Die Geldschwemme der EZB – Ein Akt purer Verzweiflung

Von Ernst Wolff.

Der Gouverneursrat der EZB hat am Donnerstag seine mit Spannung erwarteten geldpolitischen Entscheidungen verkündet:

Der Leitzins, der bisher bei 0,05 % lag, wird ab dem 16. März 2016 auf 0,00 % gesenkt. Geschäftsbanken erhalten also in Zukunft von der Notenbank Geld, ohne dafür auch nur einen Cent zu zahlen. Gleichzeitig wird der Strafzins, den Geschäftsbanken zahlen müssen, wenn sie überschüssige Gelder über Nacht bei der Notenbank parken, von -0,3 % auf -0,4 % gesenkt. Banken und Großanleger wie z.B. Lebensversicherer und Pensionskassen werden so in Zukunft noch stärker gedrängt, ihr Geld in den Spekulationskreislauf einzuspeisen statt es ruhen zu lassen.

Die monatlichen Anleihenkäufe, für die bisher 60 Mrd. Euro aufgewandt wurden, werden ab April 2016 bis Ende März 2017, möglicherweise auch länger, auf 80 Mrd. Euro erhöht. Die EZB pumpt dann pro Tag zusätzlich zu den bisherigen 2 Mrd. Euro weitere 600 Mio. Euro in das ohnehin exzessiv aufgeblähte Finanzsystem. Außerdem werden ab Juni 2016 Vierjahresdarlehen an die Banken vergeben, deren Zinssatz bis in den Minusbereich gesenkt werden kann. Banken erhalten von der EZB dann nicht nur kostenlose Kredite, sondern bekommen für deren Aufnahme auch noch Geld geschenkt.

Darüber hinaus werden in Zukunft nicht nur Staats-, sondern auch in Euro ausgegebene Unternehmensanleihen aufgekauft. Die EZB kann dann nicht nur Banken, sondern auch Großkonzernen wie Siemens, EON oder VW unabhängig von der Marktlage unbegrenzt billiges Geld zur Verfügung stellen.

Einsteins Definition von Wahnsinn

EZB-Chef Draghi zufolge sollen die Banken durch diese Maßnahmen in die Lage versetzt werden, billige Kredite an die Realwirtschaft zu vergeben, um so die stagnierende Konjunktur anzukurbeln. Außerdem soll zur Reduzierung der Schuldenlast endlich das Ziel einer zweiprozentigen Inflation erreicht werden. Nur: Das Rezept hat schon in der Vergangenheit nicht funktioniert und die am Donnerstag verkündeten Maßnahmen verkörpern nicht etwa eine neue, sondern bestenfalls eine Verschärfung der alten Strategie.

Einstein hat einmal gesagt, „die reinste Form des Wahnsinns“ bestehe darin, „alles beim Alten zu belassen und gleichzeitig zu hoffen, dass sich etwas ändert.“ Nach Einsteins Definition müsste Mario Draghi also reif für die Psychiatrie sein. Doch ein genauer Blick auf die Entwicklung der Finanzkrise zeigt: Draghi hat nicht etwa den Verstand verloren, ihm fehlen ganz einfach die Alternativen, er steht mit dem Rücken zur Wand.

Sieben Jahre nach dem Beinahe-Zusammenbruch des globalen Finanzsystems zeigt sich nämlich immer deutlicher: Die Maßnahmen, mit denen ein an sich totes System am Leben erhalten wurde, wirken immer weniger und auch ihre Intensivierung hilft offenbar nicht weiter. Wieso?

„Too big to fail“ – ein Freibrief für ungehemmte Spekulation

Nach der Krise von 2007 / 2008 überschlugen sich Medien und Politik in ihren Forderungen nach einer Eingrenzung und Zähmung der Finanzmärkte. Doch die historische Entwicklung hat gezeigt: Nichts wurde eingegrenzt oder gezähmt, im Gegenteil: Die globale Schuldenlast hat in der Zwischenzeit zugenommen, der Finanzsektor ist weiter angeschwollen und die Risiken im System sind um ein Vielfaches gestiegen.

Der Grund: Die Giganten unter den Großbanken, Versicherungen, Hedgefonds und multinationalen Konzernen wissen seither, dass „systemrelevante“ Unternehmen, deren Untergang das weltweite Finanzgefüge in Gefahr bringen würde, von Regierungen und Zentralbanken im Notfall mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln gerettet werden – ein Freibrief, der dazu geführt hat, dass sie sich bei der Spekulation an den Finanzmärkten keinerlei Beschränkungen mehr auferlegen.

Außerdem hat die Explosion des Finanzsektors den Wettbewerb derart verschärft, dass Investitionen in die Realwirtschaft sich im Vergleich zur Spekulation an den Finanzmärkten kaum noch rentieren. Aus diesem Grund haben die wichtigsten Maßnahmen der EZB, nämlich die Senkung des Leitzinses und das Pumpen von Geld in den Finanzkreislauf, die Realwirtschaft nicht belebt, sondern sind großenteils direkt in die Spekulation geflossen.

Vor allem aber zeigen die jetzt getroffenen Maßnahmen, dass die Finanzindustrie sich nicht nur wie ein immer größer werdender Tumor von seinem Wirt, der Realwirtschaft, ernährt, sondern diesen gleichzeitig zerstört. Nullzinsen, Minuszinsen und das ungehemmte Drucken von Geld bringen die Realwirtschaft nämlich nicht nur langfristig in Schwierigkeiten, sondern vernichten systematisch ihre Grundlagen. Zugleich zwingen sie die Marktteilnehmer zu immer risikoreicheren Geschäften und treiben das globale Gefüge auf diese Weise durch das Anheizen immer hemmungsloserer Spekulation in den nächsten Crash.

Die Opfer: Der Mittelstand, die Generation der Senioren und wir alle

Insbesondere der neu eingeführte Ankauf von Unternehmensanleihen ist nichts anderes als ein Freibrief für noch stärkere Marktmanipulation und ein Schlag ins Gesicht mittelständischer Unternehmen: Sie werden von dieser Maßnahme nicht profitieren, aber ihr Überlebenskampf wird wegen der nun noch härteren Konkurrenzbedingungen weiter erschwert. Außerdem ist diese Maßnahme nicht mehr und nicht weniger als ein Eingeständnis des Bankrotts der EZB: Wenn die den Banken Geld für Nullzinsen zur Verfügung stellt, wieso kauft sie dann selbst Unternehmensanleihen auf und überlässt das nicht den Banken? Sollen auf diese Weise zukünftige Unternehmenspleiten verschleiert werden?

Einer ganzen Generation älterer Menschen, die ihr Leben lang fürs Alter vorgesorgt haben, entziehen Nullzinsen nach und nach die Existenzgrundlage. Die Banken werden die Nullzinsen zwar nicht direkt an ihre Kunden weitergeben, sich aber durch die Erhöhung von Kontoführungsgebühren schadlos halten. Vielen Senioren bleibt nichts anderes übrig, als ihre Ersparnisse von den Kreditinstituten abzuheben und sie wie zu Kriegszeiten zu Hause zu horten.

Aber nicht nur mittelständische Unternehmen und Senioren werden die Folgen der Maßnahmen zu spüren bekommen: Die Geldgeschenke an die Banken bedeuten vor allem eine weitere monumentale Vermögensumverteilung von unten nach oben. Sie stellen die materiellen Ansprüche der Inhaber von Banken und Finanzinstituten einmal mehr über die normalen Bürger – oder gibt es in Europa auch nur einen einzigen arbeitenden oder von Sozialhilfe lebenden Menschen, der ernsthaft daran denken würde, zu seiner Bank zu gehen und mit Hinweis auf seine prekäre Finanzsituation einen Kredit zum Nulltarif zu fordern…?

Das Ende rückt näher

Die Maßnahmen der EZB lassen zwei Schlüsse zu: Zum einen ist das globale Finanzsystem mittlerweile so zerbrechlich, dass nicht ein einziger großer Player an den Märkten mehr fallengelassen werden kann, ohne das System als Ganzes zu gefährden.

Nur so ist die Maßnahme, auch Unternehmensanleihen zu kaufen, zu erklären. Insbesondere im Rohstoff- und im Energiesektor kämpfen derzeit Großunternehmen mit existenzgefährdenden Problemen. Da auf viele von ihnen bei den Großbanken hohe Kreditausfallversicherungen laufen, die im Fall eines Zusammenbruchs fällig würden, müssen diese Unternehmen auf Biegen und Brechen am Leben erhalten werden – nicht um ihrer selbst willen, sondern mit Rücksicht auf die Großbanken.

Zum anderen sind die bisher bekannten Mittel zur Rettung des Systems weitgehend erschöpft. Noch niedrigere Zinsen und noch mehr Geld können zu einem kurzen Aufflackern der Märkte, aber nicht mehr zu deren dauerhafter Stabilisierung führen. Dafür aber untergraben sie das System selbst und tragen somit zu seinem schlussendlichen Untergang bei.

Anders ausgedrückt: Sieben Jahre nach dem systemgefährdenden Crash von 2007 / 2008 geht es der EZB wie dem Fahrer eines luftgekühlten Autos, dessen Motor sich durch zu schnelles Fahren übermäßig erhitzt hat: Um ihn weiter zu kühlen, muss der Fahrer noch schneller fahren. Das aber erhitzt den Motor von innen noch stärker, so dass er schlussendlich auseinanderfliegen muss.

Wann dieser Punkt der finalen Explosion erreicht wird, kann niemand vorhersagen. Aber die jetzt verkündeten Maßnahmen der EZB bringen uns ihm ein erhebliches Stück näher.

 

Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Artikels.

KenFM bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Meinungsartikel und Gastbeiträge müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

12 Kommentare zu: “Die Geldschwemme der EZB – Ein Akt purer Verzweiflung

  1. Die EZB gibt einen Betrag in ihren Rechnern ein und schickt diesen virtuellen Betrag an die Großbanken, fertig.
    Diese Zahlen sind NICHTS, diese Zahlen wofür wir ARBEITEN sind NICHTS wert wenn die da nach belieben Geld erschaffen können.
    So gut wie alle (90%) haben Existensängste, niemals wird das Volk etwas dagegen unternehmen,
    wenn sich was ändert dann nur weil es von den da oben gewollt ist.
    Es ist alles perfekt, das Volk hat keine Zeit, keine Lust, kein Interesse und keine Eier!

    Tschuldigung aber ich bin gerade nicht in bester Laune.

  2. Eigentlich bin ich ganz froh wenn dieses ganze thater ein Jähes Ende hat. Wie Wirtschaft funktioniert wissen die meisten hier wohl. Also wieso regt man sich noch über Symptome auf?!? Das Problem bei der Ursache suchen, ganz einfach. Und das ist letztlich der Mensch. Wer denkt den auf globaler Ebene, dass das ewig so weiter gehen kann ? Und dabei rede ich nicht nur über Wirtschaft. Ich meine unsere Ethik und unseren Planeten an sich. Ich will keine Religiöse prophetie äußern sondern realistisch sein. Zu viele Menschen mit zu vielen Problemen auf mittlerweile zu kleinen Raum…

  3. Egal welchen Weg die EZB einschlägt es wird dagegen gewettert. Bitte Lösungen statt Gegenrede. Wo sind die zinskritiker und Freunde des schwundgeldes. Haetten die nicht allen Grund zu jubeln. Der Staat sollte sich schön bei der EZB finanzieren, das brächte wirklich was für den Bürger anstatt den Banken den zins zu schenken.

    • “ Der Staat sollte sich schön bei der EZB finanzieren, das brächte wirklich was für den Bürger anstatt den Banken den zins zu schenken.“

      Soweit ist die Indoktrination fortgeschritten, daß Menschen die nach besseren Aus-Wegen suchen, den alten verschlissenen – oder besser verschissenen – Weg selbst gedanklich nicht verlassen können.

      Wieso sollte der Staat jemanden bemühen – also beauftragen oder bestimmen – der ihm Geld leiht?

      Wieso sollte ein Staat überhaupt etwas ausleihen, was er selber problemlos, billiger und effektiver herstellen kann?

      Wieso sollte ein Staat DAS Machtmittel der Machtmittel in fremde Hände geben?

  4. Und warum wurde der Leitzins auf Null gesenkt? Na damit den Bankstern keine Wucherei mehr vorgeworfen werden kann.

    Bislang sah das nämlich so aus… Wenn z.B. die Postbank Überziehungszinsen von 14,95% herbeiwuchert, dann handelt es sich lediglich um einen kleinen Aufpreis für die Ware von
    29.900% (i.W. neunundzwanzigtausendneunhundert).

    Die Postbank zahlt nämlich für die „Ware Geld“ 0,05%, schlägt im unternehmerischen Sinne ganz richtig ein bißchen auf um Kosten und Gewinn abzudecken und verkauft dann die Ware eben mit dem Aufschlag von 14,95%.

    Und die Rechnung sieht so aus: 14,95 / 0,05 x 100 = 29.900%
    0,05 + 29900% = 14,95%

    Da der Einkaufspreis jetzt auf 0 gesunken ist, kann man den Bankstern natürlich auch keinen Wucher mehr vorwerfen, da ja 0 x 0 + 0 – 0 / 0 immer 0 bleibt. Weil eine Bezugsgröße jetzt fehlt, schlägt die Bank nun nur noch lächerliche 14,95% auf. Mit so einem geringen Aufschlag, kann kaum ein Unternehmer die Kosten decken und auch noch Gewinn generieren – so einfach ist das.
    (schmunzeln nicht vergessen)

  5. «Ich sehe kaum Hoffnung» sagt Philipp Bagus in seinem mit «In der Nullzins-Falle» überschriebenen Interview mit der Wochenzeitschrift Die Weltwoche. Er spricht über die „zerstörerischen Auswirkungen der gegenwärtigen Geldpolitik und zur Unmöglichkeit aus der Sackgasse herauszukommen.

    Ich empfehle den Beitrag deshalb, weil Ökonom Bagus zu den erklärten Kritikern des Euro und der Nullzins-Politik der Notenbanken zählt. „Er sagt, wie falsch gesetzte Zinsen zu Fehlinvestitionen führen und zur Belastung für Gesellschaften werden.“

    Quelle: Die Weltwoche Nr. 07.16, S. 16 f.

  6. Herr Obama hat uns gestern erklärt, dass wir alle einen Swiss Bank Account in der Hosentasche haben könnten. Wir sollten dies tun! Nur durch die Nutzung von Kryptowährungen (zb Bitcoin) können wir uns gänzlich der Allmacht der Hochfinanz entziehen und in vollkommener finanzieller Unabhängigkeit leben. Free Money, Free Society!

    • Ja wir könnten mir den bitcoins , uns vor Hochfinanz entfliehen , für eine Weile!! und falls es wirklich funktionieren sollte ,, dann würde es verboten werden ,, die menschliche Natur liegt nunmal daran alles gute zu korrumpieren,, einen kurzen Blick in der Geschichte zeigt es uns immer und immer wieder ,, gruss

    • Wieso Bitcoin oder OSBEEE bald bekommt jeder Geld geschenkt.Sind doch nur Zahlen.

      „Gehört Helikoptergeld zum Instrumentenkasten der Europäischen Zentralbank?“, will jemand wissen. Helikoptergeld sei ein sehr interessantes Konzept, das derzeit in akademischen Zirkeln diskutiert werde, sagt Draghi in seiner stoischen Art. „Wir müssen das beobachten.“

      Ein Raunen geht durch den Raum. Hat er wirklich gesagt „Wir müssen das beobachten“? War dies nach fast viereinhalb Jahren Amtszeit etwa das Eingeständnis, dass die bislang genutzten Instrumente unbrauchbar sind? Die Theorie vom Helikoptergeld gilt schließlich als Inbegriff der Ausweglosigkeit.

      Ein Helikopter kommt dabei in der Realität nicht zum Einsatz. Die Notenbanker würden das Geld den Bürger wohl einfach überweisen. Die Idee: Wenn die Wirtschaft partout nicht wachsen will und die Preise fallen, schenkt man jedem Bürger einen Geldbetrag. Die Menschen tragen die geschenkten Scheine in die Geschäfte und kurbeln so die Konjunktur an.
      http://www.welt.de/wirtschaft/article153234769/Mario-Draghi-liebaeugelt-mit-dem-naechsten-Tabu-Bruch.html

      Die Zukunft wird goldig sein, wenn das so weiter geht.

      MFG LB

    • Das schöne an Bitcoin bzw. anderen Kryptowährungen ist, dass man es nicht verbieten kann! Bitcoin ist dezentral organisiert und keine zentrale Instanz kann dies ändern. Ebenfalls sind Bitcoins begrenzt (auf 21 Millionen), aber quasi unendlich teilbar. Dies würde Zinseszins von vornherein ausschalten. Bitcoin ist digitales Gold.

      OSBEEE, es tut mir Leid, hat damit nichts zu tun. So toll ich Herrn Hörmann finde, OSBEEE ist zentral organisiert und wohl nur für Esoteriker… Ich freue mich schon sehr auf den Helikopter, wenn er die Scheine verteilt und die Hyperinflation gleich dazu 🙂

  7. und was wir noch aus der Geschichte lernen sollten (bzw nicht lernen) ,das Kriege gut für das Geschäft sind solange die richtigen daran verdienen können..
    ein guter Artikel der nicht polemisch oder aufgesetzt wirkt, obwohl das Sytem ansich genommen, an Zynismus und Brutalität nicht mehr zu übertreffen ist… und meiner meinung nicht mehr aufzuhalten ist.

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