Ein Symbol für rein gar nichts | Von Roberto De Lapuente

Das wäre so ein tolles Zeichen gewesen, wenn man die Münchner Versicherungsarena in Regenbogenfarben ausgeleuchtet hätte. Nachdem die UEFA das verboten hatte, las man das allerorten. Zeichen: Nur darum geht es der Identitätspolitik.

Ein Kommentar von Roberto J. De Lapuente.

Nachdem der europäische Fußballverband politische Statements beim Vorrundenspiel zwischen Ungarn und Deutschland verboten hat, die Regenbogen-Ausleuchtung des Stadions abgelehnt wurde, formierte sich bei vielen Zeitgenossen der Trotz. Sie ließen wissen: Das Spiel gegen Ungarn werde dennoch ein Schaulaufen der Toleranz. Die Münchner Grünen schwenkten bei Twitter Regenbogenfahnen, der Stern färbte seine Website bunt und Markus Söder gab sich enttäuscht. Er erschien dann zum Spiel mit einer FFP2-Maske in Regenbogenoptik. Sein Generalsekretär Blume tat es ihm nach – letzterer sprach sich noch vor vier Jahren gegen die Ehe für alle aus, weil sie christliche Werte angreife.

Selten zuvor wurde das Spiel einer Nationalmannschaft so weltanschaulich aufgeladen, wie in jenem Spiel. Mit einiger Berechtigung könnte man behaupten, dass das zuletzt 1942 geschah – beim letzten Länderspiel des DFB in jenen dunklen Jahren. Es gab immer streitbare Spieler, aber dass man ein ganzes Team als Repräsentant einer Weltanschauung deklarierte: Das hat bei dieser Europameisterschaft eine ganz neue Dimension angenommen. Sie ist bei allen spielerischen Defiziten, trotz phantasielosen Kicks von der Stange, zu dem mutiert, was in Zeiten von Identitätspolitik zur Normalität wurde: Zu einem Symbol.

Symbole, Zeichen und Sinnbilder

Exemplarisch ist dafür jenes Foto, das vor dem Turnier das Licht der Öffentlichkeit erblickte. Abgebildet sind sämtliche Spieler, wie sie vor einem Monitor posieren, auf dem Angela Merkel zu sehen ist. Alle tragen vorbildlich FFP2-Maske. Dass das kein Statement sein soll, ist kaum zu glauben in diesen Zeiten. Dahinter steckt politisches Kalkül, “die Mannschaft”, wie sie sich einige Jahre lang nannte, wird mit mehr aufgeladen als mit fußballerischen Attributen. Sie soll Identifikations- und Integrationsbeauftragte sein, den politischen Kurs jener Frau stützen, die sie ab und an bei großen Turnieren in der Kabine besucht.

Sie greift dabei auf Symbolik zurück, lässt ihren Kapitän eine Regenbogen-Kapitänsbinde tragen oder ein Torschütze formt mit den Fingern ein Herz. Fußballerisch lässt das Team seit einigen Jahren zu wünschen übrig, man spielt taktisch relativ homogen, Individualisten gibt es jedoch keine. Angeboten wird ein uniformer Fußball vom Wühltisch, jener Weltfußball, den es mittlerweile überall gibt und der keinen Raum mehr für kreative Impulse lässt. Es ist ein bisschen so, als habe der DFB das Hauptaufgabenfeld eines Fußballteams verdrängt, um es zu einer Art Zeichen für Hehres zu stilisieren.

Damit spielt man den Zeichen der Zeit in die Hände. Symbole, Zeichen und Sinnbilder sind heute stetige Begleiter des politischen Diskurses, der recht billig auf kritisch und progressiv macht. Denn Toleranz gegenüber Trans- und Homosexualität zu betonen und irgendwelche Feindbilder anzugreifen, die mit jenen Formen der Sexualität auf Kriegsfuß stehen, kostet ja zunächst nichts. Tiefer als Zuspruch zu erteilen oder Solidarität zu betonen, geht man im Regelfall nicht. So geht Identitätspolitik: Sie will einschwören, suggerieren, aber nichts hinterfragen, verstehen und sachlich aufklären – und schon gar nicht an die Wurzel gehen.

Die Schaufenster-Politik der Selbstgerechten

Identitätspolitik packt jenes Instrument aus, das auch die Nationalmannschaft zuweilen benötigt: Die Brechstange. Der Identitätsdiskurs wird nicht zögerlich, nicht mit Demut geführt. Er will nicht aufklären, er will hineinhämmern, Andersdenkende ausgrenzen und Desinteressierte zu den eigentlichen Sündenböcken simplifizieren. Denn nur weil sie sich der Toleranz nicht annehmen, sie nicht in aller Welt verbreiten, bleibt die Welt ein dunkler Ort. Man müsse nämlich immer und überall Botschafter eines aufgewachten, dieses woken Geistes sein.

Man schmückt gewissermaßen das eigene Schaufenster aus, in dem man Befindlichkeit und Haltung ausstellt. Und das nicht nur ab und an, wenn es der Sache dienlich ist, sondern immer und überall. Ungefragt und penetrant. Die Apologeten dieser Wokeness modifizieren ihr Leben zu einem einzigen sichtbaren Zeichen gegen all jene, die Dinge anders sehen als sie. Sie bedienen sich dazu der Symbolik, schmücken sich mit Regenbogen-Fahnen, nutzen Gendersternchen und tragen neuerdings immer Maske, auch dann, wenn es besonders sinnlos erscheint. Das ist ja auch nicht als Beitrag zum Seuchenschutz gemeint, sondern als Sinnbild: “Wir sind die Guten.”

Die Politik hat dieses woke Schaufenster für sich entdeckt. Nicht aus Überzeugung. Noch nicht mal, weil man einen großen Bezug zu den Themen der Identitätspolitik aufweisen kann. Aber sie ist eben kostengünstig, ein Surrogat für Progressivität, für das man kein Geld, nur einige warme Worte aufbringen muss. Der Sozialpolitiker alten Schlages wollte dauernd an die Geldtöpfe, Programme auflegen, die benachteiligten Menschen helfen sollten. Der Identitätspolitiker ist ein Sparbrötchen. Er greift nur sehr selten nach dem schnöden Mammon: Er predigt einfach, findet immer Worte der Solidaritätsbezeugung und lässt es dabei bewenden. Mehr ist ja auch gar nicht vonnöten, das reicht ja zuweilen, um ein halbes Land in Regenbogen-Stimmung zu versetzen, um sich gegen den bösen Ungar zu formieren.

Toleranz als Exportschlager

Im Laufe der letzten Jahre hat sich in Deutschland eine recht arrogante Haltung gegenüber anderen Nationen etabliert. Ständig schielte man auf die politischen Protagonisten anderer Länder, um sie wahlweise zu Diktatoren, Idioten oder Verbrechern zu erklären. Phasenweise schien es, als sei die Insel der Seligen, der Einfachheit halber Deutschland genannt, der letzte Platz auf Erden, wo noch aufrichtige, anständige Politiker die Geschicke des Landes steuerten. Aber im Rest der Welt, ob in Großbritannien, Polen, Ungarn, der Türkei, in Russland, den Vereinigten Staaten, Italien oder Österreich: Nur Rechte, Spinner, Rückwärtsgewandte am Werk. Dann Kameraschwenk auf Deutschland: Ehrbare Leute machen hier Politik, Menschen, die ihren Wählern verpflichtet sind.

Die Selbstgerechten haben sich moralisch am Ausland schadlos gehalten. Trump oder Johnson sind der größte Segen für eine politische Kaste im Lande, die blass, ahnungslos und dreist ist, diese Attribute aber gerne hinter Erbauungsgeschwätz verstecken. Die Toleranz ist ein Stilmittel dieser Kaste. Mit ihr kann man gegen illiberale Staatsmänner punkten. Sie ist der Exportschlager einer Politik, die sonst nichts mehr vorzuweisen hat. Einzig die moralische Überlegenheit gegen den Rest der Welt stellt noch etwas dar, was man ausstellen kann.

Wir haben es bei der Identitätspolitik mit der schlimmsten Art von Symbolpolitik zu tun, die überhaupt vorstellbar ist. Sie ist pedantische Befindlichkeitspolitik, die mit dem Anspruch über die Menschen kommt, sie zu erziehen, sie auf einen glatten Kurs zu bringen, bei dem es nicht mehr möglich sein soll, auch mal links oder rechts daran vorbeizudenken. Obwohl sie sich tolerant gibt, ist sie doch das Gegenteil davon. Sie ist ein Symbol für rein gar nichts: Nicht für eine bessere Welt, nicht für bessere Menschen. Diese Identitätspolitik steht für Einengung und sie erzeugt Diskurse, die Bekenntnisse einfordern, nicht aber Debatten. Und sie hat einen religiösen Kern und degradiert Institutionen zu Priestern – siehe Nationalmannschaft.

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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Dieser Artikel erschien zuerst am 5. Juli 2021 bei neulandrebellen.de

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Bildquelle: esfera / shutterstock

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16 Kommentare zu: “Ein Symbol für rein gar nichts | Von Roberto De Lapuente

  1. Name_der_Redaktion_bekannt sagt:

    "Im Laufe der letzten Jahre hat sich in Deutschland eine recht arrogante Haltung gegenüber anderen Nationen etabliert."

    Besonders deutlich wird diese Arroganz bei der Verwendung der Begriffe PIIGS und Club-MED. Zuerst haben wir es geschafft unsere Konkurrenz aus dem Spiel zu werfen und dann werden die Verlierer noch als verschwenderisch beschimpft.

    Der Deutsche bezeichnet andere gerne auch als rückständig. Deutlich wird dies, wenn es um die Automobilindustrie geht. Nur Deutsche können Autos bauen. Hersteller anderer Nationen seien angeblich nicht in der Lage Qualität abzulieferen.

  2. UBP sagt:

    Wer nicht genau so "tolerant" ist wie wir, DIE GUTEN, der wird nicht toleriert denn die Guten brauchen kein Recht und kein Gesetz, wer gegen sie ist der wird vernichtet.

  3. wolfcgn sagt:

    De Lapuente:"Im Laufe der letzten Jahre hat sich in Deutschland eine recht arrogante Haltung gegenüber anderen Nationen etabliert" Ja da haben sie Recht, aber das gehört zum ONE WORLD System. Alles muss gleichgeschaltet werden, damit die Geld-Eliten weltweit grenzenlos zugreifen können. Kein de Gaulle mit einem Europa der Vaterländer und kein Regionalist könnte hier noch eine Chance haben, Europabürokraten, Nato und WHO bügeln alles platt. Schnitzel mit Bratkartoffeln in Portugal und Rheinischer Sauerbraten mit Rotkohl in Italien, das werden trostlose Zeiten, mir vergeht der Apetit und nicht nur der! ……. Gates noch?

    • wolfcgn sagt:

      übrigens, ich erwarte, dass die Ungarn das Rezept für ungarischen Gulasch selbstbestimmt entwickeln dürfen!

  4. wasserader sagt:

    Orwell als Leitkultur .
    Toleranz als Nötigung und Terror .
    Die Angeblichen Interessen von irgendwelchen Minderheiten als Massenzwang
    mit Folgewirkung der Zerstörung der Basis etablierter Kultur .
    Die Instrumentalisierung von Sport und Symbolen wie vor gut 80 Jahren in Deutschland .
    Die Regenbogenfahne wird vereinnahmt wie einst die Swastika,
    den Menschen wird per Maskennötigung kollektiv das Gesicht genommen
    per Abstandnötigung der soziale Kontakt
    per Einspritzungsnötigung die Souveränität über den eigenen Körper
    und per Denunziation und Inquisition das Recht auf eine vom Regime abweichende Meinung .

  5. Outlaw sagt:

    Toleranz als Exportschlager mit Kniefall vor Mutuntenpolitik . Der abgehobene selbstgerechte Elitenabschaum im Genderplastikdoppelpack fließt nun mit Hilfe von Maßnahmenlügen langsam einem Kloakendeckel dem Lauterbach entgegen ,doch haben viele ihre davonschwimmenden Felle noch nicht begriffen . Das Sodom bis Gomorragewissen wird schon in Kindergärten abgegändert um meist weiseren Kindern eine Normalität vorzugaukeln ,welche ihre politischen Transhumanisten nie begriffen haben .Christliche Basiswerte ,welcher einer XY.-Macht-Union völlig ungelöst verloren gingen zeigen ,dass Homosexualität klar eine Sünde ist und von Gott in keiner Weise toleriert wird. Natürlich darf jeder anderer Meinung sein ,aber allein ein normales Gewissen zeigt jedem Menschen ,was gut oder schlecht ist . Dabei geht es überhaupt nicht darum diese auszugrenzen oder sie nicht zu tolerieren ,sondern die Sünde zu erkennen ,diese nicht zu tolerieren und mit Gott seinen Weg zu finden . Das Problem ist aber ,wenn politische Gesetze geändert werden und man der Bevölkerung alles als Norm unterjubeln möchte ,werden sich nach biblischen und geschichtlichen Texten (z.B.Isebel /Sodom u.Gomorra), Konsequenzen einschleichen ,welche auch ein Volk mit auszubaden hat .Es bleibt immer eine zeitliche Frage und hängt von der Gnadenzeit ab ,welche sich z.B. im Englandspiel als sehr kurzfristig herausstellte .Man kann das natürlich sehen wie man will ,zumal unsere Politiker eigentlich gelernt haben sollten ,dass Sport nicht durch Politik mißbraucht werden sollte ,denn das hatten wir alles schon einmal und zeugt von unbelehrbaren Verantwortlichen .
    Nun also weiter so ,in Zeiten des Abfalls ,der vorhergesagt ist ,denn man hat die Zeiten der Zeit nicht verstanden im Gegensatz zu Loriots Mistmacher aus der Ortenau ,der seiner Zeit lange voraus war ,auch wenn dieser besser roch :-))

  6. Klaudi sagt:

    es lässt sich auch als neue Religion sehen. Ersatzfragment für das langsam abdankende Christentum welches im Rückblick durchaus als die intoleranteste, hasserfüllteste und tödlichste der Menschheitsgeschichte erscheint. Die Neigung zu Hass ist steuerbar.

    • Name_der_Redaktion_bekannt sagt:

      Klaudi,

      Du verwechselst die Handlungen von Akteuren, welche sich als Christen bezeichneten, mit dem Christentum. Zur Bibel gehören zwar das Alte Testament und das Neue Testament, allerdings ist das Neue Testament der "wichtigere" Teil, welcher von Jesus, seinen Jüngern sowie seinen Taten und Lehren handelt. Du wirst im Neuen Testament keine Aufrufe zur Gewalt gegenüber anderen finden.

  7. wolfcgn sagt:

    de Lapuente:
    "Im Laufe der letzten Jahre hat sich in Deutschland eine recht arrogante Haltung gegenüber anderen Nationen etabliert"
    Ja, im Sinne der Geld-Elite müssen alle Unterschiede zwischen den Völkern glattgebügelt werden, damit sie ungehindert und grenzenlos Zugriff auf alle Ressourcen der Welt haben. ich bin Gaullist und Anhänger der regionalen Versorgung. Ich suche in meinem Urlaub in Portugal kein Schnitzel mit Sauerkraut und in Italien keinen Sauerbraten mit Rotkohl, die haben ihre eigenen Spezialitäten und wählen -NOCH?- ihre eigenen Regierungen. Hoch lebe das Europa der Vaterländer*innen 😉 😉 😉

  8. Hartensteiner sagt:

    Übrigens… es ging schon vor Jahren los, als man statt "Zigeuner" nur noch Roma und Sinti sagen sollte oder durfte. Nun ist das zwar nicht falsch, aber das wurde verwendet, damit man auf der Seite der "GUTEN" zu stehen kam. War man da angelangt, konnte man die Zigeuner genauso schäbig behandeln wie eh und je.
    Ähnlich ist das mit "black lives matter". Hat man zugestanden, dass Schwarze auch Menschen sind, ist man auf der Seite der Guten (das gilt vor allem in den USA) und nun können die Schwarzen (viele) weiterhin in Ghettos vor die Hunde gehen. Sie gehen ja jetzt als Menschen vor die Hunde. Und die Schwulen et al? Da hätte man sich ja ohne viel Zirkus daran gewöhnen können, die ihr Leben leben zu lassen, wie sie wollen – und es war eigentlich schon soweit. Plötzlich zerrt man sie ins Rampenlicht und zeigt mit einem dicken Finger der Toleranz auf sie. Dabei sollen die sich wohlfühlen? Wer's glaubt.
    Kurz: es geht durchweg um Ablenkungsmanöver, mittels derer die Menschen von realen, insbesondere sozialen Missständen abgelenkt werden sollen. Propagandistische Beschäftigungstherapie für die Massen und zur Krönung: Jetzt können sich die Pros und Contras gegenseitig hauen, denn Spaltung der Bevölkerung ist ein bewährtes Herrschaftsmittel. Dazu kommt dann noch der Maskenkrieg und die Herrschenden können sich zufrieden zurücklehnen.
    Nicht ganz… denn jetzt müssen noch die Fronten des Klimakrieges aufgemacht werden – dann ist "man" wirklich fein raus und kann die Show genießen, während die Kasse fröhlich weiter klingelt.
    Irgendwie schade, dass der "Krieg gegen den Terror" nicht mehr richtig funzt. Aber da kann man ja ein paar Anschläge provozieren oder es findet sich ein psychisch kranker Idiot, der von sich aus zum Messer greift.

  9. Hartensteiner sagt:

    "Exemplarisch ist dafür jenes Foto, das vor dem Turnier das Licht der Öffentlichkeit erblickte. Abgebildet sind sämtliche Spieler, wie sie vor einem Monitor posieren, auf dem Angela Merkel zu sehen ist. Alle tragen vorbildlich FFP2-Maske."
    Und da war der Kommentar schon fertig.

  10. Box sagt:

    Die brauchen einander, Orban und Merkel, Trump und Biden, Weidel und Baerbock, usw., länderübergreifend. Sie sind zwei Seiten einer Medaille, die zwei Gesichter des Januskopf und dienen den gleichen Herren. Dazu der Hinweis auf drei weiterführende Beiträge:

    Bilder werden gestürmt, Systeme werden verschont

    Bewegung gegen Rassismus: Bilder werden gestürmt, Systeme werden verschont
    18. Juni 2020 um 10:57 Ein Artikel von: Tobias Riegel

    Filme und Bücher werden verdammt, Denkmäler gestürzt, das Grundgesetz wird von der „Rasse“ befreit: Es scheint, als solle in einem „Kampf gegen die Sprache“ alles fallen, außer dem zugrundeliegenden Wirtschafts- und Rechtssystem. Die Wut über aktuelle Polizeigewalt und die Fixierung auf Symbolik und Historie sind nachvollziehbar – aber auch ablenkend und oberflächlich. Von Tobias Riegel.

    Die aktuellen Proteste gegen Rassismus richten sich zum einen gegen akute Polizeigewalt. Eine weitere starke Strömung richtet den Blick auf die Vergangenheit und deren Spuren in Filmen, Büchern, Statuen und Gesetzestexten. Beide Sichtweisen sind einerseits sehr nachvollziehbar. Andererseits arbeiten sich aber beide an Symptomen ab, nicht an Ursachen, und verharren damit an der Oberfläche. Außerdem kann der Überschwang der historischen Korrekturen zum Teil auch als Zensur empfunden werden.
    (…)
    Verkürzung der Rassismus-Debatte

    Es ist in den USA, aber auch in vielen deutschen Medien, eine starke Verkürzung und Instrumentalisierung der Rassismus-Debatte festzustellen: Wer den US-Rassismus auf den aktuellen US-Präsidenten Donald Trump konzentriert, leitet die Debatte in die Irre. Die US-Demokraten haben sich in der Vergangenheit ebenso mit rassistischen Gesetzgebungen und ökonomischen Benachteiligungen die Hände schmutzig gemacht. Sie sind alles andere als geeignete Kronzeugen des Protestes, dürfen diese Rolle aber wegen eines starken Schutzes durch viele US-Medien nun einnehmen. Dieser Schutz besteht auch darin, dass die ökonomischen Gründe für die gesellschaftlichen Spaltungen und Ungleichheiten nicht angemessen thematisiert werden, sondern hinter symbolisch-sprachlichen Schlachten um Denkmäler, Bücher und Filme zum Teil verschwinden.

    Die ganze Debatte ist eine heikle Gratwanderung: Einerseits ist antirassistischer Protest sehr berechtigt, aber man fragt sich, warum die für die Situation tatsächlich verantwortlichen Personen und vor allem die ökonomischen Strukturen durch die antirassistischen Protestierer nicht besser identifiziert werden. Indem die wirtschaftlichen Strukturen teilweise ausgeblendet werden: Stellen sich Teile des Protests nicht indirekt an die Seite der Neoliberalen? Sollte es darum tatsächlich verwundern, dass nun große US-Medien die Protestierenden teils unterstützen? Diese Frage stellt auch dieser Artikel, der fordert, „statt Statuen sollten die Protestierenden lieber Walmart stürzen“. Der Artikel thematisiert auch, dass die USA etwa die höchste Inhaftierungsrate der Welt haben. Dabei wird betont, dass diese Ära der massenhaften Inhaftierung unter dem demokratischen US-Präsidenten Bill Clinton die heutigen Ausmaße angenommen hätte. Vor allem auf Clinton würden jene Gesetze zurückgehen, die dafür sorgten, dass heute über zwei Millionen US-Amerikaner im Gefängnis sitzen würden.

    Soziale Fragen werden nicht angemessen gestellt

    Hier gibt es nochmals zwei zu unterscheidende Ebenen: Zum einen die rassistischen Gesetze und Praktiken im Justiz- und Gefängnissystem der USA, die schwarze US-Bürger im Vergleich ungleich härter treffen. Zum anderen die übergreifende soziale Frage, bei der benachteiligte Schwarze, Weiße, Latinos und Asiaten eigentlich gemeinsam gegen die US-Oligarchie kämpfen könnten.

    Auf europäischer Ebene funktioniert diese Ablenkung von den zentralen sozialen und ökonomischen Fragen ähnlich, wie dieser Artikel beschreibt. Demnach würden, „während koloniale Statuen von den Sockeln gerissen werden“, wichtige Reformen etwa des „neokolonialen“ afrikanischen Währungsverbunds Franc CFA stocken.

    https://www.nachdenkseiten.de/?p=62143

    Und:

    Rechtfertigung von Herrschaft – Rassismus, Kulturrassismus, Klassenrassismus

    Angst führt immer zu einer Status quo Neigung, die wir sowieso haben. Wir neigen von Natur aus, Teil der Beschaffenheit unseres Geistes, neigen wir dazu den Status quo allen anderen Zuständen vorzuziehen, auch wenn sie objektiv besser sind. Wir lieben den Status quo, hat einen ganz einfachen Grund, wir sind an den Status quo gewöhnt. Der ist für uns berechenbar. Der hat für uns eine gewisse Übersicht, eine gewisse Vertrautheit. Wir wissen was im Status quo passieren kann. Alles Andere, selbst wenn es objektiv vielleicht besser ist, führt immer zu einer Verunsicherung. Wenn sie Ängste erhöhen, wird in der Bevölkerung massiv die Status quo Neigung erhöht.
    (…)
    Gesellschaftliche Apathie war von Anfang an in der Demokratietheorie der Machteliten eines der wichtigsten Ziele. Demokratie sagen wichtige Politologen und politische Philosophen, Demokratie kann nur funktionieren wenn wir es schaffen den Großteil der Bevölkerung in die politische Apathie zu kriegen.
    (…)
    Korrespondierend geht das Interesse am Anderen runter. Empathie, Solidarität werden reduziert unter Angst. Autoritäre Neigung und Sehnsüchte auf einen mächtigen schützenden Führer steigen.

    Eine Dämonisierung der Anderen. Die Neigung den Anderen zu dämonisieren. Wir suchen in unserer Not der psychischen Verarbeitung dieser inneren Energie, möglichst in Personalkategorien, einen Verantwortlichen.
    Und der einfachste Trick, kennen sie aus dem Leben, verantwortlich ist, da neigen wir immer dazu, ist immer der Andere. Unter großer Angst neigen wir dazu den Anderen zu dämonisieren. Den Fremden, den äußeren Feind. Und deswegen ist eine der Konsequenzen von großer Binnenangst, eine Erhöhung der Neigung zum Rassismus.

    Das hat für die Machtausübenden den Vorteil, daß sie nun die Angst doppelt nutzen können. Die erste Nutzung war, Angst durch die Erzeugung von Binnenangst, psychische Energie von den eigentlichen Zentren der Macht abzulenken.
    Der zweite Nutzen den man hat, wenn man durch die Erzeugung von Binnenangst die Neigung zum Rassismus erhöht, daß man jetzt den Rassismus nutzen kann, um ihn wieder als Drohgebilde an die Wand zu malen. Und sagen kann, wenn ihr uns nicht wählt oder wenn ihr uns nicht folgt, dann entsteht ja Rassismus.
    Das ist wieder ein infamer Trick weil der Rassismus genau auf diese Weise erst erzeugt worden ist. Und jetzt als zweites Mal, als Drohmittel genutzt wird.
    Also da ist eine ziemlich komplexe Funktionslogik dieser Dinge.
    (…)
    Der westliche Kapitalismus erzeugt strukturell rassistische Mechanismen von Ausgrenzung, sei es kulturell oder Klassenrassismus – ein konstanter, bezüglich der Grenzziehungen aber einigermaßen flexibler Rassismus“ (Wallerstein).

    Die mit jeder Form von Rassismus einhergehende Zuschreibung unveränderlicher Eigenschaften zu Gruppen dient der Verfestigung und Stabilisierung von Ausbeutungsverhältnissen.

    > Der globalisierte Kapitalismus kann nur rassistisch sein, weil er extreme Ungleichheit rechtfertigen muß.(!)

    Lit.: Immanuel Wallerstein und Étienne Balibar (1988/2017 Rasse – Klasse – Nation.))

    https://www.youtube.com/watch?v=-kLzmatet8w

    Und:

    Leider wird umgekehrt ein Schuh daraus. Jeden Tag sterben 25.000 Kinder weltweit an Hunger. Ja, liebe Wohlstandsverwahrlosten in Berlin, man kann an Hunger sterben. In den vergangenen 15 Monaten, in denen es „um jedes einzelne Menschenleben ging“ (Söder), starben fünfmal mehr Kinder an Hunger, als weltweit an Cov-19. Und jetzt, da die Pandemie quasi vorbei ist, geht das Kindersterben weiter. 9 Mio in einem Jahr. Laut Welthungerhilfe sind derzeit rund 144 Mio Kinder ausgezehrt, sprich, sie sind Todeskandidaten.

    Wir wissen also heute: In drei Stunden, in drei Tagen oder drei Wochen oder drei Monaten geht das Sterben weiter und weiter und weiter. 40 Milliarden kostet es, den Hunger in der Welt abzuschaffen. Der jährliche (!) Verteidigungsetat in Deutschland beträgt derzeit 49 Milliarden Euro, zu Beginn der Ära Merkel lag er bei 27 Milliarden. „Wir“ könnten also locker den Hunger in der Welt tilgen und hätten immer noch 9 Milliarden Euro übrig, um Tötungswaffen zu kaufen und Personal zur Bedienung derselben zu bezahlen.

    Deutschland im Alleingang befreit die Welt von einer Plage, wer hätte das gedacht? Fordert nicht eine fortschrittliche Partei, die sich anschickt, eine neue Bundeskanzlerin zu stellen und deren Zentralorgan, eine Tageszeitung aus Berlin, „robuste Mandate der Bundeswehr ohne UN-Mandat“? Weltweit beträgt der jährliche Wehretat, halt Stopp, Verteidigungsetat natürlich, übrigens rund 1 Billiarde Euro. Man könnte also 25 Jahre den Hunger abschaffen, wenn alle ein schlappes Jahr lang kein Geld für Tötungsmaterial ausgeben.

    Und: Jedes fünfte Kind lebt an der Armutsgrenze. Nicht weltweit, hier, im „Wirsindinallesweltmeisterdeutschland“. Armut, schon einmal davon gehört, Kebeküsschen? Alleinerziehende Mütter, die aus ihren Wohnungen geschmissen werden sollen (Tatortthema am 6.6.), Kinder mit vielen Talenten, denen aber aufgrund der aktuellen Politik der Zugang zu Bildung, Kunst und Kultur und damit der Weg aus der Armut erschwert, gar unmöglich ist, keine ausreichende ärztliche Versorgung mehr in ländlichen Gebieten, Verfall der Infrastruktur, worunter hauptsächlich einkommensschwache oder einkommenslose Menschen leiden, undsoweiterundsofort.
    (…)
    Aber gendern ist total wichtig:

    „Und, Oma Caroline, was hast du gemacht, damit keiner mehr an Hunger stirbt und keiner mehr fliehen muss vor Krieg?“ Caroline Kebekus: „Ich habe gegendert.“ So geht die Erzählung und nicht anders!

    Allein in NRW haben mittlerweile bald einhundert Institute für Genderfragen in den vergangenen 25 Jahren genau was erreicht? Eine Pause beim Sprechen zu schaffen und Quoten zu fordern für Kanalarbeiten, Müllabfuhr, Totengräber, Fernfahrer und andere gesellschaftlich wichtige Berufsfelder. Nee, halt, quatsch, Quoten für Daxvorstände natürlich. Hatte ich verwechselt.

    Aus:
    Gendern hilft!
    11. Juni 2021, Jan D. Pavel

    https://www.buchkomplizen.de/blog/themen/gendern-hilft/

    Naja und dann doch noch einer mehr:

    Der Faschismus der anderen
    22. September 2018 — Über Madeleine Albright, den freien Westen und die Feinde der Demokratie

    Madeleine Albright, die 81-jährige Ex-US-Außenministerin, ist beunruhigt über den Zustand der Welt. In ihrem neuen Buch „Faschismus – eine Warnung“ sorgt sie sich um die Demokratie und malt ein dunkles Bild der „neuen Autokraten“ von Trump bis Putin. Sie setzt deren Aufstieg in Verbindung zur Entstehung des Faschismus in den 1920er und 1930er Jahren.
    (…)
    Wenn Albright ihr Buch mit einem ausführlichen – und durchaus kundigen Kapitel – zum Aufstieg Benito Mussolinis beginnt, dem Begründer des Faschismus, dann vergisst sie dabei, vielleicht nicht zufällig, zu erwähnen, dass Mussolini bereits 1917, damals noch Journalist und Herausgeber einer Zeitung, umgerechnet mehr als 300.000 Euro vom britischen Geheimdienst erhielt, um in Italien weiter für den Krieg zu trommeln und Friedensdemonstranten verprügeln zu lassen. Die Geschichte des Faschismus ist komplex und der „liberale Westen“ auf vielfältige Weise darin verwoben.

    Möglicherweise sympathisieren manche der heutigen Faschismus-Warner im Establishment insgeheim mit António Salazar. Dieser faschistische Führer Portugals, (das unter seiner Herrschaft 1949 Gründungsmitglied der Nato war), hielt die Demokratie insgesamt für eine Einbildung. Überliefert ist sein Bekenntnis: „Ich glaube nicht an das allgemeine Stimmrecht, ich glaube nicht an die Gleichheit, ich glaube an die hierarchische Ordnung.“ Und, so schrieb es der Spiegel anlässlich seines Todes 1970: „Er glaubte an die Macht.“

    Auch wenn Albright kein Anhänger Salazars sein sollte – dass sie diesen Glauben mit ihm teilt, hat sie in ihrem Leben hinreichend bewiesen.

    https://paulschreyer.wordpress.com/2018/09/22/der-faschismus-der-anderen/#more-1692

    Ein abschließender Hinweis popkultureller Natur, der mglw. recht gut verdeutlicht, wie anpassungsfähig das Schweinesystem sich ausgestaltet.
    Schauen sie sich das Personal eines imperialen Kriegsschiffes der klassischen Star Wars Reihe an, das sind weiße Männer. Schauen sie sich dagegen das Personal von Star Wars 8 (2017) an, sie finden Frauen und Schwarze dabei.
    Die Botschaft ist recht eindeutig. Das System ist in Ordnung solange nur jeder ein Arschloch sein darf.

    • Hartensteiner sagt:

      Box hat wieder einmal relevante Texte versammelt, die (fast) alles enthalten, was man zum Thema wissen sollte.
      Wenn da die Rede ist vom "Status Quo" so könnte einem auffallen, der derzeit mit den "Lockerungen" gerade ausgetestet wird, in wie weit das "Neue Normal" bereits in der "Status Quo" eingeschliffen ist. Daraus kann man dann entnehmen, was i der nächsten Panik- Lockdown oder ähnlichen Welle noch zu erledigen ist. Schließlich geht es nicht allein um das "Neue Normal", sondern um den "Neuen Menschen", der als Homunculus aus der Retorte steigen soll und mit dem alle, die wir hier sind, zum Auslaufmodell ernannt werden.

  11. JJHill sagt:

    Anstrengend.
    Sieben Minuten Nicken und grimmig grinsen🤨
    Freundliches Erinnern an den späten Westerwelle (dessen Warnehmung damals bei mir leider vollständig mit der seiner kabarettistischen alter ego verschmolz).
    Seine hellsichtigen Worte über spätrömische Dekadenz und die Flanken des Rechtsstaates bleiben mir unvergessen.

    • passant sagt:

      …mit den hellsichtigen Worten über die spätrömische Dekadenz hatte Westerwelle allerdings nicht seinesgleichen gemeint, sondern bezog dies auf Menschen die Sozialleistungen erhielten. Auch wenn er seine Aussagen später zu relativieren versuchte, war die Stimmungsmache gegen dekadente "Sozialschmarotzer" dennoch nicht zu überhören und schon in Gang gesetzt, denn auf seine meist gut situierten Wähler konnte er mit seinen Behauptungen ja nicht abzielen.
      Damals fiel die Anwort der Medien auf die Partei der Dekadenzmahner und Anschlußverwender (natürlich wiederum nicht auf sich selber bezogen) verheerend aus. Heute stolpert man über den weißen Elefanten im Raum ohne ihn zu bemerken. Man wird beschäftigt mit Arm- und Mundbinden in Regenbogenfarben, Applaus für Pflegekräfte oder Kniefälle gegen Rassismus. Würde es jemand auch nur wagen anzudenken, nicht ausreichend geprüfte Masken an Gruppen mit einer unerwarteten sexuellen Orientierung zu verteilen, dann wäre der mediale Scheiterhaufen sicher. Der Gedanke die gleichen Masken an Rentner, Behinderte, Obdachlose, Sozialleistungsberechtigte etc. zu verteilen scheint zumindest einer näheren Betrachtung würdig. Der Aufschrei in der Presse ist nur mäßig.

  12. Redis Kruhel sagt:

    Ich finde das Thema wichtig.
    In einer Zeit, in der immer noch von Müttern und Vätern die Rede, wo Frauen und Männer zu Wahlen antreten, da ist doch einiges im Argen. So kann es doch nicht weiter gehen.

    Erst wenn ein zum Hydrant umgebauter Transenmann und ein sich als Blumenkohl fühlendes Weib ganz vore und ganz oben stehen, können wir wieder freier Atmen.

    Und jetzt kann die ens Schaft in 18 Monaten in Katar mal Eier zeigen und mit Regenbogen-Tütu antänzeln. Das wäre mutig.
    Aber immer noch genauso borniert und kackendumm.

    Das ist alles so erbärmlich, da müssten doch vor allem diejenigen, deren Anliegen scheinbar vorgetragen werden, sich gegen den Dummfug mal wehren.
    Alles die gleichen tauben Nüsse.

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