Dokument britisch-amerikanischer Imperialpolitik

Mackinders Heartland-Theorie mit einem Lagebericht von Willy Wimmer

Von Wolfgang Bittner.

Dem Frankfurter Westend Verlag ist eine Publikation zu verdanken, die Einsicht in britisch-amerikanische geopolitische Vorstellungen seit Anfang des 20. Jahrhunderts gibt: „Der Schlüssel zur Weltherrschaft. Die Heartland-Theorie“. Diese vorübergehend in Vergessenheit geratene Theorie, die Anfang des vorigen Jahrhunderts von Halford Mackinder und anderen entwickelt wurde, kann als Grundlage für die britisch-amerikanische Imperialpolitik gelten.

Mackinder (1861-1947), Geograf und langjähriger Präsident der Königlich Geografischen Gesellschaft ging 1904 in seinem programmatischen Vortrag „The Geographical Pivot of History“ von einer „Weltinsel“ aus, der größten zusammenhängen Landmasse der Welt, die aus den Kontinenten Europa, Asien und Afrika mit einer „Drehpunktregion“ („pivot area“) in Eurasien besteht. Dem folgte 1919 die Studie „Democratic Ideals and Reality“ mit seiner „Heartland-Theorie“, wonach die Welt beherrscht, wer das Zentrum Eurasiens, die „pivot area“ kontrolliert.(1)

Mackinder sah durch eine sich aus diesem Zentrum des eurasischen Kontinents entfaltende Landmacht, die unabhängig von den Weltmeeren wäre, die Vorherrschaft der britischen Seemacht und damit die universale Hegemonie Englands gefährdet. In diese Richtung wies die fortschreitende technische Entwicklung, die eine wirtschaftliche und verkehrsmäßige Erschließung weiter Teile des Kontinents ermöglichte. Mackinders „Herzland“ war das Gebiet des Russischen Reiches und der späteren Sowjetunion, und seine Theorie stellte seinerzeit eine Warnung vor dem Verlust der britischen Dominanz dar.(2)

Die USA haben in diesem Konstrukt keine herausragende, großartige Bedeutung, die sie jedoch beanspruchen. Daraus wird ersichtlich, warum sie – in Fortsetzung der Imperialpolitik Englands – eine Kooperation Deutschlands mit Russland seit mehr als einem Jahrhundert verhindern und seit dem Ende der Sowjetunion auf einen Regimewechsel in der Ukraine hingearbeitet haben, was in Russland mit der Regierung Jelzin nicht ganz gelungen war, in Kiew aber 2014 schließlich zum Erfolg führte.

In einer längeren Einführung des Westend-Buches befasst sich nun Willy Wimmer, ausgewiesener Experte für Außen- und Sicherheitspolitik, kenntnisreich mit den geschichtlichen Zusammenhängen seit dem Wiener Kongress von 1819 und schlägt den Bogen in die Gegenwart. Er schreibt in Bezug auf die veränderte Weltlage: „Es war eine lange Zeit, die allerdings die neuen Rivalitäten zwischen Russland, Frankreich, Deutschland und den Vereinigten Staaten – tatsächlich oder eingebildet – überdeutlich aufzeigte… Es ging um die neue Weltsicht und darum, welche militärische Einheit den größten Anteil am staatlichen Haushalt innerhalb der Streitkräfte für sich würde verbuchen können.“

Wimmer geht davon aus, dass Deutschland, im Gegensatz zu Großbritannien „ein durchaus friedensbezogenes Land, prosperierend, sozial verantwortlich und auf sich bezogen“, durch den provozierten Ersten Weltkrieg und den folgenden Versailler Vertrag ruiniert wurde, ebenso Österreich-Ungarn, und zwar „mit verheerenden Folgen für Europa und die Welt“.

Wimmers Thesen zu Versailles, aber auch zu China, Venezuela, dem Iran und zur Rolle Angela Merkels, die in Verbindung mit anderen russlandfeindlichen Kräften „aktiv eine Zusammenarbeit zwischen Washington und Moskau“ verhindert, ist zuzustimmen. Ebenso seiner Feststellung, dass die USA Kriege „ausschließlich aus eigenem nationalem Interesse“ unter Missachtung der Charta der Vereinten Nationen führen.

Wer meint, die Ideen Mackinders seien antiquiert, sollte bedenken, „dass seine Theorie zur Bedeutung des ‚globalen Herzlandes‘ bis heute Lehrstoff für die Offiziersausbildung der Streitkräfte der Vereinigten Staaten ist“, so Willy Wimmer. Und er schließt die Frage an: „Was gegenwärtigen wir heute und wie zeigte sich die Welt zu einer Zeit, in der Mackinder seine Vorstellungen zur weltpolitischen Entwicklung nicht nur formulierte, sondern denjenigen in London vorgetragen hatte, die für das Meinungsbild in Großbritannien gewissermaßen zuständig waren?“

Insofern ist es durchaus sinnvoll und zur Beurteilung der heutigen weltpolitischen Situation wichtig, die imperialen Vorstellungen Mackinders einem größeren Leserkreis zugänglich zu machen, denn sie sind nach wie vor von Bedeutung für die Politik Großbritanniens und der USA mit der von ihr gesteuerten NATO. Das Buch über „den Schlüssel zur Weltherrschaft“ ist unter diesem Aspekt und mit seinem Bezug zur Gegenwart höchst informativ und empfehlenswert.

Halford John Mackinder, Der Schlüssel zur Weltherrschaft. Die Heartland-Theorie, Mit einem Lagebericht von Willy Wimmer, Westend, Frankfurt am Main 2019, Broschur, 80 S., 12,– €.

Quellennachweise:

(1) Halford Mackinder: The geographical pivot of history, 1904. In: Democratic Ideals and Reality, web.archive.org/web/20090305174521/www.ndu.edu/inss/books/Books%20-%201979%20and%20earlier/Democratic%20Ideals%20and%20Reality%20-%201942/DIR.pdf

(2) Dazu in größerem Zusammenhang Wolfgang Bittner, „Der neue West-Ost-Konflikt. Inszenierung einer Krise“, Verlag zeitgeist, Höhr-Grenzhausen 2019, S. 197 f)

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7 Kommentare zu: “Dokument britisch-amerikanischer Imperialpolitik

  1. Alles wahr, was die Menschen da kommentieren. Wer wie ich die Heartland Theorie nicht gelesen hat, braucht nur die uns bekannte Geschichte anzusehen und kommt auch auf die Lösung. Es gab seit Prinzessin Sophie von Anhalt-Zerbst 1745 in das russische Kaiserhaus einheiratete und später unter dem Namen Katharina die Große regierte, keinen Angriff von Russland auf Deutschland. Sie hatte Kriege mit der Türkei, wobei ihr dann letztlich die Krim zugesprochen wurde. Seitdem ist die Krim bei Russland gewesen. Betrachtet man die europäischen Feldzüge Richtung Osten ging es letztlich immer nur darum Russland zu erobern. Die Drahtzieher wollen unbedingt mittels Krieg nach Russland eindringen, um nur ja ein Bündnis zwischen Europa und Russland zu verhindern. Think-Tank George Friedman bestätigt doch nur im Youtube Video, was die Geschichte aufzeigt und an logischer Schlussfolgerung zulässt.

    • Man jetzt nur aufpassen, dass das neue Imperium ganz weit im Osten nicht in ähnlichem Stil das deutsch–russische Verhältnis betrachtet.
      Denn wenn Chinan die Rolle der USA einnehmen sollte, wäre da nicht die Einigung D / RUS ebenso ein Hemmschuh?

      Vielerorts wird das Auftauchen von China quasi als Emanzipationstool gegen die US-Dominanz gesehehn.

      Man wird genau zu beobachten haben, ab wann dieser Befreier zum neuen Besatzer werden könnte.

    • noein
      So wirkt es. Die sind schon im Herzen der KP Chinas (People's Bank of China). Wenn die Vollendung der NWO mit Krieg erzwungen werden muss, wird es EU + NATO gegen Russland + China heißen. Beide Seiten werden finanziert wie bei den ersten beiden Kriegen. Vorher wird man noch versuchen mit Überwachung, 5 G usw. das alles so über die Bühne zu bringen. Die Strategie Russland und Deutschland voneinander getrennt zu halten, wird dabei weiter verfolgt. Die Badische Zeitung schrieb im Febr. 2018 "China sammelt Häfen rund um den Globus", die für den Warenverkehr und als potentielle Militärstützpunkte tauglich sind. Viel Aufwand, um uns zu beliefern oder Menschen umzubringen.

  2. Zur Erinnerung: George Friedman, Stratfor, US-Geheimdienstberater, hat im Feb. 2015 der US-Elite „Empfehlungen“ gegeben, Deutschland gegen Russland kämpfen zu lassen, siehe hier: http://www.cashkurs.com/kategorie/meldungen/beitrag/us-denkfabrik-stratfor-vorbehalte-gegen-deutsch-russische-kooperation/

    Auf die Frage, ob Isis eine existentielle Bedrohung für die USA seien, antwortet er:
    George Friedman: Es ist momentan zwar keine existenzielle Bedrohung für die Vereinigten Staaten, aber stellt mit Sicherheit ein Problem dar. Man muss sich darum kümmern, aber man muss sich auch in einer angemessenen Weise damit auseinander setzen. Wir haben momentan einfach andere außenpolitische Interessen.“

    [Dann zögert Friedman ein ganz ganz kleines bisschen, wie ich am Video bemerkt habe – soll er weiterreden oder nicht? – und er redet weiter und lässt die Katze aus dem Sack: ]

    George Friedman: Das maßgebliche Interesse der Vereinigten Staaten im letzten Jahrhundert – also im Ersten Weltkrieg , Zweiten Weltkrieg und im Kalten Krieg – waren die Beziehungen zwischen Deutschland und Russland. Vereinigt sind diese beiden die einzige Macht, die uns ernsthaft bedrohen könnte. Unser Hauptziel war es demnach, sicherzustellen, dass es nicht zu einem Deutsch-Russischen Bündnis kommt. Die USA haben ein fundamentales Interesse. Sie kontrollieren alle Ozeane der Welt. Keine andere Weltmacht hat das bisher geschafft. Aus diesem Grund können wir in den verschiedensten Regionen und Ländern der Welt intervenieren, auf der anderen Seite können diese uns aber nicht angreifen. Das ist eine gute Sache.
    Die Ozeane und den Weltraum auch weiterhin zu beherrschen begründet daher unsere Macht in der Welt. Das heißt: Der beste Weg eine feindliche Flotte zu besiegen, ist zu verhindern, dass diese überhaupt gebaut wird. Dies lässt sich gut mit den Briten vergleichen, die es, dadurch dass sie die einzelnen Mächte Europas in Konflikte verwickelten, geschafft haben, sicherzustellen, dass keine andere europäische Macht eine Flotte baut.
    Die Herangehensweise, die ich daher empfehlen würde, ist die, die Ronald Reagan im Iran und Irak angewandt hat. Er unterstützte beide Seiten, um beide gegeneinander und nicht gegen uns (USA) kämpfen zu lassen (Iran-Irak-Krieg 1980-88). Diese Strategie war zynisch, sie war mit Sicherheit unmoralisch, aber sie funktionierte. Und genau das ist was ich sagen will: Die Vereinigten Staaten sind nicht in der Lage Eurasien zu erobern. In dem Moment in dem wir dies versuchen würden, wären wir allein schon demographisch vollkommen unterlegen. Wir können eine Armee besiegen, wir sind aber nicht in der Lage ein ganzes Land wie den Irak zu besetzen.
    … …. Ich bin also auch vollkommen davon überzeugt – da haben Sie absolut Recht – dass wir als Weltmacht nicht überall eingreifen können. Die Briten haben nicht einfach Indien besetzt. Vielmehr haben sie die verschiedenen indischen Regionen gegeneinander ausgespielt. Zum Beispiel indem sie einer kleinen Anzahl britischer Offiziere die Befehlshoheit über die indische Armee übertragen haben. Die alten Römer haben ebenfalls keine riesigen Armeen ausgesandt. Vielmehr haben sie einfach prorömische Könige in den verschiedenen Regionen eingesetzt. Diese Könige waren dann verantwortlich den Frieden in diesen Gebieten zu garantieren. Pontius Pilatus ist ein Beispiel. ……. ……“ Ende übersetztes Zitat

    Also: "die verschiedenen Regionen gegeneinader ausgespielt"
    und "prorömische" Könige eingesetzt – (heute "pro-amerikanische" Regierungen)

    • Friedman empfahl also für Deutschland und Russland, was Reagan mit Iran und Irak gemacht hatte: Beide auszurüsten und gegeneinander kämpfen lassen !! Ich habe bei Antony Sutton etwas entdeckt, was zeigt, dass die Idee, andere Völker und Staaten aufeinander zu hetzen, auch von Thomas D. Thacher, einem Partner in der Wall Street Anwaltskanzlei Simpson, Thacher & Bartlett, schon kurz nach dem Ersten Weltkrieg empfohlen wurde: In “America’s Secret Establishment – An Introduction to the Order of Skull & Bones” Taschenbuchausgabe, druckte Sutton auf S. 141 Auszüge aus dem Thacher-Memorandum um 1919 / 1920:
      Zitat Thacher-Memorandum: „First of all… the Allies should discourage Japanese intervention in Siberia. In the second place, the fullest assistance should be given to the Soviet Government in its efforts to organize a volunteer revolutionary army. Thirdly, the Allied Governments should give their moral support to the Russian people in their efforts to work out their own political systems free from the domination of any foreign power… Fourthly, until the time when open conflict shall result between the German Government and the Soviet Government of Russia there will be opportunity for peaceful commercial penetration by German agencies in Russia. So long as there is no open break, it will probably be impossible to entirely prevent such commerce. Steps should therefore be taken to impede, so far as possible, the transport of grain and raw materials to Germany from Russia.” Ende Zitat.

      Bemerkenswert schon mal der erste Punkt: Vollste Unterstützung sollte der Sowjet-Regierung (!) gegeben werden, sagt dieser Wall Street Anwalt und Skull & Boner, damit die Sowjetregierung eine Freiwilligen-Revolutionsarmee gründen könnte! Doch ab Punkt 4 wird es auch sehr interessant (übersetzt):

      „… Viertens sollen deutsche Firmen bis zum Ausbruch offener Konflikte zwischen der deutschen Regierung und der Sowjet-Regierung Handelsniederlassungen gründen dürfen. Solange es nicht zum offenen Bruch kommt, wird es wahrscheinlich nicht möglich sein, solchen Handel ganz zu unterbinden. Dennoch sollten Schritte unternommen werden, soweit wie möglich, die Ausfuhr von Getreide und Rohstoffen von Russland nach Deutschland zu verhindern.“ Das ganze Dokument befindet sich, laut Suttons Buch, im US Außenministerium Decimal File Microcopy 316, Roll 13, Frame 698

      Sutton schreibt auf derselben Seite weiter: „It was in fact the hidden policy adopted at the highest levels, in absolute secrecy, by the United States and to some extent by The Group (especially Milner [!!!]) in Great Britain…” Also, schon damals hatte ein Mitglied einer amerikanischen Geheimgesellschaft dieselbe Zielsetzung, wie die geheime Milner-Gruppe…

    • Ach ja und noch was fällt mir ein: Im Bus zu einer Ramstein-Friedensdemo traf ich ein langjähriges, aktives Mitglied einer Friedensbewegung, das mir mitteilte, dass sein Vater während des Zweiten Weltkriegs beim Russland-Feldzug mit habe dabei sein müssen – und dieser Vater sei damals äußerst frappiert und sehr erstaunt gewesen, dass die Sowjet-Armee "Sherman-Panzer" gehabt hätte. Er habe es mit eigenen Augen gesehen. So wurde es mir erzählt.

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