Die weibliche Ejakulation | Von Sean Henschel (Podcast)

Ein Standpunkt von Sean Henschel.

Ich bin ein Mann und schreibe hier auch als Mann. Damit ist gemeint, dass ich ein anderes biologisches Geschlecht aufweise als eine Frau. Damit ist auch gemeint, dass ich eine andere Sozialisierung erfahren habe als Frauen in dieser westlichen Gesellschaft.

Dass die Perspektive aus der ich schreibe, beschreibe oder urteile, zwangsläufig unvollständig bleibt, ist der Tatsache geschuldet, dass ich selbst nicht die Erfahrungen einer Frau machen kann. Ich werde nie als Frau diskriminiert werden und einen vaginal oder klitoralen Orgasmus werde ich ebenfalls nie erleben. Egal, welche Ausgangslage zur Diskussion oder zur Beschreibung herangezogen wird, es bleibt bei einer verkürzten und im Kern auch umstrittenen Ausgangslage. Wenn ich mich als schreibenden Mann präsentiere und mich somit von einer schreibenden Frau abgrenze, unterstütze ich zugleich auch ein binäres Geschlechtermodell. Seit der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zum Personenstandsgesetz (§§21, 22 PstG) ist aber auch eine nicht-binäre Geschlechteridentität verfassungsrechtlich anerkannt. Selbst bei der jetzigen Rechtslage wird es schwer, allen gerecht zu werden. Irgendeine Grundlage der Debatte muss aber gefunden werden um nicht ständig aneinander vorbeizureden und ein respektvolles Reden – miteinander statt übereinander – zu gewährleisten.

Es ist schwierig als Mann über eine Frau oder über Frauen im Allgemeinen zu schreiben. Schon deshalb, weil der Mann trotz Emanzipationsbewegung, trotz zahlreicher gesetzlicher Änderungen zu Gunsten einer Geschlechtergleichstellung das unangefochtene, privilegierte Geschlecht geblieben ist. Nach meinen bisherigen Beobachtungen wird sich in näherer Zukunft nichts Wesentliches daran ändern, außer man fördert in der Politik und Gesellschaft eine Renaissance einer offenen und tabulosen Debatte. Die Verengung des Diskussionsraumes, verbunden mit dazugehörigen Framing-Effekten vermag die feministische Debatte und das konstruktive Gespräch zwischen Mann und Frau, Mann und Divers, Mann und Mann, Frau und Frau und Frau und Divers negativ zu beeinflussen.

Alles was ich sage oder schreibe, unabhängig vom Inhalt, sage ich aus einer Perspektive eines privilegierten Geschlechts. Zudem bin ich nicht nur ein Mann, sondern auch ein weißer Mann, ein großer Mann (1.90 m), ein „maskuliner“ Mann und ein heterosexueller Mann. Erwähnt wird dies deshalb, weil die Erfüllung der herkömmlichen gesellschaftlichen Klischees dazu führen kann, dass man von vornherein keine Legitimation zur Äußerung zugesprochen bekommt. Vor nicht allzu langer Zeit wurde mir aber nahegelegt, dass erst recht die Privilegierten sich zur Geschlechtergleichheit zu Wort melden sollten und eine Auseinandersetzung mit der eigenen Privilegierung stattfinden sollte. Ähnliches gilt für die seit dem Tod von George Floyd in der deutschen Öffentlichkeit diskutierte Black Lives Matter Bewegung. Sich mit Rassismus auseinanderzusetzen bedeutet auch, sich mit seinen eigenen Privilegien als weißer Bürger auseinanderzusetzen. Zwar bin ich der Enkel einer haitianischen farbigen Großmutter mit amerikanischer Staatsbürgerschaft und kenne Rassismus aus der Familie. Am eigenen Leib habe ich Rassismus aber in Deutschland nie erlebt. Ich kann mich aber bemühen, mehr Verständnis und Nachvollziehbarkeit herzustellen. Wer eine freiheitliche und friedliche Gesellschaftsordnung begehrt, kommt nicht herum sich mit allen Arten von Diskriminierung und willkürlicher Ungleichheit auseinanderzusetzen. Wer sich mit der Diskriminierung von Frauen beschäftigt, kommt früher oder später am Rassismus oder dem Tierrecht nicht vorbei.

Das Thema Feminismus war für mich als Junge lange ein Fremdwort. Die ersten ernst zu nehmenden Berührungspunkte mit dieser Thematik verdanke ich meiner damaligen Freundin. Sie war Sozialdemokratin, Feministin und Mitglied bei den Schwusos (heute SPDqueer). Die emotionalen Auseinandersetzungen bezüglich der Beziehung zwischen Mann und Frau in den Anfängen unserer Partnerschaft stellten die Weichen für eine lang andauernde persönliche Auseinandersetzung. Die von meiner Freundin mir gegenüber vermittelte Skepsis gegenüber Männern deutete ich als Männerhass. Ich zog falsche Schlüsse und differenzierte viel zu wenig. Ich gewann den Eindruck, dass „radikale“ Feministinnen Opfer von Vaterkomplexen seien und überall im Alltagsleben die willkürlichen Maßstäbe eines ungerechten Patriarchats zu entdecken vermochten.

Ist es angebracht, wenn Männer Frauen die Tür aufhalten? Fahren Frauen schlechter Auto als Männer? Ist das einhändige Autofahren ein Zeichen einer chauvinistischen Haltung? Was ist jetzt genau sexistisch und was nicht? Fragen über Fragen, die so einfach klingen, aber bis heute in Partnerschaften immer wieder auftauchen und für Diskussionen sorgen können.

Ich pauschalisierte Frauen, die sich selbst als Feministin bezeichneten, zu unrecht. Andersherum hatte ich das Gefühl, von Feministinnen als Mann in den Topf „Männer“ geworfen zu werden. Es war nicht immer einfach damit umzugehen, normale Gewohnheiten sexistisch ausgelegt zu bekommen und gefühlt in eine Art Rechtfertigungsposition gedrängt zu werden.  Mit Angst vor Machtverlust hatte das nichts zu tun. Angst, meine sozial anerkannte „Männlichkeit“, unabhängig ob dieser Begriff überhaupt Sinn ergibt und begründet erscheint, spielte meiner Ansicht nach auch keine Rolle.

Die gewisse Ablehnung, sich weiter in diese Debatte einzubringen, hatte eher damit zu, dass es irgendwann lästig und wenig zielführend erschien, immer wieder alles in Frage zu stellen und jede gesellschaftliche Norm per se als schlecht und diskriminierend zu werten. Ich mag überreagiert haben, womöglich war ich zu diesem Zeitpunkt auch zu wenig reflektiert. Meine nächste Freundin, ebenfalls bekennende Feministin und Tierrechtsaktivistin, ermöglichte mir wieder an dieser Thematik anzuknüpfen und vielleicht eine verhärtete Trotzreaktion wieder aufzulösen. Zwar herrscht bei dem Thema Frauen und Frauengleichheit immer noch sehr viel Konfliktpotential, doch langsam fußt die Auseinandersetzung auf einem besseren Fundament. Angefangen hat es mit der Menstruation. Die Basics hatte ich aus der Schule noch im Gedächtnis, aber es wäre gelogen zu behaupten, ich kenne mich gut aus.

In Anbetracht der Tatsache, dass ich mit einer Frau ein gemeinsames Leben teile, wundert es mich bis heute, dass ich wenig bis gar nichts über den Frauenkörper wusste. Ich denke auch stellvertretend für viele Männer sprechen zu können. Dabei ist beispielsweise die Menstruation, die mit wiederkehrenden Unterleibsschmerzen verbunden sein kann, ein Ereignis, das Frauen jahrelang begleitet und Einfluss auf die psychische und psychische Verfassung nimmt. Pille absetzen oder nicht absetzen? Eine Frage, die Frauen heute immer mehr beschäftigt. Wie gesund kann die jahrelange Zuführung von Hormonen auf die Gesundheit sein? Viele Frauen kennen seit dem 15. Lebensjahr keine normale Menstruation. Was ist ein Menstruations-Cup und wie funktioniert dieser? Wie ändert sich die Körpertemperatur einer Frau innerhalb des Monats? Neuerdings wurde die Besteuerung von Periodenprodukten gesenkt. Zuletzt wurde ich mit einer Frage konfrontiert, die mich bislang nie beschäftigt hatte und dennoch eine wichtige Rolle spielt.

Können Frauen ejakulieren?

Auf diese Frage fand ich im Buch „Spritzen – Geschichte der Weiblichen Ejakulation“ von Stephanie Haerdle sehr viele Antworten. Stephanie Haerdle zeichnet eindrucksvoll die Geschichte der weiblichen Ejakulation und fügt dabei zahlreiche Quellenhinweise hinzu. Es handelt sich um ein sehr fundiertes und lesenswertes Buch und ermöglicht eine sachliche und für den Anfang sehr ausführliche Auseinandersetzung mit der weiblichen Sexualität. Ja, Frauen können ejakulieren. Stephanie Haerdle zeigt, wie die Auseinandersetzung mit der weiblichen Sexualität und vor allem der weiblichen Ejakulation, auch Squirting genannt, eine tausend Jahre alte Geschichte hat. Chinesische und indische Texte werden vorgestellt, die sich intensiv mit den weiblichen Flüssigkeiten, den weiblichen Liebessäften auseinandersetzen. Man fertigte ganze Handbücher und Ratgeber zu diesem Thema an. Dass Frauen beim Geschlechtsverkehr oder bei der Masturbation Flüssigkeiten abgeben, gehörte zum Allgemeinwissen und war in der Gesellschaft vor tausenden von Jahren verankert.

Das antike Griechenland kannte die weibliche Ejakulation ebenfalls. Die fehlende technische Möglichkeit, die Zeugung wissenschaftlich richtig zu verstehen, führte beispielsweise zu verschiedenen Zeugungstheorien. Nach der Zwei-Samen-Theorie war die Verbindung von männlichen und weiblichen Samen notwendig um eine Zeugung zu ermöglichen. Man sprach also von weiblichen Samen.

Das Buch beschreibt auch die Probleme, die mit einer männlich dominierten Medizin einhergehen und die falsche oder unzureichende Darstellung weiblicher Sexualorgane. Die Trennung von Urologie und Gynäkologie erschwert auch die Erforschung der weiblichen Geschlechts- und Harnorgane. Es scheint von Nöten zu sein, die Klitoris, Vagina, Eileiter, Prostata, Harnröhre, Blase und Gebärmutter als ein einheitliches und zusammenhängendes System zu begreifen. Zu dieser gesamten Thematik nimmt das Buch Stellung und beschreibt die bis heute existierenden Probleme.

Gibt es eine weibliche Prostata?

Die wissenschaftliche Unterscheidung von Mann und Frau hat weitreichende Konsequenzen und beeinflusst bis heute die Beziehungen der beiden Geschlechter. In Großbritannien ist es beispielsweise wegen des Obscene Publications Act bis heute verboten, weibliche Ejakulation in britischen Pornos zu zeigen, mit der Begründung es handele sich um Urophilie.

Dazu wird aber im Buch erklärt, dass Frauen zwei verschiedene Arten von „Liebessaft“ aus der Vagina oder der Harnröhre ausstoßen können. Die eine Flüssigkeit ähnelt dem Sperma und zeichnet sich durch ein dickflüssiges und weißes Sekret aus, dass aus der Prostata stammt und das Enzym prostataspezifisches Antigen enthält. Die andere Flüssigkeit ist durchsichtig und dünnflüssig und stammt wahrscheinlich aus der Blase. Einfach nur um Urin handelt es sich in keinem der beiden Fälle.

Zwar ist man auch in der Wissenschaft einig, dass die weibliche Sexualität mehr Forschung bedarf und viele Fragen noch offen bleiben, nichtsdestotrotz liegt eine stabile Grundlage vor, die man für weitere gesellschaftliche Auseinandersetzung heranziehen kann. Nach meinen bisherigen Beobachtungen haben viele Frauen der neuen Generation kaum bis gar keine Kenntnisse zur weiblichen Ejakulation. Dies macht es natürlich für Männer umso schwieriger, einen Zugang zur Materie zu finden, wenn Frauen oftmals ungenügend über ihre eigene Sexualität und die Funktionsweise ihres Körpers aufgeklärt sind.

Diskriminierung im Alltag anzusprechen ist richtig und wichtig, nur wird dies langfristig keine nennenswerte Veränderung herbeiführen, wenn keine tiefer gehende Analyse folgt. Den wohl wichtigsten und schwierigsten Beitrag, den Männer bringen können, ist der Versuch, sich anhaltend mit der sozialen Rolle der Frau und auch mit ihrem Körper und ihrer Sexualität auseinanderzusetzen, in der Hoffnung, die Interessen und Bedürfnisse aller in ein gerechtes und zufriedenstellendes Gleichgewicht zu bringen. Dies gilt natürlich auch für die Geschlechter außerhalb einer binären Geschlechterordnung sowie für jegliche Art der sexuellen Orientierung. Es ist auch keine Frage von linker Politik, rechter Politik, von liberaler oder konservativer Politik. Es bleibt eine Frage der Vernunft.

Den anderen verstehen zu wollen bedeutet erstmal, ihn vorab ernst zu nehmen, mit dem Ziel, eine friedliche Koexistenz zu ermöglichen.

Quellen:

  1. https://www.gesetze-im-internet.de/pstg/BJNR012210007.html
  2. https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2017/bvg17-095.html
  3. https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Entscheidungen/DE/2017/10/rs20171010_1bvr201916.html
  4. https://kenfm.de/standpunkte-•-mit-direkter-demokratie-gegen-die-tampon-steuer/
  5. https://books.google.de/books/about/Spritzen_Geschichte_der_weiblichen_Ejaku.html?id=5bXEDwAAQBAJ&source=kp_book_description&redir_esc=y

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung.

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Bildquelle: JpegPhotographer / shutterstock

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