchen sich, manchmal geradezu ungelenk, von „Verschwörungstheoretikern“ zu distanzieren. Niemand will falsch verstanden und dann womöglich mit in die Ecke dieser vermeintlich verschrobenen, esoterisch eifernden Gilde gestellt werden.

Selbst im allgemeinen privaten Umfeld haben die meisten Menschen ein Gefühl, dass sogenannte VT und ihre Vertreter zumindest krude und weltfremd sind und bedenken sie mit einer Mischung aus Belächeln und Herablassung.

Dahinter steckt allerdings neben einer diffusen Angst vor dem Fremden auch ein gehöriges Maß Überhebung. Wir grenzen uns (wenn auch nur unterbewusst) von diesen Menschen ab, weil wir vor ihren Gedanken Angst haben. Doch woraus resultiert dieses Verhalten?

VT und Verschwörungstheoretiker wurden Dysphemismen, Worte, die ständig mit negativen emotionalen Wertungen benutzt werden und so „automatisch“ negative Assoziationen wecken.

Dysphemismen entstehen in der Regel nicht zufällig, sie sind Mittel der Manipulation – wie ihr Gegenstück, Euphemismen.

Dysphemismen und Euphemismen sind Konnotationen, zusätzliche, emotional aufgeladene Strukturen in der Semantik des Begriffs und als solche Machtinstrumente!

Ein kleines Beispiel aus der deutschen Wikipedia:

Ein Dysphemismus zu Syrien:

„Zudem ist das politische System weitgehend auf den Präsidenten fokussiert. Üblicherweise wird die syrische Regierung deshalb als Diktatur angesehen.“ [1]

Ein Euphemismus zu Saudi-Arabien:

„Obwohl das Königreich keine Theokratie ist, sind laut Grundordnung Staat und Religion nicht getrennt.“ [2]

WER bestimmt, was „üblich“ ist? Es ist also so, weil es alle sagen? WARUM sagen es alle?

Im Wikipedia-Artikel zu Saudi-Arabien kommt der Dysphemismus Diktatur (böse) nicht ein einziges Mal vor, obwohl das dort herrschende System natürlich ohne Frage eine Diktatur verkörpert – ungleich radikaler und demokratieferner als die syrische Gesellschaft. Das ist ein klassisches Beispiel für Manipulation – in Wikipedia. Zurück zu VT haben sich also in der öffentlichen Meinungsbildung über das Ansprechen des Unterbewussten folgende Assoziationen herausgebildet – und wer will schon mit solchen Attributen belegt werden:

Verschwörungstheorie > unglaubwürdig, spinnig, weltfremd, esoterisch.

Veschwörungstheoretiker > Eiferer, Lügner, Dogmatiker, Spinner, Esoteriker.

Diese Konnotation hängt von Zeit, Umständen und Akteuren ab. Diktaturen wurden durchaus in der Geschichte auch schon positiv konnotiert. Die Ideologie des Marxismus-Leninismus sprach z.B. von der „Diktatur des Proletariats“, einer Herrschaft der Mehrheit über die Minderheit als erstrebenswertem und ethisch vornehmem Ziel.

Es ist erstaunlich, wie unkritisch wir mit Begriffen hantieren, um sie dann auch noch wertend zu verwenden. Die ungemein kraftvolle und so präzise deutsche Muttersprache wird vernachlässigt. Das hindert uns auch, das Wort „Verschwörungstheorie“ tatsächlich zu be- und so dann auch sinnvoll zu ergreifen.

Weil den Menschen immer mehr die Fähigkeit abhandengekommen ist, grundsätzlich zu hinterfragen und stattdessen nicht nur Güter, sondern auch Botschaften einfach nur noch konsumiert werden, konnte auch der Begriff Verschwörungstheorie eine Orwellsche Umdeutung erfahren.

Damit steht er keinesfalls allein. „Humanitäre Interventionen“ und „humanitäre Korridore“, „Flugverbotszonen“, „Arbeitsagentur“, „Jobcenter“, „Verteidigungsministerium“ und „Verteidigungshaushalt“, „Hilfspakete“ und „Rettungspakete“, „Arbeitsmarktreform“ und und und. Gehen Sie selbst auf die Suche.

Das Problem ist: Wir sind tatsächlich in unserem geistigen Wesen das, was sich im Laufe des Lebens in unseren Köpfen manifestierte – und was wir nun in Worten ausdrücken. Martin Heidegger hat es auf den Punkt gebracht:

„Die Sprache ist das Haus des Seins.“ [3]

Alle diese Umdeutungen von Begriffen lassen Ihren Kopf seinerseits Umdeutungen durchführen und Fehlschlüsse ziehen. Denn die Umdeutungen sprechen Ihr tiefstes Inneres an, Ihre Emotionen, die Sie nicht so einfach beeinflussen können. Am Beispiel der Verschwörungstheorie(n?) möchte ich Ihnen das näher bringen.

Die Wurzeln des Kampfbegriffes

Richtig bekannt wurde der Begriff VT in den USA erst im Jahre 1965, als die Arbeit des dort populären (zweimal mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten und dem Laissez-faire-Kapitalismus anhängenden) Historikers Richard Hofstaedter erschien, betitelt mit “The paranoid style in American Politics”, womit auch der nachvollziehbare Anlass für die Schrift genannt ist. Hofstaedter erkannte sehr wohl den Zusammenhang zwischen (Konzentration von) Macht und Verschwörungen.

Doch deutete er VT als Vielzahl von Hypothesen, die entstanden seien als Produkt einer gefühlten Bedrohung von Volkssouveränität und Demokratie durch die ungeheure Konzentration wirtschaftlicher Macht. Und er sah dies durch die Art und Weise imperialer US-Politik begründet: ”[…] also contended that conspiracy theories arise from the mass sentiment that popular sovereignty and republican principles are threatened by concentrated economic powers and the exercise of American imperial power in world affairs.“ [4] [5]

Ist es ein Zufall, dass sich wenig später der US-Geheimdienst CIA dieses Begriffs annahm, um ihn zukünftig als Kampfbegriff zu nutzen? Einerseits verknüpfte die CIA VT mit kommunistischer Propaganda und wies des Weiteren ihre Mitarbeiter in der Direktive 1035-960 (Concerning of the Warren Report) an, Kritiker und Forschende des Kennedy-Mordes, die nicht auf der Linie des Warren-Reports mitliefen, nun mit dem Begriff „Verschwörungstheoretiker“, verbunden mit Charaktereigenschaften wie Geldgier und Geltungssucht, zu diffamieren und so unglaubwürdig zu machen. [b1]

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Natürlich hat der US-Geheimdienst das Wort nicht erfunden. [6] [a2] Die CIA schuf jedoch eine neue Bedeutung (Hermeneutik) des Wortes Verschwörungstheorie und löste es damit aus seiner inneren Logik (wie wir noch w.u. sehen werden). [b2]

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Ist es schlussfolgernd eine Überraschung, das VT in seiner neuen Bedeutung nachfolgend auf geheimnisvolle Weise auch in Deutschland auftauchte? Am 3. April 1967 sandte die CIA besagte Direktive an ihre Außenstellen und im gleichen Monat erschien der verändert kontextuierte Begriff VT in einem (ansonsten insgesamt sachlichen und kritischen) Artikel des Spiegel zum Warren-Report. [7]

In seinem Buch „Conspiracy theory in America“ begründet Lance DeHaven-Smith – Professor an der Universität von Texas –, dass die Begriffe VT und Verschwörungstheoretiker gezielt von der CIA (eben mittels Direktive 1035-960) eingesetzt wurden [8], um die aufkommenden Zweifel an der offiziellen Version der Warren-Kommission zur Ermordung John F. Kennedy´s im Jahre 1963 [9] zu bekämpfen:

„Die CIA-Kampagne, welche zum Ziel hatte, den Begriff Verschwörungstheorie populär zu machen und zugleich in Misskredit zu bringen, muss unglücklicherweise als eine der erfolgreichsten Propagandainitiativen der Geschichte bezeichnet werden.“ [10]

Besonders widerwärtig ist die Tatsache, dass hier ein Mechanismus zur Ausgrenzung Andersdenkender entwickelt wurde. Hierzu sagten die Professoren Ginna Husting und Martin Orr im 2007 erschienenen Artikel „Dangerous Machinery: Conspiracy Theorist´s as a Transpersonal Strategy of Exclusion“ [11]:

„Wenn ich sie einen Verschwörungstheoretiker nennen würde, macht es nur wenig Unterschied, ob sie nun behaupten, dass eine Verschwörung existiert oder ob sie ein Thema angeschnitten haben, was ich lieber vermeiden möchte … Indem ich sie mit diesem Begriff versehe, schließe ich sie strategisch von der Sphäre der öffentlichen Rede, Debatte und des Konflikts aus.“ [12]

Und James F. Tracy (Professor für Medienwissenschaften an der Universität Atlanta) meint:

„Heutzutage sind Moderatoren der Nachrichtenkanäle und -sendungen sowie Kommentatoren mehr denn je in der Lage, gegen jeden, der es wagt, die offiziellen Darstellungen und Narrative umstrittener und in ihrer Bedeutung oft wenig verstandener Ereignisse infrage zu stellen, Propagandaaktivitäten zu entfalten, die sehr an die Methoden erinnern, wie sie in dem Dokument 1035-960 dargelegt wurden. Und da die Beweggründe und Vorgehensweisen, wie sie dort dargelegt werden, offenbar von vielen Intellektuellen verinnerlicht und von bestimmten Medien fast bis zur Perfektion ausgestaltet wurden, ist die fast widerstandslose Akzeptanz der Öffentlichkeit gegenüber der offiziellen Darstellung unaufgeklärter Ereignisse [gegeben].“ [13]

Exakt diesem System haben sich die Menschen unterworfen – und genau das zu beenden, ist das Anliegen dieses Artikels.

Anmerkungen:

[a1] Aufgrund der Wortlänge wurde im Text öfter das Kürzel VT für den Begriff Verschwörungstheorie(n) verwendet.
[a2] Der Titel des vom Laverage-Magazin veröffentlichten Artikels [6], der sehr geschickt Journalisten und Publizisten wie KenFM und Rainer Mausfeld versucht, unglaubwürdig zu machen, zeigt ein klassisches Propagandamittel: Gehe von einer willkürlichen, selbst festgelegten Voraussetzung aus und arbeite dich dann an ihr ab. Keiner der besagten Journalisten und auch keiner aus deren Umfeld hat jemals eine These aufgestellt, dass die CIA den Begriff VT erfunden hätte. Genau das aber wird ihnen von Christoph Kluge in besagtem Beitrag unterstellt.
[a3] Definitionen sind natürlich Festlegungen, die auch durchaus willkürlich festlegbar sind – was reichlich getan wird. Wir ringen hier aber um eine Definition, die hilft eine Theorie darzustellen, welche sich in der Praxis als anwend- und beweisbar bewähren kann.
[a4] Seit einigen Jahren bemüht sich der Wikipedia-User Phi geradezu rührend darum, dass „sein“ Verständnis einer Verschwörung durch die Wikipedia veröffentlicht wird. Jegliche Ansätze einer anderen Sicht werden von ihm umgehend wieder in „seine“ Sicht „korrigiert“. Interessanterweise „kümmert“ sich dieser User in ähnlicher Weise um die Seite über die Mahnwachen für den Frieden. Gern wird Phi auch in Psiram – einer Wikipedia-ähnlichen Plattform zitiert.

Quellen:

[1] 13.7.2017; 12:20 Uhr; https://de.wikipedia.org/wiki/Syrien#Politik
[2] 13.7.2017; 12:34 Uhr; https://de.wikipedia.org/wiki/Saudi-Arabien#Politik
[3] Über den Humanismus. Frankfurt a.M.: Klostermann, 1949. S. 5.; entnommen aus https://de.wikiquote.org/wiki/Martin_Heidegger (15.7.2017)
[4] The paranoid style in American politics and other essays, Richard Hofstaedter; 1967; New York; Vintage Books
[5] Jenseits von Tabu und Paranoia? Eine kritische Studie zur Variabilität von Verschwörungstheorien und Verschwörungen; Roland Sonntag; 2014; Diplomica Verlag; ISBN: 978-3-95850-808-8
[6] 8.8.2016; http://www.leverage-magazine.com/wurde-der-begriff-verschwoerungstheorie-vom-us-geheimdienst-erfunden/
[7] April 1967; http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-45949928.html
[8] Die unsichtbare Hand des Meinungsmarktes; Reinhardt Gutsche; 2014-12-19; https://www.freitag.de/autoren/reinhardt-gutsche/die-unsichtbare-hand-des-meinungsmarktes
[9] Concerning Criticism of the Warren Report; http://www.jfklancer.com/CIA.html
[10] Conspiracy theory in America, DeHaven-Smith, Lance; 2013; first edition; University of Texas Press; ISBN 978-0-292-74379-3
[11] Conspiracy theorists sane; government dupes crazy, hostile; 2013-02-12; http://www.presstv.ir/detail/2013/07/12/313399/conspiracy-theorists-vs-govt-dupes/
[12] http://www.exopolitik.org/wissen/zeitgeschehen/9-11/833-studien-zeigen-verschwoerungstheorien-rationaler-als-dargestellt
[13] Foundation of a Weaponized Term; James F. Tracy; 2013-01-20;

KenFM bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Meinungsartikel und Gastbeiträge müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

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10 Kommentare zu: “Die Sprache der Macht

  1. Geysine,

    Normalität beinhaltet Ehrlichkeit, Rücksichtnahme, Fairness, nicht töten, zugucken, auf Kosten anderer leben(Wirtschaft) lügende Politiker etc etc
    Normen gibt es da nicht!

    • Alex,
      es geht um Normalität, da mögen sie wohl recht haben, bei unhöflichen, unehrlichen Menschen,ist das nicht Normalität.
      Aber selbst anfangen, das Echo wird immer öfter zu vernehmen sein!

  2. Ich kanns gar nicht mehr zählen wie oft ich schon darauf hingewiesen habe: „Der Begriff „Verschwörungstheorie“ wird als Waffe im Kampf gegen freies Denken benutzt.“

    Das ist keine sensationell tiefschürfende Erkenntnis., sondern banal. Ein bisschen intelligenter wäre da die Einsicht, dass genau dies eben keinesegs das Problem ist!

    Das Problem ist, dass man das mit der verblödeten Masse der Bürger problemlos so erfolgreich durchziehen kann!
    Selber recherchieren und womöglich dann auch noch selber denken?
    Der Normalo Deutsche?
    Der Gut Mensch?

    Mal wieder echt lustig hier…..

    • @Alex,

      ich unterstelle einmal, dass auch Sie für Veränderungen sind, demnach für eine völlig normale Entwicklung.
      Doch mit einem großen Teil des Volkes, welches nicht nur regelmäßig unter Vergesslichkeit , Heuchelei und stupiden Meinungsübernahmen bereit bleibt , erwarten Sie Lob dafür?
      Fehler, die nicht benannt werden dürfen, bremsen die Bemühungen derer aus, die sich um eine Fortentwicklung im positiven Sinnen, redlich bemühen.

    • Eine normale Entwicklung, was ist das? Wenn einer „normal“ sagt, was meint er dann? Wenn ich „normal“ lese, dann denk ich an Normen. Der genormte Mensch. Der sagt normal, wenn er meint, jemand ist so, wie alle sind.

    • @annette318 ich bin für Veränderungen, richtig.

      Insbesondere für einen Wandel im Verhalten einiger Menschen.

      „Doch mit einem großen Teil des Volkes, welches nicht nur regelmäßig unter Vergesslichkeit , Heuchelei und stupiden Meinungsübernahmen bereit bleibt , erwarten Sie Lob dafür?“
      das hat rein gar nichts weder mit dem Artikel noch mit meinem Kommentar zu tun, also kein Kontext.

      Mir ist lediglich das anhäufende negative Verbreiten von schlechter Stimmung – jenseits von Pessimismus – seitens Michel aufgefallen. Abgehoben, willkürlich beleidigend, … kontraproduktiv.

      Verständnis?

    • Anscheinend will man einmal die einfachen Sachen bedenken, denn JEDER liest wie er ist!
      Es wird zu aggressiv hier…dass kann man auch bei der bild haben!

    • auf rhetorische Fragen erwartet man welche Antworten genau? Stell erstmal ne echte Frage, Michel.

      Wenn man nicht auf Schlichtung aus ist, okay, selbstverschuldete soziale Isolation. Doch jeden beleidigend als Gut-Menschen (Pegida-Sprachgebrauch) zu deklarieren, der außerhalb des eigenen Denkens bewegt, kann doch nicht die Lösung sein.

      Peace.

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