Hedgefonds setzt auf „finanzielle Massenvernichtungswaffen“

Von Ernst Wolff.

Wie die Website „Business Insider“ vergangene Woche meldete, hat der Hedgefonds Perry Capital im Februar Kreditausfallversicherungen auf Unternehmensanleihen im Wert von insgesamt $ 1 Mrd. erworben. Der Fonds geht also davon aus, dass die betroffenen Unternehmen trotz ihrer derzeit soliden Bewertung durch Rating-Agenturen in absehbarer Zeit in Zahlungsschwierigkeiten geraten werden.

Wenn Perry Capital auf eine derartige Entwicklung setzt, sollte man aufhorchen: Ex-Goldman-Sachs-Manager Richard Perry, der den Fonds führt, gehört zu den wenigen Wallstreet-Bankern, die bereits Ende 2006 auf den Absturz des US-Häusermarktes gewettet haben. Er lag damit genau richtig und strich auf diese Weise allein im Jahr 2007 einen Gewinn von mehr als einer Milliarde US-Dollar ein. (Siehe auch der Film „The Big Short“, in dem diese Wetten thematisiert werden.)

Dass Perry jetzt erneut handelt, erhellt zwei vollkommen unterschiedliche Sachverhalte: Zum einen, dass Insider aus der Finanzbranche die gegenwärtige Marktlage im Gegensatz zu Politik und Medien als überaus instabil einschätzen. Zum anderen, dass es trotz aller Beteuerungen seitens der Politik sieben Jahre nach der Krise von 2008 immer noch möglich ist, vom Niedergang einzelner Unternehmen zu profitieren und auf diese Weise zur Destabilisierung des globalen Finanzgefüges beizutragen. Hierzu einige Erläuterungen:

Wie funktionieren Kreditausfallversicherungen?

Kreditausfallversicherungen (englisch: credit default swaps) zählen zu den Derivaten. Hierbei handelt es sich um Finanzprodukte, die von der Realwirtschaft abgekoppelt sind, keinerlei wirtschaftlichen Nutzen haben und ausschließlich der Spekulation dienen. Kreditausfallversicherungen in ihrer gegenwärtigen Form wurden 1994 von der JP-Morgan-Bankerin Blythe Masters erfunden und haben sich seitdem weltweit explosionsartig verbreitet.

Ihr Prinzip lässt sich am Beispiel von Unternehmensanleihen erklären: Stellt ein Investor einem Unternehmen Kapital in Form einer Anleihe zur Verfügung, so erhält er von ihm im Gegenzug die Zusage, das geliehene Geld plus Zinsen zu einem vereinbarten Zeitpunkt zurückzuzahlen. Zur Absicherung der Anleihe gegen einen möglichen Zahlungsausfall des Unternehmens kann der Investor zusätzlich bei einem Finanzinstitut eine Kreditausfallversicherung abschließen. Das Institut versichert ihm dann gegen Zahlung einer Summe, die in der Regel von der Bewertung des Unternehmens durch Rating-Agenturen abhängt, im Fall eines Zahlungsausfalls für das Unternehmen einzuspringen. Die Folge ist, dass der Investor sich zurücklehnen und ruhig schlafen kann.

An sich wäre an dieser Vereinbarung auf Gegenseitigkeit nichts auszusetzen, bestünde nicht zusätzlich folgende Möglichkeit: Auch solche Marktteilnehmer, die nicht an einem Deal beteiligt sind, können Kreditausfallversicherungen abschließen. D.h.: Jeder, der über genug Geld verfügt, kann zu einem Finanzinstitut gehen und nicht nur auf Unternehmensanleihen, sondern auch auf diverse andere „Marktereignisse“ wie zum Beispiel Zinsschwankungen, Wechselkursänderungen oder Staatspleiten Kreditausfallversicherungen abschließen. Ihr Preis hängt davon ab, wie die Rating-Agenturen die „Bonität“ des jeweiligen Versicherten zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses einschätzen.

Kommt es nun zu einer Krise und wird die Bonität eines betroffenen Unternehmens oder Staats tatsächlich herabgestuft, schlägt die Stunde von Hedgefonds wie Perry Capital: Sie können jetzt die in ruhigen Zeiten zu einem niedrigen Preis erworbenen Kreditausfallversicherungen gewinnbringend auf den Markt werfen. Noch lohnender ist das Geschäft, wenn ein Unternehmen oder ein Staat tatsächlich zahlungsunfähig wird. Dann muss das Finanzinstitut, bei dem die Kreditausfallversicherung abgeschlossen wurde, den vollen Betrag auszahlen – in den meisten Fällen ein Vielfaches der Versicherungsprämie.

Aber nicht nur aus der Sicht der Investoren, sondern auch aus der Sicht der Finanzinstitute haben Kreditausfallversicherungen etwas Verführerisches an sich: So lange die Weltwirtschaft trotz aller Turbulenzen einigermaßen rund läuft und keine oder nur geringe Ausfallzahlungen fällig werden, sind sie eine schier unerschöpfliche Einnahmequelle. Deshalb beteiligen sich seit zwei Jahrzehnten alle großen Marktteilnehmer an diesem höchst lukrativen Geschäft. Weltweit führend sind der Marktführer Deutsche Bank (Derivatvolumen 2015: $ 75 Billionen), JPMorgan, Goldman Sachs und die Schweizer Großbank Crédit Suisse.

„Too big to fail“ hat die Risiken exponentiell erhöht

Was aber geschieht, wenn es zu einer ernsthaften Krise oder einem Crash kommt? Die Antwort gibt die Geschichte, denn dieser Fall ist bereits zweimal eingetreten:

1998 geriet der Hedgefonds Long Term Capital Management (LTCM) im Gefolge der russischen Währungskrise in Zahlungsschwierigkeiten. Bei einem Verlust von ca. $ 2 Mrd. wurden plötzlich Kreditausfallversicherungen im Werte von über $ 1 Billion fällig. Damals schlossen sich die größten Banken der Wallstreet unter der Führung der Federal Reserve of New York zusammen und retteten den Fonds, indem sie ihn für die fehlenden $ 2 Mrd. übernahmen. Das war nicht etwa ein Akt der Humanität, sondern pure Überlebensstrategie: Hätten die Banken LTCM nicht gerettet, wären sie – und mit ihnen das gesamte globale Finanzsystem – untergegangen.

Zehn Jahre später, im Rahmen der Krise von 2008, mussten u.a. AIG, der größte Versicherer der Welt, und die US-Hypothekenbanken Fannie May und Freddy Mac gerettet werden, da durch ihre Insolvenz Kreditausfallversicherungen in einer Höhe fällig geworden wären, die die Wallstreet und damit das globale Finanzsystem finanziell überfordert hätten. Wegen der enormen Summen sprangen diesmal Regierungen ein und retteten die Unternehmen mit Hilfe von Steuergeldern.

Beide Ereignisse bestätigen eindrucksvoll die Sicht des US-Großinvestors Warren Buffett, der Kreditausfallversicherungen bereits in den Neunziger Jahren als „finanzielle Massenvernichtungswaffen“ bezeichnet hat. Sie zeigen auch, wie falsch die oft gestreute Behauptung ist, bei Kreditausfallversicherungen handle es sich um ein „Nullsummen-Geschäft“, da die Risiken sich gegenseitig aufheben würden. Hätten sich die Risiken 1998 und 2008 tatsächlich gegenseitig neutralisiert, wären der Welt beide Krisen erspart geblieben.

Doch was ist seitdem geschehen? Ist nach derartig gravierenden Vorfällen etwas gegen deren Ursachen unternommen worden? Haben die Verantwortlichen irgendwelche Konsequenzen gezogen?

Nein. Trotz aller Beteuerungen, die Finanzmärkte in die Schranken weisen und das Geschäft mit Derivaten stärker regulieren zu wollen, ist in keinem einzigen Land etwas in dieser Richtung passiert. Im Gegenteil: Zusammen mit der gestiegenen Verschuldung ist auch der Derivate-Sektor weiter gewachsen und bedroht das globale Finanzsystem heute in noch größerem Maß als zuvor.

Weshalb? Aus einem sehr einfachen Grund: Weil die Finanzindustrie 2008 die Parole „too big to fail“ herausgegeben hat und die Zentralbanken seitdem durch den Ankauf von Staats- und Unternehmensanleihen alles tun, um keine Großbank, keinen Hedgefonds, kein bedeutendes multinationales Unternehmen und vor allem keinen Staat mehr in die systemgefährdende Zahlungsunfähigkeit rutschen zu lassen. Und nicht nur das: Zinssenkungen bis in den Negativbereich und unablässiges Gelddrucken stellen der Finanzindustrie immer neues, ultrabilliges Geld zur Verfügung, was diese nicht etwa der Realwirtschaft zur Verfügung stellt, sondern sofort wieder in den Spekulationskreislauf, also in erster Linie in das Geschäft mit den Derivaten hineinpumpt – ein sich selbst verstärkender Kreislauf, der nicht mehr aufzuhalten ist.

Gezielte Täuschung der Öffentlichkeit

Durch die seit den Neunziger Jahren mit Nachdruck betriebene Deregulierung des Finanzsektors werden Derivate als OTC-Geschäfte (Over the Counter = über den Tresen) nicht in den Bilanzen der Banken ausgewiesen. Daher kann trotz ihrer enormen Bedeutung niemand genau sagen, wie groß ihr Umfang weltweit derzeit ist. Die in ihren Schätzungen eher zurückhaltende Bank für internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) beziffert ihn derzeit auf über $ 700 Bio und damit das Zehnfache der weltweiten Wirtschaftsleistung.

Dass damit der wichtigste und gefährlichste Bereich des Finanzsektors ganz bewusst vor den Augen der Öffentlichkeit versteckt wird, hat seinen Grund: Auf diese Weise wird das inzwischen von ihm angenommene – historisch einmalige – Ausmaß verschleiert und damit verhindert, dass die Menschen die wohl wichtigste Erkenntnis unserer Zeit gewinnen: Dass die Finanzwirtschaft, die einmal eine fortschrittliche Rolle gespielt hat, weil sie der Industrie das zu ihrer Entwicklung notwendige Kapital zur Verfügung gestellt hat, sich in den vergangenen Jahren in ihr Gegenteil verwandelt hat. Sie ist zu einem riesigen, parasitären, in seiner Bedeutung von der Öffentlichkeit kaum verstandenen Suchtkranken verkommen, der nach immer größerer Geldzufuhr verlangt und auf diese Weise der Realwirtschaft die lebensnotwendigen Grundlagen entzieht.

Die „finanziellen Massenvernichtungswaffen“ in Gestalt der Kreditausfallversicherungen spielen hierbei die Rolle der Spritzen, die sich der Suchtkranke setzt: Sie verhelfen ihm gelegentlich zu einem kurz anhaltenden Rausch, werden ihn aber langfristig mit Sicherheit umbringen.

Ernst Wolff ist freier Journalist und Autor des Buches „Weltmacht IWF – Chronik eines Raubzugs“, erschienen im Tectum-Verlag, Marburg.

 

Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Artikels.

KenFM bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Meinungsartikel und Gastbeiträge müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

 

20 Kommentare zu: “Hedgefonds setzt auf „finanzielle Massenvernichtungswaffen“

  1. @Ignaz

    Auf seite 39 wird in einer Grafik einem Finanzderivatevolumen von 720 Billionen US-Dollar (im Jahr 2012!) ein Weltsozialprodukt von 62 Billionen Dollar gegenübergestellt. Die Hebelwirkung der Derivate beläuft sich also schon damals (wenige Jahre nach der Finanzkrise) auf den Faktor 11,6. Die Welt müsste also knapp 12 Jahre nur für die Derivatewirtschaft arbeiten, um dieses fiktive Kapital zu bedienen.

    Das Weltsozialprodukt ist 62 Billionen USD pro Jahr. Das heißt, dass jeder Mensch in einem Jahr Waren und Dienstleistungen produziert, die für 8000 USD verkauft werden.
    Für 8000 USD kann man zwei Lastwagenladungen Weizen, zehn Rinder oder eine Lastwagenladung Stahl kaufen.
    Das soll weltweiter Durchschnitt sein, nicht etwa Deutschland.

    Eine Familie in Deutschland, die aus Vater, Mutter und zwei Kindern besteht, wobei ein Elternteil ein nach Tarif bezahlter Handwerker ist, hat netto und inclusive Kindergeld weniger als vier mal 8000 USD Einkommen pro Jahr.
    Aber angeblich hat Deutschland ein Bruttoinlandsprodukt von 45000 USD pro Kopf und Jahr.

    Da sind schon beim Weltsozialprodukt irgendwelche Waren und Dienstleistungen utopisch hoch bewertet.
    Ich würde das um Faktor 3 bis 4 nach unten korrigieren.
    Und dann noch dieser Derivate-Quatsch, der das Ding noch einmal mindestens verzehnfacht.

    Dass das Monster noch nicht in den Orkus gerauscht ist, ist unglaublich.

    • @ Streng Geheim

      Guter Punkt mit der Frage, ob das Weltsozialprodukt tatsächlich so hoch ist. Ein Punkt, den man beim BIP und anderen synthetischen Indikatoren immer bedenken sollte, ist dass diese reale Größe nur näherungsweise beschreiben und schon gar nicht fassbar machen können. Was kann einem die Summe von 62 Billionen US-Dollar schon sagen? Ob das viel oder wenig ist, kann man nur im Vergleich ermitteln. Zudem interessiert sich das BIP nur für Wachstum im kapitalistischen Sinne, also für Kapitalwachstum. Es ist die heilige Zahl der Kapitalisten und ihrer Anwälte, Berater, Lobbyisten, Sachverständigen. Die Kennziffer wurde nach 1945 in Europa als Maßeinheit durch die USA eingeführt, um die Wirksamkeit ihrer Marshall-Plan-Mittel quantifiierbar machen. Die dahinter liegende Denke ist einem technokratischen Positivismus verhaftet, derzufolge wirtschaftlich nur das zählt, was sich in Geld bemessen kann. Was das BIP nicht erfasst: Umweltzerstörung, Zerstörung von Artenvielfalt, Luftverschmutzung, psychisches Elend und Entfremdung, überhaupt alle sozialen Kosten der kapitalistischen Produktion, die „externalisiert“ und auf die Privatleute abgewälzt werden (in Form von Scheidungen, Alkohlmissbrauch usw., aber selbst das kann sich wiederum aus BIP-Sicht „lohnen“, wenn Therapiestunden und Psychopharmaka verkauft werden, ein im wahrsten Sinne des Wortes krankes System). Es gab vor ein paar Jahren eine Enquete-Kommission beim Bundestag (siehe: http://goo.gl/tPDt3l), die sich mit alternativen Wachstumskennziffern befasste, eine Kritik des Wachstum kam da nur am Rande unter – aber Enquete-Kommission sind auch nur mehr Spielerei, die nimmt sowieso kein Parlamentarier ernst.

      Ein Gesichte des Siegeszuges des BIP als Kennziffer hat Lepenies in „Die Macht der einen Zahl“ geschrieben: https://goo.gl/gxuCWQ

    • Man kann sich auch Wirtschaftswachsum aus der Nase ziehen, indem man etwas, das bisher noch nicht bewertet wurde, bewertet.
      Was ist die Aufzucht von Kindern wert? Ist das eine Dienstleistung, die die Eltern an ihre Kinder geben? Sind das 10000 Euro pro Kind und Jahr in Deutschland? Und was ist der Spaß wert, den die Kinder ihren Eltern bereiten? Ist das Kinderarbeit? Da kann man bestimmt drauf Steuern erheben!

      Wenn man den Unfug erkennt, wird einem auch klar, wie es möglich ist, dass die Leute im Kongo bei 500 USD pro Kopf und Jahr leben.

    • @ Streng Geheim

      Das wird auch ständig „Angepasst“.Da kommen schöne „Neue Dinge“ mit in die Berechnung.
      Kiffen für die Konjunktur
      Drei Prozent höher könnte das BIP nach den EU-Vorgaben ausfallen.
      „Nächstes Jahr wird das Bruttoinlandsprodukt, das den Wert aller innerhalb eines Jahres hergestellten Waren und Dienstleistungen misst, noch weiter zulegen. Nicht nur, weil die Konjunktur besser laufen soll und die Forschungsinstitute ein Wachstum von mehr als zwei Prozent voraussagen. Grund ist vielmehr auch, dass künftig Drogenhändler und Zigarettenschmuggler die Wirtschaftsleistung erhöhen. Die Europäische Union (EU), die die methodischen Vorgaben für die sogenannte volkswirtschaftliche Gesamtrechnung erstellt, will es so. Erwirtschaftet ist nun einmal erwirtschaftet.“2014
      http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/neue-berechnung-des-bip-kiffen-fuer-die-konjunktur-1.1921011

      Es ist ja ein offenes Geheimniss, dass auch z.B. Arbeitslosenzahlen „Schöngerechnet“ werden.
      Quote offiziell: 6,9%
      Quote tatsächlich: 8,72%
      http://www.der-reale-irrsinn.de/statistikmanipulation-bei-den-arbeitslosenzahlen.php
      http://finanzmarktwelt.de/die-tatsaechliche-arbeitslosenquote-in-deutschland-10577/
      http://alles-schallundrauch.blogspot.de/2008/04/arbeitslosenzahlen-sind-eine-schlimme.html

      In den USA werden fast alle Daten „Optimiert“.
      „Nach 8,1 Prozent im August 2012 fiel die Arbeitslosenquote im September 2012 deutlich auf 7,8 Prozent. Bereits damals gab es massive Zweifel an den offiziellen Zahlen. Diese Zweifel haben sich nun bestätigt, berichtet die New York Post.
      Verantwortlich für die Manipulation ist das Statistische Bundesamt der USA (Census Bureau), das die Umfrage zur Berechnung der Arbeitslosenquote für das US-Arbeitsministerium durchführt.
      Bereits im Jahr 2010 hatte das Bundesamt den Mitarbeiter Julius Buckmon dabei erwischt, dass er Daten zur Arbeitslosenstatistik manipulierte. Die gefälschten Daten wurden an das Arbeitsministerium geliefert und niemals zurückgenommen. Das Ministerium wurde auch nachträglich nicht informiert.“
      http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2013/11/20/falsche-zahlen-manipulation-ermoeglichte-obamas-wiederwahl/
      Aber noch erschreckender ist die Tatsache, dass täglich immer mehr Familien aus der Mittelschicht herausfallen. Wie CNN vor Kurzem berichtete, lebt schätzungsweise ein Drittel aller amerikanischen Haushalte »von der Hand in den Mund«, was nichts anderes bedeutet, als dass sie ständig am Rande des finanziellen Zusammenbruchs leben müssen:
      »Etwa ein Drittel aller amerikanischen Haushalte lebt von der sprichwörtlichen ›Hand in den Mund‹, d.h. dass sie ihr gesamtes Einkommen für den unmittelbaren Lebensunterhalt ausgeben müssen. Überrascht hat die Verfasser der Studie allerdings, dass 66 Prozent dieser Familien der Mittelschicht angehören und über ein mittleres Einkommen von 41 000 Dollar verfügen. Sie verfügen zwar nicht über liquide Mittel wie etwa Sparguthaben oder Anteile an Investmentfonds, aber sie besitzen eigene Häuser und eine Rentenversicherung mit einem mittleren Nettowert von 41 000 Dollar.
      ›Wir hatten nicht damit gerechnet, dass sie sich sozusagen von Zahltag zu Zahltag schleppen müssen‹, erklärte Greg Kaplan, Mitverfasser der Studie und Assistenzprofessor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Princeton.«
      Der amerikanische Traum wird immer mehr zum amerikanischen Albtraum.
      http://info.kopp-verlag.de/hintergruende/geostrategie/michael-snyder/die-wirkliche-arbeitslosenrate-in-den-usa-in-jeder-fuenften-familie-sind-alle-arbeitslos.html

      Am Ende geht es nur um die Schuldentragfähigkeit der Länder.Da wird der Bürger=Bürge in die Haftungsmasse mit eingerechnet.(Die Seele des Menschen als ein kontrollierbares Wertschöpfungsmitglied)
      Er muß alle Schulden zurückzahlen.Die von Staaten über Steuern.Die von Unternehmen über Produktzinsen und die von sich selbst Auto,Haus.Deshalb ist es Notwendig das die Zahlen, vor allem heute am Ende des Systemzyklus, so lange wie nötig passen.

      MFG LB

    • @ Lightbringer

      Es ist ja ein offenes Geheimniss, dass auch z.B. Arbeitslosenzahlen „Schöngerechnet“ werden.
      Quote offiziell: 6,9%
      Quote tatsächlich: 8,72%

      Und das auf zwei Stellen nach dem Komma genau. Was für ein Blödsinn!
      Die Arbeitslosenquote berechnet jeder anders. Dahinter steht „nichtarbeitende Arbeitsfähige geteilt durch Arbeitsfähige“. Das einzige Klare daran ist, dass ein nichtarbeitender Arbeitsfähiger ein Arbeitsfähiger ist, also dass die Arbeitslosenquote nicht größer als 100% sein kann.

  2. Ich habe noch ein schönes Beispiel zum Derivate-Trick gehört.

    Du hast ein Haus, das eine Millionen Euro wert ist. Du schließt eine Feuerversicherung ab, die dir, falls dein Haus abbrennt, eine Millionen Euro zahlt.
    Nun schließe ich noch zehn solcher Feuerversicherungen auf dein Haus ab. Sollte dein Haus abbrennen, bekomme ich zehn Millionen Euro von der Versicherung.
    Dann stellt jemand fest, dass dein Haus jetzt sehr stark feuergefährdet ist, und ich kann die Versicherungen mit großem Gewinn weiterverkaufen.

  3. @irwisch

    Wer genau hat denn deiner Ansicht nach zig Billionen Euro oder Dollar?

    Goldman Sachs hat Derivate Wert von zig Billionen USD. Perry Capital könnte auch Derivate von Billionen USD haben.
    Nun ist Perry Capital um Derivate von einer Millarde größer geworden. Dass Perry Capital nun um ein Promill größer geworden ist, halte ich für uninteressant.

    im Text steht auch nirgendwo, daß die Deutsche Bank „nur“ eine Milliarde Gewinn gemacht habe.

    Da steht, dass Richard Perry durch den Zusammenbruch des US-Häusermarktes eine Millarde USD Gewinn gemacht habe. Davon hätte er 500 tausend Rinder kaufen können. Ich vermute allerdings, dass er davon wieder Derivate gekauft hat, die einen Nennwert von mehreren zig Milliarden USD haben.

    Darüber das, was der Protagonist der, jener Richard Perry tatsächlich „hat“, steht auch nichts im Text.

    Das kann man erst wissen, wenn er dafür ein paar Millionen Rinder kauft und diese auch auf seine Weide stellt. Papierrinder zählen nicht.
    Wenn das nur Richard Perry macht, geht das noch gut. Sollte aber auch noch Mark Zuckerberg den Zucker, den Brasilien in einem Jahr produziert, anfordern und noch zwanzig weitere Leute dieser Größenklasse etwas Ähnliches tun, bricht das Kartenhaus zusammen.

    Von welchen „ersten beiden Milliarden“, die Billionen sein sollen, schreibst du hier?

    Ich vermute, dass Perry Capital um Derivate von einer Billionen USD größer geworden ist. Das könnte Richard Perry ein paar zig Milliarden USD gekostet haben.
    Dass Richard Perry durch den Absturz des US-Häusermartes eine Billionen USD Gewinn gemacht hätte, halte ich für mehr als Faktor 10 zu hoch. Vielleicht hat er aber von dem Gewinn Derivate von einer Billionen USD kaufen können.

    Und was hat das Ganze mit der Bevölkerungszahl der USA oder der Weltbevölkerungszahl zu tun?

    Ich wollte damit zeigen, dass man für eine Millarde Dollar etwas reales kaufen kann, ohne dass dadurch die Preise merkbar steigen, zum Beispiel 500 tausen Rinder.

  4. @irwisch

    Wer genau hat denn deiner Ansicht nach zig Billionen Euro oder Dollar?

    Goldman Sachs hat Derivate Wert von zig Billionen USD. Perry Capital könnte auch Derivate von Billionen USD haben.
    Nun ist Perry Capital um Derivate von einer Millarde größer geworden. Dass Perry Capital nun um ein Promill größer geworden ist, halte ich für uninteressant.

    im Text steht auch nirgendwo, daß die Deutsche Bank „nur“ eine Milliarde Gewinn gemacht habe.

    Da steht, dass Richard Perry durch den Zusammenbruch des US-Häusermarktes eine Millarde USD Gewinn gemacht habe. Davon hätte er 500 tausend Rinder kaufen können. Ich vermute allerdings, dass er davon wieder Derivate gekauft hat, die einen Nennwert von mehreren zig Milliarden USD haben.

    Darüber das, was der Protagonist der, jener Richard Perry tatsächlich „hat“, steht auch nichts im Text.

    Das kann man erst wissen, wenn er dafür ein paar Millionen Rinder kauft und diese auch auf seine Weide stellt. Papierrinder zählen nicht.
    Wenn das nur Richard Perry macht, geht das noch gut. Sollte aber auch noch Mark Zuckerberg den Zucker, den Brasilien in einem Jahr produziert, anfordern und noch zwanzig weitere Leute dieser Größenklasse etwas Ähnliches tun, bricht das Kartenhaus zusammen.

    Von welchen „ersten beiden Milliarden“, die Billionen sein sollen, schreibst du hier?

    Ich vermute, dass Perry Capital um Derivate von einer Billionen USD größer geworden ist. Das könnte Richard Perry ein paar zig Millionen USD gekostet haben.
    Dass Richard Perry durch den Absturz des US-Häusermartes eine Billionen USD Gewinn gemacht hätte, halte ich für mehr als Faktor 10 zu hoch. Vielleicht hat er aber von dem Gewinn Derivate von einer Billionen USD kaufen können.

    Und was hat das Ganze mit der Bevölkerungszahl der USA oder der Weltbevölkerungszahl zu tun?

    Ich wollte damit zeigen, dass man für eine Millarde Dollar etwas reales kaufen kann, ohne dass dadurch die Preise merkbar steigen, zum Beispiel 500 tausen Rinder.

    • Der Vollzeitkommentator Herr K. wird dir vermutlich erklären, daß das alles nicht so schlimm sei und daß ja auch das Zocken an der Börse harte Arbeit ist und die Milliarden daher immer wohlverdient. Und dann wird er dir vermutlich auch noch verklickern, daß du doch froh sein könntest, daß es Versicherungen gäbe, und daß die Welt schon lange im Eimer wäre, gäbe es die nicht, und du vielleicht auch keinen Kredit bekämst, wenn es keine Kreditausfallversicherungen gäbe und dergleichen Schmuh mehr 😉

      Aber vielleicht bleibt er ja auch fern, nachdem er das gelesen hat 🙂

    • Vielleicht wird er mir aber auch erklären, daß es all das was es vor CDS Zeit gab, also Hungertote, Armut, Seuchen, Kriege usw seit Einführung der CDS nicht mehr gibt, ergo ob der CDS alles negative ausgerottet wurde.

  5. Wie die Website „Business Insider“ vergangene Woche meldete, hat der Hedgefonds Perry Capital im Februar Kreditausfallversicherungen auf Unternehmensanleihen im Wert von insgesamt $ 1 Mrd. erworben.

    Ex-Goldman-Sachs-Manager Richard Perry, der den Fonds führt, gehört zu den wenigen Wallstreet-Bankern, die bereits Ende 2006 auf den Absturz des US-Häusermarktes gewettet haben. Er lag damit genau richtig und strich auf diese Weise allein im Jahr 2007 einen Gewinn von mehr als einer Milliarde US-Dollar ein.

    Weltweit führend sind der Marktführer Deutsche Bank (Derivatvolumen 2015: $ 75 Billionen), JPMorgan, Goldman Sachs und die Schweizer Großbank Crédit Suisse.

    Das passt nicht zusammen. Warum ist es etwas Besonderes, wenn jemand, der zig Billionen hat, eine Millarde hinzukauft? Und warum macht jemand, der zig Billionen besitzt nur eine Millarde Gewinn?

    Ich unterscheide zwischen Geld, dem reale Werte gegenüber stehen, also Rinder, Weizen oder auch Taxifahren, und Geld, das nie auf dem Markt auftaucht.
    Eine Millarde USD ist drei USD pro US-Bürger oder 0.13 USD pro Erdenmensch. Das sind Erdnüsse.

    Kann es sein, dass die beiden ersten Millarden Billionen sind?

    • Sorry, ich verstehe deine Frage nicht so ganz: Wer genau hat denn deiner Ansicht nach zig Billionen Euro oder Dollar? Das Derivatvolumen der Deutschen Bank ist kein „Haben“, und im Text steht auch nirgendwo, daß die Deutsche Bank „nur“ eine Milliarde Gewinn gemacht habe. Darüber das, was der Protagonist der, jener Richard Perry tatsächlich „hat“, steht auch nichts im Text.

      Dem Geld, das auf einer Bank „liegt“ – und damit ist nicht das Bargeld gemeint, sondern das in den elektronischen Systemen als Guthaben oder Bonität gespeicherte „Geld“ –, sieht man es nicht an, ob dahinter „reale Werte“ stehen oder nicht. Diesbezüglich läßt sich hier nur global, also über alles umlaufende „Geld“ – Bar- wie Buchgeld – eine Aussage treffen bzw. diese gesamte Geldmenge ins Verhältnis zu den überhaupt existierenden Realwerten setzen. Daß das Buchgeld die vorhandenen Realwerte um ein Vielfaches übersteigt, dürfte inzwischen klargeworden sein.

      Von welchen „ersten beiden Milliarden“, die Billionen sein sollen, schreibst du hier? Und was hat das Ganze mit der Bevölkerungszahl der USA oder der Weltbevölkerungszahl zu tun?

    • möglicherweise eine falsche Übersetzung aus dem englischen:

      eine Million = one million
      eine Milliarde = one billion
      eine Billiarde = one trillion

      dass die deutsche bank ein derivatvolumen von 75 Milliarden US- Dollar angehäuft hat, klingt realistischer als 75 Billionen (was die Staatsverschuldung aller länder dieser erde bei weitem übertreffen würde).

    • „Ich unterscheide zwischen Geld, dem reale Werte gegenüber stehen, also Rinder, Weizen oder auch Taxifahren, und Geld, das nie auf dem Markt auftaucht.“

      Jedes Geld – auch das elektronische – kommt irgendwann als realer Schein oder Münze in irgendeine Hand. Selbst dann, wenn 90% des „Geldes“ physisch gar nicht existiert – alles nur eine Frage der Zeit. Denk mal drüber nach, bevor Du Einspruch in die Tasten hämmerst.

      Dann ist also die Arbeitskraft und Arbeitszeit kein realer Wert? Oder nur die „Arbeitskraft“ nicht von diesen Tünnessen die niemand braucht, die sich aber überall einmischen und ein Schweinegeld dafür (Unternehmensberater) kassieren? Oder nur dann wenn das Unternehmen aufgrund der Beratung auch mehr oder überhaupt Gewinn macht?

      Diese ganze Geld hin und her kreuz und quer vor und zurück Diskussionen, sind einfach nur noch hirnrissig.

      Die Probleme die wir uns durch Geld schaffen sind millionenfach größer als die die wir hätten würden wir es abschaffen

    • Die tickende Zeitbombe der weltweiten Derivate

      Laut der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIS) beläuft sich der weltweite Derivatemarkt auf rund 700 Billionen Dollar. 280 Billionen davon liegen allein auf den Büchern der US-Banken. Manche halten das für eine tickende Zeitbombe.

      Bei der Bank of America übertrifft die Derivateposition die Assets um mehr als das 25fache, bei Morgan Stanley liegt die Relation bei 50. Die Deutsche Bank, so Zerohedge weiter, übertrifft die US-Kreditinstitute übrigens noch: Dort sind es umgerechnet 75 Billionen Dollar an Derivaten.

      Quelle: Finanzen100 vom 30.09.2014
      http://www.finanzen100.de/finanznachrichten/wirtschaft/risikofaktor-banken-die-tickende-zeitbombe-der-weltweiten-derivate_H842895196_74709/

      Ebenso der Goldseitenblog vom 13.06.2015:
      Um die Margen zu halten, hat die Deutsche Bank in hochriskanten Anlageklassen jongliert. Sie sitzt auf mehr als 75 Billionen Dollar Derivatewetten – zwanzig mal größer als das deutsche BIP. Das Derivatevolumen von J.P. Morgan umfaßt (nur) 50 Billionen.
      http://www.goldseitenblog.com/wolfgang_arnold/index.php/2015/06/13/deutsche-bank-next-lehman

      Und auch bei Inflationsschutzbrief.de steht:

      Der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) bezifferte den Umfang der Derivate im Jahr 2000 mit 95 Billionen US-Dollar, der bis zum Jahr 2010 auf 601 Billionen US-Dollar angestiegen ist. Derzeit wird die Derivateblase auf das Zehnfache des globalen Wirtschaftsleistung (der Summe aller weltweit produzierten Waren und erbrachten Dienstleistungen) von ca. 72 Billionen US-Dollar geschätzt.

      Also wird das schon seine Richtigkeit haben, daß rund 750 Billionen Dollar an Derivatvolumen weltweit kursieren, wovon die Deutsche Bank ca. 70 Billionen hält, also ungefähr das Volumen der weltweiten Realwirtschaft. Das hab ich jetzt innerhalb von 5 Minuten herausgefunden, und zwar bei Google mit beiden Stichworten, die ich oben fett gekennzeichnet habe. Da wäre doch zu vermuten, daß man das auch mal schnell selbst machen könnte, bevor man hier unbelegte Vermutungen in den Raum wirft.

    • Ich kann eine weitere Quelle benennen, die das Volumen der Finanzderivate anschaulich anderen Größen gegenüberstellt. Das ist der „Atlas der Globalisierung“ der Zeitschrift Le Monde diplomatique 2012. Der Atlas hat regelmäßig hervorragende Grafiken zu politischen und wirtschaftlichen Themen mit globalem Bezug im Reservoirs. Man kann ihn hier beziehen: http://goo.gl/iuxVUb
      Das Inhaltsverzeichnis wird hier gelinkt: http://goo.gl/x29n3y
      Auf seite 39 wird in einer Grafik einem Finanzderivatevolumen von 720 Billionen US-Dollar (im Jahr 2012!) ein Weltsozialprodukt von 62 Billionen Dollar gegenübergestellt. Die Hebelwirkung der Derivate beläuft sich also schon damals (wenige Jahre nach der Finanzkrise) auf den Faktor 11,6. Die Welt müsste also knapp 12 Jahre nur für die Derivatewirtschaft arbeiten, um dieses fiktive Kapital zu bedienen.

      Nebenbei erwähnt die Karte auch, dass es ein globales Geldvermögen von 75 Billionen US-Dollar gibt. Daran hält nach neuesten Schätzungen der Bundesbank Deutschland allein gut 14 Billionen US-Dollar (also 14.000 Milliarden oder 140.000 Millionen). Dieses Vermögen ist gleichwohl hoch konzentriert. 10 Prozent Superreiche halten rund 60 Prozent des gesamten Vermögens. 50 Prozent der Deutschen haben kein Vermögen oder Schulden. Das kapitalistische System kennt nur die Akkumulation von Kapital und die rastlose Anhäufung von Geld. Geld kennt keine Grenze. Und daher muss das Wirtschaftssystem regelmäßig Zerstörungen herbeiführen, die als „Reinigungsprozesse“ oder schöpferische Zerstörung (Schumpeter) die Akkumulation am Laufen halten. Nebenbei vermerkt der Atlas noch, dass allein 6 Billionen Dollar in Steueroasen geparkt sind.

  6. Herr Wolff gelingt es, ein für den Laien relativ undurchschaubares Fachgebiet in eine allgemeinverständliche und sehr bildhafte Sprache zu fassen. Ein Umstand, der seine Beiträge äußerst lesenswert macht. Ich verstehe nach der Lektüre nicht mehr Bahnhof, sondern beginne das ganze Ausmaß der Farce zu erahnen, die man heute Finanzindustrie nennt.

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