Es gibt nichts mehr zu retten

Außer uns selbst.

Hinweis zum Rubikon-Beitrag: Der nachfolgende Text erschien zuerst im „Rubikon – Magazin für die kritische Masse“, in dessen Beirat unter anderem Daniele Ganser und Rainer Mausfeld aktiv sind. Da die Veröffentlichung unter freier Lizenz (Creative Commons) erfolgte, übernimmt KenFM diesen Text in der Zweitverwertung und weist explizit darauf hin, dass auch der Rubikon auf Spenden angewiesen ist und Unterstützung braucht. Wir brauchen viele alternative Medien!

von Dirk C. Fleck.

Seit Jahrzehnten haben wir uns mit immer neuen Parolen rüsten müssen: Rettet den Regenwald, rettet die Nordsee, rettet das Nashorn, rettet die Bienen und Kröten, rettet den, die, das. Wir haben ein Rückzugsgefecht nach dem anderen austragen müssen. Herausgekommen ist nichts. Heute heißt die Parole: Rette sich, wer kann!

Denn der Tsunami der Zerstörung, den das Dauerbeben eines ungezügelten Kapitalismus ausgelöst hat, reißt weiterhin ungebremst alles aus dem Gleichgewicht: das filigrane ökologische Netzwerk ebenso wie die sozialen Strukturen unserer globalen Zivilgesellschaft.

Bemerkenswert daran ist nur, dass die meisten Menschen angesichts des bis zum Anschlag betriebenen Raubbaus an der Natur kein Gefühl des Verlustes verspüren. Selbst wenn der Südpol über Nacht auf 20 Quadratmeter schrumpfen und das letzte Dutzend Pinguine sich auf den Köpfen stehend mit den Fächerfüßen gegen die stechende Sonne zur Wehr setzen würde – das Gros der Menschen bliebe davon gänzlich unbeeindruckt.

Dabei wird sich unser Leben in absehbarer Zeit dramatisch verändern. Im politischen, im sozialen, im medizinischen Bereich ebenso wie im kulturellen Leben. Der von den Menschen längst eingeleitete Ökozid geht an den Nerv allen Lebens. Nichts wird mehr so sein, wie wir es heute vorfinden.

Wir sehen also: Man muss gar nicht radikal denken und handeln, um sich mit radikalen Ergebnissen auseinander setzen zu müssen. Für gewöhnlich reicht die pure Ignoranz einer Gefahr, um sich ihr unversehens gegenüberzusehen.

Frank Schirrmacher, der verstorbene Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, den ich für mein Buch „Die vierte Macht“ interviewt hatte, sagte in unserem Gespräch: „Nehmen wir mal an, der Ökozid wäre heute schon eingetreten. Dann würde es die Tagesschau morgen als Normalität behandeln. Es gibt diesen einen Moment gar nicht, wo man sich fragt: Haltstopp, was ist hier geschehen? Die Medien schaffen es, aus den größten Brüchen immer wieder eine Scheinnormalität zu konstruieren.“

Ein Nature-Writer gab den Anstoß

Was Frank Schirrmacher nicht erwähnte, ist die Tatsache, dass die Glaubwürdigkeit der von den Eliten kontrollierten Mainstream-Medien extrem gelitten hat. Die Zahl der Menschen, die den notorischen Wahnsinn eines kapitalen Giersystems durchschauen, wächst. Und mit ihr wächst die Bereitschaft zum Widerstand. Es war der US-amerikanische „Nature-Writer“ Edward Abbey („Ohne Zivilcourage sind alle andere Tugenden nutzlos“), der in seinem bereits 1975 erschienenen Roman „The Monkey Wrench Gang“ den Begriff der Ökotage (von Sabotage) prägte. Es war dieser Roman, der den Aktivisten Dave Foreman 1979 dazu inspirierte, die Umweltschutzorganisation Earth First! zu gründen, welche die sehr moderat auftretenden anderen Organisationen, beispielsweise die Wilderness Society oder selbst Greenpeace, ziemlich alt aussehen ließ. Das Motto von Earth First: No Compromise in Defense of Mother Earth! (Kein Kompromiss bei der Verteidigung von Mutter Erde). Der verstellbare Schraubenschlüssel (engl. monkey wrench) wurde zum Symbol für Sabotage und zu einem Teil des Logos von Earth First!

Mittlerweile ist Earth First! nicht nur in den USA vertreten, sondern auch in Großbritannien, den Niederlanden, Belgien, der Tschechischen Republik, Kanada, Australien, Nigeria, Italien, Mexiko, der Slowakischen Republik und auf den Philippinen.

Wir werden in den nächsten Jahren einen Quantensprung der Gewalt erleben, das ist abzusehen. Die Öko-Krieger führen eine Art Guerillakrieg gegen die Mächtigen aus Politik und Wirtschaft. Es ist ein Glaubenskrieg, und diejenigen, die ihn führen, sind moralisch hoch gerüstet. Nach ihrem Verständnis sind die Aktionen Notwehrmaßnahmen gegen eine blindwütige Konsumgesellschaft, die nichts als verbrannte Erde hinterlassen wird.

Einer ihrer Helden ist der ehemalige Mathematik-Professor Theodore Kaczynski. Kaczynski war Anfang der 1990er-Jahre der meistgesuchte Terrorist in den USA. Der Anhänger eines naturzentrierten Anarchismus hatte zwischen 1978 und 1995 sechzehn Briefbomben an Universitätsprofessoren und Vorstandsmitglieder von Fluggesellschaften verschickt, wodurch drei Menschen getötet und weitere 23 verletzt wurden. Die Öffentlichkeit kannte ihn unter dem Namen Unabomber (university and airline bomber), den ihm das FBI verliehen hatte. Im Juni 1995 schickte Kaczynski ein 35.000 Wörter langes Manifest mit dem Titel „Industrial Society and Its Future“ (Die industrielle Gesellschaft und ihre Zukunft) an die New York Times und die Washington Post mit dem Angebot, die Bombenattentate zu beenden, falls sein Text veröffentlicht würde.

Am 19. September 1995 druckten beide Zeitungen das Manifest, nachdem sich auch Staatsanwälte und FBI dafür ausgesprochen hatten. Das Unabomber-Manifest ist unter folgendem Link im Internet abrufbar: https://www.psychiatrie-erfahrene-schweiz.org/wp-content/uploads/2017/07/Das%20UNA-Bomber%20Manifest%20deutsch.pdf. Kurz nach der Veröffentlichung verriet Kaczynskis Bruder ihn ans FBI, seitdem sitzt der heute 75-jährige im Gefängnis.

Eine andere Galionsfigur der radikalen Umweltschutzbewegung ist Paul Watson, ehemaliges Gründungsmitglied von Greenpeace. Diese Umweltschutzorganisation war ihm aber zu lau, zu kompromissbereit. Seit Jahren schippert Watson nun mit seiner „Sea Shephard“ über die Meere und rammt Walfangschiffe. Watson: „Ich vertrete die Menschen, die noch nicht geboren sind und die mit Verachtung auf unsere Generation zurückblicken werden.“

Zu spät. Wir sind nicht zu retten.

In einer Zeit, in der die Erde eher einem Industrie- und Verkehrspark als einem paradiesischen Lebensraum gleicht, können solche Botschaften zu Initialzündungen werden. So ist es kein Zufall, dass der ehemalige UN-Mitarbeiter Stéphane Hessel mit seinem Traktat „Empört Euch!“ allein in Frankreich fast drei Millionen Leser fand. Ähnlich erfolgreich war das Buch „10 Milliarden“ von Stephen Emmott, Professor in Oxford und Leiter eines von Microsoft aufgebauten Forschungslabors. Zum ersten Mal zeichnete ein Experte ein zusammenhängendes, aktuelles und für jeden verständliches Bild unserer Lage. Kein theoretischer Überbau, kein moralischer Zeigefinger, nur die Fakten, und die unmissverständliche Botschaft lautete: „Wir sind nicht zu retten“.

Derrick Jensen. Merkt Euch diesen Namen. Jensen – aktuell 57 Jahre alt, ist ein unermüdlicher Prediger des gewaltsamen Widerstands. In seinem Bestseller „Endgame“ schreibt er: „Gegen die Erde wird längst Krieg geführt, und das wir diesen Umstand verleugnen, heißt nicht, dass dieser Krieg nicht stattfindet. In Anbetracht des auf dem Spiel stehenden Einsatzes – das Leben auf der Erde – ist es an der Zeit, dass auch wir unserem Siegeswillen den Zusatz ‚um jeden Preis’ anhängen. Das ganze kapitalistische System basiert auf Lügen. Solange uns jemand mit Lügen beruhigt, erlauben wir ihm weiterhin, mehr und mehr Land, Luft und Wasser, unser genetisches Material und alles andere auf diesem Planeten zu kontrollieren. Es ist außerordentlich wichtig, die Zivilisation abzuschaffen. Wenn wir überhaupt noch etwas retten wollen, dann müssen wir in diesem Kampf alles mit einbringen, was wir können.“ Wie das aussehen könnte, ist in dem Bestseller deutlich nachzulesen.

Anders als noch vor zwanzig Jahren sind viele Menschen heute sehr viel empfänglicher für die radikalen Botschaften, welche die Wortführer des gewaltsamen Widerstands predigen. Das ist einer Entwicklung geschuldet, die unseren Kindern und Kindeskindern erkennbar nichts als verbrannte Erde hinterlassen wird.

Der Schriftsteller Michael Ende, Autor von „Die unendliche Geschichte“, meint dazu: „Immer wieder tauchte nach 1945 die Frage auf, ob es denkbar sei, dass es je zu einem dritten Weltkrieg kommen könne. Ich glaube, wir befinden uns schon mittendrin. Nur bemerkt es offenbar niemand, weil dieser Krieg nicht territorial, sondern zeitlich geführt wird. Wir haben einen erbarmungslosen Krieg gegen unsere eigenen Kinder und Enkel, gegen die kommenden Generationen, entfesselt. Wir werden ihnen eine verwüstete Welt hinterlassen, auf der das Leben für sie sehr schwer sein wird. Aber da sie ja nicht zurückschlagen können, fahren wir damit fort, wir können schon gar nicht mehr anders. Unser Gewissen (sofern es nicht ganz zum Schweigen zu bringen ist) beruhigen wir mit der Annahme, dass ihnen schon etwas einfallen wird, um unsere Gemeinheiten wiedergutzumachen.“

Das mag für einen Großteil der „Tätergeneration“ zutreffen, für die wachsende Armee der Empörten und Enttäuschten gilt das nicht. Damit hätte die Politik exakt jenes Problem am Hals, das der Zukunftsforscher Robert Jungk 1977 bereits in seinem Buch „Der Atomstaat – Vom Fortschritt in die Unmenschlichkeit“ beschworen hat. Aber die Politik ist vorbereitet. Seit Dezember 1994 liegt der deutschen Bundesregierung eine interne Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung vor. In ihr heißt es: „Die Kooperation mit den Nachrichtendiensten im europäischen oder transatlantischen Rahmen muss ausgebaut werden. Außerdem müssen die rechtlichen Kompetenzen der Nachrichtendienste und Ermittlungsbehörden neu überdacht werden.“

Demokratien werden zu Diktaturen

Oh ja, und wie sie die rechtlichen Kompetenzen überdacht haben! Um die wirtschaftlichen Interessen zu schützen, sind die Regierungen der Industriestaaten in einem nicht für möglich gehaltenen Tempo dazu übergegangen, die demokratischen Grundrechte zu beschneiden. In den nächsten Jahren werden unsere Demokratien schrittweise zu inhaltsleeren Gebilden verkommen, hinter denen sich autoritäre Strukturen verbergen, wie sie so bisher nur in Diktaturen möglich schienen.

Der Physiker, Philosoph und Friedensforscher Carl Friedrich von Weizsäcker (1912-2007) hat das heutige Geschehen auf fast unheimliche Weise vorausgesagt. In seinem Buch „Der bedrohte Friede“ aus dem Jahr 1983 (!) heißt es unter anderem:

  1. Die Arbeitslosenzahlen werden weltweit ungeahnte Dimensionen erreichen. Die Löhne werden auf ein noch nie da gewesenes Minimum sinken. Alle Sozialsysteme werden mit dem Bankrott des Staates zusammenbrechen. Rentenzahlungen zuerst. Auslöser ist eine globale Wirtschaftskrise ungeheurer Dimension, die von Spekulanten ausgelöst wird.
  2. Circa 20 Jahre nach dem Untergang des Kommunismus werden in Deutschland wieder Menschen verhungern. Einfach so.
  3. Die Gefahr von Bürgerkriegen steigt weltweit dramatisch.
  4. Um ihre Herrschaft zu sichern, werden diese Eliten frühzeitig den totalen Überwachungsstaat schaffen, und eine weltweite Diktatur einführen. Die ergebenen Handlanger dieses „Geld-Adels“ sind korrupte Politiker.
  5. Zum Zweck der Machterhaltung wird man die Weltbevölkerung auf ein Minimum reduzieren. Dies geschieht mittels künstlich erzeugter Krankheiten. Hierbei werden Bio-Waffen als Seuchen deklariert, aber auch mittels gezielten Hungersnöten und Kriegen.
  6. Um Rohstoffbesitz und dem eigenen Machterhalt dienend, werden Großmächte Kriege mit Atomwaffen und anderen Massenvernichtungswaffen führen.
  7. Die Menschheit wird nach dem Niedergang des Kommunismus das skrupelloseste und menschenverachtendste System erleben, wie es die Menschheit noch niemals zuvorerlebt hat, ihr „Armageddon“ („Endkampf“). Das System, welches für diese Verbrechen verantwortlich ist, heißt „unkontrollierter Kapitalismus“.

Die Betreiber dieses unkontrollierten Kapitalismus bauen seit Jahren an einem gigantischen Verteidigungsbollwerk. Bereits Anfang der 1990er-Jahre wurden in einem von der NATO gebildeten transatlantischen Think Tank neue Militärstrategien entwickelt, um für die Zukunft ordnungspolitisch gerüstet zu sein.

Vor dem Hintergrund der klimatischen Umwälzungen und Ressourcenkonflikte waren die USA und andere westliche Staaten daran interessiert, sich eine unangreifbare Position zu sichern, nach innen wie nach außen. Eine der Hauptgefahren, welche die Regierungen der Industriestaaten ausgemacht hatten, waren die zu erwartenden, dem Klimawandel geschuldeten Bevölkerungswanderungen. Auch im Inneren eines Landes. Wasserknappheit, Dürre, Naturkatastrophen – das alles, so vermutete man schon damals, könnte zu chaotischen, ja anarchistischen Zuständen führen, denen nur mit militärischen Mitteln begegnet werden kann, wenn ein Rest an Ordnung und sozialer Sicherheit aufrecht erhalten werden soll.

Und da man gerade dabei war, seine Feinde zu verorten, hat der Think Tank den „angeschlossenen“ Regierungen empfohlen, Klima- und Umweltschützer in Zukunft als Terroristen, als sogenannte ungesetzliche Kämpfer zu behandeln. Das sollte auch für Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International gelten.

Wie gesagt, das war nur ein Vorschlag, noch kein Gesetz. Zum Gesetz ist es jetzt, fünfundzwanzig Jahre später, geworden. Denn vor Kurzem hat das EU-Parlament eine „Anti-Terror-Richtlinie“ beschlossen. Das im Eilverfahren durchgewunkene Gesetzespaket führt neue Tatbestände ein, die terroristische Akte im Keim ersticken sollen. Die Richtlinie kann problemlos auf Bereiche ausgedehnt werden, die gemeinhin nicht als Terrorismus gelten – etwa öffentlichkeitswirksame Proteste von Polit- und Ökoaktivisten oder Reisen, die als „zu terroristischen Zwecken“ fehlinterpretiert werden könnten. Zudem räumt die Richtlinie den EU-Mitgliedstaaten unter anderem die Möglichkeit ein, Netzsperren zu errichten. Selbst die zeitweilige Lahmlegung einer Webseite mittels einer DDoS-Attacke steht künftig unter Terrorverdacht.

Der Drops ist gelutscht

Wie lange können und wollen wir diese Art von Staatsterrorismus (Helmut Schmidt!) noch hinnehmen? Vermutlich noch sehr lange. Der Drops, liebe Freunde, ist eigentlich längst gelutscht. Denn unsere Begrenzungen haben wir von klein auf an eingetrichtert bekommen, wie der vor zwei Jahren verstorbene Physiker Ernst Senkowski schrieb: „Dieses System hat eine maßlose Trägheit in sich, weil wir es immer wieder reproduzieren, wir erziehen unsere Kinder immer wieder in dieses System hinein. Die Ansätze, die wir machen, um unser System an den Grenzen zu erweitern, kranken an folgendem: Ich kann aus einem begrenzten System nur sehr schwer in ein breiteres oder weiteres System wechseln. Man muss sich das wie einen Trichter vorstellen. Oben ist das erweiterte System und unten sitzen wir. Jetzt wird oben ein Bündel Heu hinein geworfen und bei uns landet allenfalls ein dünner Strohhalm. Ein großer Erkenntnisgewinn ist das nicht. Damit werden wir noch eine Weile leben müssen.“ So viel zu den Gründen der allgemeinen Bewusstlosigkeit.

Sie werden siegen. Sie werden siegen, bis sie alles vor die Wand gefahren haben. Der gewaltsame Kampf gegen ihr System wird daran nichts ändern. Also sollten wir uns auf das besinnen, was wir steuern können: uns selbst.

Neulich habe ich ein sehr beeindruckendes Statement von Peter Handke gelesen, den ich sehr verehre: „Irgendwann,“ so sagt er, „habe ich beschlossen, dass alles fremd ist und alles neu ist und alles unentdeckt. Und das hilft mir auf die Sprünge. Es ist noch nichts erzählt.“

Genau. Waschen wir uns den Dreck von der Seele, den wir in dieser ruhig gestellten Gesellschaft angesammelt haben. Machen wir uns immer wieder klar, dass wir hier nur zu Gast sind, dass es Millionen von Parallelwelten auf diesem Globus gibt, sowohl in der Tier- als auch in der Pflanzenwelt. Und dass jede dieser Welten in einem eigenen Gefühlskosmos lebt und mit einem ureigenen Kommunikationssystem ausgestattet ist. Entwickeln wir Respekt für unsere Mitbewohner auf der Erde. Öffnen wir unsere Herzen für das Mysterium der Schöpfung, von denen die Betreiber des seelenlosen Killer-Systems nicht die geringste Ahnung haben. Verschwenden wir unsere Energien nicht in einem aussichtslosen Kampf, in dem die Gewalt eine letzte Option ist. Auf diese Weise werden wir nie gewinnen. Arbeiten wir an uns selbst, seien wir uns wichtig, jeder Einzelne, und sehen wir zu, dass wir die Personen in unserem unmittelbaren Umfeld aus ihrer Bewusstlosigkeit reißen, machen wir sie vertraut mit sensiblen, mitfühlenden Menschen. Das ist die einzige Chance, die Gesellschaft von Grund auf zu verändern. Eine andere haben wir nicht.

Die Vision der Donella Meadows

Zum Schluss noch ein Zitat von der wunderbaren US-amerikanischen Umweltwissenschaftlerin und Autorin Donella Meadows (1941–2001), die die Bewegung für eine nachhaltige Zukunft wie kaum eine andere geprägt hat:

„Ich habe eine Vision. Es ist die Vision einer Welt, in der die Menschen langsamer leben und arbeiten und mehr Zeit für die wichtigen Dinge des Lebens haben: für Kinder, Familie, Natur, für Stille und Spiritualität. Jeder hat genug, es gibt keine Armut und auch keinen absurden Überfluss. Ich sehe eine Welt mit Zeit und Raum für Einfachheit, mit schöner Technologie und elegantem Design. Es wird viel weniger Reisen geben, weil jeder schon dort ist, wo er sein will. Ich sehe eine Welt vor mir, in der wir keine hässlichen Orte mehr erschaffen und wissen, wie man in guter Nachbarschaft gemeinschaftlich lebt. Es wird eine produktive Welt sein mit guter Arbeit, die die Menschen seelisch erfüllt, weil sie Qualitätsprodukte herstellen, die wirklich gebraucht werden statt Kram, den eigentlich niemand braucht. Ich sehe große Mengen an Wissen. Und ich habe die Vision von einer echten Demokratie: Menschen, die sich um die Art und Weise kümmern, wie sie regiert werden und gut informiert sind.“

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Dieser Beitrag erschien am 11.10.2017 bei Rubikon – Magazin für die kritische Masse.

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12 Kommentare zu: “Es gibt nichts mehr zu retten

  1. Dann möchte ich doch auch noch einmal die von mir so bewunderte Textstelle aus Nietzsches Werk dazu zitieren.
    Nietzsche war meiner Meinung nach der am tiefsten empfindsamste Seismosgraph seiner Zeit für die gesellschaftlichen Strömungen und daher konnte er auch in die Zukunft blicken, sowie in die Vergangenheit. Er schrieb als Jesus Christus:
    „Es wird sich einmal an meinem Namen die Erinnerung an etwas Ungeheures anknüpfen – an eine Krisis, wie es keine auf Erden gab, an die tiefste Gewissens- Kollision, an eine Entscheidung, heraufbeschworen gegen alles, was bis dahin geglaubt, gefordert, geheiligt worden war. Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit…Der Begriff Politik ist dann gänzlich in einen Geisterkrieg aufgegangen, alle Machtgebilde der alten Gesellschaft sind in die Luft gesprengt- sie ruhen allesamt auf der Lüge: Es wird Kriege geben, wie es noch keine auf Erden gegeben hat. Erst von mir an gibt es auf Erden GROSSE POLITIK.“

    Ja, es ist nicht nur ein „Glaubenskrieg“ der da tobt, es ist ein Geisterkrieg. Der Geist ringt mit dem Ungeist.
    „Gott“ gegen „Satan“.

  2. Man muss Stéphane Hessen lesen! Aber vor allem: Man muss ihn als Person und im Gespräch erlebt haben. Wer sein Leben kennt, der ist sich bewußt, daß er wahrlich Grund hatte, zu glauben, es gibt nichts mehr zu retten. Und dann kommt man aus dem Staunen nicht heraus, wenn man ihm zuhört: gibt es einen heitereren empörten Menschen als ihn?
    Schopenhauer sagte es so:.. „Dieserwegen also sollen wir der Heiterkeit, wann immer sie sich einstellt, Thür und Thor öffnen: denn sie kommt nie zur unrechten Zeit; statt daß wir oft Bedenken tragen, ihr Eingang zu gestatten, indem wir erst wissen wollen, ob wir denn auch wohl in jeder Hinsicht Ursach haben, zufrieden zu seyn; oder auch weil wir fürchten, in unseren ernsthaften Überlegungen und wichtigen Sorgen dadurch gestört zu werden: allein was wir durch diese bessern ist sehr ungewi0; hingegen ist Heiterheit unmittelbarer Gewinn. Sie allein ist gleichsam die baare Münze des Glücks und nicht, wie alles Andere, bloß der Bankzettel, weil nur sie unmittelbar in der Gegenwart beglückt; weshalb sie das höchste Gut ist für Wesen, deren Wirklichkeit die Form einer untheilbaren Gegenwart zwischen zwei unendlichen Zeiten hat. Demnach sollten wir die Erwerbung und Beförderung dieses Gutes jedem anderen Trachten vorsetzen.
    Empören wir uns, aber trachten wir vor allem danach, dieses Gut der Heiterkeit zu erwerben, gegen Haß und Gewalt. (Arthur Schopenhauer, Aphorismen zur Lebensweisheit, Reclam.)

    Stéphane Hessel:
    Empört Euch!
    93 Jahre. Es ist wohl der letzte Abschnitt. Das Ende ist nicht mehr fern. Welches
    Glück, die Fähigkeit zu besitzen sich an das erinnern zu können, was die Basis
    meines politischen Engagements dargestellt hat: die Jahre des Widerstandes und das
    vor genau 66 Jahren entwickelte Programm des Nationalrates des Widerstandes! Wir
    verdanken hier dem Delegierten Jean Moulin die Vereinigung aller Gruppierungen
    des besetzten Frankreichs, der Bewegungen, der Parteien, der Gewerkschaften, aller,
    die ihre Zustimmung für ein kämpfendes Frankreich gaben und einen einzigen
    Chef anerkannten: General de Gaulle. In London, wo ich im März 1941 General de
    Gaulle traf, erfuhr ich, dass dieser Rat ein Programm aufgestellt hatte, welches am
    15. März 1944 angenommen wurde. Es beinhaltet Vorschläge tiefgreifender sozialer
    Erneuerung für ein befreites Frankreich, die das Fundament der neuen Demokratie
    unseres Landes bilden sollte.
    Diese Grundsätze und Werte brauchen wir heute mehr denn je. Es obliegt uns allen
    gemeinsam darauf zu achten, dass unsere Gesellschaft eine Gesellschaft bleibt, auf
    die wir weiterhin stolz sein können: Keine Gesellschaft die auf „Menschen ohne
    juristische Legitimation“ mit Vertreibung reagiert, mit Argwohn Immigranten
    begegnet, keine Gesellschaft, in der die Rentenansprüche und der Besitz sozialer
    Sicherheit permanent in Frage gestellt werden, keine Gesellschaft, in der die Medien
    ausschließlich in den Händen der „Reichen“ sind. Zusammenfassend alles Dinge,
    die wir als echte Erben des Nationalrates des Widerstandes nicht gutgeheißen hätten.
    Seit 1945, nach einem entsetzlichen Drama, gibt es ein anspruchsvolles
    Wiederaufleben der bestehenden Kräfte im Inneren des Widerstandsrates. Erinnern
    wir uns, dass die soziale Sicherheit im Sinne des Widerstandes begründet wurde,
    mit dem Ziel, allen Menschen das Grundbedürfnis nach materieller Sicherheit zu
    gewährleisten. Ganz besonders in Zeiten, in denen sie nicht oder nur unzureichend
    aus eigener Kraft, für ihr existenzielles Überleben sorgen können. Eine Rente, die
    allen Arbeitnehmern einen würdevollen Lebensabend sichert. Die Energiequellen
    Strom und Gas, die Kohlebergwerke, die großen Banken sind nationalisiert. Das
    Programm empfiehlt „die Rückkehr zur Nation der großen, monopolistischen
    Produktionsmöglichkeiten, Frucht der gemeinsamen Arbeit, der Energiequellen,
    der Bodenschätze, der Versicherungen und großen Banken“; „die Einrichtung
    einer „wirklich wirtschaftlichen“ und sozialen Demokratie, die die Abschaffung des
    wirtschaftlichen und finanziellen Feudalismus beinhaltet.“
    Das Interesse der Allgemeinheit muss vorrangig vor dem Interesse des Einzelnen
    sein, die gerechte Aufteilung des durch die Arbeitswelt geschaffenen Reichtums
    vorrangig vor der Macht des Geldes. Der Widerstand empfiehlt: „eine vernünftige
    Organisation der Wirtschaft, mit der Gewährleistung einer Unterordnung des
    Einzelinteresses unter das Gemeininteresse und der Befreiung aus der Diktatur, wie
    es in den faschistischen Ländern sichtbar war“. Diese Forderung wurde durch die
    vorläufige Regierung der Republik verstärkt.
    Wahre Demokratie benötigt eine unabhängige Presse. Der Widerstand ist sich dessen
    bewusst, fordert und verteidigt die Pressefreiheit, das Ansehen ihrer Unabhängigkeit
    hinsichtlich des Staates, der Macht des Geldes und der ausländischen Einflüsse. Dies
    verstärkt noch die seit 1944 bestehenden Forderungen an die Presse. Allerdings ist
    genau das heute in Gefahr.
    Der Widerstand fordert: die effektive Möglichkeit für alle französischen Kinder,
    ohne Selektion oder Beschränkung von einer hochentwickelten Schulerziehung
    zu profitieren, aber die vorgeschlagenen Reformen in 2008 richten sich gegen
    diese Vorhaben. Junge Lehrer, deren Aktionen ich unterstütze, verweigerten die
    Anwendung dieser Reformen und als Strafe wurden ihre Gehälter gekürzt. Sie haben
    sich empört, waren „ungehorsam“, haben diese Reformen als zu weit entfernt
    vom Ideal einer republikanischen Schule gesehen. Diese jungen Lehrer sahen die
    Reformen überwiegend zu Gunsten der Leistungsgesellschaft und ohne ausreichende
    Berücksichtigung des kreativen und kritischen Potenzials.
    Die Basis der sozialen Errungenschaften wird somit heute in Frage gestellt.
    Das Motiv des Widerstandes ist die Empörung
    Man wagt es uns zu sagen, der Staat könne die Kosten dieser sozialen Errungenschaften
    nicht mehr tragen. Aber wie kann heute das Geld fehlen, obwohl der
    Reichtum seit der Befreiung nach 1945 exorbitant angestiegen ist. Dies scheint
    nur möglich, weil die von der Résistance bekämpfte Macht des Geldes niemals so
    groß, so anmaßend und egoistisch war wie heute und bis in die höchsten Ränge des
    Staates hinein, über eigene Interessensvertreter verfügt. Die inzwischen privatisierten
    Banken kümmern sich nur noch um ihre Dividenden und die ausufernden
    Einkommen ihrer leitenden Manager, nicht aber um das Gemeinwohl. Die Kluft
    zwischen Arm und Reich wird ständig größer und das Streben nach Geld und
    Einfluss gewinnt immer mehr an Bedeutung.
    Das Grundmotiv des Widerstandes war die Empörung. Wir, die Veteranen der Widerstandsbewegung
    und der kämpfenden Kräfte des freien Frankreichs, appellieren
    an die junge Generation, das Erbe des Widerstandes und die Ideale neu aufleben
    zu lassen und sie weiter zu verbreiten. Wir sagen ihnen: „nehmt es auf Euch,
    empört Euch!“ Die Verantwortlichen der Politik, Wirtschaft, die Intellektuellen
    und die Gesamtheit der Gesellschaft dürfen nicht klein beigeben, sich auch nicht
    beeindrucken lassen durch die aktuelle internationale Diktatur der Finanzmärkte,
    die den Frieden und die Demokratie bedrohen.
    Ich wünsche Euch allen, jedem einzelnen von Euch, sein eigenes Motiv der Empörung
    zu seiner Herzensangelegenheit zu machen, denn diese ist ein kostbares
    Gut. Wenn Euch etwas empört, so wie mich der Nazismus empört hat, dann wird
    man streitbar, stark und engagiert. So gestaltet man den Lauf der Geschichte mit,
    und der große Lauf der Geschichte muss sich, dank jedem Einzelnen, hin zu mehr
    Gerechtigkeit und Freiheit fortsetzen – weg von der „unkontrollierten Freiheit
    eines Fuchses im Hühnerstall“. Die Rechte, die durch die Allgemeine Erklärung der
    Menschenrechte von 1948 zu Papier gebracht wurden, sind universell. Wenn Ihr
    jemandem begegnet, den man nicht daran Teil haben läßt, empört Euch mit ihm
    und helft ihm, diese Rechte durchzusetzen.
    Zwei Betrachtungsweisen der Geschichte
    Wenn ich versuche zu verstehen, was den Faschismus verursacht hat sage ich
    mir, dass ihre Anhänger fürchterliche Angst vor der bolschewistischen Revolution
    hatten. Der Faschismus und das Vichy-Regime haben uns deshalb überrollt. Aber
    wenn sich heute wie damals, eine Minderheit Gehör verschafft, würde diese Hefe
    ausreichen, um den Teig aufgehen zu lassen. Sicher, die Erfahrung eines sehr Alten
    wie mir, der in 1917 geboren wurde, unterscheidet sich von den Erfahrungen der
    jungen Leute von heute. Ich bitte oft Hochschullehrer um die Erlaubnis, mit ihren
    Schülern sprechen zu dürfen und ich sagen ihnen: ihr habt nicht die gleichen
    offensichtlichen Gründe, um euch zu engagieren. Für uns Widerständler war der
    erste Grund, die deutsche Besatzungsmacht nicht zu akzeptieren. Das war relativ
    einfach nachvollziehbar. Die nachfolgende Dekolonialisierung war ebenso einfach
    zu verstehen. Dann folgte der Krieg in Algerien. Es war offensichtlich, dass Algerien
    unabhängig werden musste.
    Beim Sieg der Roten Armee über die Nazis in 1943 bei Stalingrad haben wir noch
    alle applaudiert. Aber als wir 1935 über die großen stalinistischen Vorhaben
    Kenntnis erlangten und uns bewusst war, dass wir offene Ohren gegenüber dem
    Kommunismus haben mussten, war die Notwendigkeit sich diesem totalitären
    Systems zu widersetzen, offensichtlich. Ebenso wie es notwendig war, dem
    amerikanischen Kapitalismus entgegenzutreten und seiner ungehinderten
    gewaltsamen Ausbreitung Grenzen aufzuzeigen.
    Mein langes Leben hat mir eine ganze Reihe von Gründen
    gegeben, mich zu empören.
    Diese Gründe sind weniger aus einem Gefühl heraus entstanden, sondern aus dem
    Willen sich für etwas einzusetzen. Der junge „Normale“ der ich war, wurde sehr
    durch Jean-Paul Sartre geprägt, einem älteren Mitschüler. Die Werke Der Ekel,
    Die Mauer, Das Sein und das Nichts, waren sehr wichtig für meine gedankliche
    Entwicklung. Sartre hat uns gelehrt, uns selbst zu sagen: „Ihr seid als Individuum
    verantwortlich.“ Das war eine befreiende Botschaft. Die menschliche Verantwortung,
    die sich weder einer Macht noch einem Gott zu unterwerfen hat. Im Gegenteil,
    man muss sich im Namen seiner Persönlichkeit verantworten. Als ich 1939 in die
    Schule kam, Rue d’ Ulm, in Paris, war ich ein leidenschaftlicher Anhänger des
    Philosophen Hegel und ich besuchte ein Seminar von Maurice Merleau-Ponty.
    Sein Unterricht befasste sich mit der konkreten Erfahrung des Körpers und dessen
    Beziehung zur Dualität der Sinne. Aber mein natürlicher Optimismus der sich
    wünscht, dass alles Wünschenswerte auch möglich ist, ließ mich Hegel näher
    stehen. Der „Hegelianismius“ interpretiert die lange Menschheitsgeschichte als eine
    stufenweise, fortschreitende Entwicklung der Freiheit des Menschen. Die Geschichte
    besteht aus einer Reihe aufeinanderfolgender, heftiger Erschütterungen als Preis
    dieser Herausforderung. Die Gesellschaftsgeschichte schreitet voran, und am Ende,
    nachdem der Mensch seine vollständige Freiheit erlangt hat, erreichen wir den
    demokratischen Staat in seiner Vollendung.
    Natürlich gibt es auch andere Betrachtungsweisen der Geschichte. Die gemachten
    Fortschritte durch Freiheit, Wettbewerb, das Rennen um „immer mehr“, können
    wie ein zerstörerischer Wirbelsturm wirken. Verkörpert wird dies durch einen Freund
    meines Vaters, der Mann, der gemeinsam mit ihm die Aufgabe hatte, das Buch
    „ Die Suche nach der verlorenen Zeit“ von Marcel Proust, ins Deutsche zu
    übersetzen. Es ist der deutsche Philosoph Walter Benjamin. Er interpretierte
    ein Gemälde des schweizerischen Malers Paul Klee den „Angelus Novus“ als
    pessimistische Botschaft. Die Figur des „Engels der Geschichte“ öffnet die Arme,
    als ob er ein Unwetter zurückhalten oder zurückstoßen wollte, was für Benjamin
    gleichbedeutend mit der Unaufhaltsamkeit des Fortschritts ist. Für Benjamin, der
    um den Nazis zu entkommen, im September 1940 Selbstmord beging, liegt der Sinn
    der Geschichte im unaufhaltsamen Weg von Katastrophe zu Katastrophe.
    Gleichgültigkeit ist die schlimmste Haltung
    Die Gründe sich zu empören könnten heute als weniger klar erscheinen, da die
    Welt zu komplex ist. Wer bestimmt, wer entscheidet? Es ist nicht immer einfach zu
    unterscheiden, welche Strömungen uns gerade regieren. Wir haben es nicht mehr
    mit einer kleinen Elite zu tun, von der wir klar verstehen, warum sie so handelt. Es
    ist eine große Welt, in der wir merken, dass gegenseitige Abhängigkeit herrscht. Wir
    leben in einer noch nie da gewesenen, globalen Verknüpfung. Aber in dieser Welt
    gibt es unerträgliche Dinge. Um sie zu sehen, muss man sehr genau hinschauen,
    suchen. Ich sage den jungen Leuten: „sucht ein bisschen, ihr werdet sie finden“.
    Die schlimmste Haltung ist die Gleichgültigkeit, die bedeutet: „ich kann nichts
    dafür, ich komme schon klar“. Mit einem solchen Verhalten verliert ihr einen
    unverzichtbaren Bestandteil der Menschlichkeit. Es ist die Empörung und das
    daraus resultierende Engagement.
    Man kann schon jetzt zwei große neue Herausforderungen erkennen:
    1. Die sich stetig vergrößernde immense Kluft, die zwischen den Ärmsten und
    den Reichsten dieser Welt besteht. Die in dieser Ausprägung erst im XX. und XXI.
    Jahrhundert aufgetreten ist. Die Ärmsten dieser Welt verdienen heute weniger als
    2 Dollar am Tag. Man darf diese Kluft nicht noch tiefer werden lassen. Allein diese
    Feststellung muss Engagement wecken.
    2. Die Menschenrechte und der Zustand unseres Planeten. Nach der Befreiung hatte
    ich das Glück, als Mitautor bei der Formulierung der Allgemeinen Deklaration der
    Menschenrechte mitwirken zu können. Die UNO verabschiedete diese am
    10. Dezember 1948 im Palais Chaillot in Paris.
    Unter der Leitung des Kabinetchefs Henri Laugier, als stellvertretendem Generalsekretär
    der UNO, und Sekretär der Gemeinschaft der Menschenrechte habe ich,
    zusammen mit anderen an der Abfassung dieser Erklärung mitgewirkt. Nie werde
    ich die Rolle von René Cassin bei der damaligen Ausarbeitung vergessen. Er war
    in 1941 Nationalkommissar für Justiz und Erziehung der freien französischen
    Regierung in London und erhielt den Friedensnobelpreis in 1968. Ebenfalls unvergessen
    bleibt die Rolle von Pierre Mendès-France im Wirtschafts- und Sozialrat,
    der für die von uns erarbeiteten Texte verantwortlich war, bevor sie von der Dritten
    Kommission der Nationalversammlung hinsichtlich der sozialen, humanitären
    und kulturellen Fragen geprüft wurden. Ich unterstützte die Arbeit des Sekretariats
    der Kommission, die aus den 54 damaligen Staatsmitgliedern der Vereinten
    Nationen bestand. Wir verdanken René Cassin den Begriff „universell“ und nicht
    „international“, wie es unsere angelsächsischen Freunde vorgeschlagen hatten.
    Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges ging es um die Befreiung von den Gefahren,
    die der Totalitarismus der Menschheit gebracht hatte. Somit war es notwendig, dass
    sich die Vereinten Nationen zur Achtung dieser universellen Rechte verpflichteten.
    Auf diese Weise kann sich ein Staat, der die Verletzung der Menschenrechte in
    seinem Land toleriert, nicht auf seine Souveränität berufen. Dies war bei Hitler
    der Fall, der sich als uneingeschränkter Herrscher seines Landes sah und einen
    Völkermord veranlasste. Die Erklärung der Menschenrechte verdankte viel dem
    weltweiten Abscheu vor Nazionalsozialismus, Faschismus und Totalitarismus und
    durch unsere Anwesenheit, auch dem Geist der Résistance. Ich fühlte, dass wir uns
    beeilen mussten, um nicht durch die geheuchelte Zustimmung der Sieger betrogen
    zu werden die nicht die Absicht hatten, diese Werte auch loyal zu fördern. Wir
    versuchten ihnen diese Verpflichtung aufzuerlegen.
    Ich zögere nicht, den Artikel 15 der universellen Deklaration der Menschenrechte zu
    zitieren: „Jeder Mensch hat Anspruch auf eine Staatsangehörigkeit.“;
    den Artikel 22: „Jeder Mensch hat als Mitglied der Gesellschaft Recht auf soziale
    Sicherheit; er hat Anspruch darauf, durch innerstaatliche Maßnahmen und internationale
    Zusammenarbeit unter Berücksichtigung der Hilfsmittel jedes Staates,
    in den Genuss der für seine Würde und die freie Entwicklung seiner Persönlichkeit
    unentbehrlichen wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte zu gelangen.“
    Selbst wenn diese Deklaration lediglich eine deklarative und keine rechtliche
    Funktion hat, spielt sie seit 1948 keine geringe Rolle. Kolonialisierte Völker nutzten
    diese Deklaration als gedankliche Inspiration zu ihrem Kampf für Unabhängigkeit
    und Freiheit.
    Ich stelle mit Freuden fest, dass sich in den letzten Jahrzehnten die „nicht-staatlichen“
    Organisationen vermehrt haben: soziale Bewegungen wie Attac (Gesellschaft
    für die Überprüfung von finanziellen Transaktionen), FIDH (Internationale Gesellschaft
    für Menschenrechte), Amnesty International (internationale Gemeinschaft
    von MenschenrechtsverteidigerInnen), sind aktiv und erfolgreich. Es ist klar,
    um heute maximale Wirkung zu erzielen, muss man sich in einem Netzwerk
    organisieren, um alle modernen Kommunikationsmittel effektiv nutzen zu können.
    Den jungen Leuten sage ich: schaut euch um, ihr findet genug Themen, euch zu
    empören – wie man mit den Immigranten umgeht, mit „Menschen ohne juristische
    Legitimation“ (illegale Einwanderer), mit den Roma und Sinti. Ihr werdet konkrete
    Situationen finden, die euch zu kraftvollem Handeln als Bürger veranlassen werden.
    Sucht und ihr werdet finden!
    Meine Empörung bezüglich Palästina
    Heute, gilt meine Hauptempörung Palästina, dem Gaza-Streifen, dem Westjordanland.
    Dieser Konflikt ist Hauptquelle meiner Empörung. Man muss dazu unbedingt
    den Report von Richard Goldstone vom September 2009 über Gaza lesen, indem
    dieser südafrikanische Richter und Jude, der sich selbst Zionist nennt, die israelische
    Armee beschuldigt, während ihrer dreiwöchigen Operation „Plomb durci“ (hartes
    Blei) kriegsverbrecherähnliche Aktionen, in einigen Fällen sogar Verbrechen gegen
    die Menschenrechte begangen zu haben.
    Ich selbst bin mit meiner Frau in 2009 nach Gaza zurückgekehrt, konnte dank
    unserer diplomatischen Pässe einreisen, um uns mit eigenen Augen von den Aussagen
    des Berichtes zu überzeugen. Die Leute, die uns begleiteten, hatten keine
    Einreiseerlaubnis für den Gaza-Streifen sowie für das Westjordanland. Wir haben
    die Flüchtlingslager der Palästinenser besucht, die seit 1948 durch die UNRWA
    (Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten) bestehen.
    Dort warten mehr als 3 Millionen von Israel aus ihrem Land vertriebene
    Palästinenser auf ihre Rückkehr, die immer problematischer wird. Gaza ist ein
    Gefängnis mit offenem Himmel für 1,5 Millionen Palästinenser. Ein Gefängnis, in
    dem sie ihr Überleben organisieren. Mehr noch als die materiellen Zerstörungen,
    wie die des Rot-Kreuz-Krankenhauses durch die „Plomb durci“, war es das Verhalten
    der Bewohner von Gaza, ihr Patriotismus, ihre Liebe zum Meer und den
    Stränden, ihre stetigen Bemühungen um das Wohlbefinden ihrer unzähligen und
    lachenden Kinder, das unser Denken nicht loslässt. Wir waren beeindruckt von
    der erfinderischen Art der Menschen, mit der sie den auferlegten großen Mangel
    bewältigen. Wir haben sie erlebt bei der Fabrikation von falschen Zementsteinen, um
    tausende, von Panzern zerstörte Häuser wieder aufzubauen. Man hat uns bestätigt,
    dass es 1400 Tote gab – Frauen, Kinder, Alte – eingesperrt im Palästinensischen
    Lager, während dieser von der israelischen Armee durchgeführten Operation „Plomb
    durci“. Auf israelischer Seite gab es dagegen nur 50 Verletzte zu beklagen. Ich teile
    die Schlussfolgerungen des südafrikanischen Richters, Richard Goldstone: „Nur
    die Juden dürfen Kriegsverbrechen begehen.“ Das ist unerträglich. Leider zeigt die
    Geschichte, dass nur wenige Völker eine Lehre aus ihrer eigenen Geschichte ziehen.
    Ich weiß, dass die Hamas, die bei den letzten Wahlen gewonnen hatte, nicht verhindern
    konnte, dass Raketen auf israelische Städte geschossen wurden. Als Antwort
    auf die Situation der Isolation und die Blockade der Gaza-Bewohner. Mit Sicherheit
    ist der Terrorismus inakzeptabel, aber man muss unter Berücksichtigung der weit
    überlegenen militärischen Mittel der Gegenseite bedenken, dass die Reaktion der
    Bevölkerung nicht gewaltfrei sein kann.
    Nutzt es der Hamas Raketen auf die Stadt Sdérot abzuschiessen? Die Antwort ist
    „Nein“. Es dient nicht der Sache, aber man kann diese Geste als Verzweiflungsakt
    der Gaza-Bewohner verstehen. In der Aussage „Verzweiflungsakt“ muss man die
    Gewalt als eine bedauerliche Folge von Zuständen sehen, die für die Menschen die
    darunter leiden inakzeptabel sind. Man kann also sagen, dass Terrorismus eine
    Form von Verzweiflung ist. Und dass diese Verzweiflung eine negative Ausdrucksform
    ist. Man sollte nicht verzweifeln, sondern hoffen. Die Verzweiflung ist das Versagen
    der Hoffnung. Sie ist verständlich, ich möchte fast sagen, sie ist natürlich, und
    trotzdem darf sie nicht akzeptiert werden. Denn sie erlaubt keine Ergebnisse, die
    vielleicht Hoffnung erzeugen können.
    Wir müssen lernen, den Weg der Gewaltlosigkeit zu gehen
    Ich bin überzeugt, dass die Zukunft der Gewaltlosigkeit und der Versöhnung
    der verschiedenen Kulturen gehört. Auf diesem Weg sollte die Menschheit ihren
    nächsten Schritt gehen. Und dann, ich beziehe mich auf Sartre, kann man die
    Terroristen, die Bomben werfen, nicht entschuldigen, aber man kann sie verstehen.
    Sartre schreibt in 1947:“ Ich sehe, dass Gewalt, in welcher Form sie sich auch immer
    zeigt, eine Niederlage ist. Aber es ist eine unvermeidbare Niederlage, weil wir uns in
    einem gewalttätigen Universum befinden. Und wenn es wahr ist, dass die Zuflucht
    in die Gewalt immer Gewalt bleibt, mit dem Risiko sie zu verewigen, so ist es auch
    wahr, dass sie die einzige Möglichkeit ist, sie zu beenden.“ Hier füge ich ein, dass
    die Gewaltlosigkeit ein wesentlich sichereres Mittel ist, um Gewalt zu beenden. Man
    kann die Terroristen nicht unterstützen, wie Sartre dies im Namen seiner Ideologie
    lange Zeit tat: z.B. während des Algerienkriegs, oder beim Attentat gegen israelische
    Sportler während der Olympischen Spielen in München 1972. Es bringt doch nichts
    und selbst Sartre hatte sich am Ende seines Lebens nach dem Sinn des Terrorismus
    fragen müssen und dessen Daseinsberechtigung in Frage gestellt. Zu wissen: dass
    Gewalt ihre Wirkung verfehlt, ist wohl wichtiger als zu wissen, ob man diejenigen
    die Gewalt anwenden verurteilen soll oder nicht. Der Terrorismus hat keine effektive
    Wirkung. In der Bewertung „Wirksamkeit“ braucht man die Hoffnung auf
    Gewaltlosigkeit. Wenn es eine gewalttätige Hoffnung gibt, dann allenfalls in der
    Poesie von Guillaume Apollinaire: „Möge die Hoffnung gewaltsam sein“ aber nicht
    in der Politik. Sartre erklärte im März 1980, drei Wochen vor seinem Tod: „Man
    muss versuchen zu erklären, warum die Welt von heute, die schrecklich ist, nur
    einen kurzen Ausschnitt in der langen geschichtlichen Entwicklung darstellt“. Die
    Hoffnung war immer eine dominierende Kraft der Revolutionen und der Aufstände.
    Hoffnung bedeutet für mich die Gestaltung der Zukunft: „Man muss begreifen, dass
    die Gewalt der Hoffnung den Rücken zukehrt. Man muss stattdessen der Hoffnung
    den Vorzug geben wollen, der Hoffnung auf „Gewaltlosigkeit“.
    Diesen Weg müssen wir lernen zu gehen. Sowohl seitens der Unterdrücker als auch
    der Unterdrückten müssen wir zur Ablehnung der Unterdrückung kommen. Damit
    würden wir den Nährboden für terroristische Gewalttaten austrocknen, ihm damit
    jegliche Grundlage entziehen. Aus diesem Grund darf man nicht zulassen, dass sich
    der Hass aufstaut und somit neuen Nährboden bilden kann.
    Die Botschaft eines Nelson Mandela, eines Martin Luther King findet ihre Relevanz
    in einer Welt, die eine Konfrontation der Ideologien und die erobernden totalitären
    Regime überwunden hat. Es ist eine Botschaft der Hoffnung, auf die Fähigkeit
    moderner Gesellschaften die im Stande sind, Konflikte durch gegenseitiges
    Verständnis und wachsame Geduld zu lösen. Um dorthin zu gelangen, müssen
    wir uns auf Rechte berufen, deren Verletzung, egal aus welchen Gründen, unsere
    Empörung hervorrufen muss. Bei diesen Rechten gibt es keine Kompromisse.
    Für gewaltfreien Widerstand
    Ich habe – und ich bin nicht der Einzige – die Reaktion der israelischen Regierung
    bemerkt, die mit der Tatsache konfrontiert wird, dass jeden Freitag die Bürger
    von Bil’id an die Mauer gehen, gegen die sie protestieren, ohne Steine zu werfen,
    ohne Gewaltanwendung. Die israelischen Autoritäten haben diesen Marsch als
    „gewaltlosen Terrorismus“ bezeichnet. Nicht schlecht… Man muss Israeli sein, um
    Terroristen als gewaltfrei bezeichnen zu können. Man muss besonders peinlich
    berührt sein, denn die Folge der Gewaltlosigkeit ist die Unterstützung, das Verständnis
    und das Bejahen all derer, die auf dieser Welt Gegner der Unterdrückung sind.
    Das auf Produktivität ausgerichtete Denken des Westens hat die Welt in eine Krise
    gestürzt, aus der sie nur durch einen radikalen Bruch mit der Flucht nach vorn, weg
    vom „immer mehr“ herauskommen kann. Auf dem Gebiet der Finanzen, aber auch
    im Bereich der Wissenschaften und der Technik. Es ist höchste Zeit, dass der Sorge
    um Ethik, Gerechtigkeit und einem anhaltenden Gleichgewicht, die höchste Priorität
    zugewiesen wird. Es ist höchste Zeit, denn die größten Risiken bedrohen uns und die
    nachfolgenden Generationen. Sie könnten das Ende des menschlichen Abenteuers,
    auf einem für Menschen nicht mehr bewohnbaren Planeten bedeuten.
    Dennoch bleibt es wahr, dass wichtige Fortschritte seit 1948 gemacht wurden:
    die Entkolonialisierung, das Ende der Apartheit, die Auflösung des sowjetischen
    Reiches, der Fall der Mauer in Berlin. Dagegen waren die ersten 10 Jahre des XXI.
    Jahrhunderts eine Zeit des Rückschritts. Diesen Rückschritt erkläre ich zum Teil mit
    der Präsidentschaft von George Bush, dem 11. September und die zerstörerischen
    Aktionen, die die Vereinigten Staaten als blindwütige Reaktion darauf, durchgeführt
    haben. Z. B. die militärische Invasion im Irak. Wir haben diese Wirtschaftskrise
    erlebt, aber wir haben daraus keine neue Politik entwickelt. Auch der Klima-Gipfel
    in Kopenhagen, hat keine neue politische Einsicht hervorgebracht, um unseren
    Planeten zu erhalten.Wir stehen an einer Schwelle zwischen den Gräueln der
    ersten Dekade und den Möglichkeiten in den folgenden Jahrzehnten. Aber man
    muss hoffen, man muss immer hoffen. Die hinter uns liegenden Jahrzehnte, die
    Jahre ab 1990 waren Quellen großen Fortschritts. Die Vereinten Nationen konnten
    die Konferenz für Umweltschutz von Rio in 1992 einberufen; die in Peking für die
    Rechte der Frauen in 1995; im September 2000, auf Initiative des Generalsekretärs
    der Vereinten Nationen, Kofi Annan, haben 191 Länder der Erklärung: „Acht Punkte
    der Entwicklung für das Jahrtausend“ zugestimmt, in dem sie sich verpflichten,
    die Armut in der Welt bis 2015 auf die Hälfte zu reduzieren. Zu meinem großen
    Bedauern haben sich weder der Amerikanische Präsident, noch die Europäische
    Gemeinschaft, auf einen definitiven und konstruktiven, auf den Grundwerten
    basierenden Beitrag festgelegt.
    Wie lautet nun die Schlussfolgerung dieses Aufrufs zur Empörung? Erinnern wir
    den Anlass des sechzigjährigen Geburtstages des Programms des Nationalrates der
    Résistance, am 8.März 2004, an dem wir, die Veteranen der Widerstandsbewegung
    und der streitenden Kräfte des freien Frankreichs (1940-1945) erklärten: „Es ist
    sicher, der Nationalsozialismus ist besiegt, dank der Opfer unserer Brüder und
    Schwestern der Résistance und der Vereinten Nationen, gegen die Barbarei des
    Faschismus. Aber diese Bedrohung ist nicht ganz verschwunden und unsere Wut
    gegen das Unrecht ist immer noch vorhanden.“
    Nein, diese Bedrohung ist noch nicht vollständig verschwunden. Wir rufen
    deshalb auf: „zu einem friedlichen Aufstand gegen den Missbrauch der
    Massenkommunikationsmittel und der Verführung unserer Jugend zum
    Massenkonsum, der Verachtung der Schwächsten und der Kultur, der kollektiven
    Amnesie sowie der maßlosen Konkurrenz – Jeder gegen Jeden“.
    Allen Menschen, die das XXI. Jahrhundert gestalten werden, sagen wir mit unserer
    ganzen Zuneigung:
    „SCHÖPFUNG IST WIDERSTAND.
    WIDERSTAND IST SCHÖPFUNG.“

  3. Sehr geehrter Herr Fleck,

    schön, dass Ihre Worte zwischendurch auch hier mal wieder flanieren.

    In Goethes Faust heisst es:

    Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust,
    die eine will sich von der andern trennen:
    Die eine hält in derber Liebeslust
    sich an die Welt mit klammernden Organen;
    die andre hebt gewaltsam sich vom Dust
    zu den Gefilden hoher Ahnen.
    Faust 1, Vers 1112 – 1117; Vor dem Tor. (Faust)

    Im Grunde lese ich dieses Zitat in Ihrem Text.

    Es gibt die Stellen:

    Zu spät. Wir sind nicht zu retten.

    Demokratien werden zu Diktaturen

    Der Drops ist gelutscht

    Und es gibt auch etwas Hoffnung:
    Die Vision der Donella Meadows

    Verhältnis ist also 3:1.
    3 negative Ansichten und eine hoffnungsvolle Ansicht.

    Immerhin.

    Abschließend dazu eine Geschichte:

    Metapher DIE ZWEI WÖLFE

    Abends am Lagerfeuer erzählte ein alter Cherokee-Indianer seinem Enkelsohn von einem Kampf. Einem Kampf der im Inneren von uns Menschen tobt.

    Er sagte: „Mein Sohn, dieser Kampf wird von zwei Wölfen ausgefochten, die in jedem von uns wohnen.“

    Der eine Wolf ist böse.

    Er ist der Zorn, der Neid, die Eifersucht, die Sorgen, der Schmerz, die Gier, die Arroganz, das Selbstmitleid, die Schuld, die Vorurteile, die Minderwertigkeitsgefühle, die Lügen, der falsche Stolz und das Ego.

    Der andere Wolf ist gut.
    Er ist die Freude, der Friede, die Liebe, die Hoffnung, die Heiterkeit, die Demut, die Güte, das Wohlwollen, die Zuneigung, die Großzügigkeit, die Aufrichtigkeit, das Mitgefühl und der Glaube.

    Der Enkel dachte einige Zeit über die Worte seines Großvaters nach, und fragte dann: „Und welcher der beiden Wölfe gewinnt den Kampf?“

    Der alte Cherokee antwortete: „Der, den du fütterst.“

    • Die Indianerweisheit gefällt mir. Genauso ist es und Du wirst immer wieder vor die Wahl gestellt: Macht oder Liebe.
      Aber nach meiner Erfahrung wird der Kampf immer subtiler und auch leichter, je mehr Bewusstsein gebildet wurde und die Phasen zwischen der fraglichen Situation und der Neu-Justierung werden kürzer. Ich erkenne das Richtige immer auch daran, dass es die Angst zum Verschwinden bringt. Oder so: Wenn Du im Begriff bist, Gutes zu tun, das Gute in Dir zu füttern, weißt Du, dass Du keine Angst mehr haben musst.

  4. Lieber Herr Fleck! Ich bin ja so froh, endlich mal wieder hier von Ihnen etwas lesen zu können! Und was erst! Sie sind mir immer wieder eine Erfrischung mit Ihrer kompromisslosen Aufrichtigkeit, dem Fehlen jeglichen ermüdenden Relativierens und lähmenden Zweck-Optimismusses. Sie schreiben’s einfach hin, wie es ist! Ich hab’s jetzt erst mal schnell begierig durchgelesen, aber dieser Text verlangt auf jeden Fall ein 2. Mal nach meiner Aufmerksamkeit! Herlichen Dank, lieber Dirk – bis später!

  5. Bei den letzen Friedensmahnwachen, Occupy-Demos, Anti-Kriegs-Lichterketten sowie Truther-Aufklärungs-Kongress-Treffen habe ich tausende Empörungs-Event-Touristen en Gross beobachtet, die mit Nike-Schuhen, H&M-Schrott-Style-Putzlappen-Jeans und iPhone-Smartphones bewaffnet mittels Pizza-To-Go-App ne Billig-Pizza und XXL-Galone Coka-Cola per Online-Pizza-Taxi-Service orderten oder sich ein Chemogülle-Billigalkohol-Feierabendbierchen sowie Cury-Wurst Pommes mit Majo-Ketchup in‘ Kopp kübelten. Genauso spießig wie ihre Väter und Mütter beim heuchlerischen Ostermarsch 1982 zwischen Köln und Dortmund, die heute mit nem Leasing-Mercedes und Bauspar-Vorstadt-Eigenheim den Monsanto-Glyphosat-Rasen mit dem elektrischen Akku-Rasen-Trimmer von Workcraft aus dem Lidl-Saison-Angebot ihre Alibi-Ökologie nachbarschafts-medial malträtieren.
    Wie authentisch ist die SOROS-Finanzierte und NWO-orchestrierte Öko-Empörungs-Hype-Industrie und Farb-$ch€in-Revoluzer-Alibi-Bewegung wirklich???
    Kann ich euch sagen: Keinen Pfifferling wert.
    Echtes TUN-statt-JAMMERn findet im Einzelnen draußen am Waldrand und Zuhause im Stillen statt.
    Jeden Tag aufs Neue, an jeder Supermarktkasse, an jeder Tankstelle, auf jedem Kilometer CO2-Neutral-Radfahren. Durch SELBERMACHEN und VERZICHTET in DEMUT!
    Auf diesen hysterischen Event-Effekt-Hascher-Ma$$en-Veranstaltungen findet nur Reccourcen-Verschwendung, heuchlerisches Scheinheiligkeits-Geschwurbel und Alibi-Empörungs-Tourismus zu Selbstdarstellung per Facebook-Twitter-Whats-Up-Selfie-Hype&Like-Me-Sucht-Hysterie statt. Wirkliche Veränderungen findet man woanders.

    Wie sagte Hannes Jaenicke so treffend: Hannes Jaenicke: Dein Konsum ist Macht – der Geldbeutel, eine scharfe Waffe, dein Kassenzettel ein Wahlzettel der DIREKTEN DEMOKRATIE!

    https://www.youtube.com/watch?v=EIiFh_vV7ls

  6. Hallo Herr Fleck,
    danke für den Link zum „Unabomber-Manifest“.
    Theodore Kaczynski hat mir bis jetzt gar nichts gesagt. Kam der in unseren Medien überhaupt vor?
    Manches kann ich nicht ganz nachvollziehen aber das ist unwichtig – es gibt jedenfalls ne große Menge zum Nachdenken.
    Hab mal damit angefangen es zu lesen ….. ne Menge Stoff. Das geht nicht in einem Rutsch.

  7. „Es wird eine produktive Welt sein mit guter Arbeit“

    Noch besser:

    Es wird eine Welt sein ohne Arbeit, ohne den sinnlosen täglichen 8-Stunden-Wahnsinn, den sich die Menschen jetzt noch aufbürden lassen, ohne auch nur einmal darüber nachzudenken.
    Eine Welt in der alle Arbeit von Maschinen gemacht wird, solange dies notwendig ist.

  8. „Wir sehen also: Man muss gar nicht radikal denken und handeln, um sich mit radikalen Ergebnissen auseinander setzen zu müssen.“

    Fast richtig.

    Ganz richtig:

    Man muss gar nicht BEWUSST radikal denken und handeln, um sich mit radikalen Ergebnissen auseinander setzen zu müssen.

    Denn wir denken und handeln radikal im Kapitalismus, nur ist uns das nicht bewusst.
    Denn diese Radikalität ist systemimmanent.

  9. Herr Fleck, vielen Dank für diesen Beitrag.

    Was ich nicht ganz verstehe: Obwohl alles zu spät ist und nichts mehr zu retten, sollen wir trotzdem weiter an uns selbst arbeiten und versuchen, Menschen in unserer Umgebung zu beeinflussen? Was ist der Sinn davon?

    Verstehen Sie mich nicht falsch, ich kann das sehr gut nachvollziehen. Ich bin auch oft der Verzweiflung nahe und eigentlich sehr pessimistisch bzgl. unserer Zukunft – und versuche dann trotzdem wieder, nicht aufzugeben und mir irgendwo eine Hoffnung zu bewahren.

    • Das ist so etwas wie ein Koan. 🙂 Aber im Ernst: Ich finde, die meisten Menschen haben heute vergessen, was wirklich das Allerwichtigste ist, das es zu retten gilt: Unser Seelen- Heil und damit unser Geistesleben. Denn Materie ist erstarrter Geist und Veränderung ist von daher nicht mehr zu erwarten. Wir müssen den Prozess der Ver-Materialisierung, was der Weg in den Tod ist, umwandeln, in die Vegeistigung, den Weg zurück ins Leben. Denn aus dem Geist kommt alles, was ist- und nicht umgekehrt.

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