Goodbye USA

Trump ist die Chance

von Ulrich Gellermann.

Einmal, nur der intellektuellen Übung wegen, könnte man doch die Begründung für die Aufrüstungs-Apelle der NATO an die Kassen der Verbündeten ernst nehmen: Demnach sollen die Völker der westlichen Welt demnächst zwei Prozent ihrer Wirtschaftskraft mehr für die Rüstung ausgeben. Die NATO-Länder spendieren insgesamt jetzt schon über 750 Milliarden Euro für erstklassige Panzer, mörderische Raketen und Atomwaffen zur Herstellung radioaktiver Krüppel. Davon soll es demnächst mehr und noch mehr geben. Weil die NATO-Länder sich verteidigen müssen, heißt es.

Man wird ja wohl noch fragen dürfen: Gegen wen? Gegen Russland, das seit der Abschaffung des Zarismus keinen größeren Angriffskrieg mehr unternommen hat? Gegen China, das eher für eine große Mauer zur Verteidigung bekannt ist als für Kriege gegen andere Länder? Gegen Nordkorea, das mehr Raketen bei der Erprobung verliert als es in feindliche Ziele bringen würde? In der historischen Statistik bliebe nur noch Deutschland, ein Staat, der in seiner Geschichte mit fast allen anderen Krieg angefangen hat. Im Ernst? Angela Merkel erklärt dem Rest der Welt den Krieg, Ursula von der Leyen setzt die Bundeswehr aufs Pferd, kommandiert „Lanzen einlegen!“ und schon muss sich die NATO gegen die deutsche Leitkultur verteidigen? 

Bleibt als halbwegs glaubhafter Aggressor nur noch der islamistische Terror. Und, haste nicht gesehen, schon sind die ersten U-Boote auf Terroristenjagd, werden die besten Interkontinentalraketen punktgenau auf Vororte von Brüssel, Pariser Banlieues oder das sauerländische Oberschledorn gerichtet. Alles Gegenden, aus denen nachweislich islamistische Terroristen kamen. Auch die riesigen Panzerarmeen der NATO werden in der Kosten-Nutzen-Rechnung komisch aussehen: Der Stückpreis für den deutschen Klasse-Panzer Leopard 2 soll bei rund drei Millionen Euro liegen. Wieviele dieser Exportschlager wird man demnächst rund um den Berliner Weihnachtsmarkt gruppieren, um den nächsten Anschlag zu verhindern? 

Halt! Sagen bedeutende Strategen vom Rang eines Jens Stoltenberg. Der NATO-Generalsekretär hat ja immerhin Wirtschaftswissenschaften studiert. Halt: Da ist ja noch der IS! Zwar nennt sich der Islamische Staat islamisch, aber die Arbeiterwohlfahrt hat mit Arbeitern ja auch nichts mehr zu tun. Der IS ist ein Geschäftsmodell arbeitsloser sunnitischer Verlierer des Irak-Krieges, das von Erpressung, Raub, Mord und Totschlag ebenso lebt wie von Spenden aus Saudi-Arabien und Katar. Aber die Interkontinentalraketen der NATO mit den dazugehörigen Atomsprengköpfen einfach nach Saudi-Arabien und Katar zu schießen, würde NATO-Partner behelligen: Nicht nur Donald Trump macht Geschäfte mit den Saudis, auch die deutsche Rüstungsindustrie will ihre lukrativen Märkte nicht gefährden. Also könnte man dem IS vielleicht ein lukratives Angebot machen, um dessen Dauerkrieg in Syrien, dem Irak und anderen Ländern zu beenden. Aber zur Zeit geben alle Länder der Welt zusammengerechnet etwa 1750 Milliarden US-Dollar für Rüstung aus. So viel schöner Profit. Und das meiste davon wird in den USA erwirtschaftet. Wenn nun zum Beispiel der Islamische Staat als Feind wegfiele, wer soll dann den guten Grund für mehr und noch mehr Rüstung liefern?

Donald Trumps jüngste Forderung an die NATO-Verbündeten, sie sollten doch deutlich mehr zahlen als bisher, trifft zum ersten Mal bei den sonst so ergebenen US-Freunden auf Skepsis. Wenn man genauer hinschaut sogar auf Widerstand: „Wir Europäer haben unser Schicksal selber in der Hand“, hatte ausgerechnet die gläubige Atlantikerin Angela Merkel Anfang des Jahres gesagt. Und während bei manchen NATO-Gegnern noch Trumps Wort-Fetzen von der obsoleten NATO durchs Gehirn geistert, wäre es für die West-Europäer tatsächlich an der Zeit, ihr Schicksal von den USA und deren völlig unberechenbarem Präsidenten abzukoppeln. Noch nie gab es in Deutschland eine so gründliche Abneigung gegen einen US-Präsidenten wie in diesen Tagen, noch nie war die Ablehnungsfront so breit: Von den National-Konservativen bis zu echten Linken reicht der Ekel vor einem wildgewordenen US-Elefanten, der bisher keinen Porzellan-Laden ausgelassen hat. Trump ist die Chance für eine zumindest relative Eigenständigkeit der Deutschen.

Danke an den Autor für das Recht der Zweitverwertung.

KenFM bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Meinungsartikel und Gastbeiträge müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

19 Kommentare zu: “Goodbye USA

  1. Weiterhin ist es Russland, besser gesagt: die russische Regierung, die Atomraketen in Kaliningrad stationiert und auf Osteuropa und Deutschland (bis etwa Berlin) richtet. Die NATO hat alles Recht der Welt, sich dagegen zu verteidigen.

    Und die USA sind und bleiben unser Verbündeter, da kann auch Trump nichts daran ändern. Natürlich gibt der Stand der US-Politik, der sich teilweise auf oder unter dem Niveau von Drittweltdiktaturen befindet, Sorgen. Bisher haben sich die USA aber als wehrhafte und funktionierende Demokratie erweisen, die Kontrolle der Regierung durch Parlament und Justiz scheint in den USA besser zu funktionieren als in den allermeisten anderen Staaten der Welt. Das hat mich bisher auch positiv überrascht.

    • Für die Reichen und Herrschenden stimmt das: Sie sind untereinander verbunden und für sie ist ein Gegenschlag der NATO auf einen fiktiven russischen Angriff auch eine „Verteidigung“. Während sie auf Barbados einen Cocktail schlürfen, können sie das auch leicht so wahrnehmen.
      Du aber sitzt dann nicht dort.

  2. „Gegen Russland, das seit der Abschaffung des Zarismus keinen größeren Angriffskrieg mehr unternommen hat?“

    Das ist schlicht falsch. Russland führt aktuell einen Angriffskrieg gegen die Ukraine, die immerhin ein EU-Beitrittskandidat ist. Wenn das kein ‚größerer Angriffskrieg‘ ist, was dann??

    Und nein, ich negiere NICHT, dass die Verterter der USA da massiv quergeschossen haben. Aber es war und ist Russlands aktuelle Regierung, die meint, solche Konflikte mit Krieg lösen zu müssen.

    Wenn die Bewohner der Krim tatsächlich mit 95% für die Annexion der Krim durch Russland gestimmt haben sollten, tragen die 95% nun erste Konsequenzen: Ihnen wird die Visafreiheit in die EU verweigert, die alle ukrainischen Bürger nun haben. Wenn Fairness immer möglich wäre, müssten die, die gegen die russische Annexion gestimmt haben, ebenfalls visafrei in die EU reisen dürfen. Leider kann staatliche Bürokrstie solche Probleme aber nicht lösen. Die Bewohner der Krim, die zu Europa gehören wollen, können sich bei der russsichen Regierung und ggf. bei vielen ihrer Mitbürger „bedanken“ dafür, dass mit angeblich 95% die eigene Entrechtung gewählt wurde.

    • Mit „Nationen“ die die Persönlichkeit des Einzelnen unter abstrakte Kollektivbegriffe nivellieren, ist sowas wie „Gerechtigkeit“ nicht herstellbar #Geschichte
      Da nimmt sich die russische Nation nicht aus – schade, dass hier auf KenFM kein Ausweg aus dem Dilemma gesucht wird, sondern nur „die richtige Nation“ oder der „richtige“ Zuhälter, um es mal verständlicher auszudrücken.

      Die Selbstverwaltung der Völker ist das Ziel einer friedliebenden Person, seit es durch die Erste Internationale so angestrebt wurde.
      Unterbrochen wurde dieses Streben durch u.a. Karl Marx und Friedrich Engels, die beide die Arbeiterorganisation auf die Mittel des Nationalstaates festnagelten. Aber auch durch diese Unterbrechung, die kein Bollwerk gegen die darauffolgenden Weltkatatrophen sein konnte, ist die alte föderalistische Welt-Vision immernoch wahrhaftig alternativlos.

  3. Wenn man sich Brzezinski´s „The Grand Chessboard“ durchliest, wird man erkennen, dass das Verhalten eines Trump und die darauf folgende Reaktion der „Europäer“ strikt nach Plan verläuft und eine selbstständige Verantwortungsübernahme der „Europäer“ für „Europa“ gewollt ist. Die Amerikaner sehen ihre Macht schon seit Jahrzehnten bedroht und die Geopolitiker der Couleur Brzezinski wissen, wie man für die Zukunft plant um wenigstens die Plattformen Westeuropa und Japan/Korea erst einmal zu behalten. Insofern würde es mich nicht wundern, wenn man so einen Trump dazu nutzen möchte, die „Europäer“ politisch auf Distanz zu bringen.

    • Denkbar! Aber vielleicht eröffnet die „Distanz“ auch Chancen… sofern sie von der Bevölkerung nicht verpennt wird, sondern mit dem nötigen Bewusstsein begleitet, verläuft.

  4. Ich freue mich mega, dass nun ein Trump die USA regiert. Denn nun wird man eventuell nicht mehr als Amerika-Hasser oder Putin-Versteher in eine Ecke gestellt, wenn man us-geführte, Völkerrechtswidrige Kriege kritisiert und das zerbomben des nahen Osten ins 15. Jahrhundert nicht geil findet. So ist endlich mal fast jeder Grundkritisch

    • Die Formulierung „freue mich mega“ finde ich ähnlich gelungen wie den Eintrag von Donald Trump im Gästebuch von Jad Vashem. 😉 Nichts für ungut – ich verstehe, was Sie meinen. Allerdings hab ich bei vielen Gesprächspartnern keine Kritik an Trumps Militärschlag in Syrien gehört. Wenn’s drauf ankommt, kann man bisher auf die alten Frontlinien vertrauen, leider.

    • Sie glauben doch nicht im Ernst, dass ich einen Präsidenten Trump brauche, um einen kritischen Blick auf die zahlreichen Fehlschläge der US-Außenpolitik der letzten Jahre zu haben? Halten Sie die Leute für dumm?
      Derzeit gibt es neben den Putin-Trollen und Putin-Verstehern und Amerikahassern einen neuen Typus: Den Versteher der Regierung Saudi-Arabiens. Trolle diesbezüglich sind bei Trumps Regierung nach seiner Aufwartung in Saudi-Arabien sicher willkommen, genauso wie bei den anderen zahlreichen Regierungen Europas und Asiens, die sich bei den Saudis anbiedern.

  5. Kampf um die globalen „Schürfrechte“.
    Der deutsche Militarismus/Imperialismus ist seit 2014 wieder auf dem Vormarsch. Weil die Prioritäten mit der Nato nicht immer übereinstimmen, muss deshalb die EU Armee eigenständig Krieg führen können mit einer deutsch dominierten Supermacht Europa.
    Diese Tätigkeiten werden einfach auf die Instanz der EU empor gehoben und dort durchgesetzt als Kadaver, für den Hegemon, für den deutschen Imperialismus, genauso wie die Nato bisher. Es geht darum in der globalen Mächte-Konkurrenz, auch gegen die USA, China, Russland, Indien sich durchsetzten zu können.

    • Also, wenn überhaupt würde das dann wohl deutsch-französischen Imperialismus bedeuten – gerade im Militärbereich wohl eher andersherum: französich-deutsch.

      Aber eine EU-Armee ist doch aktuell ziemlich unrealistisch. Sollte das jemals noch etwas werden mit der EU, müsste man ja zuerst mal dringendst die lange Liste an bestehenden Baustellen (Brexit, Flüchtlingskrise, etc.), Konstruktionsfehlern (Euro ohne Finanzausgleich, Mangel an Demokratie in den Institutionen) und politischer Falschausrichtung (Neoliberalismus) abarbeiten… Das wird wohl nichts mehr – ein kleines Investitionsbudget wird Macron wohl raushandeln, mehr wird unser schwäbischer Kassenwart nicht mitmachen, koste es was es wolle.

  6. Danke für diesen humorvollen Beitrag! Da waren ein paar wirkliche Brüller dabei. 🙂

    Bzgl. der Hoffnung, dass Deutschland/Europa sich jetzt auf seine Eigenständigkeit besinnt:
    Daran glaube ich leider nicht. Es ist Wahlkampf bei uns – auch wenn man noch nichts davon mitbekommen hat. Da kann man schon mal einen raushauen gegen die Amis, das kommt gut. Dann kann die SPD damit schon nicht mehr punkten. (Obwohl sich Herr von Dohnanyi dazu gestern bei Anne Will bemüht hat, das klang phasenweise wirklich interessant. Naja, laue Sonntagabend-Sommer-Unterhaltung eben…)
    Und wer weiß: Vielleicht sind die Chef-Transatlantiker ja wirklich überzeugt, dass sie es schaffen, Trump bald loszuwerden.

  7. Gut geklärt Herr Gellermann!
    Da kommt so ein hemdsärmeliger Präsident und interessiert sich gar nicht für das, was die europolitische Elite an Erwartungen aufgestapelt hat. Der fährt einfach nur sein Ding! Unverschämtheit! Weiter so 🙂

  8. „Trump ist die Chance für eine zumindest relative Eigenständigkeit der Deutschen.“

    Da hat ungekrönter EU Königin Merkel doch andere Ideeën, sie sieht ihre Chance ungekrönter Kaiserin des Europäischen Kontinent zu werden, sogar mit eine Europäische Armee.
    De Villepin hat gleiche Ideeën, wie Schulz, und auch Merkron, Rasmussen, und andere Gierige nach Macht.
    Glücklicherweise gibt es schon Leserbriefe in den Niederländen dass wir uns abwenden sollen von Deutschland.
    Ich kopiëre die Link.

  9. Der Beitrag gefällt mir, ein echter Brüller, trotz des Themas:

    – Die NATO-Länder spendieren (köstlich)
    – Man wird ja wohl noch fragen dürfen: Gegen wen? (huhuhuhu)
    – Und, haste nicht gesehen, schon sind die ersten U-Boote auf Terroristenjagd,
    (pruuuuuuuust)
    – Ursula von der Leyen setzt die Bundeswehr aufs Pferd, kommandiert „Lanzen einlegen
    Danke, selten so gelacht, Herr Gellermann!

    Schön wärs ja:
    „Trump ist die Chance für eine zumindest relative Eigenständigkeit der Deutschen.“

    Allerdings unterstelle ich der Führerin ein infames strategisches Vorgehen mit Sicht auf die nächste Wahl.
    Dieser Verbrecherin traue ich leider alles zu.

  10. Trump demonstriert 1. erstmal Waffen verhökern ! 2. schauen was die Kriegtreiberabteilung macht um für Nachfrage zu sorgen- 3. im Hauptquartier die Absolution empfangen- 4. ein paar Euros locker machen.. Keiner scheint so recht an den vermeintliche Wiederbelebungsversuch seiner geliebten dahinsiechenden USA zu glauben.

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