Herr Kerry weiß wer bomben darf

Massaker und Flucht in Syrien vom Westen gewollt

Von Ulrich Gellermann.

„Assad und Russland töten Zivilisten!“ röhrt der US-Außenminister in die Weltöffentlichkeit und der Chor westlicher Epigonen stöhnt auf vor Lust am Echo: Jetzt habe aber die „russische Luftwaffe viele Menschen in die Flucht getrieben“, referiert die ARD untertänigst. Der SPIEGEL variiert kaum: „Russland bombt Assad-Milizen den Weg frei“. Und die völlig unabhängige TAZ weiß genau: „Eine Offensive der Regierungstruppen und massive russische Luftangriffe bei Aleppo haben Zehntausende Menschen an die Grenze zur Türkei getrieben.“ Noch im Knien serviert der TAZ-Redakteur das Betthupferl für den Gewohnheitsatlantiker: „Das Weiße Haus zeigte sich tief besorgt.“ Nach mehr als vier Jahren Krieg, nach mehr als vier Millionen Flüchtlingen, weiß der Westen wer Schuld hat: Der Russe. Zwar haben die russischen Streitkräfte erst vor ein paar Monate in den Krieg eingegriffen. Aber das hindert Kriegs-Tobsüchtige wie Norbert Röttgen nicht daran jetzt plötzlich von „brutalem Zynismus“ zu sprechen. Und auch der Biedermann Steinmeier meldet mit Unschuldsmine, die Russen seien Schuld an der Vertagung der Friedensgespräche.

Als die USA im August 2013 ihre irakische Giftgas-Nummer in Syrien erneut aufführen wollten, um einen Vorwand für Einsatz von Bodentruppen in Syrien zu schaffen, wurde im öffentlichen Deutschland kein Zynismus angemerkt. Als die „Stiftung Wissenschaft und Politik“ – die Denkfabrik des deutschen Kanzleramtes – im Januar 2012 genehme Teile der syrische Opposition zusammentrommelte, um die Zeit „nach Assad“ zu organisieren, konnten die Steinmeiers keine Mitschuld am Krieg erkennen. Und genau so ist es auch mit den Bomben: Westliche Bomber bomben immer nur und ausschließlich rund um die Dörfer und Stadtviertel. So jedenfalls will ausgerechnet die USA, die Horror-Mutter aller Kollateralschäden einer verblüfften Welt weismachen. Und ihre Follower auf den deutschen Rängen können sich nicht einmal an die 50.000 Libyen-Tote im Ergebnis des westlichen Regime-Change erinnern. Oder war der Russe auch dort?

Vergessen, verdrängt, verschwiegen: Der Syrienkrieg war kaum drei Monate alt, da meldeten im Juli 2012 der US-Fernsehsender CNN und die Nachrichtenagentur Reuters die Finanzierung der Rebellen mit rund 25 Millionen US-Dollar durch die USA. Außerdem erlaube die Regierung die heimliche Unterstützung der Aufständischen durch den Geheimdienst CIA und durch andere Behörden. Kein Russe weit und breit. Schon Im März 2012 sagte der „Legal Adviser“ des amerikanischen Außenministeriums Harold Koh auf der Jahrestagung der amerikanischen Völkerrechtler, man „helfe und applaudiere“ der Arabischen Liga bei ihren „konstruktiven Schritten“ im Syrien-Konflikt. Der „konstruktive Schritt“ der arabischen Liga, angeführt von den finsteren Saudis, bestand aus viel Waffen und viel Geld zum Anheizen des Krieges. Im März 2013 lieferte die „New York Times“ unter der Überschrift „Waffenlieferungen an syrische Rebellen ausgedehnt – mit Hilfe der CIA“ einen detaillierten Bericht. Er wies mehr als 160 Frachtflüge mit Kriegswaffen nach, die seit Anfang 2012 aus Saudi-Arabien, Qatar und Jordanien regelmäßig am türkischen Flughafen Esenboga entladen und von dort über die Grenze nach Syrien geschafft wurden – alle mit logistischer und vielfacher sonstiger Hilfe der CIA. Wo waren nur die Russen?

Selbst als in der Nacht vom 22. zum 23. September 2014 Kampfflugzeuge der Vereinigten Staaten zusammen mit Flugzeugen aus Golfstaaten Bomben-Angriffe auf syrischem Gebiet flogen, war noch kein Russe zu sehen. Nicht einmal als Israels Militär – laut einem 2015 vorgelegten Bericht der United Nations Disengagement Observer Force – syrische Aufständische unterstütze, waren die Russen dabei. Warum auch: Nicht sie sondern die Israelis nutzten die Gelegenheit und begannen mit dem Bau von zusätzlichen Häusern auf den syrischen Golan Höhen, um weitere Siedler auf dem besetztem Gebiete unterzubringen. Auch als Ende Juli 2015 die türkische Luftwaffe Stellungen kurdischer PKK- und YPG-Truppen auf syrischem Gebiet zerbombten – jede Menge ziviler Oper inbegriffen – waren von den Herren Steinmeier und Röttgen und den angeschlossenen Medien kein kritischer Ton zu hören. Warum? Weil kein Russe in der Nähe war. – Natürlich treffen auch russische Bomben nicht nur militärische Ziele. Aber erst seit die russischen Streitkräfte in Syrien mitmischen, gibt es überhaupt Verhandlungen der kämpfenden Parteien.

Unter dem Vorwand, man wolle die syrische Opposition unterstützen und die Diktatur beenden, hat der Westen im syrische Krieg von Beginn an Massaker und zivile Tote ohne Zahl in Kauf genommen und mitverursacht. Wer entscheidet eigentlich, ob zuerst die saudische oder die syrische Diktatur beseitigt wird? Der Westen in seiner demokratischen Weisheit, der seine geostrategischen Interessen, seine Feindschaft mit dem Iran und seine Rohstoff-Begierden in den frommen Mantel der Demokratie hüllt, um noch mehr Tote und noch mehr Flüchtlinge zu erzeugen. Lange Zeit schien es so, als wäre der Regime-Change in Syrien möglich. Ein Wechsel, wenn er denn gelänge, der fraglos jede Menge islamistischer Finsterlinge an die Macht gebracht hätte. Nun scheint sich das Blatt zu wenden. Jetzt schreit der Westen „haltet den russischen Dieb“. So schreien jene Verbrecher, die auf dem Weg sich Syrien unter den Nagel zu reißen, die Hölle eines internationalen Krieges entfesselt haben.

Quellen: http://www.rationalgalerie.de/home/herr-kerry-weiss-wer-bomben-darf.html

 

Danke an den Autor für das Recht der Zweitverwertung.

Dieser Text erschien zuerst in der Rationalgalerie.de.

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6 Kommentare zu: “Herr Kerry weiß wer bomben darf

  1. Ich frage mich schon seit Längerem, was unserem Grundwasser eigentlich beigemischt wird. Dies ist natürlich die zynische Antwort auf die Frage, ob die Massen wirklich so dumm sein können.

    Es ist doch so: Auf der einen Seite will man seit 2001 den Islamisten in allen Ländern der Welt das Licht ausblasen; dazu beschneidet man Bürgerrechte, verletzt das internationale Völkerrecht, tötet tausende Menschen rund um den Globus und treibt noch mehr in die Flucht. Auf der anderen Seite verharmlost man eben jene fragwürdigen Horden, wenn es dem (geo-) politischen Interesse dient – aktuell in Syrien.

    Wie schafft man es, zwei vollkommen konträre Aussagen in einem Satz unterzubringen, ohne beim Zuhörer ein Gefühl des Widerspruchs aufkeimen zu lassen? Meinem Verständnis nach sollte sowas in einer funktionierenden Demokratie gar nicht möglich sein.

  2. Putin zu dämonisieren gehört ebenso zur Kriegspopaganda wie jede Einseitigkeit. Das Selbstbild des Westens – Wir die Guten, die deshalb alles dürfen, weil wir so gut sind – und gegen den Dämon ist jedes Mittel recht, das führt da hin: http://www.bundeswehr-journal.de/?submit=l&s=1%2C3+Mio+Tote
    Bis März 2015 über 1,3 Mio Tote eingestanden durch eine Nato-Armee, und seither wird dieser Toten“tanz“ mit immer mehr Öl ins Feuer weiter weiter eskaliert. Nur: Es sind keine bösen Mächte, es ist der Kapitalismus, der -wie Oskar L. oft zitiert- den Krieg in sich trägt, wie die Wölke den Regen. Konkurrenz um Märkte und (kurzfristige) Profitperspektiven bringen Aktien nach oben… If you want to kind of understand war, then follow the money – Beispiel von den Militaristen: http://csis.org/files/media/csis/pubs/080919_afghanwarcosts.pdf

  3. Wenn das Thema nicht so ernst wäre, könnte man diese -ausgerechnet in der ehemals linksliberal-systemkritischen Süddeutschen stehende- einseitige kriegsbeschönigende Propaganda (die nebenbei das Bündnis mit Islamisten verharmlost) unter ‚unfreiwillige Komik‘ einordnen.

  4. Das ist auch meine Ansicht.
    „Jeder Journalist, der für Springer arbeiten will, muss eine Klausel unterschreiben, dass er oder sie sich für Israel und die Transatlantische Partnerschaft einsetzt. (siehe auch „Die Atlantik-Brücke“ in „Lichtsprache“ Nr. 85, Seite 62 ).
    Tut er dies nicht,
    bekommt er keinen Arbeitsvertrag.
    Bertelsmann, der zweite Pfeiler des deutschen Medienimperiums,
    schreibt inzwischen an Gesetzesvorlagen mit. Zum Beispiel hat Bertelsmann an Schröders Agenda 2010 und den Hartz IV-Regelungen mitgewirkt. Auch die Bertelsmann-Stiftung gehört zur Transatlantischen Partnerschaft. Aus diesem Grund wirken auch alle Magazine und Zeitungen, als wären sie aus demselben Verlag (was sie ja auch sind).
    Alle Themen sind abgesprochen, vorgegeben und treu nach der Linie Pro-Israel und Pro-Amerika geschrieben. Was nicht auf der Linie liegt, wird unterschlagen und einfach nicht veröffentlicht.“

    Also vergesst das Einfach.
    Abschalten und Lieber Tee trinken.Es ist Leider so und wird sich nicht ändern.
    MFG LB

  5. „Herr Kerry weiß wer bomben darf“

    Und Herr Kerry hat es offenbar Stefan Kornelius von der SZ mitgeteilt, damit dieser es in die Köpfe der letzten links-liberalen Leser schreibt. Unter der Überschrift „Wo bleiben die USA?“ ruft er nach der dringend benötigter Führung, welche die Türkei, die Golf-Staaten und Europa bräuchten. Die Lage sei (ist sie wohl auch) gefährlich. „Der offene Staaten-Krieg steht kurz bevor: Saudi-Arabien, Jordanien, Ägypten, vielleicht gar Malaysia greifen auf Seiten der Rebellen mit Bodentruppen ein, während die von Iran und Moskau alimentierten und entsendeten Söldnerscharen ihre Deckung preisgeben.“ Daher müsse der Westen (unter Führung und Anleitung der USA) dringend intervenieren. Denn „Machthaber Assad und Obermachthaber Putin sind sich mit der Führung in Teheran einig, dass die Verhältnisse im Krieg und nicht in Genf per Verhandlung gelöst werden.“ Das Ziel, Assad zu stürzen, kann so nicht erreicht werden.

    Aber zum Glück gibt es die Führungsmacht USA. „Die Golfstaaten, die Türkei, der flüchtlingsgebeutelte Westen brauchen Führung. Die USA könnten den Nato-Russland-Rat wiederbeleben. Sie könnten sich stärker um ihren Partner Türkei sorgen. Eine Allianz pro Flüchtlinge könnte militärisch gesicherte Gebiete an der syrischen Grenze einrichten samt Flugverbotszonen. Ideen gibt es viele. Ohne die USA werden sie nicht umgesetzt werden.“

    Quelle: http://www.sueddeutsche.de/politik/syrien-wo-bleiben-die-usa-1.2851541

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