Die Zwangs-Maschinerie

Die Schulen dienen nicht der Bildung, sondern der Anpassung und Unterwerfung unserer Kinder. Ein Rubikon-Videointerview wider die Untertanenfabrik.

Von Birgit Assel.

Hinweis zum Rubikon-Beitrag: Der nachfolgende Text erschien zuerst im „Rubikon – Magazin für die kritische Masse“, in dessen Beirat unter anderem Daniele Ganser und Rainer Mausfeld aktiv sind. Da die Veröffentlichung unter freier Lizenz (Creative Commons) erfolgte, übernimmt KenFM diesen Text in der Zweitverwertung und weist explizit darauf hin, dass auch der Rubikon auf Spenden angewiesen ist und Unterstützung braucht. Wir brauchen viele alternative Medien!

Was ist Frieden? Frieden ist die Abwesenheit von Gewalt. So schlicht und einfach formulierte es einst der norwegische Friedensforscher Johan Galtung. Doch die Vorstellung, dass wir dann in Frieden leben, wenn wir keine direkte Gewalt durch eine bestimmte Person erfahren, ist ein Trugschluss.

Trotz aller modernen Errungenschaften sind viele Menschen, auch in Industriestaaten wie Deutschland, noch immer auf der Suche nach Frieden: Lebensratgeber, die „inneren Frieden“ und ein glückliches, friedlich-selbstbestimmtes Leben versprechen, erfreuen sich enormer Beliebtheit. Doch wie kann das sein, wo doch mittlerweile jedem von uns so viele Freiräume in der privaten Lebensgestaltung und Möglichkeiten der Selbstentfaltung offen stehen?

Stimmt die Aussage zu den Freiräumen und zur Selbstentfaltung denn wirklich so? Sind wir so frei, wie wir glauben? Dürfen wir uns tatsächlich frei entfalten!? Beim Zweifel an dieser (so leicht zu unterschreibenden) These setzt die Gesprächsrunde um Moderator Jens Lehrich, Traumatherapeutin Birgit Assel, Philosoph Bertrand Stern und Lehrerin L. Göcking an.

Wer darf „nein“ sagen?

Was ist, wenn ein Mensch „nein!“ sagt zu Schule, sich mit Händen und Füßen wehrt, weinend vor der Tür steht und nicht hinein möchte ins Klassenzimmer — aus welchen Gründen auch immer? So wie junge Menschen verpflichtet sind zur Teilnahme am Unterricht, so sind Lehrerinnen und Lehrer verpflichtet, den „Abtrünnigen“ irgendwie zum Schulbesuch zu bewegen.

Das heißt, vor allem jungen Menschen in unserer Gesellschaft steht offenbar nicht die Freiheit zu, ihr Leben so zu gestalten, wie sie es möchten.

Strukturelle Zwänge

Dass tatsächlich die meisten Menschen diesen Zwang als etwas Gutes, Nützliches, ja sogar Förderliches ansehen, gehört dazu, wenn wir von struktureller Gewalt reden: Den Betroffenen ist ihre Gegenwart nicht bewusst, da sie als „Norm der Normalität“, so Stern, in den Köpfen fest verankert ist.

Und dann sei es eben auch normal, die Schulpflicht als gut, richtig und unabdingbar zu betrachten — auch wenn sie Zwang ist; auch wenn sie einige junge Menschen schwer belastet. Solange keine Alternative verfügbar ist, hat Widerstand wenig Sinn.

Angefangen bei U-Untersuchungen und Kita-Entwicklungsberichten bis hin zu zeitlich und räumlich vorgegebenem Schulunterricht: Wir haben kaum eine Wahl, mitmachen ist Pflicht. Und so kann es sein, dass Empfänger struktureller Gewalt tief in sich ein Gefühl von Ohnmacht und Hilflosigkeit spüren.

Die Mittel, die zur Verfügung stünden, sich zu wehren, werden kriminalisiert oder als unangebracht, unangemessen oder sogar „krank“ erklärt, sodass ein Ausweg schwer bis unmöglich erscheint. Tatsächlich wollen diesen Ausstieg aber auch die wenigsten, allein der Gedanke daran macht ihnen Angst.

Angst versus Vertrauen

Da ist zum Beispiel die Angst der Eltern, deren Kinder „nein“ zu Schule sagen — wie soll das gehen? Das geht doch nicht! „Die eigene Angst nicht zu übertragen auf die Kinder“, empfiehlt Birgit Assel. Denn Kinder wissen häufig noch recht klar, was sie wollen und was nicht — im Gegensatz zu uns Erwachsenen, die wir mitunter schon in unser Willensfähigkeit eingeschränkt wurden.

„Ich muss mich fügen, der Ausübende hat sicher Recht — nicht ich“, sind tief verinnerlichte Sätze. Hinzu kommt der überzeugte Glaube derjenigen, die die Gewalt ausüben: „Ich meine es ja nur gut mit dir, ich will doch nur dein Bestes!“

Doch warum wird strukturelle Gewalt einfach so hingenommen? Meist sind sich weder diejenigen, die daran beteiligt sind, sie auszuüben, noch diejenigen, die sie erleiden, ihrer bewusst.

Die Art der Einschränkung ist subtil und anonym — keiner kann dafür verantwortlich gemacht werden — die Zusammenhänge sind so komplex, dass kaum jemand sie durchblickt oder in Frage stellt. Strukturelle Gewalt umgibt uns, und sie funktioniert.

Was jedoch bei all dem auf der Strecke bleibt: Vertrauen in uns Menschen als Subjekte. Echter Frieden.

Kranke Menschen oder krankes System?

Die Einwirkung von Gewalt — gerade über einen längeren Zeitraum — schadet uns und unserer Psyche nachhaltig. „Sie traumatisiert uns“, so Birgit Assel.

Wenn unser eigenes Urteil und Gefühl immer wieder kollidiert mit den Anforderungen der Umgebung, dann entwickeln wir Symptome. Doch erst wenn kein Arzt und kein Psychiater mehr helfen könne, kämen die Menschen auf die Idee, dass vielleicht gar nicht sie selbst krank sind, sondern das System, in dem sie leben oder aufgewachsen sind.

„Alle machen das so, dann muss das so sein, das ist die Norm. Ich muss funktionieren.“ Und gerade bei jungen Menschen verwebt sich der Wunsch, „normal“ zu funktionieren, mit dem, dazu gehören zu wollen. Doch was, wenn die Diagnose „Schulangst“ oder „Schulphobie“ das „Normalsein“ verhindert?

Als besonders perfide zeigt sich hier: Ein aufgeklärt-demokratischer Staat, in dem Menschen das Ausüben von Gewalt untersagt ist, der jedoch selbst verdeckte, nicht greifbare Gewalt ausübt. Und jungen Menschen wird das Recht abgesprochen, sich gegen diese Gewalt — den Zugriff des Staates auf sie selbst — zur Wehr zu setzen, so Stern.

Konkret gefragt

Würden viele SuS durchs Raster fallen, wenn die Schulpflicht gelockert würde? Fakt ist, dass schon heute sehr viele junge Menschen unbemerkt durchs „Raster“ fallen, doch (noch) gibt es öffentliche Stellen, die sie auffangen und alternativ beschulen — wie in Hamburg einige sogenannte Bildungs- und Beratungszentren.

„Die, die nein sagen, sind ganz besonders menschlich und gesund“, sagt Bertrand Stern.

Warum dürfen Beamte eigentlich nicht „nein“ sagen und als Zeichen ihres Protestes streiken? Warum wird es Schülerinnen und Schülern negativ im Zeugnis vermerkt, wenn sie „nein“ sagen zum Unterricht und stattdessen für besseren Umweltschutz auf die Straße gehen?

Um diese Fragen dreht sich die konstruktiv lebendige Gesprächsrunde, moderiert von Jens Lehrich, in der offenbar wird, wie die strukturelle Gewalt das Leben vieler Menschen unsichtbar dominiert und in welchen Facetten sie unsere Gesellschaft im Zaum hält.


+++

Dieser Beitrag erschien am 16.03.2019 bei Rubikon – Magazin für die kritische Masse.

+++

KenFM bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Meinungsartikel und Gastbeiträge müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

+++

KenFM jetzt auch als kostenlose App für Android- und iOS-Geräte verfügbar! Über unsere Homepage kommt Ihr zu den Stores von Apple und Google. Hier der Link: https://kenfm.de/kenfm-app/

+++

Dir gefällt unser Programm? Informationen zu Unterstützungsmöglichkeiten hier: https://kenfm.de/support/kenfm-unterstuetzen/

+++

Jetzt kannst Du uns auch mit Bitcoins unterstützen.

BitCoin Adresse: 18FpEnH1Dh83GXXGpRNqSoW5TL1z1PZgZK

6 Kommentare zu: “Die Zwangs-Maschinerie

  1. Gespräche zum Thema Schule und strukturelle Gewalt finde ich oft spannend und inhaltlich deckungsgleich mit meiner oder meiner Bekannten und Verwandten Schulzeit. Es ist nur schade, dass hier oft relativiert und schöngeredet wird. Die Entwicklung von Demütigung-Trotz-spätere Akzeptanz dieses veralteten Schulkonzeptes habe ich schon so oft erlebt und erlebt man immer wieder, dass es müßig ist, der Gesellschaft die Lernfreiwilligkeit und Selbstbestimmtheit junger Menschen schmackhaft zu machen.

  2. Danke für diesen Beitrag.

    Dieses Dilemma wird trefflich beschrieben von Alexis de Tocqueville in
    ´Demokratie in Amerika´:
    ´Da die Vergangenheit die Zukunft nicht erhellt, tastet der Verstand im Dunkeln. ´

    Gratulation an Frau Göcking, dass Sie sich diesem Zwangskorsett der Verbeamtung entzogen und sich zugunsten des Menschseins entschieden hat. Diese engagierten Lehrer haben, soweit wir uns erinnern können, sogar schon während der Refrendarzeit, dermaßen Prügel in den Weg gelegt bekommen, dass ein Weiterarbeiten im staatlichen Schuldienst nicht möglich gewesen ist. Über diesen Zustand ist nicht die Schulleitung traurig gewesen, sondern ausschließlich nur die Schüler.

    Schulen müssten sämtliche hierarchischen Strukturen abschaffen, sich auf die horizontale Ebene des Gleichseins begeben, sich und Ihr Wissensangebot so attraktiv gestalten, dass Kinder freiwillig zum Wissen kommen wollten und Freude am Erlernen hätten.
    Lehrer sähen die jungen Menschen nicht mehr als Kunden, sondern Lehrer wären Begleiter, Mentoren, Freunde. Keine Zeitbegrenzung hinderte diese jungen Menschen am Wissendurst. Lehrer erkennten Talente und förderten diese auch.
    Das Beispiel ´Summerhill´ wäre keine Ausnahme mehr…
    Auch ließen sich manche Direktoren morgens vor Schulbeginn nicht mehr von allen Schülern die Hand schütteln, denn für eine solche Farce wäre einfach keine Zeit und erstrecht kein Bedarf. Keinermanns Eitelkeit müsste gestreichelt werden…
    Ist denn diese ´Verpreußung der Welt´ nicht zu durchbrechen?
    ´Der Geist der Wahrheit und der Geist der Freiheit, das sind die Stützen der Gesellschaft. ´
    (Henrik Ibsen)

  3. Völlig d´accord, @Andreas

    Und endlich offenen Zugang zu welchen Lernangeboten und -Orten immer – frei zu welchen Lernweg-Wechseln auch immer – Einrichtungs- und Wegbegleiter-Finanzierung via Gutschein-System…, genau!

    Vor Jahren habe ich mich deshalb als Lehrerin aus dem Schulsystem BWs verabschiedet – meinen sogar in vielem forderungsangepassten Schulentwurf, der sich gleichwohl noch freier nutzen ließe, gibts deshalb nur unter dere url: http://buergerbeteiligung-neu-etablieren.de/POLITISCHES/6/bildungssystem_zum_gutscheinsy.html

    Aber wir sollten zunehmend dringend noch ganz anders ran an unsere Systeme !!! europäisch wie im Weltmaßstab !!!
    Solange wir die Profitbesessenenen Finanz-Jongleure dieser globalisierten Welt nicht mit einer ganzen Reihe von Systemwechsel-Entschlüssen beantworten, kommen wir auch nicht zu einer offenherzigen Begleitung junger Menschen auf ihren Wegen ins Leben, statt des bisherigen Erziehungswahns…
    vgl etwa: https://diskursblickwechsel.wordpress.com/2019/04/01/toxische-systeme-auswege/

    • Was die Schule betrifft, sehe ich das ganz einfach:
      Ohne Schulpflicht müssten die Schulen Angebote machen und die Qualität der Angebote würde sich durch die Anzahl der freiwilligen Besucher zeigen.
      Klar wäre dann auch der MC-Doof-sponsort-was-Tag anfänglich gut besucht, aber insgesamt …
      (Ich amüsiere mich immer, wenn von „Angeboten“ gesprochen wird, denn so lange es Schulpflicht gibt, kann es kein Angebot geben 😉

      Aber glücklicherweise habe ich mit Schule herzlich wenig zu tun, das Gespräch war mir Anstoß Bögen zu schlagen, z.B. inwiefern bürokratische Auswüchse auch strukturelle Gewalt sind …

  4. Super Gesprächsrunde …
    es gibt viele Menschen, die etwas zu sagen haben. Substanzielle Erkenntnisse, eigene echte Erfahrungen und keine erfundenen Spiegel-Berichte bzw. Erziehungsmaßnahmen aus dem „Wahrheitsministerium“. Danke an allen Beteiligten.

  5. Schöne Runde, passt thematisch zum KenFM Gespräch mit Hr. Hüter.
    Philosophen müssen hinterfragen, skeptisch sein, oft auch das Haar in der Suppe suchen; die aktuellen Schülerproteste auf „Klimawandel“ zu reduzieren, halte ich für unglücklich.
    Zwar reden die jungen Demonstrierenden sicherlich viel von „Klimawandel“ – klar, die sind hier aufgewachsen, hören und lesen oft „Klimawandel“ in den Medien und greifen das Schlagwort auf – aber im Motto „fridays for future“ steckt ja „Zukunft“ drin und das ist ein wesentlich weiteres Feld;
    – Verwüstung (im Wortsinne, Wüste erzeugen wo Wald war)
    – Vergiftung
    – Verstrahlung (bei Halbwertzeiten von mio. oder mrd. Jahren die nachhaltigste Umweltzerstörung)
    – Versiegelung (gerade Deutschland, wo die Aktionäe der Autokonzerne regieren, was hier an Fläche versiegelt wird, um dann darauf Öl zu verbrennen … )
    – Vermüllung (Plaste in Tiermägen)
    – genmanipulierte Organismen (könnte sich nach künstlicher Radioaktivität als die zweit-nachhaltigste Umweltzerstörung erweisen und dann ist das in der industriellen Agrarwirtschaft auch mit Glyphosat&Co., also mit dem Stichwort Vergiftung, verbunden)
    Also den jungen Menschen wird ja in vielerlei Form die Zukunft zerstört, da passt Anwesenheitszwang¹ dazu, denn Menschen zu zwingen an einem Ort anwesend zu sein macht es unmöglich, dass diese Menschen in dieser Zeit etwas für die Zukunft lernen könnten, d.h. es verwehrt den jungen Menschen die Möglichkeit, sich geistig für die Zukunft zu rüsten, womit ihnen erschwert wird, die Zukunft bewältigen zu können.

    ¹ auch ein feiner Begriff 😉 man muss sich mal überlegen, dass es täglichen Anwesenheitszwang sonst nur in offenem Vollzug gibt – aber welche Straftaten haben ALLE junge Menschen begangen, dass ALLEN jungen Menschen Vollzugsmaßnahmen auferlegt werden?

Hinterlasse eine Antwort