Herrschafts-Strategie – Ein Gedicht

Machen wir es uns doch leicht,
sagen wir einfach: Alles ist relativ.
Und schon sind die Verhältnisse
je nach Standpunkt verschieden,
aber den Umständen nach gerechtfertigt.
Ich bin relativ, du bist relativ, er ist relativ,
auf den Standpunkt kommt es an.
Bekanntlich haben auch Fabrikanten
unter Minderwertigkeitskomplexen zu leiden.
Die Sorgen eines Universitätsprofessors
und eines Fließbandarbeiters
sind natürlich relativ.
Sogar Unmenschlichkeit kann relativ sein.
Ein Neckermannurlaub auf Mallorca,
eine Großwildsafari in Afrika,
Geld oder kein Geld,
Eigentum, Arbeit, Gesundheit,
Krieg oder Frieden,
alles ganz einfach relativ.

 

Aus: Wolfgang Bittner, „Südlich von mir“, Lyrikedition 2000/ Allitera Verlag, 2014.

 

Kürzlich erschien im Westend Verlag das neue Buch von Wolfgang Bittner „Die Abschaffung der Demokratie“. https://www.westendverlag.de/autoren/wolfgang_bittner/

6 Kommentare zu: “Herrschafts-Strategie – Ein Gedicht

  1. Im Gegenteil:Wir machen es uns nicht leicht, wenn wir relativieren. Nein: Wir, ich, du, er… sind nicht relativ, der Mensch ist nicht relativ. Es ist der Standpunkt, der relativ ist.
    Machen wir es uns also nicht leicht, sagen wir: Alles ist relativ, aber der Mensch ist es nicht.
    „Meine Zielgruppe ist der Mensch“, so Ken Jebsen. Ich verstehe das so, daß Standpunkte, Umstände etc. relativ sind; der Mensch nicht.
    Das Gegenteil von relativ ist absolut. Absolutismus ist Herrschaftsstrategie.

    • Oh, gerade im Wahrheitsrelativismus muss man sich absolut im Klaren darüber sein, worüber man redet.
      Beim über andere Reden geht sowas öfter mal unter.

      Wer Wahrheit zum Spielball haben möchte, der sollte sich an Leute wenden, die triviales Wissen nicht aufweisen können; derer gibt es ja genug.
      Das weiß ich mit absolutistischer Sicherheit. 😉

    • „Das Gegenteil von relativ ist absolut. Absolutismus ist Herrschaftsstrategie.“
      Eine Aussage ohne jegliche Anerkennung des Relativismus des eigenen Sprechens, wie ich finde.
      Eine Aussage mit Herrschaftsanspruch also.

      Standpunkte seien relativ. Der Mensch nicht?
      Über das Ausmaß, wie sehr das, was der Mensch ist, von seinen Veräußerlichungen
      abhängt und von seinem intersubjektiv kommunizierten Selbstbild, wurde noch nicht genug
      aus Perspektiven gesprochen, die jenseits des Perspektivischen angesiedelt sind.

      Stichwort: Konzeptrealismus.

      „Absolut“ als Schimpfwort zu bezeichnen, ist ein steckengebliebener Freiwurf aus den Reihen
      der Aufklärer. Und eher ein Eigentor.

      Und jeder einzelne von diesen möchte sein eigener Chef sein….

      **************************************

      Ich unterschreibe was Bittner hier getextet hat mit einer feinen Ironie, die leicht zu überhören ist.

      Und ich halte es mit Ken Wilber: Holons in Holons in Holons, bis ins Unendliche.
      Innerhalb eines jeden Holons andere Wahrheiten. Aber deshalb trotzdem keine
      Beliebigkeit.

    • Ein Vorschlag. Ein absoluter Wert, der nicht widerlegt und nicht relativiert werden kann:
      das Leben.

      Um diesen Wert herum kann man bauen.

      Und das weiß ich mit absolutistischer Gewißheit.

    • Genau, Justzen, „machen wir es uns doch leicht.“
      NIchts gilt mehr. Unheilbar an Ironie erkrankt.
      Die Haltung des Frosches im Einmachglas hatte
      für mich auch schon immer etwas Abwartendes…
      ttps://www.youtube.com/watch?v=7WzhrUQyAN4
      Ich bin ja nicht einmal ein Apfel.
      Ich kann ihn ja nur essen.

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