Die Zukunft des Journalismus

oder die Renaissance des Widerstandes gegen herrschende Willkür.

von Jochen Mitschka.

Der Buchdruck, dann der Zeitungsdruck waren wichtige Meilensteine in der Überwindung der absolutistischen Herrschaft von „durch Gott eingesetzte Monarchen“. Ob das zu besseren oder schlechteren staatlichen System führte, angesichts der Tatsache, dass „Demokratien“ die meisten Kriege beginnen, sei hier nicht diskutiert. Vielmehr interessiert uns die Tatsache, dass Journalisten Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts maßgeblich daran beteiligt waren, dass bürgerliche Strömungen einen immer größeren Einfluss auf die Politik von Staaten nahmen. Allerdings verkehrte sich dies Ende des 20. und Anfang des 21. Jahrhunderts in sein Gegenteil. Nachdem die bürgerliche Machtübernahme abgeschlossen und nicht mehr Gott, sondern Geld (manche nennen es auch „die Märkte“) die Herrscher ersetzte, war der Journalismus zum Teil des Herrschafts- und Unterdrückungssystems geworden. Nachdem sich aber nun diese Herrschaft immer stärker gegen die ursprünglich eigene Machtbasis, das Bürgertum richtet, stellt sich die Frage, ob eine Renaissance des Widerstandes durch Journalismus möglich ist.

Um die Unterschiede in den Rollen des Journalismus Anfang des 20. Jahrhunderts im Vergleich zu Anfang des 21. Jahrhunderts zu verdeutlichen, will ich die Verfolgung von WikiLeaks-Gründer Julian Assange nennen. Das Verbrechen von Assange war eindeutig, die Verbrechen von Regierungen aufgedeckt zu haben. Aber erstaunlicherweise bleiben die „Journalisten“ des 21. Jahrhunderts schweigsam, oder sie verurteilen sogar Assange. Natürlich hatten sie vorher die Materialien von WikiLeaks genutzt, um ihre Auflagen und Profite zu erhöhen, aber nun … Schweigen.

Anfang des 20. Jahrhunderts dagegen gab es trotz heftiger ideologischer Kämpfe zwischen einzelnen Journalisten, eine große Solidarität, wenn es gegen den absolutistischen Herrscher ging. Als das in Preußen besonders scharf durchgesetzte Lèse Majesté, also das Gesetz gegen die Beleidigung seiner Majestät, zu immer mehr Verhaftungen führte, begannen Journalisten bewusst mit beleidigenden Artikeln, ließen sich einsperren, und schrieben sofort wieder einen beleidigenden Artikel, wenn sie wieder aus dem Gefängnis entlassen worden waren. Was schließlich zu einer Veränderung bzw. Nichtdurchsetzung des Gesetzes führte.

Umgesetzt auf das 21. Jahrhundert müssten heute eigentlich alle Journalisten in den WikiLeaks Dokumenten wühlen und einen Artikel nach dem anderen darüber veröffentlichen. Dass dies nicht passiert, ist der Tatsache geschuldet, dass Journalismus heute zu einer Industrie wurde, deren Kontrolleure selbst zur herrschenden Schicht gehören, während Anfang des 20. Jahrhunderts die Zeitungsmacher in jeder größeren Stadt Einzelkämpfer waren, die tatsächlich versuchten, durch Berichterstattung die Willkür der Mächtigen einzudämmen.

Als Journalismus also noch keine Industrie war, aber bürgerliche und revolutionäre Gedanken zunehmend Einfluss auf die Politik bekamen, war man bemüht, diesen Geist des Journalismus des 19. und 20. Jahrhunderts zu schützen. Es entstand, was wir heute als „Tendenzbetriebsgesetz“ kennen. Dass in der heutigen industriellen Pressearbeit, auch und immer noch Zeitungen, Radiosender und Fernsehstationen den Schutz dieses Gesetzes in Anspruch nehmen, ist heute allerdings zu hinterfragen. Denn der Ursprung der Idee wird in Wikipedia wie folgt beschrieben:

Ein Tendenzbetrieb ist ein Betrieb, bei dem die ökonomische Orientierung (Gewinnerzielung) nicht im Vordergrund steht, sondern (wie im Gesetz genannt) politische, erzieherische, wissenschaftliche oder künstlerische Ziele (diese Aufzählung ist nicht vollständig, zu den Einzelheiten vgl. § 118 Abs. 1 BetrVG).“ (i)

Ein heutiger privater Medienbetrieb ist eindeutig auf Gewinnerzielung ausgerichtet. Aber die Interpretation der Gesetze geht so weit, heute sogar den Anzeigenteilen einer Tageszeitung zuzubilligen, dass sie „politische, erzieherische, wissenschaftliche oder künstlerische Ziele“ im Sinn habe, die Gewinnerzielung sozusagen nur ein Nebeneffekt wäre (ii).

Also dürfen Medienbetriebe bestimmen, was ihre Journalisten schreiben, reden oder filmen. Und natürlich tun sie das auch. Ich erspare mir, hier die hundertfach dargestellte Konzentration in der Medienindustrie noch einmal darzustellen. Jeder sollte wissen, dass diese Industrie durch eine Hand voll Familien in Deutschland und durch eine Hand voll Konzerne im westlichen Teil der Welt beherrscht werden.

Und der Verdacht drängt sich auf, dass heute, da Medienbeherrscher Teile des Establishments sind, genau der „politische, erzieherische“ Auftrag der Medien, im Sinne des Establishments, unter einen besonderen Schutz gestellt wird.

Nun wollte man, in Erkenntnis der Entwicklungen im Journalismus, durch die „öffentlich-rechtlichen“ Medien ein Gegengewicht schaffen. Da man erkannte, dass eine pluralistische Berichterstattung durch zunehmende Industrialisierung und Konzentration in den Medien auf Dauer unwahrscheinlich wird, sollte genau das durch diese neuen Medien realisiert werden. Eine Idee, die im Prinzip nicht schlecht ist. Sie hat nur einen großen Mangel: Diese Medien werden heute durch die Parteien und ihren Konsens, also durch das Parteienkartell beherrscht. Also so wie die privaten Medien durch ihre Kapitalinteressen beherrscht werden, werden die „öffentlich-rechtlichen“ Medien durch jene beherrscht, die politisch im Land das Sagen haben.

Wären die Parteien tatsächlich die Vertreter der Menschen eines Landes, und würden sie deren Willen umsetzen, was aber nicht der Fall ist, wie wir spätestens seit der Rede von Angela Merkel wissen (iii), könnte sich trotz der Herrschaft der Parteien über die öffentlich-rechtlichen Medien ein Gegengewicht gegen die privaten Medienkonzerne ergeben. Da aber die Regierenden der Meinung sind, dass für die Massen gut ist, was für die Inhaber der privaten Medienkonzerne gut ist, und ganz offen die Meinung und den Willen der Bevölkerung missachten, vertreten beide Mediengruppen die gleichen „erzieherischen, politischen“ Ziele. Was zu der Ablehnung dieser Medien in immer größeren Bereichen der Gesellschaft führt.

Ein gutes Beispiel für die synchrone Berichterstattung in den Medien ist die überall verbreitete Werbung, mit der zur Teilnahme an den Wahlen zum EU-Parlament aufgerufen wird. Unisono wird dabei die EU mit „Europa“ gleichgestellt, gerade so, als ob die EU Europa wäre. EU-kritische Stimmen kommen praktisch nicht vor, wenn doch, dann mit entsprechenden abwertenden Kommentaren und Beurteilungen (erzieherische, politische Ziele).

Das Internet als Nachfolger des Buchdrucks

Nun entstand eine Gegenbewegung im Internet. Auch hier kann man Vergleiche zwischen dem Auftreten des Buchdrucks und der Zeitungen ziehen. Wurden früher Bücher verbrannt, so werden heute Internetseiten verleumdet, zensiert, gesperrt, oder verfolgt. Besonders gut lässt sich dies an der Bekämpfung von Russia Today erkennen. Wurden Journalisten von Zeitungen Anfang des 20. Jahrhunderts noch gerne wegen „Majestätsbeleidigung“ oder „Landesverrat“ eingesperrt, so macht man das heute mit Whistleblowern, die Verbrechen der Staaten offenbaren, oder eben mit solchen Journalisten wie Assange, die es wagen, für solche Veröffentlichungen ihr Gesicht zu geben.

Sicher gibt es bei den so genannten „Qualitätsmedien“ immer noch hervorragend recherchierende investigative Journalisten bzw. entsprechende Beiträge. Aber wenn man genau hinschaut, werden diese niemals das Narrativ eines gerade aktiven Tätigkeitsbereiches des Establishments in Frage stellen. Solche Bereiche waren und sind teilweise die Berichterstattung über die Ukraine, Russland, Syrien, Venezuela, um nur einige aktuelle zu nennen. Allerdings ist es erlaubt, nachdem die Aktionen des Establishments abgeschlossen sind, auch kritisch darüber zu berichten. Ja es ist sogar erwünscht. Einmal weil dadurch die angebliche „Pressefreiheit“ demonstriert werden soll, aber insbesondere, weil die Aufarbeitung nicht mehr zu verändernder Fakten, die Energien von aktuellen Ereignissen ablenkt. Wie es Rob Slane, ein hoher Beamter in der Regierung George W. Bush einmal feststellte: “Beschäftige dich damit, analysiere es, es ist uns egal, wir haben schon die nächste Realität erschaffen”.

Die Mehrheit der Beiträge in so genannten „Qualitätsmedien“ zeichnen sich dadurch aus, dass sie täglich durch Beiträge im Internet als falsch, in die Irre führend, propagandistisch oder schlicht Irrtümer verbreitend, entlarvt werden. Gerade, also am 10. Mai 2019, während ich diesen Text verfasste, hörte ich in SWR3 einen Bericht über „russische Spionwale“ oder sogar „Kampfwale“. Aufgegriffen wurde die Behauptung, dass ein in Skandinavien aufgetauchter Beluga-Wal wohl als russischer Spion ausgebildet worden wäre. „Experten gehen davon aus, dass der Belugawal vom russischen Militär zu einer Art tierischem Spion ausgebildet wurde.“ (iv) Damit wurde das Narrativ vom bösen und aggressiven Russland bedient, während dem aufgeklärten Internetnutzer bereits längst bekannt war, dass der Wal „Semjon“ hieß und aus einem skandinavischen Therapiezentrum für Kinder stammte. Was schon zwei Tage vorher bekannt gemacht wurde, allerdings zunächst im „Feindsender“ Sputnik News (v).

Die Strategie der etablierten Medien kommt mir so vor wie die seit Jahrhunderten erfolgreiche Strategie der Religionen. Als ich mit 14 Jahren, damals noch Katholik, an Exerzitien in einem Kloster in der Eifel teilnahm, kamen die Jesuiten, mit denen wir als Schüler diskutierten, nach relativ kurzer Zeit immer an einen Punkt in dem sie erklärten: „Das ist die Sache des Glaubens, das kann man nicht rational erklären“. Und jeder der nicht glaubte, war eben ein Ungläubiger, dessen Seele verdammt war, in der Hölle zu schmoren. Diesen Geist erkennt man in den Artikeln der Mainstreampresse, die es nur selten für notwendig hält, die Quellen zu verlinken, und dem Konsumenten die Möglichkeit zu geben, ihre Interpretationen der Nachrichten durch Prüfung der Originalaussagen zu verifizieren.

Die Alternativen im Internet dagegen verlinken in aller Regel ihre Quellen und fordern sogar dazu auf, sie zu prüfen. Und so kann man durchaus feststellen, dass heute die Betreiber von Internetseiten, in denen sie den Kampf gegen die einseitige establishmentfreundliche Berichterstattung aufgenommen haben, heute die gleiche Rolle spielen, wie die Zeitungsmacher Anfangs des 20. Jahrhunderts.

Und so stellt sich die Frage, ob die so genannten Alternativen Medien im 21. Jahrhundert vielleicht die Rolle der Journalisten des beginnenden 20. Jahrhunderts übernehmen können.

Das Problem der Alternativen Medien

Ähnlich wie zwischen den Journalisten des angehenden 20. Jahrhunderts gibt es zwischen den verschiedenen Anbietern im Internet auch einen ideologischen, dogmatischen und wirtschaftlichen Wettbewerb, ja sogar auch Kampf. Insbesondere der Streit zwischen „Rechts“ und „Links“, eifrig befeuert durch das Teile-und-herrsche-Konzept des Establishment, verhindert, dass sich breite Koalitionen zur Durchsetzung von basisdemokratischen Zielen, zusammen schließen. Das wird sich auch nicht so schnell ändern. Zu tief und zu lange wirkt bereits die Indoktrination.

Ein weiteres Problem stellt die Tatsache dar, dass das Establishment nicht nur über unbegrenzte finanzielle Mittel verfügt, sondern auch über loyale und kluge Helfer. Sie sind in der Lage, im Internet einen Geräuschpegel zu verursachen, unter dem die so genannten Alternativen Medien hoffnungslos untergehen.

Dann gibt es ein weiteres Problem, das des „bequemen Konsumenten“. Viele Menschen sind entweder zu bequem oder nicht ausreichend informiert, um die Informationen im Internet zu suchen, zu finden, und dann noch zu bewerten. Dazu kommt die Fragmetierung in Themen, Interessen und Aktivitäten. Es gibt keinen Kanal im Internet, der von politischen Informationen über Dokumentationen, Serien, Boulevard, bis zu Musik ein Vollprogramm anbietet, um den Konsumenten in seinem Portal zu halten.

Das dritte und vielleicht größte Problem ist die fehlende Wahrnehmung außerhalb der „alternativen Szene“.

Der einzige Ausweg aus den Problemen wäre ein Zusammenschluss und gemeinsames Portal, zumindest von Progressiven Kräften einerseits und konservativen Kräften andererseits. Wenn schon ein vollkommen gemeinsames Portal so wenig möglich sind wie der Zusammenschluss von ARD (SPD-Funk) und ZDF (Adenauer-Sender). Nur eine Unterordnung der persönlichen Eitelkeiten und Empfindlichkeiten unter eine gemeinsam größere Sache, könnte auf Dauer dem Druck und dem Lärm des Establishments Paroli bieten.

Quellen:

v: https://de.sputniknews.com/panorama/20190508324897902-russischer-spionage-wal-therapietier-kinder/

Siehe auch: Russell A. Berman, Literaturkritik zwischen Reichsgründung und 1933, Geschichte der deutschen Literaturkritik (1730–1980), 10.1007/978-3-476-03209-6_5, (205-274), (1985).

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung.

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Ein Kommentar zu: “Die Zukunft des Journalismus

  1. Halte diesen Aufsatz fuer eine viel zu zahme Beschreibung. Die Uniosono Medienkacke der Mainstream-Relotiusmedien geht auf eine breit angelegte und planvolle Korruption zurueck, welche die Machthaber des Geldes ungeniert ueber Politlakaien, diese via Parteinproporz ueber das Oeffentlichunrechte und die Machthaber weiters in schoener neuen Einigkeit direkt ueber gekaufte, Medien und Nachrichtenagenturen auf ebenfalls zu Lakaien reduzierte Journaille ausuebt.
    Der Unterschied zu frueher kommt nur daher, dass die Machtinhaber von den Sozies gelernt haben, Reibereien um die Macht untereinander nicht mehr ueber Medien auszutragen. Das war zu renitenzgefaehrlich und vermeidet man nun. Das ist schon alles im Verhaeltnis zu frueher mal.
    Also besser abgestimmte Korruption als frueher.

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