Einen Spiegel so lange reiben bis er blind ist

Von Ralph Valenteano.

Issam, der Schüler eines bekannten Sufiweisen, kam eines Tages aufgeregt in den Tagesraum der für die Schüler, des Sufi vorgesehen war. „Wo ist der Meister?„ Wollte er aufgeregt wissen. Der Meister ist im Garten bei seinen Blumen, du wirst ihn dort aufsuchen müssen schallte es aus der für die Schüler groß angelegten Küche. Issam, lief den Gang hinunter, pflückte sich noch einen Apfel von den Apfelbäumen die den Weg zum Garten des Meisters säumten, und kam dann, endlich bei ihm an. Ich grüße dich oh Meister, sprach Issam, der Meister war so sehr in die Arbeit mit seinem Garten vertieft, dass er ihn fast nicht bemerkte, er fuchtelte etwas unbeholfen in der Luft herum und hatte dabei ein recht seltsam anmutenden Zylinder auf dem Kopf, der ihn vor übermäßigen Bienenstichen schützen sollte, und er glich damit eher einem verirrten Astronauten, als dem gewohnten Bild des entspannten Sufimeisters. Issam versuchte sich das Lachen zu verkneifen. Als der Meister etwas erschrocken herumfuhr, verrieten seine für Sekunden aufgerissenen Augen, dass er sich tatsächlich ganz der Meditation seiner Blumen hingegeben hatte. „Huch! Issam, was machst du denn hier?„ wollte er wissen. Issam hatte auf einem Teil des wunderschön angelegten Gartens Platz genommen, und bewunderte in aller Stille die wundervoll duftende Farbenpracht. „Ich muss dich etwas fragen Meister. „Das tust du doch immer, Issam“ lachte der Meister zu ihm herüber „Ja, aber das hier beschäftigt mich schon eine ganze Weile, und ich wusste nicht, wie ich die Frage stellen sollte. Lass sie einfach frei lachte der Meister. „Djadi hat den jüngeren in der Schule erklärt, dass sie alle noch nichts von Spiritualität und dem wahren Wissen verstehen könnten, weil sie noch nicht in die Weisheit der Schriften eingetaucht wären. Sie wären alle noch kleine dumme Schafe und sollten lernen den Mund zu halten, wenn ein älterer zu ihnen spricht. Der Meister, legte seine Schere für einen Moment bei Seite und sagte dann. Weißt du Issam, die Ohren sind nur Werkzeuge um Klänge und Töne zu erzeugen und aufzunehmen, und manchmal ist das was Menschen sagen, nicht mehr als Lärm. Lerne in deinem Herzen zu lesen, statt in den Büchern dieser Welt, denn in den Büchern dieser Welt liest du nur, was andere in ihren Herzen gefunden haben. Djadi, ist selbst noch sehr jung und er gibt ein bisschen vor euch an, weil er älter ist als ihr. Das führt ihn gerade in die enge Gasse der spirituellen Arroganz. „Issam blickt den Meister mit großen Augen an „Was ist spirituelle Arroganz, Meister?„

Der Meister lächelte Issam freundlich an und sprach. „Spirituelle Arroganz ist nur das Erlangen einer Fähigkeit, die einen Spiegel so lange rieb, dass er blind wurde.“Arroganz ist eine der hinterhältigsten kleinen Fallen die wir auf dem Pfad, der menschlicher Entwicklung erleben können. Und sie begegnet jedem von uns früher oder später. Wenn du die Sicht auf dich selbst verlierst, wenn du die Fähigkeit ein Schüler zu sein verlierst, weil du zu sehr damit beschäftigt bist, ein Meister zu sein, hilft nur die ehrliche Rückbesinnung auf die Tatsache das Stillstand der Tod jeder Entwicklung ist. Mache dir bewusst, dass die wahren Meister sind immer Schüler geblieben sind. Der wahre Meister weiß, dass er kein Meister ist. Der einzige Blick, der dir nach vorne hilft, ist der Blick zurück auf dich, und dein Verhalten. Wer von sich behauptet irgendetwas zu sein, hat in diesem Moment seine Entwicklung beendet, denn er definiert seinen Seinszustand als absoluten. Wir häufen im Laufe unserer Lebensjahre, zunächst viel Wissen an, und glauben dadurch auch viel zu verstehen. Jedoch bedeutet Wissen nur, Information aufnehmen. Das sagt zunächst nichts darüber aus, ob wir diese Information auch wirklich verstanden haben. Du kennst sicher diesen Moment, wenn Wissen vom Verstand ins Herz rutscht. Dort wird Wissen zu einer Erkenntnis. Erst dann haben wir, die Information wirklich verstanden. Deshalb kann es sein, dass wir bestimmte Inhalte in 20 verschiedenen Formen lesen oder hören und erst beim einundzwanzigsten mal lesen oder hören wir es so, dass es klick macht und wir verstehen, dass es das war, was uns die anderen 20 Male auch schon versucht haben zu sagen. Dann ist Wissen im Herzen zu Erkenntnis geworden.

Woran erkennst du diese Arroganz? Daran, dass es dir schwer fällt Kritik anzunehmen, dass du das Gefühl hast, du musst deinen Standpunkt auf jeden Fall verteidigen oder im inneren das Gefühl hast, du blickst auf den anderen von oben herab. Achte immer auf das Gefühl wahrer Demut, versuche selbst dann, wenn du so gar nicht der Meinung des anderen bist, zu verstehen, das sowohl deine, als auch seine Meinung, nur eine Meinung ist. Es ist nichts wirklich wichtig, Meinungen sind heute so und morgen schon verändert. Sie ist nur das Geschwätz von Gestern. Achte nur, darauf was es mit dir macht, ob dich die Meinung, also im Grunde das woran ein anderer glaubt, wirklich angreifen kann, und wenn ja, warum? Es ist nur seine Meinung. Es gibt bei den Sufis eine Übung, die dir zur Aufgabe macht, die Meinung deines Gegenübers zu vertreten, gerade wenn sie so ganz und gar nicht deiner inneren Überzeugung übereinstimmt. Du wirst feststellen, wenn du das mit Ernsthaftigkeit tust, kannst du sogar irgendwann diese Meinung verstehen. Es sind eben nur Gedankengebäude, mit denen der Verstand Städte der Zwietracht baut. Wer jedoch den Frieden in diese Welt tagen möchte, ernsthaft und wahrhaftig, der arbeitet an seiner Fähigkeit, die Meinung anderer zuzulassen. Du musst sie nicht vertreten, du musst sie nicht zu deiner machen, du kannst deine behalten und sie selbstverständlich äußern, nur hat es keinen Sinn, Wasser in volle Krüge zu gießen. Wenn du bemerkst, dein Gegenüber will nur die eigene Meinung bestätigt sehen und kann auch nur diese gelten lassen, belasse es dabei, verlassen den Raum und widme dich Dingen, die dir ein gutes Gefühl geben.

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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3 Kommentare zu: “Einen Spiegel so lange reiben bis er blind ist

  1. Danke, Ralph Valenteano.
    Dieser letzte Satz trifft genau den Punkt, der mir sagt, was ich zu tun habe.
    Seit 2016 etwa, also seit den Pilgermärschen in der Ukraine erlebe ich zunehmend, dass in den Alternativen Medien beim Thema Kirche fast überall mit denselben Reflexen reagiert wird.
    Jetzt habe ich einmal nachgesehen, wie viele Friedensinitiativen es gibt, die aber nur punktuell zusammenarbeiten. Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen, warum man sich abgrenzt und gleichzeitig beklagt, dass es keine breitere Friedensbewegung gibt. Damit war aber auch mein Entschluss klar. Ich habe genug von diesen Meinungen und Reflexen, wo ich immer eine differenzierte Sicht und intellektuelle Redlichkeit erwartet habe.
    Ich werde meinen Platz da suchen, wo man sich mit Respekt begegnet, auch gegenüber Katholiken und der katholischen Kirche, ganz gleich ob man nun Atheist oder Theist ist.
    Als erstes habe ich ‚Publik Forum‘ und ‚Christen+Leben‘ abonniert. Auch da geht es wunderbar kontrovers zu und bei Pax Christi könnte ich mir vorstellen mitzumachen.
    Die Mainstreammedien nutze ich schon lange nicht mehr, jetzt die Alternativen nur noch teils teils. Ich werde mich bevorzugt bei DWN, Voltaire Netzwerk und RT deutsch informieren, dazu Kontext-TV u.ä. informative Videos.
    Das ist erst einmal ein Versuch, mit dem jahrelangen Frust umzugehen, wobei ich noch nicht weiß, ob sich das so durchhalten lässt, denn im Grunde finde ich es sogar sehr gut, dass es all die vielen Formate bei den Alternativen Medien gibt.

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