KenFM am Telefon: Gaby Weber zur Präsidentschaftswahl in Brasilien

Brasilien, das größte Land Lateinamerikas, hat einen neuen Präsidenten, Jair Bolsonaro.

Der größte Teil der westlichen Presse hält den Mann, der seit 30 Jahren als Hinterbänkler im Parlament saß, durchweg für einen politischen Super-GAU und vergleicht ihn mit Donald Trump.

Warum aber haben ihn dennoch 55 % der rund 145 Millionen Wahlberechtigten in Brasilien gewählt?

Dass zu verstehen, fällt einem Europäer nicht leicht, denn in Brasilien sind politische Ansichten in einer Kombination „normal“, die sich für die meisten von uns widersprechen oder ausschließen: Ein Militär, das anti-neoliberal eingestellt ist, oder z. B. die Privatisierung des staatlichen Ölkonzerns ablehnt. Das einen starken Staat möchte, aber nur, wenn dieser sozial ausgerichtet ist, während es auf eine lange Militärdiktatur zurückblickt.

Auch „national“ zu denken bedeutet in Brasilien eher die Verteilung des Wohlstandes zu organisieren und das Land nicht chronisch von Dritten als Rohstofflager ausbeuten zu lassen.

Jair Bolsonaro hat es auch dank radikaler Evangelikalen an die Spitze des Landes geschafft und das, obwohl rund 70 % der Bevölkerung der römisch-katholischen Kirche angehören. Wie gesagt, in Brasilien sind politische Kombinationen möglich, die sich in Europa keiner vorstellen kann.

Die größte Unterstützung für den Ex-Militär Jair Bolsonaro kam dann aber von der PT, der brasilianischen Arbeiterpartei. Die PT hat das Land 14 Jahre regiert und die arbeitende Bevölkerung dabei maximal enttäuscht.

KenFM sprach mit seiner Lateinamerika-Korrespondentin Gaby Weber über die aktuelle Gemengelage in Brasilien, einem Land, das als Mitglied der BRICS-Staaten eine ganz eigene politische Kultur lebt, die mit unserer Logik schlicht nicht zu begreifen ist. Fangen wir an, uns dieser Herausforderung zu stellen.

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8 Kommentare zu: “KenFM am Telefon: Gaby Weber zur Präsidentschaftswahl in Brasilien

    • Würde mich interessieren, woher Sie wissen, dass die Kritik „ziemlich berechtigt“ ist.
      Wer hat den allein gültigen Blick auf Geschehen und Zusammenhänge, z.B. in Brasilien?
      Wie früh muss die erzählte Vorgeschichte, wie tief über die verdeckten Hintergründe berichtet werden? Wie werden diese bei welcher Sichtweise korrekt bewertet?

      Ich persönlich finde das alles schwer zu entscheiden. Weshalb mich interessiert, woher Sie die Sicherheit für Ihr Urteil nehmen.

    • In diesem Fall ist das wichtigste diese Meinungsverschiedenheit transparent für alle Unterstützer beider Seiten zu schaffen, und zwar in einem langen intensiven Gespräch.
      Ich habe schon derartiges befürchtet, dass die Spaltung sich allmählich ausbreitet.
      Also, bitte nicht die Kanäle das Ethers benutzen, um Differenzen mittels Blogs oder über den Korrespondenten zu kommentieren, sondern am runden Tisch live miteinander regeln.

      Mein 5 Wochenaufenthalt in Argentinien 2016 ermöglicht mir die Erfahrung von vielen Sachen und daher finde ich die Sicht die Gaby Weber beschriebt als sehr vertrauenswürdig, aber ich kann lange nicht behaupten, dass ich sehr viel weiss über Argentinien, geschweige von Brasilien, weil ich nunmal nicht dort lebe.

      Außerdem würde mich auch brennend interessieren, warum zum Teufel die Menschen in Lateinamerika so entäuscht sind von sog. Sozialisten wie Kirchner oder Lula da Silva bzw. deren Parteien, dass sie ausgerechnet Neoliberale oder extrem Rechte wählten. Ein deja vu oder Zufall so ähnlich wie in Deutschland, kann nicht die Ursache sein.
      Bitte dringend um Tranzparenz, sonst artet die Sache noch außer Kontrolle!

  1. Hm, wieder einmal Bildungsfernsehn vom Feinsten,

    jedenfalls empfinde ich es so, als jemand der seit vielen Jahren in Lateinamerika lebt.
    Die Informationen die in Deutschland über Brasilien und die Wahlen verbreitet werden sind sehr einseitig.
    Ich kann sie weder vom rechten noch vom linken Spektrum für wahrheitsgemäß und den Tatsachen entsprechend empfinden.
    Deshalb vielen Dank an Gaby Weber, dass sie ihre Informationen tatsächlich auf der Basis der vorhandenen und vorherrschenden Meinung der Menschen hier begründet.
    Und die lautetet, nun mal nicht nur auf Brasilien bezogen, sondern viele lateinamerikanische Länder betreffend:
    „Wir haben die Nase voll von den Sozialisten, von den Sozialdemokraten, und von allem was sich Arbeiterpartei nennt!“
    Korruption, Vetternwirtschaft, die „Akte Odebrecht“, halbherzige unklare Schritte dieser Parteien über Jahre hinweg, gepaart mit einem Anstieg der Kriminalität, sinkenden Löhnen etc. haben die Menschen dazu gebracht wieder: „Starke Führungspersönlichkeiten zu wählen“ zumindest zu suchen.
    Selbstverständlich das alles unter dem Einfluss zig tausender us-amerikanischer Berater.
    Ein großes Danke auch an Gaby Weber dafür, das sie so ehrlich die Fragen nach der endgültigen Richtung, den möglichen Konsequenzen der Wahl Jair Bolsonaro als nicht nicht klar abschätzbar, noch nicht vorhersehbar dargestellt hat.

    Gibt es parallelen zum Versagen der Sozialdemokratie in Deutschland und Westeuropa? Ganz sicherlich, aber unter ganz anderen sozialen Bedinungen. Der „Tenor“ scheint mir aber der gleiche zu sein.
    Ich spüre gerade in Gesprächen mit den Menschen hier, dass sie sich lieber im Moment „von rechts überholen lassen“ wollen, als in ewiger Stagnation mit Kriminalität weiterleben zu wollen.
    Wieder ein Vergleich mit Europa oder Deutschland?
    Ja, die Welt ist klein geworden, ebenso wie die Sozialdemokratie, die Linken in ihrer Wissenschaftlichkeit, in ihren einstmaligen Ansprüchen ihre Strategien auf dem Boden der Relaität auszurichten. Paz

    • „Deshalb vielen Dank an Gaby Weber, dass sie ihre Informationen tatsächlich auf der Basis der vorhandenen und vorherrschenden Meinung der Menschen hier begründet.“

      Eben da liegt das Problem: Informationen auf der Basis der vorhandenen und vorherrschenden M e i n u n g der Menschen. Analyse (Information) und Meinung sollte man auseinander halten. G. Weber begründet ihre Informationsauswahl also auf der B a s i s von Meinungen, bzw. der vorherrschenden Meinungen der Menschen vor Ort.

      Die Wikileaks-Dokumente legen einen hybriden Krieg gegen die PT bzw. die Regierung Brasiliens offen. Sie erfahren bei Gaby Weder darüber n i c h t s!

  2. Auszug aus den „vier Flows“ von Thomas Barnett zur Neuen Weltordnung nachzulesen bei konjunktion.info 28 April2015

    Ein ungehinderter Strom von Ressourcen (Erdöl, Erdgas, usw.), was wiederum den Bestrebungen der USA entspricht sich weltweit die Rohstoffe zu sichern (Naher Osten oder auch Russland unter Jelzin). Barnett spricht explizit bei diesem Punkt davon, dass sich Rohstoffe nicht in den Händen von Staaten oder Völkern befinden dürfen, sondern vielmehr

    …. privatisiert und internationalisiert…

    werden müssen. (vgl. hierzu auch die aktuelle Situation mit Russland, das Dank Putin den Ausverkauf der heimischen Rohstoffe an angloamerikanische Großkonzerne verhinderte und seitdem wieder auf der “Abschussliste des Westens” steht.)
    Ein ungehinderter Strom von Krediten und Investitionen nach Innen (zu den Staaten und den Menschen, also die klasssische Schulden- und Zinsfalle) und ein ungehinderter Strom von Gewinnen nach Außen (vornehmlich wohl zu den USA und zu wenigen Einzelpersonen/-gruppierungen). Barnett sieht dabei den US-Dollar als elementaren Bestandteil dieses “Kreditkreislaufs” an und fordert, dass die Rohstoffe und Ressourcen per Kreditgewährung in US-Dollar gehandelt werden müssen, wobei den Staaten jedwede Steuerungmechanismen genommen werden müssen, damit die Erträge ungehindert (in Richtung der USA) fliessen können.
    Ein ungehindeter Strom US-amerikanischer Sicherheitstechnik und -kräfte in die regionalen Märkte (export of US–security services to regional markets), was letztlich gleichbedeutend damit ist, dass kein Staat und keine Regierung US-Militäreinsätze behindern, verurteilen oder ihnen mit Widerstand begegnen darf. Full Spectrum Dominance.

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