HIStory: Der rätselhafte Tod des Präsidenten Harding

Der Buchautor und Publizist Hermann Ploppa erläutert in HIStory kurz und sachlich historische Daten und Jahrestage von herausragenden geschichtlichen Ereignissen. Dabei werden in diesem Format Begebenheiten der Gegenwart, die mit einem Blick in die Vergangenheit in ihrer Bedeutung besser einzuordnen sind, künftig alle 14 Tage montags in einen geschichtlichen Kontext gebracht.

Das Thema heute: Der plötzliche und rätselhafte Tod des vergessenen Präsidenten Warren Gamaliel Harding.

Sicher haben Sie noch nie etwas vom 29. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gehört. Sein Name: Warren Gamaliel Harding.

Er löste Woodrow Wilson im Präsidentenamt ab. Sein Nachfolger war der ebenso farblose wie ebenfalls komplett vergessene Calvin Coolidge. Die Geschichte des Präsidenten Harding ist allerdings ebenso spannend wie aufschlussreich. Wir verstehen dann die Geschichte des Erdöls und der Sowjetunion um einiges besser. Gehen wir also mitten hinein:

Das Präsidentenehepaar macht Station in Vancouver. Die Hardings befinden sich auf der  Rückreise von einem Sommerurlaub in Alaska. Beim Mittagessen wird es dem Präsidenten  plötzlich sehr übel. Die Sommerfrischler reisen dennoch weiter nach San Franzisco, wo das Staatsoberhaupt am 2. August 1923 im Alter von 57 Jahren verstirbt.

Die Amerikaner sind traurig und erschüttert. Harding erfreut sich außerordentlicher Beliebtheit. Die Presse ehrt ihn als „größten Bürgerpräsidenten seit Lincoln“, gar als „idealen Amerikaner“. Der rasche Tod in der Blüte seines Lebens erregt Verdacht. Bösartige Zungen in Washington wispern, die First Lady Florence „Flossie“ Harding hätte ihren Gemahl mit einem weißen Pulver im Mittagsmenue meuchlings dahingemordet. Denn Harding sollte nicht nur ein Verhältnis mit einer Dame namens Nan Britton unterhalten haben, sondern es soll auch eine uneheliche Tochter Elizabeth aus dieser Liaison hervorgegangen sein.

Der Präsidentenbiograph Robert Ferrell erteilt diesen Yellow-Press-Geschichten in einem 1998 erschienenen Buch eine klare Absage: bislang unveröffentlichte Dokumente des Harding-Arztes Joel T. Boone belegen, dass sein Patient schon viele Jahre vor dem Ableben unter Bluthochdruck und Herzschwäche litt. Zudem absolvierte Harding mit 24 Jahren nach Nervenzusammenbrüchen einen mehrmonatigen Sanatoriumsaufenthalt.

Konstitutionelle Anfälligkeit und eine geringe Stresstoleranz waren nicht die einzigen Ursachen seines Herzinfarkts. Es stellte sich bald heraus, dass Harding einer Regierungsmannschaft vorstand, die in puncto hemmungsloser Selbstbereicherung und Verantwortungslosigkeit gegenüber öffentlichem Eigentum bislang ohne Beispiel gewesen ist. Harding sank schnell im allgemeinen Ansehen herab zu einem inkompetenten, durchsetzungsschwachen Schönredner. Ein willenloser Strohmann der Ölindustrie, so sagt man heute. In allen Rankings der Präsidenten des Zwanzigsten Jahrhunderts belegt er den letzten Platz. Ist das harsche Urteil gerechtfertigt?

Warren Gamaliel Harding kommt 1865 in den Tiefen des Bundesstaates Ohio zur Welt. Im Städtchen Marion gründet er das Blättchen The Marion Star. Harding hätte wahrscheinlich als Herausgeber des Wochenblattes seine Erfüllung gefunden – ja, hätte ihn nicht die wohlhabende, um Jahre ältere Millionärswitwe Florence Kling de Wolfe geheiratet.

Die ehrgeizige Frau mit Sympathien für die frauenemanzipatorische Suffragettenbewegung sorgt dafür, dass der Marion Star täglich erscheint und dass ihr Warren in der Lokalpolitik mitmischt. Und Warren Gamaliel wird immer öfter als Redner in Ohio angefordert. Es weiß zwar kaum jemand, worüber der stattliche attraktive Mann eigentlich gerade spricht. Harding nennt seinen Bramarbas „Bloviating“. Jenseits von Semantik und Syntax klingt es den Bürgern von Ohio wie Musik in den Ohren. Und sie können nicht genug davon bekommen.

Deshalb wird Harding im Jahre 1900 Senator für die Republikaner im Bundesstaat Ohio. Avanciert 1904 zum stellvertretenden Gouverneur dieses Staates. Bei der Wahl um den vakanten Posten des Gouverneurs unterliegt er allerdings zwei Jahre später.

Nach einer neunjährigen Reifungsperiode schafft Harding 1915 den großen Sprung in das Oberhaus des Washingtoner Kongresses, den Senat. Nichts ist zu berichten von bemerkenswerten Gesetzesinitiativen, scharfsinnigen rhetorischen Klingenschwüngen oder treffsicheren Investigationen gegen die durchaus fragwürdige Wilson-Administration. Harding fällt eher auf durch Folgsamkeit gegenüber der republikanischen Parteiführung. Als maßvoller Freund des guten Tropfens stimmt er brav für das Alkoholverbot. Und: da Harding sich jetzt gute Texter leisten kann, wird seine Schönrede neuerdings mit Sinn und Satzbau unterfüttert.

Allerdings stockt Warren Gamaliels Redeschwung seit neuestem vor anspruchsvollen Wörtern fremdgewebter Manuskripte.

Es naht die Stunde, da an der Spitze des nunmehr mächtigsten Staates der Erde ein Mann dringend benötigt wird, der exakt die Charaktereigenschaften unseres Warren Gamaliel Harding aufweisen kann.

Denn der demokratische Präsident Woodrow Wilson war 1917 von den Wählern nur unter der Bedingung wiedergewählt worden, dass er die USA aus dem Weltkrieg heraushalten würde. Drei Monate später sind die USA mittendrin im europäischen Schlammgraben. Und Wilson will die Welt neu gestalten, hin zum Schönen und Guten. So sagt er. Genüsslich zitieren republikanische Abgeordnete aus einem vielgelesenen Buch, in dem John Meynard Keynes schonungslos darlegt, wie Wilson bei den Pariser Friedensverhandlungen von Clemenceau und Lloyd George an der Nase herumgeführt wird wie ein Tanzbär.

Der oberste Souverän der USA, der Wähler nämlich, hat genug von amerikanischen Weltbeglückungsvisionen. Harry Daugherty aus Ohio macht der republikanischen Parteiführung klar, dass Harding der Mann der Stunde sei, denn Harding „sieht aus wie ein Präsident“. Das leuchtet den Führern der Grand Old Party ein. Die größte Tugend des zu wählenden Präsidenten soll nämlich das Nicht-Tun sein. Ein Mann ist gefragt, der die heimische Wirtschaft mit Schutzzöllen gegen auswärtige Konkurrenz abschottet, und der die Außenpolitik den Konzernen und Kartellen überlässt.

Im November 1920 erhält Harding fast doppelt so viele Wählerstimmen wie sein demokratischer Konkurrent James Cox, der als Vizepräsidentenkandidaten einen Nachwuchspolitiker namens Franklin Delano Roosevelt nominiert hatte. In seiner Inaugurationsrede spricht Harding aus, was die überwältigende Mehrheit aller Amerikaner empfindet:

Zitat: „Der dokumentierte Fortschritt unserer Republik … belegt die Weisheit der überkommenen Nichteinmischung in die Angelegenheiten der Alten Welt … Amerika darf keiner dauerhaften militärischen Allianz angehören. Es darf keine politischen Verpflichtungen eingehen, und es darf auch keine wirtschaftlichen Verpflichtungen eingehen, durch die es sich einer fremden Autorität beugen müsste.“

Die Kriegsmaschinerie soll zurückgefahren, die Bevölkerung von Steuern entlastet werden. Hardings Weg weist in eine gutmütige Stagnation: „Wir streben nach Normalität, um Stabilität zu erreichen.“

Eigentlich kann nichts schiefgehen. Das Ostküsten-Establishment entsendet den potenten Bankier Andrew Mellon, der mit Argusaugen im Finanzministerium über das Volksvermögen wacht. Die Außenpolitik verwaltet Charles Evans Hughes, der zuvor als Anwalt die Interessen von Standard Oil of New Jersey vertreten hat, dem mit Abstand größten Ölkonzern der Welt.

Das Ehepaar Harding kann sich auf angenehme Jahre freuen, angefüllt mit Kindergartenbesuchen, Brückeneinweihungen und vor allem: vielen wohlklingenden Reden vor erlesenem Publikum. Doch der frischgebackene Präsident Harding merkt bald, dass er ein Ticket für die Geisterbahn gelöst hat.

Einem Freund gesteht er zähneklappernd: „Mein Gott, das ist ja ein Höllenjob! Ich hab’ keine Probleme mit meinen Gegnern. Die hab’ ich im Griff. Aber meine verdammten Freunde … die sind schuld, dass ich nachts schlaflos durch die Zimmer irre.“

Hardings verdammte Freunde: das sind Emporkömmlinge, die die Höhenluft der Macht im Weißen Haus nicht vertragen. Leute, die der Versuchung nicht widerstehen können, von dem immensen Volksvermögen, das ihnen qua Amt anvertraut ist, einen erklecklichen Teil in die eigene Tasche umzuleiten. Parvenüs, deren lautes Auftreten den großen Familien des Ostens ein indigniertes Hochziehen der Augenbrauen und Naserümpfen verursacht.

Von Unregelmäßigkeiten bei der Verteilung beschlagnahmter Feindvermögen ist die Rede. Verurteilte Mafiabosse sollen dank Protektion durch Justizminister Daugherty frei in der Welt herumreisen dürfen. Ein schwunghafter Handel mit Sondergenehmigungen zur Alkoholproduktion und Lagerung soll sich gebildet haben.

Aber das ist nur Kleinholz, verglichen mit dem schmachvollen Teapot-Dome-Skandal, der Hardings Reputation für alle Zeiten in den Straßenkot zerren sollte. Harding sollte bereuen, den Rancher Albert Fall aus New Mexico zu seinem Innenminister bestellt zu haben. Fall untergrub die nationale Sicherheit an einer zentralen Stelle.

Denn 1911 stellen zur gleichen Zeit Großbritannien und die USA ihre Kriegsmarine auf Öl als Treibstoff um. Die Maßnahme vergrößert Schnelligkeit und Flexibilität der maritimen Streitkräfte erheblich. Um sich im Kriegsfall nicht von Ölkonzernen überhöhte Preise diktieren zu lassen, sichern sich die beiden Regierungen Ölfelder mit eigener Infrastruktur. Die USA besitzt Ölfelder in Salt Creek, genannt Teapot Dome, in Wyoming, sowie in Kalifornien die Elk Hills und das Buena-Vista-Gelände.

Der neue Innenminister Albert Fall zieht die Kompetenzen für jene Ölfelder vom Marineministerium herüber in sein eigenes Ressort. Harding gibt dieser Kompetenzverschiebung durch Executive Order 3474 seinen präsidentiellen Segen. Falls ehemalige Senatorenkollegen glauben ihm nicht so ganz, wenn er beteuert, die Felder seien bei ihm in guten Händen. Sie erinnern sich nur zu gut, wie Fall als Mitglied im Senatsausschuss für staatseigene Liegenschaften immer wieder versucht hatte, öffentliche Objekte an Freunde zu verschachern. Und schon im Dezember 1921 kommt es buchstäblich zum Kuhhandel.

Am gemütlich knasternden Lagerfeuer vor Albert Falls Ranch in Neu Mexico verabredet der Innenminister mit dem Eigentümer des Ölkonzerns Mammoth Oil, Harry Sinclair, folgenden Deal: Sinclair erhält die Ausbeutungsrechte für das gesamte Teapot Dome-Areal. Im Gegenzug baut Sinclair eine Pipeline zur Atlantikküste. Dort installiert Sinclair große Lagertanks und verpflichtet sich, diese stets vollgetankt für die Bedürfnisse der Kriegsmarine bereitzuhalten.

Als erstes kleines Dankeschön spendiert der Ölmagnat dem wackeren Politiker-Rancher: sechs jungfräuliche Kühe, zwei Zuchtbullen, zwei Eber, vier Sauen, und für den Altknecht einen englischen Rassehengst. Sinclairs Schwiegersohn überbringt dem Minister sodann 133.000 Dollar, teils in bar, teils in Pfandbriefen.

Durch ein gleichartiges Geschäft verschachert Fall die kalifornischen Ölfelder Elk Hills und Buena Vista an den Eigentümer der Panamerican Oil, Edward Doheny. All dies geschieht ohne Rückfrage beim Senat. Die Verträge werden klammheimlich abgeschlossen. Insgesamt erwirbt Fall neben seinen Zuchtsauen etwa eine halbe Million Dollar, sagen wir: für Beratertätigkeiten, aus allen drei Liegenschaften. Im Gegenzug schanzt er Doheny und Sinclair potentielle Ölfördererlöse in Höhe von schätzungsweise 300 Millionen Dollar zu. Für damalige Verhältnisse eine gigantische Summe.

Doch es ist nichts so fein gesponnen, es kommt doch an das Licht der Sonnen.

Falls Nachbarn verpetzen an die örtlichen Politiker den wundersamen Zuwachs an Ländereien des Innenministers. Konkurrenten protestieren wütend gegen die offenkundige Bevorzugung von Sinclairs Mammoth Ölgesellschaft. Standard Oil-Chef Walter Teagle macht in Washingtoner Regierungsbüros Rabatz: „Die Sache stinkt zum Himmel!“

Erschrocken tritt Albert Fall im April 1923 zurück, und Harding fällt im August tot um. Der nachrückende Präsident Coolidge will die Wahlen im nächsten Jahr für sich entscheiden. Darum feuert er die Harding-Clique ohne feierlichen Zapfenstreich. Der Vorstoß von Coolidge, die skandalösen Transaktionen von zwei Anwälten der großen Ölkonzerne untersuchen zu lassen, wird vom Capitol abgewehrt. Also beauftragt Coolidge zwei in Washington weitgehend unbekannte Anwälte, der eine Demokrat, der andere Republikaner, mit den Untersuchungen. Das Proporzgespann leitet zwei Zivilklagen auf Annullierung der Verträge mit Sinclair und Doheny ein.

Vier Strafprozesse sollen die Protagonisten einer Sühne zuführen. Die Prozesse ziehen sich bis in die frühen Dreißiger Jahre hin. Doch der Staat wird letztendlich seine Ölfelder dann doch zurückerhalten.

An dieser Stelle hört für die meisten Chronisten die Geschichte des Harding-Skandals auf. Dabei wird es aber erst hier so richtig spannend. Denn bei Lichte betrachtet richten sich alle tatsächlich erfolgten Strafen und Sanktionen ausschließlich gegen eine einzige Person: Harry Sinclair.

Die Annullierungsklage gegen seine Mammoth Oil hat schon im ersten Anlauf Erfolg. Strafprozessual wird Sinclair zu sieben Monaten Haft verurteilt. Aber – man staunt – nicht wegen Bestechung, sondern weil er dem Untersuchungsausschuss nicht in ausreichender Weise zugearbeitet hat.

Völlig anders gehen die Gerichte mit Sinclairs Ölmagnaten-Kollegen Edward Doheny um. Nach erstinstanzlichem Urteilsspruch darf er seine Ausbeutungsrechte für Elk Hills und Buena Vista behalten. Erst in der Berufungsverhandlung gehen diese für Doheny verloren.

Vollends zur reinen Farce pervertiert dann der Strafprozess gegen Doheny. Die Jury ist von Anfang an erkennbar aufseiten des Panamerican Oil-Besitzers. Die Schöffen nehmen den Prozess gar nicht ernst und trällern vor der Urteilsverkündung alberne Liedchen. Doheny wird freigesprochen.

Welche Gründe könnte diese offenkundige Ungleichbehandlung zweier absolut identischer Fälle haben? Sowohl Sinclair wie Doheny sind aus bescheidenen Verhältnissen zu Ölmagnaten aufgestiegen. Doch während Doheny sich auf einträgliche Nischen abseits der führenden Ölkonzerne beschränkt, fordert Sinclair die Vormachtstellung der Standard Oil of New Jersey offen heraus. Er sucht das Duell auf der Bühne, die von allen Ölkonzernen als entscheidend erachtet wird:

Zitat: „ … Russland betrachtete man als Hauptgewinn des Ersten Weltkriegs, denn man nahm allgemein an, dass die russischen Ölreserven die Ölreserven der USA überträfen.“ So fasst Michael Tanzer die Stimmung der frühen Zwanziger Jahre zusammen.

Die riesigen Ölvorkommen um Baku waren durch Rothschild, die Brüder Nobel und Royal Dutch/Shell erschlossen worden. Die Zusammenarbeit mit dem zaristischen Sicherheitsdienst Ochrana hatte sich für die Ölkonzerne gut bewährt, also unterstützte man zunächst die Weißgardisten unter General Denikin. Harry Sinclair steuerte 1919 eine 8.000-köpfige Privatarme aus der eigenen Portokasse zur Gegenrevolution bei. Jedoch setzen sich die Bolschewiken als Ordnungsfaktor in der Region durch.

Sinclair brüstet sich nun mit seiner Freundschaft mit Lenin und trifft sich 1923 in London mit dem sowjetischen Botschafter Leonid Krassin. Krassin arbeitete lange Zeit als Ölingenieur in Baku. Kurz darauf reist Sinclair mit großem Gefolge nach Moskau. Dort wird ein Vertrag unterzeichnet, der Sinclair beauftragt, die Ölfelder in Baku sowie Ölquellen in Nord-Sachalin mit neuester Bohrtechnologie zu bestücken. Er verpflichtet sich, mindestens 115 Millionen Dollar in diese Modernisierung zu investieren.

Sinclair garantiert der sowjetischen Regierung, in den USA ein gigantisches Kreditpaket für die Bolschewiken zu akquirieren.

Rein zufällig wurde gerade in diesem entscheidenden Augenblick in den USA eine Pressekampagne angefacht, die als „Teapot-Dome-Skandal“ Dohenys Schuldanteil ausblendet und den Namen Sinclair mit der größten Korruptionsaffäre der USA untrennbar zusammenschweißt. Es ist undenkbar, dass irgendjemand aus dem Finanzestablishment der Ostküste einem Kredit-Konsortium beitritt, das von Harry Sinclair angeführt wird. Sinclair kann seine vertraglichen Bedingungen nicht erfüllen, und die Sowjetregierung kündigt den Kontrakt auf.

1925 beginnt eine überaus fruchtbare Kooperation zwischen der Standard Oil-Tochter Vacuum Oil mit dem sowjetischen Öldistributor Azneft. 800.000 Tonnen Rohöl werden aus der UdSSR nach Ägypten verschifft, um dort als Dumping-Ware den Shell-Konzern in Bedrängnis zu bringen. Esso-Propagandist Ivy Lee sorgt für positive Berichte über die UdSSR in den Zeitungen der USA. Im großen Stil modernisiert Esso die sowjetische Öl-Infrastruktur. Die Esso-Hausbank Chase finanziert eine moderne Bahn von Grosny an die Grenze der Sowjetunion.

Währenddessen mutiert der Bankräuber Iosif Wissarionowitsch Dschugaschwili aus dem georgischen Tiflis zum gefürchteten sowjetischen Alleinherrscher Josef Stalin. Stalin öffnet die Sowjetunion dem US-Kapital. Neben der Rockefeller-Dynastie investieren nun auch Magnaten wie Averell Harriman oder Henry Ford im Arbeiter- und Bauernparadies. Im Gegenzug lässt Stalin alle Kommunisten ausrotten. Nach Beseitigung des Harding-Sinclair-Netzwerks ist der Weg frei für die ungehemmte Ausbeutung sowjetischen Bodens und sowjetischer Arbeitskräfte. Ohne Gewerkschaften. Ohne störende Grundrechte der Arbeiter.

Und Sinclair? Seine unermüdliche Lobbyarbeit bei der Harding-Regierung bringt ihm zehn Jahre zermürbende Gerichtstermine ein. Sinclair Oil bleibt zwar ein Imperium, aber Esso und Shell haben den Außenseiter nicht länger zu fürchten.

Dass ich nicht vergesse ihnen zu erzählen: den Regenten Harding begleitet ein Teil seines Gefolges auf der Fahrt über den Acheron. Seine Frau stirbt 1924. Hardings Leibarzt Sawyer stirbt wenige Monate nach seinem prominenten Patienten. Ebenfalls kurz nach Harding sterben sein persönlicher Berater Colonel Felder; John King, Intimus des Harding-Förderers Daugherty, sowie Daughertys Mitarbeiter Hateley.

Wir lernen aus der Vergangenheit wie wir die Zukunft besser machen.

Quellen und Hinweise:

  • Robert H. Ferrell: The Strange Deaths of President Harding. Missouri 1998.
  • Robert K. Murray: The Harding Era. Newton 2000
  • In aktuellen Rankings der schlechtesten Präsidenten der USA wird Präsident Harding an vierter Stelle gelistet laut US News:
    https://www.usnews.com/news/special-reports/the-worst-presidents/articles/ranking-americas-worst-presidents
  • Davis, Margaret L.: Dark Side of Fortune: Triumph and Scandal in the Life of Oil Tycoon Edward L. Doheny. University of California Press 2001
  • McCartney, Laton: The Teapot Dome Scandal: How Big Oil Bought the Harding White House and tried to steal the Country. New York 2008
  • Noggle, Burl: Teapot Dome: Oil and Politics in the 1920s. Baton Rouge, LA: Louisiana State University Press, 1962.
  • Sampson, Anthony: The Seven Sisters: The Great Oil Companies and the World they shaped. New York 1975.
  • Philipp S. Gilette: American Capital in the Contest for Soviet Oil, 1920-23. In: Soviet Studies Vol. 24. No 4, April 1973, S.477-490.

Bildquellen:

  1. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Sen._Warren_S._(G.)_Harding_LCCN2016819939_(cropped).jpg – gemeinfrei
  2. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:HardingFlorence.jpg gemeinfrei
  3. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Warren_G_Harding-Harris_%26_Ewing.jpg  – gemeinfrei
  4. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Florence_Harding.jpg
  5. – gemeinfrei
  6. booklooker_harding_Ferrell
  7. https://www.wikiwand.com/en/Presidency_of_Warren_G._Harding – gemeinfrei
  8. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Warren_Harding_c1882_age_17.jpg – geminfrei
  9. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Warren_G_Harding_portrait_as_senator_June_1920.jpg – gemeinfrei
  10. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Harding_Campaign_Songbook-1920.jpg – gemeinfrei
  11. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:President_Warren_G._Harding_and_First_Lady_Florence_Harding.jpg – gemeinfrei
  12. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:fasion_ninteentwenties.jpg – gemeinfrei
  13. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Albert_B._Fall_c._1923.jpg – gemeinfrei
  14. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Teapot_Rock_postcard_crop.jpg – gemeinfrei
  15. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Albert_B._Fall.jpg – gemeinfrei
  16. https://www.britannica.com/biography/Harry-F-Sinclair – gemeinfrei
  17. https://calisphere.org/item/e3c65cd10471c4d95a1dc045ac6222c5/ – gemeinfrei
  18. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Calvin_Coolidge_cph.3g10777_(cropped).jpg – gemeinfrei
  19. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Harry_F._Sinclair_%26_attys._on_stand,_3-22-24_LCCN2016848838_(cropped).jpg – gemeinfrei
  20. https://tessa.lapl.org/cdm/ref/collection/photos/id/113215 – gemeinfrei
  21. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Standard_Oil.jpg – gemeinfrei
  22. https://roths-splitter.blogspot.com/2017/08/vor-90-jahren-1921-30-der-teapot-dome.html – gemeinfrei
  23. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Albany04_sinclair01.jpg – gemeinfrei

+++

Hermann Ploppa hat mehrere Bücher veröffentlicht, unter anderem: „Die Macher hinter den Kulissen: Wie transatlantische Netzwerke heimlich die Demokratie unterwandern“, „Hitlers amerikanische Lehrer: Die Eliten der USA als Geburtshelfer der Nazi-Bewegung“ sowie „Der Griff nach Eurasien: Die Hintergründe des ewigen Krieges gegen Russland“.

+++

KenFM jetzt auch als kostenlose App für Android- und iOS-Geräte verfügbar! Über unsere Homepage kommt Ihr zu den Stores von Apple und Google. Hier der Link: https://kenfm.de/kenfm-app/

+++

Abonniere jetzt den KenFM-Newsletterhttps://kenfm.de/newsletter/

+++

Jetzt kannst Du uns auch mit Bitcoins unterstützen.

Bitcoin-Account: https://commerce.coinbase.com/checkout/1edba334-ba63-4a88-bfc3-d6a3071efcc8

+++

Dir gefällt unser Programm? Informationen zu weiteren Unterstützungsmöglichkeiten findest Du hier: https://kenfm.de/support/kenfm-unterstuetzen/

7 Kommentare zu: “HIStory: Der rätselhafte Tod des Präsidenten Harding

  1. Lea sagt:

    Ich bin begeistert von dem neuen Format, freue mich schon auf jede neue Folge. Danke Herr Ploppa und auch Ken FM, Für mich dürften diese Sendungen auch viel länger sein.

  2. Fred sagt:

    Hier geht der antikommunistische Gaul aber so richtig durch mit ihnen: "Währenddessen mutiert der Bankräuber Iosif Wissarionowitsch Dschugaschwili aus dem georgischen Tiflis zum gefürchteten sowjetischen Alleinherrscher Josef Stalin. Stalin öffnet die Sowjetunion dem US-Kapital. Neben der Rockefeller-Dynastie investieren nun auch Magnaten wie Averell Harriman oder Henry Ford im Arbeiter- und Bauernparadies. Im Gegenzug lässt Stalin alle Kommunisten ausrotten. Nach Beseitigung des Harding-Sinclair-Netzwerks ist der Weg frei für die ungehemmte Ausbeutung sowjetischen Bodens und sowjetischer Arbeitskräfte. Ohne Gewerkschaften. Ohne störende Grundrechte der Arbeiter."
    Gar zu merkwürdig in dem Zusammenhang, dass Henry Ford zu den Großfinanziers der NSDAP gehörte, das hätte er doch gar nicht nötig gehabt, wenn er die Sowjetunion mit Stalin längst in der Tasche gehabt hätte. Kann es sein, dass es einen Unterschied zwischen Kooperationsverträgen gibt, welche einen Partner verpflichten, seine Technologie einzubringen und einem Verkauf der gesamten Industrie? Sie wissen, dass die Revolution in einem vornehmlich agrargeprägten Land wie Russland logischerweise problematisch sein musste, denn es fehlten Knowhow und Kapital … Letzteres erst recht, weil die aus dem Ausland finanzierten Weißgardisten mit ihren Kriegen die Wirtschaft noch weiter geschädigt und das Lebensniveau insgesamt nach unten gedrückt hatten.

    • Nomaske sagt:

      Und die glorreiche SU ist dann was?

      Das Modell Schöner Sterben?

      Weil es sich unter rotem Terror besser leiden lässt?

    • Box sagt:

      Etwas länger, der Ursprungstext ist noch sehr viel länger aber sehr lesenswert. Eines vorweg, das am Ende des Auszugs steht, „die Konzernverbrechen bedrohen längst nicht mehr nur Sozialstaaten, sondern die Gattung Mensch selbst:“

      Ganz im Geist der im Kalten Krieg stark verfälschten, von Hannah Arendt entwickelten Totalitarismustheorie, setzt Widmann Stalins Sowjetunion, Hitlers Deutschland und Maos China kurzerhand gleich. Er tut dies, indem er feststellt, dass Konzentrationslager und Massenmorde „keine sowjetische Spezialität“ gewesen seien. Doch dazu sagt er, Objektivität suggerierend, dass noch darüber gestritten werde, welches der drei Systeme den Rekord in Sachen Massenmord hält. Er schreibt das so, dass jeder weiß: Diese Frage ist für ihn geklärt. Kein Wort über die Massenmorde und das Massensterben durch Kriege, Krisen, Krankheiten und Kriminalisierungen des im Schoße des Feudalismus heranwachsenden, dann total wirtschaftsliberalen, zwischendrin faschistischen, schließlich freiheitlich-demokratischen Kapitalismus. Kein Wort über Kommunistenjagden und Kommunistenprozesse, keines über das Sozialistengesetz Bismarcks, nicht einmal eines zur „Ausmerzung“ von Juden und mit diesen gleichgesetzten Sozialdemokraten und Kommunisten durch Hitlers Schergen und die ihn unterstützenden „Verteidiger“ der Freiheit des Kapitals. Kein Wort über die Hungerkatastrophen in der Welt, die auf die „Freiheit“ der Konzernstrategen zurückzuführen sind.

      Wenn Jean Ziegler oder die „Ordensleute für den Frieden“ nicht müde werden, daran zu erinnern, dass Kinder, die heute verhungern, zwar nicht im juristischen, aber im moralischen Sinne vom System des Kapitalismus ermordet werden, ist das ja nur einer von sehr vielen Gründen, auf die Massenmorde der Beutejäger des Kapitals und ihrer Propagandisten hinzuweisen und diesen anzulasten. Denkt denn Widmann, wenn der Kapitalismus von seinen Anfängen bis heute über Abermillionen Leichen gegangen ist, das seien verzeihliche, weil unvermeidliche Kollateralschäden, wie sie nun einmal beim unaufhaltsamen Siegeszug des freiheitlich-demokratischen Kapitalismus und beim Kampf gegen „wirtschaftsfeindliche“ Sozialisten und Kommunisten hingenommen werden müssten? Sind denn nicht die meisten Feinde der kapitalistischen Weltordnungspolitik, die wir unreflektiert als „Täter“ verteufeln, nicht vorher Opfer der imperialistischen, heute verharmlosend als Globalisierung bezeichneten Kapitalbeschaffung, Kapitalverwertung und Kapitalsicherung entfesselter Ausbeuter gewesen?

      Viele Intellektuelle, Gewerkschaften, Nichtregierungsorganisationen kritisieren heute die total globalisierte Ausbeutungswirtschaft mit ihren mörderischen Kriegen, mit Massenflucht und Terror auslösenden Folgen unter den allzu harmlosen Begriffen wie Neoliberalismus oder Finanzkapitalismus. Damit wird aber suggeriert, der historische Wirtschaftsliberalismus, der frühere Handels- und spätere Industriekapitalismus wäre, ungeachtet dessen, ob wir ihn mit den Medici, mit Calvin oder Adam Smith beginnen lassen, auch nur eine Spur humaner gewesen. Dass jedoch Widmann das Blutbad, das dieser friedliche finanzkapitalistische Neoliberalismus weltweit verursacht, nicht einmal andeutet, interpretiere ich meinerseits als Versuch, mit der provokativ zugespitzten These, die Oktoberrevolution sei nichts weiter als „ein Verbrechen gegen die Menschheit“ gewesen, von den historischen und aktuellen Verbrechen derer abzulenken, die im Namen Gottes, der Eigentumsfreiheit und des Profits begangen werden. Wer aber den entpolitisierten und unwissenden jungen Menschen wissentlich ein Zerrbild über verzweifelte Versuche, sich aus dem überproduktiven Vernichtungslagern der kapitalistischen Demokratien zu befreien, vermittelt, verhindert die überlebenswichtig gewordene rationale Auseinandersetzung mit der tatsächlichen Geschichte des Kapitalismus.
      (…)
      Er verliert auch keine Silbe darüber, dass neben dem Bürgerkrieg fast die ganze kapitalistische Welt gegen die junge UdSSR Interventionskriege führte, dass schon bald nach deren Ende Hitlers Feldzug der verbrannten Erde mit der deutschen Wehrmacht die langfristige Entwicklung unterbrach, die Lenin sich für sein riesiges Russland vorgestellt hatte. Nicht geduldig mit Wirtschaftsembargos, sondern im Zeitraffertempo mit Kanonen, Panzern und Bombern. Aber Stalin siegte. Obwohl er unfassbare Verbrechen zu verantworten, wahrscheinlich sogar mehr Kommunisten als Kapitalisten auf dem Gewissen hat, wird er dennoch – oder deshalb? – sehr wahrscheinlich eines nicht allzu fernen Tages als der wahre Held der russischen Revolution gefeiert werden. Seine rabiate – von Trotzky abgelehnte – Industrialisierungspolitik war es nämlich, die letztendlich das riesige Russland vor seiner Eroberung, Vernichtung und Versklavung durch die Herrenmenschen des „arischen“ Hitlerdeutschland bewahrte.
      (…)
      Ich frage mich, ob es Verbrechen waren, als die staatssozialistischen Diktaturen, die nach dem Zweiten Weltkrieg als „Ostblock“ auftraten und stark genug waren, Drittweltländern zu helfen, ihre Despoten zu stürzen. Denn es waren westliche Kapitalgesellschaften, die vielen antikommunistischen Despoten an die Macht verholfen hatten und ihnen mit „Entwicklungshilfe“ beistanden. Mit Hilfe kommunistischer Staaten konnten Kolonialvölker, die nach dem Ende des europäischen Feudalismus nun nicht merkantilistisch für europäische Fürstenhäuser, sondern kapitalistisch von der Bourgeoisie für die Bourgeoisie ausgeraubt wurden, zumindest erst einmal ihre eigenstaatlichen Souveränitätsansprüche, wenn auch nicht ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit durchsetzen. Ich möchte schon gern wissen, ob diese Unterstützung der Befreiungsbewegungen durch die Ostblockstaaten zu deren Verbrechen gegen die Menschlichkeit gehört. Damals schon flohen – wie heute – Millionen vor den katastrophalen Folgen kapitalistischer Ausbeutung, vor westlicher Militär- und „Entwicklungshilfe“. Sie flüchteten vor den Massakern, die von westlichen Demokratien und Konzernchefs gestützte und geschützte Diktatoren in den ehemaligen Kolonien und inzwischen zu Rohstofflieferanten degradierten Ländern des peripheren Kapitalismus anrichten. Wer wollte bestreiten, dass in diesen Befreiungskämpfen auch Kommunisten nicht nur Fehler gemacht, sondern auch schwere Verbrechen begangen haben.
      (…)
      Die Staaten im Entwicklungsstadium der kapitalistischen Demokratien haben heute nur die Wahl, sich in Richtung kapitalistische Diktaturen zu bewegen. Das müssen keineswegs faschistische Diktaturen werden. (*)
      (…)
      Die bürgerlichen Freiheiten galten, was sogar in fast allen freiheitlichen Schulbüchern nachzulesen ist, zunächst nur für das Besitz- und Bildungsbürgertum. Gleiche Wahl- und lebensnotwendige Sozialrechte mussten, ja konnten von der damals noch antikapitalistischen Arbeiterbewegung nur scheibchenweise durchgesetzt werden, und immer nur in den Grenzen, die ihnen von mächtigen Kapitalstrategen, der kapitalistischen Presse und der politischen Avantgarde im kapitaldemokratisch kontrollierten Staat gezogen wurden. Schlimmer noch. Die kapitalismuskritische Demokratiebewegung wurde von den Kapital-Liberalen und Kapital-Christen – mit voller Unterstützung der kapitalistischen Wissenschaften und der bürgerlichen Tendenzpresse – so lange schamlos gemobbt, erpresst, verleumdet, kriminalisiert, bespitzelt und sogar beschuldigt, die Interessen des Kreml zu vertreten, bis sie ihre letzten hehren demokratisch-sozialistischen Ideale über Bord warfen, damit ihre Regierungsfähigkeit bewiesen und diese mit rigiden „Sparprogrammen“, der Demontage des Sozialstaats, den Kapitalmagnaten auch handfest bekräftigten. Dass sie dafür ihre Stammwähler auf dem Altar des Kapitals zur Ausplünderung freigaben und damit endgültig ihr Ziel einer sozial gerechten Welt aufgaben, lässt in den Villen der Superreichen und den Chefetagen ihrer Unternehmen die Hoffnung wachsen, dass nun auch die letzten Feinde ihrer Freiheit begreifen, wie sinnlos es ist, sich ihren Interessen in den Weg zu stellen.
      (…)
      Seit die Kommunisten in Ost und West, Nord und Süd, und mit diesen auch demokratische Sozialisten und die linken Sozialdemokraten – bis auf einige vom Aussterben bedrohte Reste – besiegt, zumindest domestiziert sind, und seit damit die kommunistische Gefahr gebannt ist, auch die chinesische, die gerade den Beweis erbringt, dass auch Kommunisten sehr gut Kapitalismus können, wird die permanente Konterrevolution verstärkt auf der Ebene der nun möglich erscheinenden Neuordnung der Welt im Sinne der kapitalistischen Demokratien, kurz, der Rückbau der Sozialstaaten, rigoros vorangetrieben. Die Notwendigkeit dieser Sparpolitik wird hauptsächlich mit der internationalen Konkurrenz und der Gefahr der Abwanderung von Investoren in Billiglohnländer begründet. Wo jedoch Deregulierung und Privatisierung zu langsam verlaufen, weil sich immer noch – wenn auch überwiegend linksbürgerlicher und zunehmend ökologisch begründeter – Widerstand regt, mausert sich das systematisch-kriminelle Unterlaufen der als Investitionshemmnisse denunzierten Sozial- und Umweltschutzgesetze zum globalen Geschäftsmodell. Was sich in dieser Hinsicht seit Ende des Kalten Krieges entwickelt hat, bezeichne ich als subversiv konterreformistischen, wo es angebracht erscheint, auch etwas drastischer, als konterrevolutionären Raub-, Steuerbetrugs- und Briefkastenkapitalismus.

      Wenn Arno Widmann niemals etwas anderes als seine Frankfurter Rundschau gelesen hätte, wüsste er dennoch, dass die Verbrechen der sich mehrheitlich zum Christentum und zur westlichen Demokratie bekennenden Kapitalstrategen, die von der ganz alltäglichen organisierten Steuerkriminalität bis zur faschistischen Abschaffung liberaler Demokratien und ihrer Verfassungen reichen, Verbrechen zu verantworten haben, die immer systematisch praktiziert und staatlich – je nach Situation – geduldet oder aktiv unterstützt werden, um „Sozialismus“ mit allen legalen und illegalen Mittel zu bekämpfen, in welcher humanistischen, moralischen, sozialökologischen oder demokratischen „Verkleidung“ er auch auftreten mag. Dazu gehört auch Vieles, was die sozialistische Arbeiterbewegung schon erkämpft hatte und die zersplitterte und zerstrittene Linke zu erkämpfen sich vorgenommen hat. Nach Möglichkeit soll, legitimiert durch frei gewählte Regierungen, das Erreichte, soweit es nicht Kapitalinteressen förderlich ist, wieder rückgängig gemacht oder Geplantes zu verhindern versucht werden. Notfalls mit Gewalt.
      (…)
      Das besagt: Wenn bei freien Wahlen der Sieg einer antikapitalistischen Mehrheit auch nur droht, muss damit gerechnet werden, dass – wenigstens bis die Ausbeutungsordnung wieder hergestellt ist – auch einmal eine freiheitlich-demokratische Grundordnung außer Kraft gesetzt wird, zu ihrem eigenen Schutz, wie sich von selbst versteht.
      (…)
      Noch deutlicher gesagt: Allzu viele, vor allem dogmatische Linke ignorieren, dass es die mächtigen Kapitalinteressen sind, die – vermittelt über frei gewählte Mehrheiten der Gesetzgebungsorgane – bestimmen, was und wen sie in welcher Weise kriminalisieren, auch was als Wirtschaftskriminalität, was als organisierte Kriminalität und Korruption zu gelten hat. Deshalb werden ja selbst schwerste Formen der Steuerkriminalität von Medien, Staatsanwälten und Gerichten oft sehr mild und verständnisvoll als „Sünde“ beurteilt. Arme, Obdachlose, Sozialleistungsempfänger und solche, die Armut und Elend auf die diversen kapitalistischen Ausbeutungspraktiken zurückführen und sich dagegen auflehnen, werden – trotz Demonstrationsrecht und Meinungsfreiheit – nicht selten schon bei geringsten Vergehen wie Verbrecher gejagt und verurteilt.
      (…)
      Dass nach dem Ende der Weltordnung des Kalten Krieges das kriminelle Kapital dafür sorgte, die allseits beklagte Hegemonie des legal wirtschaftenden Kapitals über die kapitalistischen Demokratien zu sichern, scheinen weder die antikommunistischen Sozialisten, zu denen vielleicht auch Arno Widmann gezählt werden darf, noch die trotz aller Niederlagen noch übrig gebliebenen Kommunisten begriffen zu haben. Weder Arno Widmann und die Mehrheit der linken Intellektuellen, noch die in Gewerkschaften und Parteien organisierten Linken fanden es bisher erforderlich, gegen Wirtschaftsverbrechen dezidiert und programmatisch ihre Stimme zu erheben oder gar die Chefetagen zu besetzen. Die Konzernverbrechen bedrohen längst nicht mehr nur Sozialstaaten, sondern die Gattung Mensch selbst.

      Aus:
      Mittwoch, 06. Dezember 2017, 12:00 Uhr
      ~46 Minuten Lesezeit
      100 Jahre Konterrevolution
      Eine Replik auf Arno Widmanns Mordphantasien zur Oktoberrevolution in der Frankfurter Rundschau.
      von Hans See
      https://www.rubikon.news/artikel/100-jahre-konterrevolution

      (*) Hätte nicht gemusst, ist nun aber so.

    • Hartensteiner sagt:

      Nun ist zwar u. a. deutschlandweit die derzeitige Begeisterung und der Drang nach "Impfung" durchaus beachtlich, aber die größte Impfaktion bisher war die mit dem McCarthy-Virus. Die half nicht nur gegen jegliches sozialistische Denken und Vorstellen, nein, diese immunisierte zudem grundsätzlich gegen jedes Denken. Leider hat das auch für diesen hervorragenden Artikel die Konsequenz, dass er nur von der kleinen Minderheit gelesen und verstanden werden kann, die sich dieser Impfung entzogen hat.
      Und das könnten wiederum die gleichen Leute sein, die sich der aktuellen Impfung zu entziehen versuchen und das innerhalb des großen Intelligenztestes, den die ganze "Pandemie" den Menschen aufgibt. Bei der Masse der Menschen ist das Symptom grundsätzlicher Denkverweigerung schon seit Jahrzehnten, seit McCarthy, in exponentiellem Wachstum zu beobachten.

    • Hartensteiner sagt:

      … fällt mir erst jetzt auf…. mein Kommentar hier drüber bezog sich auf den Artikel, den "Box" hier wiedergegeben hat. Die Verwendung von "Artikel" könnte da zu einem Missverständnis führen 🙂

    • Zivilistin sagt:

      Ford hätte es nicht nötig gehabt zu investieren ?

      Ich fürchte, Sie haben nicht verstanden, wie Investoren ticken.

      Übrigens waren die Jahre der Weltwirtschaftskrise für die SU goldene Jahre, ohne die Loyalität derer, die damals eine gute Ingenieurs Ausbildung erhieletn, hätte die SU den WW2 nicht überstehen können. Arbeitslose Facharbeiter und Ingenieure aus Westeuropa und den USA sind damals nach der SU gepilgert. Wohl auch Investoren.

      Moralische Kategorien helfen hier wohl nicht weiter. Wir wollen ja auch nicht vergessen, daß die Warburg Bankster (heute Cum Ex) Lenin zum Erfolg verhalfen.

      Für mich neu war (außer den speziellen Informationen) daß auch die US Navy seit 1911 auf Öl umstellte. Die Briten waren damit 1913 fertig, was den ganzen nicht-fernen Osten bis heute prägt.

Hinterlasse eine Antwort