KenFM am Telefon mit: Prof. Dr. Heinz Cornel über das Strafvollzugsgesetz am 6.6.2012

Seit 1977 regelt in Deutschland das Strafvollzugsgesetz, nach welchen festen Regeln ein Straftäter im Gefängnis behandelt wird. Dieses Gesetz soll jetzt im Rahmen der Föderalismusreform überholt werden. Zehn Bundesländer haben im September 2011 einen neuen Musterentwurf erarbeitet, den der Ziethener Kreis, das ist ein Zusammenschluss von verschiedenen parteipolitisch unabhängigen Experten, inhaltlich geprüft hat. Prof. Dr. Heinz Cornel ist Jurist, Diplompädagoge, Kriminologe und Professor für Jugendrecht, Strafrecht und Kriminologie und er ist einer des Experten des Ziethener Kreises. Zu welchem Ergebnis der Ziethener Kreis bei der inhaltlichen Prüfung des Gesetzesentwurf gekommen ist, was konkret der Ziethener Kreis ist und wie es mit der tatsächlichen Umsetzung des „alten“ und des „neuen“ Strafvollzugsgesetzes aussieht, das erklärt uns Prof. Dr. Heinz Cornel.

2 Kommentare zu: “KenFM am Telefon mit: Prof. Dr. Heinz Cornel über das Strafvollzugsgesetz am 6.6.2012

  1. Gutes Gespräch,

    doch geht mir bei solchen Leuchtturmarbeiten, wie es der Ziethener Kreis ist, regelmäßig der Hut hoch. In meinen nun zehnjährigen Arbeiten als Tätertherapeut habe ich schon viele Minister und Profs. Kommen und gehen gehen sehen. Böse gesagt: Hauptsache die Karriere klappt; und das Parteibuch stimmt.

    Der Resozialisierungsgedanke ist alt.
    Dennoch habe ich nur zwei Vollzugsanstalten kennen gelernt, bei denen die Resozialisierung tatsächlich auch im Vordergrund stand, der Arxhof in der Schweiz (Prädikat: sehr gut) und die JA-Göttingen (Prädikat: gut). Übrigens, in der JA-Göttingen ist der Gedanke zum Anti-Aggressivitäts-Training erwacht, das dann in der JA-Hameln groß wurde; bis man es mobbte.

    Um es kurz zu machen: Wenn man in den Vollzugsanstalten ein stationäres Sozialtraining instalieren möchte, das dauerhaft vor Ort Erfolge aufweist, dann ist das in der Regel nicht möglich. Denn je besser das Sozialtraining, desto intensiver sein Mobbing. Man kann das natürlich nicht pauschal so sehen; ich weiß, es gibt Leucttürme, aber selbst die ermöglichen nicht das möglich Machbare – in Deutschland.

    Es herscht in den Vollzugsanstalten ein deutlciher Kampf der Beamten über die Oberhoheit in der Hierarchie des Gebäudes. Je besser ein Sozialtrain er, desto argwöhnicher versuchen die Beamten dort, verlorene *Folgsamkeit der Insassen* wieder herzustellen; man entlässt solche Trainer.

    Und noch etwas, das Wesen solcher Hierarchien: Ein Anstaltsleiter bekommt von seinem Ministerium immer nur die Gelder zugesprochen, woran auch seine Karrieremöglichkeit zappelt, wieviele Betten dort belegt sind. Freie Betten, also erfolgreiche Resozialisierung heißt, weniger Insassen. Darauf folgt weniger Personal und wenn es ganz Dicke kommt, dann folgen Zusammenschlüsse von zwei Anstalten in eine.

    Je häufiger die Vollzugs-Beamten die Insassen bestrafen können, desto höher ihre Macht über selbige und desto schlechter fällt die Evaluation über das Sozialtraining dann aus bei denen, die daran Teil haben.
    Das habe ich so oft erlebt.

    Zimbardo hat ja in seinem Anstaltsexperiment genügend Ekel über solche Strukturen nachweisen können.

    Das wichtigste wird selten erwähnt, Dr. Cornel hat es angedeutet: Wenn in deutschen Gefängnissen der „Drehtür-Effekt“ über ein spezielle Ausbildung oder Fortbildung bei den Vollzugsbeamten zur Pflicht oder usus wird, dann werden auch neue Standards gar nichts bewirken. Straftäter werden durch das Millieu des Knastes erst zu Wiederholungstätern (Drehtür-Effekt). Wer bei der resozialisierung diesen Effekt nicht mitberücksichtigt, der setzt am falschen Punkt an.

    Die ambulanten Helfer – genau das Gleiche. Massenhaft habe ich die auf meinen Seminaren erlebt. Zu mindestens 90 Prozent sind die unfähig, Insassen in die Gesellschaft zu integrieren. Warum? Weil sie von den Insassen nicht für voll genommen werden. Das sind Vollluser für die.
    Täter sind körperintelligente Praktiker, nicht kopfintelligente Praktiker. Täter überzeugt man mit millieuspezifischen Mitteln. Sind diese millieufremd (für deren Rangordnungserleben unterste Stufe) dann wird man bei denen nichts bewirken.

    kÖRPERFITNESS; kONFLIKTLÖSUNGSFEST UND VORBILDECHT, ohne solche Skills keinen Erfolg. Insassen nehmen einen nicht für voll, wenn man sich mit denen nicht auf Augenhöhe, mittels derer Skills austauschen kann und dann *beeltert*.

    Und die ambulanten Helfer, die dann integrieren sollen, werden dann sowieso mittels Systempressen integrieren wollen; das hilft ebensowenig ja schon bei denen, die überhaupt nicht starffällig sind – beim Ottonormalverbraucher.

    Hört sich düster an, ist es aber nicht, wenn man tatsächlich auf oberster Ebene, die richtigen Mittel zur Ausbildung anwenden würde; ich wage mal die Vermutung, dass dann das Gros der Professoren nicht mehr mitspielen würde.

    Falls sich das, was Dr. Cornel richtigerweise angibt, im Durchsetzungsprozess der politischen Ministerien landet, dann wird es, meinen vielen Erfahrungen nach, bis zur Unkenntlichkeit zerkleinert und als bestes Mittel aller Zeiten an die Bürger verkauft werden.

    Fazit: Die Politik wird sich vermehrt um Outsourcing der Anstalten bemühen, sie in Privatunternehmen verwandeln und ein paar Leuchttürme für * Günther Jauch und Co.-Talks für die Massen* benutzen. Denn, genau so wenig wie die Politiker sich für wirklich für Kinder einsetzt, so wird sie sich noch weniger für Straftäter einsetzen und ihr eh so rares Geld für Resozialisierung ausgeben. Resozialisierung, wenn sie gelingen soll, ist teuer, sehr teuer.

    So, aus dem kurz machen ist leider nichts geworden, dennoch eins, was Wichtiges aber nie erwähnte: In der Sozialtheorie täte man gut daran, Heisenberg oder Schrödinger ins Boot zu nehem. Denn: *Der Beobachter beeinflusst das Ergebnis allein durch seine Anwesenheit*, also verschmiert er das Ergebnis. Und diese Verschmierung wird überhaupt nicht in Evaluation zu den Konzepten betrachtet, so das stets Nichtexperten über Experten urteilen können. Oder über Konzepte, die durch den im Ort herrschenden Beamten-Geist völlig in ihrer Anwendung verschmutzt sind.

    Wie oft habe ich erlebt, dass aus Nichtigkeiten Einmzelhaft wurde und damit die Teilnahme nicht nur gefährdet, sondern das ohnehin schon hochsensible Anteilnehmen der Täter völlig sabotiert wurde; um den Erfolg zu schmälern…
    Es gibt dort so dämliche Seilschaften.., ach lassen wir das.
    Herzliche Grüße an euch

    Rüdiger Lenz

    Wer Schreibfehler findet, kann sie behalten 😉

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