Freedom und Democracy

Ein Gedicht von Wolfgang Bittner.

 

Amerika heißt USA,
heißt gestohlenes Land:
Blue Chips, Blauröcke, Blue Mountains,
rot wie Blut,
schwarz wie getrocknetes Blut,
weiß wie die bleiche Mutter
und der strenge Vater.
Manhattan, Pentagon, Capitol…
hier weht die Fahne der Freiheit
peng-peng!
für die Menschenrechte
der Broker.
Aber Suppenküchen für die Armen,
TV-Tranquilizer,
Drohnen, Marschflugkörper, Marshmallows,
Terror und Subversion
und jedem Nobody seine eigene Waffe.
Wehe dem, der sündigt
wider den heiligen Mammon.
O Lord!
O Wallstreet, du Zentrum der Welt,
ja, des Universums
auf den Schultern der Titanen:
Buffalo Bill und General Custer,
John Wayne und George Dabbelju Bush.

 

Aus: Wolfgang Bittner, Rechts-Sprüche – Texte zum Thema Justiz, Ossietzky Verlag 2002.

 

KenFM bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Meinungsartikel und Gastbeiträge müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

3 Kommentare zu: “Freedom und Democracy

  1. Lieber Bernhard Trautvetter,
    vielen Dank für Deinen Hinweis auf Brecht und auch auf Degenhardt, dessen „Anachronischen Zug“ ich mir nach langer Zeit wieder mal angehört habe:
    https://www.youtube.com/watch?v=v0j5zS-XHnc&app=desktop
    nach wie vor hochaktuell. Bertolt Brecht, Franz Josef Degenhardt, Anna Seghers, Heinrich Böll, Christa Wolf … werden allmählich in den Papierkorb des Vergessens abgeschoben. Sie stören die Idiotie, die uns umgibt. Stattdessen – bis auf wenige Ausnahmen – Opportunismus, Geschwätz, Beliebigkeit in Literatur und Kunst. Aber inzwischen gibt es die alternativen Medien, die mehr und mehr an Bedeutung gewinnen.
    Herzliche Grüße
    WB

  2. Komödie und Kabarett

    Die Komödie sagt am Abend zum Kabarett:
    „ Ich bin müde, ich geh zu Bett!“
    Da antwortet das munter gewordene Kabarett:
    „Ich bin jetzt ausgeschlafen, das find ich nett!“

    Das Leben, Freunde, ist ermüdend und schlaucht,
    wenn jeden Tag der Alltag faucht!
    Man kämpft sich durch des täglich Trott,
    und fragt: „Was soll das lieber Gott!“

    „Wieso, weshalb, wozu, warum,
    sind alle andern um mich dumm?
    Man könnt so vieles besser machen,
    durch weitaus weniger schlimme Sachen!

    Da führen Mächtige durch Menschen Krieg,
    und Lügen: „Für Frieden und Sicherheit, gebt und den Sieg!“
    Dafür geben die Menschen ihre Stimme ab,
    und wählen freiwillig den Gang ins Grab!

    Die Mächtigen spielen mords, mit Kampfgerät,
    – durch Industrie, die sie berät!
    Sie machen daraus – einen richtigen Sport,
    wer begeht – den hinterlistigsten Mord!

    Im Sport gilt bekanntlich für die meisten Orte,
    besiege den Gegner spielerisch, – nicht durch Morde!
    Da kämpft man – zum Beispiel spielerisch mit dem Florett,
    – am Abend auf der Bühne – im Kabarett!

    Man wählt die Hiebe durch Geist im Worte,
    und tut das spielerisch wie beim Sporte!
    Jeder Stich wird da zum Treffer,
    man wählt die Worte ja mit Pfeffer!

    Da wird der Gegner in Frage gestellt,
    und gleich danach mit der Wahrheit geprellt!
    Mit Worten wird er zu Boden gegossen,
    im Kabarett wird scharf geschossen!
    Der Hund 6.10.2015
    Autor der Bücher ……

  3. Lieber Wolfgang, Liebe MitlerserInnen,
    Wolfgang Bittner Dein/Ihr Text erinnert (mich) an Degenhardts „Anachronistischen Zug“ und damit auch an Bert Brecht:
    Bertolt Brecht:
    Der anachronistische Zug oder FREIHEIT und DEMOCRACY
    Frühling wurd’s in deutschem Land.
    Über Asch und Trümmerwand
    Flog ein erstes Birkengrün
    Probweis, delikat und kühn.

    Als von Süden, aus den Tälern
    Herbewegte sich von Wählern
    pomphaft ein zerlumpter Zug
    Der zwei alte Tafeln trug.

    Mürbe war das Holz von Stichen
    Und die Inschrift sehr verblichen
    Und es war so etwas wie
    FREIHEIT und DEMOCRACY.

    Von den Kirchen kam Geläute.
    Kriegerwitwen, Fliegerbräute
    Waise, Zittrer, Hinkebein –
    Offnen Mauls stand’s am Rain.

    Und der Blinde frug den Tauben
    Was vorbeizog in den Stauben
    Hinter einem Aufruf wie
    FREIHEIT und DEMOCRACY.

    Vornweg schritt ein Sattelkopf
    Und er sang aus vollem Kropf:
    „Allons, enfants, god save the king
    Und den Dollar, kling, kling, kling.“

    Dann in Kutten Schritten zwei
    Trugen ’ne Monstranz vorbei.
    Wurd die Kutte hochgerafft
    Sah hervor ein Stiefelschaft.

    Doch dem Kreuz dort auf dem Laken
    Fehlen heute ein paar Haken
    Da man mit den Zeiten lebt
    Sind die Haken überklebt.

    Drunter schritt dafür ein Pater
    Abgesandt vom Heiligen Vater
    Welcher tief beunruhigt
    Wie man weiß, nach Osten blickt.

    Dicht darauf die Nichtvergesser
    Die für ihre langen Messer
    Stampfend in geschloßnen Reihn
    Laut nach einer Freinacht schrein.

    Ihre Gönner dann, die schnellen
    Grauen Herrn von den Kartellen:
    Für die Rüstungsindustrie
    FREIHEIT und DEMOCRACY!

    Einem impotenten Hahne
    Gleichend, stolzt ein Pangermane
    Pochend auf das freie Wort.
    Es heißt Mord.

    Gleichen Tritts marschiern die Lehrer
    Machtverehrer, Hirnverheerer
    Für das Recht, die deutsche Jugend
    Zu erziehn zur Schlächtertugend.

    Folgen die Herrn Mediziner
    Menschverächter, Nazidiener
    Fordernd, daß man ihnen buche
    Kommunisten für Versuche.

    Drei Gelehrte, ernst und hager
    Planer der Vernichtungslager
    Fordern auch für die Chemie
    FREIHEIT und DEMOCRACY.

    Folgen, denn es braucht der Staat sie
    Alle die entnazten Nazi
    Die als Filzlaus in den Ritzen
    Aller hohen Ämter sitzen.

    Dort die Stürmerredakteure
    Sind besorgt, daß man sie höre
    Und jetzt nicht etwa vergesse
    Auf die Freiheit unsrer Presse.

    Einige unsrer besten Bürger
    Einst geschätzt als Judenwürger
    Jetzt geknebelt, seht ihr schreiten
    Für das Recht der Minderheiten.

    Früherer Parlamentarier
    In den Hitlerzeiten Arier
    Bietet sich als Anwalt an:
    Schafft dem Tüchtigen freie Bahn!

    Und das schwarze Marketier
    Sagt, befraget: Ich marschier
    Auf Gedeih (und auf Verberb)
    Für den freien Wettbewerb.

    Und der Richter dort: zur Hetz
    Schwenkt er frech ein alt Gesetz.
    Mit ihm von der Hitlerei
    Spricht es sich und alle frei.

    Künstler, Musiker, Dichterfürsten
    Schrei’nd nach Lorbeer und nach Würsten
    All die Guten, die geschwind
    Nun es nicht gewesen sind.

    Peitschen klatschen auf das Pflaster:
    Die SS macht es für Zaster
    Aber Freiheit braucht auch sie
    FREIHEIT und DEMOCRACY.

    Und die Hitlerfrauenschaft
    Kommt, die Röcke hochgerafft
    Fischend mit gebräunter Wade
    Nach des Erbfeinds Schokolade.

    Spitzel, Kraft-durch-Freude-Weiber
    Winterhelfer, Zeitungsschreiber
    Steuer-Spenden-Zins-Eintreiber
    Deutsches-Erbland-Einverleiber

    Blut und Dreck in Wahlverwandtschaft
    Zog das durch die deutsche Landschaft
    Rülpste, kotzte, stank und schrie:
    FREIHEIT und DEMOCRACY!

    Und kam, berstend vor Gestank
    Endlich an die Isarbank
    Zu der Hauptstadt der Bewegung
    Stadt der deutschen Grabsteinlegung.

    Informiert von den Gazetten
    Hungernd zwischen den Skeletten
    Seiner Häuser stand herum
    Das verstörte Bürgertum.

    Und als der mephitische Zug
    Durch den Schutt die Tafeln trug
    Treten aus dem brauen Haus
    Schweigend sechs Gestalten aus

    Und es kommt der Zug zum Halten.
    Neigen sich die sechs Gestalten
    Und gesellen sich dem Zug
    Der die alten Tafeln trug.

    Und sie fahrn in sechs Karossen
    Alle sechs Parteigenossen
    Durch den Schutt, und alles schrie:
    FREIHEIT und DEMOCRACY!

    Knochenhand am Peitschenknauf
    Fährt die Unterdrückung auf.
    In ’nem Panzerkarr’n fährt sie
    Dem Geschenk der Industrie.

    Groß begrüßt, in rostigem Tank
    Fährt der Aussatz. Er scheint krank.
    Schämig zupft er sich im Winde
    Hoch zum Kinn die braune Binde.

    Hinter ihm fährt der Betrug
    Schwenkend einen großen Krug
    Freibier. Müßt nur, draus zu saufen
    Eure Kinder ihm verkaufen.

    Alt wie das Gebirge, doch
    Unternehmend immer noch
    Fährt die Dummheit mit im Zug
    Läßt kein Auge vom Betrug.

    Hängend überm Wagenbord
    Mit dem Arm, fährt vor der Mord.
    Wohlig räckelt sich das Vieh
    Singt: Sweet dreams of liberty.

    Zittrig noch gestrigen Schock
    Fährt der Raub dann auf im Rock
    Eines Junkers Feldmarschall
    Auf dem Schoß einen Erdball.

    Aber alle die sechs Großen
    Eingeseßnen, Gnadelosen
    Alle nun verlangen sie
    FREIHEIT und DEMOCRACY.

    Holpernd hinter den sechs Plagen
    Fährt ein riesen Totenwagen
    Drinnen liegt, man sieht’s nicht recht:
    ’s ist ein unbekannt Geschlecht.

    Und ein Wind aus den Ruinen
    Singt die Totenmesse ihnen
    Die dereinst gesessen hatten
    Hier in Häusern. Große Ratten

    Schlüpfen aus gestürzten Gassen
    Folgend diesem Zug in Massen
    Hoch die Freiheit, piepsen sie
    FREIHEIT und DEMOCRACY!

    Bertolt Brecht, 1947

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