Erdogan der osmanische Tiger

Laue Luft aus dem EU-Parlament.

Von Uli Gellermann.

Es trumpt aus allen Medien: Als könne man die US-Wahlen rückgängig machen, so bäumen sich deutsche Medien gegen das amerikanische Wahlergebnis auf. Als könne man die blutige Hillary doch noch auf den Stuhl des amerikanischen Präsidenten setzen, so bläst es aus Lautsprechern und Zeitungsspalten. Dort, wo der westeuropäische Einfluss nahe Null tendiert, da macht man sich wichtig. Für den Nachbarn Türkei hat man kaum ein Auge. Zwar redete das Europäische Parlament jüngst von einem „Einfrieren“ der Beitrittsgespräche mit der Türkei. Aber für die EU-Kommission ist diese Entscheidung nicht bindend, sie hat nur symbolische Bedeutung. Das Einfrieren ist dem Herrscher vom Bosporus laue Luft: Die Massenverhaftungen und Massenentlassungen gehen gnadenlos weiter. Und weiter geht auch die sogenannte IS-Koalition, in der Staaten der EU gemeinsam mit der Türkei gestisch gegen den IS kämpfen. Und weiter sind deutsche Tornados von der türkischen Militärbasis Incirlik unterwegs und liefern auch der türkischen Armee Daten für ihre Bombardements in jenen Gebieten, die Sultan Erdogan als osmanisch definiert, auf die er seinen größenwahnsinnigen Blick geworfen hat: „Wir können keine Grenzen für unsere Herzen setzen“, sagt der gefährliche Mann in Ankara und zugleich auch worum es geht: „Wir waren in der Geschichte Mossuls präsent“.

Mossul? Mehr als 1.700 Kilometer von Istanbul entfernt liegt diese irakische Stadt. Einst von Arabern, Kurden und Assyrern bewohnt, bis vor kurzem Sitz mehrerer Erzbischöfe von christlichen Kirchen, ist sie heute noch in der Hand des IS. An Mossuls Erdölraffinerien und den umliegenden Erdölfeldern ist die irakische Zentralregierung ebenso interessiert wie die Regierung der Autonomen Region Kurdistan. Und eben Erdogan, der gern an mehrere Jahrhunderte osmanisch-türkischer Herrschaft in dieser Region erinnert. Rund 700 türkische Soldaten sind bereits auf irakischem Boden stationiert und der türkische Ministerpräsident Binali Yildirim erzählt mit stolz geschwellter Brust über den angeblichen Kampf gegen den IS: „Wir liefern Unterstützung mit Artillerie, Panzern und Haubitzen.“ Eine Unterstützung, die sich die irakische Regierung nachdrücklich verbeten hat. Und sie nennt die türkischen Truppen „Besatzer“. – Im Ergebnis des Ersten Weltkrieges hatte das Osmanische Reich, der Vorgänger der modernen Türkei, jene Gebiete verloren, die heute in den Grenzen des Iraks und Syriens liegen. Alles Gegenden, auf die sich heute der Appetit des neuen Sultans richtet. Ein Hunger, der durch die Zerstörung staatlicher Strukturen in diesem Raum durch die USA kräftig angeregt wird: Ankara hofft in einem Machtvakuum auf Gebietsgewinne und will vor allem ein neues Kurdistan verhindern. Jenes Gebiet, das vielen Kurden ein unerfülltes Versprechen ist, und von dem sich diese häufig verfolgte Ethnie einen Schutzraum verspricht.

Auch um seine inneren Ziele, den Ausbau der Diktatur, besser verfolgen zu können, mobilisiert Erdogan Sehnsüchte nach osmanischer Größe: Jüngst erst hat er den internationalen Vertrag von Lausanne öffentlich in Frage gestellt. Einen Vertrag, der nach dem Ersten Weltkrieg den Bevölkerungsaustausch zwischen Griechenland und der Türkei ebenso regelte wie den Besitz jener heute griechischen Inseln, von denen Erdogan behauptet: „Das waren unsere Inseln. Dort sind unsere Moscheen.“ Gemeint sind die küstennahen Ägäisinseln des Dodekanes, darunter Rhodos, Kos, Karpathos und Kalymnos. – Niemand aus dem NATO-Militärbündnis, dem die Türkei ebenso angehört wie Griechenland, mag bisher den osmanischen Tiger an Bündnispflichten erinnern. Im Gegenteil: Einträchtig hocken die Militärs der NATO-Hautmacht USA mit den türkischen Streitkräften und deutschen Tornados in der „Incirlik Air Base“ zusammen. Dort, wo nicht nur 90 Atomwaffen vom Typ B61 auf ihren verheerenden Einsatz warten, sondern von dem auch wesentliche Teile der Operation „Inherent Resolve“ gesteuert werden. Jenem Militärbündnis, zu dem die USA, Deutschland, Großbritannien, Kanada, Australien, Neuseeland, Bahrain, Jordanien, Polen, Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Singapur, Marokko, Katar, Belgien, Dänemark, Frankreich, Italien, die Niederlande, Schweden und eben die Türkei gehören, das den IS bekämpfen soll. Eine wunderbare Gemeinschaft, die mit den USA, dem faktische Erfinder des IS, und mit Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Katar auch die Glaubensbrüder des IS umfasst. Die Türkei, wichtig für die Logistik des IS, hat ihren Nutzen für den islamistischen Terror lange Zeit durch das Verhökern von geraubtem Öl unter Beweis gestellt.

Eine Regierung, die sich ernsthaft von der neo-osmanischen Türkei distanzieren wollte, würde als ersten Schritt ihre Flugzeuge von der Militärbasis Incirlik zurückziehen. Doch „Im Augenblick läuft in Incirlik alles richtig und gut“, sagte Kanzlerin Merkel neulich auf einer CDU-Regionalveranstaltung in Neumünster: „Ich will ausdrücklich hier noch einmal sagen: Incirlik steht nicht zur Debatte.“

Am 13. 12. 2016 um 20.30 Uhr:
Sevim Dagdelen liest aus
aus ihrem Buch „Der Fall Erdogan“
Im Berliner Buchhändlerkeller
Carmerstr.1, 10623 Berlin-Charlottenburg

Es moderiert: Uli Gellermann

Danke an den Autor für das Recht der Zweitverwertung.

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2 Kommentare zu: “Erdogan der osmanische Tiger

  1. Ich habe in meinem Bekanntenkreis Türken, von denen habe ich zum ersten Mal vom Vertrag von Lausanne und Montreux erfahren. Diese Türken erzählten mir, dass der Vertrag nur 100 Jahre gilt (bis 2023), und dass dann wieder irgendwelche Gebiete an die Türkei fallen. Ich vermute mal, dass sind irgendwelche Legenden. Denn ähnliche Geschichten findet man auch im Internet.

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