HIStory: Die deutsch-französischen Beziehungen

Der Buchautor und Publizist Hermann Ploppa erläutert in HIStory kurz und sachlich historische Daten und Jahrestage von herausragenden geschichtlichen Ereignissen. Dabei werden in diesem Format Begebenheiten der Gegenwart, die mit einem Blick in die Vergangenheit in ihrer Bedeutung besser einzuordnen sind, künftig alle 14 Tage montags in einen geschichtlichen Kontext gebracht.

Das Thema heute: Die deutsch-französischen Beziehungen – eine missglückte Liebesgeschichte

Wir hatten es schon gehört: immer wieder erkannten kluge Staatenlenker in Europa, dass zwei benachbarte Staaten sich freundschaftlich die Hand reichen und ihre Kräfte zusammenbringen. Da erreicht man viel mehr, als wenn man gegeneinander Krieg führt. In einer früheren His Story-Sendung waren es der Sowjetführer Chruschtschow und der deutsche Kanzler Ludwig Erhard, die eine enge Zusammenarbeit verabredeten, ungeachtet aller weltanschaulichen Unterschiede. Das wurde dann von außen her leider vereitelt.

Unsere heutigen Hauptdarsteller sind zum einen der deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer und zum anderen der französische Staatschef General Charles de Gaulle.

Rückblende:

Im September 1939 überfiel Hitler Polen. Daraufhin erklärten Großbritannien und Frankreich den Nazis den Krieg. Es passierte aber erst mal: gar nichts! Doch dann stürmten im Frühsommer 1940 die deutschen Streitkräfte Frankreich

Der französische General Petain unterschrieb die Kapitulationsurkunde genau in jenem Eisenbahnwaggon, in dem 22 Jahre zuvor deutsche Politiker die Kapitulationsurkunde unterschreiben mussten. Danach sprengten Hitlers Pyrotechniker den Salonwagen in die Luft.

Es gab nun kein freies Frankreich mehr. In dieser Situation trat unser Protagonist Charles de Gaulle in London an das Mikrophon der BBC und verkündete: Ich bin das freie Frankreich. Wer Arsch in der Hose hat, schließt sich mir an! Mutig, mutig, der Mann!

Denn die gesamte Führung der französischen Streitkräfte hatte vor Hitlers Schergen kapituliert und sich in der Rolle eines untergeordneten Erfüllungsgehilfen des deutschen Diktators recht bequem eingerichtet. General Petain war der Führer eines eingedampften Frankreichs von Hitlers Gnaden, im südfranzösischen Örtchen Vichy. Und Petain verhängte auch gleich ein Todesurteil in Abwesenheit gegen de Gaulle.

Petain war zuvor der väterliche Mentor des aufstrebenden Offiziers de Gaulle gewesen. Der hatte nach dem Ersten Weltkrieg den raschen Aufbau eigener französischer Panzerverbände gefordert. Aber die Generäle dachten, mit der Maginot-Linie, einem riesigen Schutzwall gegen Deutschland, habe man genug getan. Und so waren die französischen Streitkräfte von Hitlers Panzerverbänden im Sauseschritt überrollt worden. De Gaulle hatte leider Recht behalten.

Immerhin. De Gaulle konnte auf etwa 100.000 französische Soldaten zurückgreifen, die sich im englischen Exil befanden. Sie konnten sich dank Hitlers rätselhaftem Haltebefehl von Dünkirchen auf die britische Insel retten. Allerdings bekam de Gaulle wenig Unterstützung vom US-Präsidenten Franklin Delano Roosevelt. Der setzte eher auf die Nazi-Kollaborateure in Vichy. Und der englische Premier Winston Churchill verlor ebenfalls immer mehr das Interesse am eigenwilligen de Gaulle. Doch es gelang de Gaulle, Frankreich von den afrikanischen Kolonien aus aufzurollen. Als Churchill die Funk-Kontakte der de Gaulle-Regierung in London kappen ließ, konnte die französische Exilregierung von Algerien aus weiter arbeiten.

In die Planungen für die Invasion alliierter Truppen an der französischen Atlantik-Küste wurde de Gaulle ebenfalls nicht einbezogen. Bald begriff der Franzose auch, warum: Roosevelt und Churchill beabsichtigten, das befreite Frankreich in ein angloamerikanisches Protektorat umzuwandeln. Ganz ähnlich wie es später dann Westdeutschland widerfuhr.

In den USA wurden bereits den Angloamerikanern ergebene französische Verwaltungsfachleute ausgebildet. Auch neue Geldscheine und Münzen waren gedruckt und geprägt worden, die bei der Invasion in der Normandie ausgeteilt wurden. Doch de Gaulle setzte sich an die Spitze des Demonstrationszuges, der am 25. August 1944 in Paris triumphal einmarschierte und die Nazis verjagte. Nur de Gaulles energisches Einschreiten konnte verhindern, dass Frankreich ein unterworfenes Protektorat der USA und Englands wurde

Logischerweise hatte de Gaulles Wort bei der Gestaltung des nun wirklich befreiten Frankreichs ein großes Gewicht. Er setzte durch, dass in Frankreich jetzt auch endlich Frauen an den Wahlen teilnehmen durften. Aber nach einigen Meinungsverschiedenheiten mit der neuen politischen Klasse in Frankreich zog sich de Gaulle verbittert auf seinen bescheidenen Landsitz nördlich von Paris zurück. Doch seine große Zeit kommt noch.

Als nämlich 1956 die Streitkräfte Frankreichs, Großbritanniens und Israels Ägypten angreifen, um die Verstaatlichung des Suez-Kanals zu verhindern, werden sie von einer seltenen Koalition aus USA und der Sowjetunion energisch zurückgepfiffen. Eine große Blamage nicht nur für das British Empire, sondern auch für die Grande Nation. Zudem bricht in der französischen Kolonie Algerien ein Unabhängigkeitskrieg der dort ansässigen Berber gegen Frankreich aus. Die Verluste auf beiden Seiten sind gigantisch. In dieser Patt-Situation kapitulieren die Politiker in Paris und bitten nun den legendären Weltkriegsgeneral de Gaulle, die Karre wieder aus dem Dreck zu ziehen.

Extra für den General wird mit der Fünften Republik eine neue Verfassung aus der Taufe gehoben. De Gaulle als neuer französischer Präsident verfügt jetzt über eine Machtvollkommenheit wie sonst nur der Präsident der USA. Und tatsächlich bekommt de Gaulle den Algerienkrieg in den Griff: 1962 wird der nordafrikanische Staat in die Unabhängigkeit entlassen. Das konnte nur de Gaulle schultern. Der Preis war hoch. Denn de Gaulle entkam in unzähligen Attentatsversuchen nur knapp dem Tod.

Der General ging auch gleich 1958 an sein Lieblingsprojekt – nämlich Frankreich wieder zur Weltmacht zu erheben. Er war klug genug zu wissen, dass Frankreich alleine nicht mehr die Potentiale besaß, mit den USA oder der Sowjetunion zu konkurrieren. Also lud er in aller Stille den deutschen Bundeskanzler Konrad Adenauer auf seinen Landsitz ein. Adenauer soll zunächst nicht sehr viel von seinem französischen Gegenüber gehalten haben. Aber andererseits war Adenauer in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg ein energischer Befürworter einer Abtrennung Westdeutschlands von Preußen unter französischem Protektorat. Schnell werden die beiden alten Herren handelseinig. De Gaulle zu Adenauer: „Wir müssen Europa … von den Vereinigten Staaten unabhängig machen.“

Sofort beginnen auf beiden Seiten des Rheins fieberhafte Vorbereitungen für nichts weniger als ein Bündnis Deutschlands und Frankreichs auf militärischer, wirtschaftlicher und kultureller Ebene. Geplant ist eine Fusion der beiden ehemals verfeindeten Nationen zu einem einzigen politischen Organismus. Eine Keimzelle europäischer Gegenmacht zu den USA. Eine deutsch-französische Konföderation mit gemeinsamer Staatsangehörigkeit, gemeinsam geführten Ministerien des Äußeren, der Finanzen und der Verteidigung. Gemeinsam sollen die beiden Länder auch die Force de Frappe betreiben, eine „andere NATO“. Wie ernst das Vorhaben gemeint war, belegt das nachfolgende Treffen in Bad Kreuznach im November 1958, wo de Gaulle und Adenauer bereits ihre wichtigsten Fachminister mitbringen. Und was bis jetzt eher heimlich vorangetrieben wurde, vollzieht sich während Adenauers Staatsbesuch bei de Gaulle auf Schloss Rambouillet im. Juli 1960 ganz öffentlich und mit zeremoniellem Pomp.

Den Engländern klingeln wahrlich die Ohren. Denn Adenauer soll in privater Runde mal klar und deutlich gesagt haben Zitat einblenden/einschreiben: „Diese Briten sollten lernen, daß sie den Kontinent nicht länger führen können. Deutschland und Frankreich sind die Führer des Kontinents.“

De Gaulle tourt 1962 durch Deutschland. Vor Massen von begeisterten Zuhörern streichelt de Gaulle die niedergedrückte Psyche der Deutschen, indem er ihre kulturellen Errungenschaften preist.

Doch die andere Seite schläft nicht. Um die deutsch-französische Annäherung zu torpedieren, spinnen Geheimdienste ihre Intrigen. Ziel der Attacken ist der damalige Verteidigungsminister Franz Josef Strauß. Man vermutete, dass Strauß nach Adenauer der zweitwichtigste Befürworter einer Zusammenarbeit mit Frankreich ist. Dem Hamburger Nachrichtenmagazin Der Spiegel spielten Agenten des Bundesnachrichtendienstes eine nur für den Hausgebrauch bestimmte Analyse missglückter NATO-Manöver zu. Der Spiegel brachte die peinlichen Indiskretionen mit dem Titel: „Bedingt abwehrbereit“ ganz groß heraus. Strauß sah rot und ließ den Herausgeber Rudolf Augstein und dessen Chefredakteur Konrad Ahlers in Handschellen hinter schwedische Gardinen bringen. Das war natürlich eindeutig illegal. Strauß musste zurücktreten.

Es entspann sich ein Agententhriller mit dem Bundesnachrichtendienst, der erklärtermaßen eine Filiale der CIA ist, auf der einen Seite; und der Bundesanwaltschaft zusammen mit dem Militärischen Abschirmdienst auf der anderen Seite. Am 12. November 1962 wird sogar der greise Adenauer selber zum Akteur in diesem Agentenkrimi. Er lässt die BND-Führer Gehlen, Worgitzky, und Winterstein im Kanzleramt in getrennten Zimmern einsperren.

Dann holt er den Justizminister: „Herr Stammberger, Sie müssen Gehlen verhaften!“ Der Angesprochene erklärt allerdings, er könne die drei Herren nicht verhaften. Sodann eilt Bundesanwalt Kuhn an den Tatort und verhört die BND-Leute. Es folgte in der Zentrale des BND in Pullach eine handfeste Razzia der Bundesanwaltschaft und durch Beamte der Sicherungsgruppe Bonn.

Die Autoren des Bestsellers „Pullach Intern“, Zolling und Höhne sehen rückblickend im Jahre 1970 die Ereignisse durch die Brille von Gehlen, wenn sie schreiben: „Gehlens Verfolger wurden nicht müde, dem alten Herrn im Palais Schaumburg [damals Sitz des Bundeskanzleramtes in Bonn] das Schreckensbild des Landesverräters Gehlen auszumalen. Ihre Verschwörer-These wurde immer uferloser, immer gespenstischer: Bald sahen sie ein weltweites Komplott von der CIA in Washington über Gehlen in Pullach bis zu Augstein in Hamburg, entschlossen, Adenauer und Strauß zu stürzen“.

Vielleicht lagen ja „Gehlens Verfolger“ gar nicht so daneben?

Aber auch der proamerikanische Honoratiorenverein Atlantikbrücke veranlasste Bundestagsabgeordnete aller Parteien, die Regierung zur Aufnahme einer Präambel in den deutsch-französischen Freundschaftsvertrag zu nötigen. Diese Präambel betont die Notwendigkeit einer engen Zusammenarbeit der Vertragspartner mit den USA und eine Aufnahme Großbritanniens in die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft.

Also genau das, was de Gaulle mit allen Mitteln verhindern wollte. Damit ist der Vertrag um seinen eigentlichen Sinn betrogen. Als schließlich auch noch Adenauer in den Ruhestand verabschiedet wird, ist es mit der deutsch-französischen Allianz vorbei. Amtsnachfolger Erhard zeigt de Gaulle die kalte Schulter. Eine historische Chance ist vertan.

De Gaulle sucht nach diesem Reinfall engeren Kontakt mit der Sowjetunion. 1966 warf de Gaulle die NATO aus Frankreich heraus. Das war ein harter Schlag für die westliche Militärallianz. Das kann man nicht anders sagen. Denn in Frankreich waren die größten Militärkontingente der NATO versammelt. Schließlich versuchte de Gaulle, sich an die Spitze der Blockfreien Staaten zu setzen. Das ist ein Zusammenschluss von Staaten, die sich weder dem Westen noch dem kommunistischen Ostblock anschließen wollten. Doch keine dieser Optionen war auch nur im entferntestem vergleichbar mit jener Liaison de Gaulles mit Adenauer.

1968 schließlich erhielt de Gaulle die Quittung für seine Auflehnung gegen die angloamerikanische Hegemonie. Während er gerade in Rumänien mit dem dortigen Staatschef Ceausescu konferierte, ging in Paris die große Revolte los. Studenten und Arbeiter rebellierten gegen lausige Studienbedingungen und niedrige Löhne. Wegen de Gaulles Streitkraft Force de Frappe mussten die Franzosen nämlich viel höhere Steuerlasten berappen als die Deutschen. Der Lebensstandard hinkte dem der Deutschen weit hinterher. Die Bevölkerung wollte das nicht mehr länger hinnehmen.

De Gaulle konnte die Menschen draußen im Lande nicht mehr auf seine Seite ziehen. Seine Zeit war abgelaufen. De Gaulle nahm seinen Abschied aus der Politik und zog sich auf seinen Landsitz zurück. Dort ist er 1970, vermutlich tief enttäuscht, verstorben.

Auch der spätere französische Präsident Giscard d’Estaing verstand sich hervorragend mit dem deutschen Bundeskanzler Helmut Schmidt. Allerdings war diese deutsch-französische Annäherung eine Annäherung zweier überzeugter Transatlantiker. Das heißt: sie unterwarfen sich bedingungslos der angloamerikanischen Hegemonie.

Etwas mehr Unabhängigkeit strebten in den frühen Zweitausender-Jahren der französische Präsident Jaques Chirac, ein Gaullist, und der deutsche Kanzler Gerhard Schröder an. Fast schon zeichnete sich eine Achse Paris-Berlin-Moskau ab, da Schröder bekanntlich freundschaftliche Bande zu Präsident Putin pflegte.

Aber das blieb Episode. Heute sehen wir einen Amok laufenden französischen Präsidenten Emmanuel Macron und eine ebenfalls gegen die eigene Gesellschaft Amok laufende Kanzlerin Angela Merkel mal in enger Verbundenheit, dann wieder in wildester Zwietracht Porzellan zerschlagen. Jetzt sind gerade mal wieder die Franzosen schuld.

Denn der französische Pharmakonzern Sanofi hat auf der ganzen Linie bei der fristgerechten Anlieferung von Corona-Impfstoffen versagt.

Wir können nur hoffen, dass sich der Rauch dieser Scharmützel bald verzieht. Damit wir wieder in Ruhe und Vernunft eine Neuauflage der deutsch-französischen Freundschaft starten können. Bienvenue!

Wir lernen aus der Vergangenheit, wie wir die Zukunft besser machen.

Literaturquellen:

Bildquellen:

  1. Bundesarchiv, B 145 Bild-F015892-0010 / Ludwig Wegmann / CC-BY-SA 3.0
  2. Von Bundesarchiv, Bild 101I-751-0067-34 / Kropf / CC-BY-SA, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5413625
  3. Von Bundesarchiv, Bild 101III-Pleißer-001-19 / Pleißer / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de,
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    440px-Bundesarchiv_B_145_Bild-F015892-0010,_Bonn,_Konrad_Adenauer_und_Charles_de_Gaulle – gemeinfrei
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  16. https://www.bpb.de/politik/hintergrund-aktuell/145749/50-jahre-spiegel-affaere-10-10-2012
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  18. booklooker.de
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  21. Bundesarchiv B 145 Bild-F010324-0002 – gemeinfrei
  22. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Paris_July_1968.jpg – gemeinfrei
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  24. https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Giscard_d%27Estaing_Helmut_Schmidt_1976_(cropped).jpg – gemeinfrei
  25. https://de.m.wikipedia.org/wiki/Datei:Putin_and_Schroeder_number2.JPG
  26. https://www.shutterstock.com/de/image-photo/paris-france-july-13-2017-german-683014165
    shutterstock_435067849.jpeg

Hermann Ploppa hat mehrere Bücher veröffentlicht, unter anderem: „Die Macher hinter den Kulissen: Wie transatlantische Netzwerke heimlich die Demokratie unterwandern“, „Hitlers amerikanische Lehrer: Die Eliten der USA als Geburtshelfer der Nazi-Bewegung“ sowie „Der Griff nach Eurasien: Die Hintergründe des ewigen Krieges gegen Russland“.

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17 Kommentare zu: “HIStory: Die deutsch-französischen Beziehungen

  1. Trollinger sagt:

    »Im September 1939 überfiel Hitler Polen. Daraufhin erklärten Großbritannien und Frankreich den Nazis den Krieg. Es passierte aber erst mal: gar nichts! Doch dann stürmten im Frühsommer 1940 die deutschen Streitkräfte Frankreich«

    Hitler war angetreten, die Unmöglichkeiten des Versailler Diktats zu korrigieren. D.h. die abgetrennten deutschen Gebiete wieder dem Reich anzuschließen. Dies wurde erreicht durch Verhandlungen – ohne Blutvergießen. Auch mit Polen "wäre er sich einig geworden, wenn nicht im März 1939 London den Polen einen Blankoscheck ausgestellt hätten." Im Besitz dieses "Beistands-Papiers" ordnete Warschau sofort eine Teilmobilisierung an (und wollte "in zwei Wochen durchs Brandenburger Tor marschieren). Am 30. August wurde die Generalmobilmachung ausgerufen. Am 31. August 1939 wurde dann durch Polen der Eisenbahnverkehr nach Ostpreußen durch die Sprengung der Dirschauer Brücke unterbrochen. Von einem Überfall – dann am 1. September – kann also keine Rede sein!

    Am 3. September 1939 begann der Zweite Weltkrieg durch die Kriegserklärungen GB und F an das Deutsche Reich – obwohl in keiner Weise gefährdet oder bedroht. Im letzten Briefwechsel zwischen Daladier und Hitler Ende September, schrieb der Kanzler am 27. August 1939:
    »
    Sehr geehrter Herr Ministerpräsident!
    Ich verstehe die Bedenken, die Sie aussprechen. Auch ich habe niemals die hohe Verpflichtung übersehen, die denen auferlegt ist, die über das Schicksal der Völker gestellt sind. Als alter Frontsoldat kenne ich wie Sie die Schrecken des Krieges. Aus dieser Gesinnung und Erkenntnis heraus habe ich mich auch ehrlich bemüht, alle Konfliktstoffe zwischen unseren beiden Völkern zu beseitigen. Ich habe dem französischen Volk eins ganz offen versichert, daß die Rückkehr des Saargebietes die Voraussetzung dazu sein würde. Ich habe nach dieser Rückkehr sofort feierlich meinen Verzicht bekräftigt auf irgendwelche weiteren Ansprüche, die Frankreich berühren können. Das deutsche Volk hat diese meine Haltung gebilligt. Wie Sie sich selbst bei Ihrem letzten Hiersein überzeugen konnten, empfand und empfindet es gegen den einstigen tapferen Gegner im Bewußtsein seiner eigenen Haltung keinerlei Groll oder gar Haß. Im Gegenteil. Die Befriedung unserer Westgrenze führte zu einer steigenden Sympathie, jedenfalls von seiten des deutschen Volkes. Eine Sympathie, die sich bei vielen Anlässen geradezu demonstrativ zeigte. Der Bau der großen Westbefestigungen, der zahlreiche Milliarden verschlang und verschlingt, stellt für Deutschland zugleich ein Dokument der Akzeptierung und Festlegung der endgültigen Reichsgrenze dar. Das deutsche Volk hat damit auf zwei Provinzen ((Elsaß-Lothringen)) Verzicht geleistet, die einst zum alten Deutschen Reich gehörten, später durch viel Blut erobert und endlich mit noch viel mehr Blut verteidigt wurden. Dieser Verzicht stellt, wie Sie mir, Exzellenz, zugeben müssen, keine taktische, nach außen gezeigte Haltung dar, sondern einen Entschluß, der in allen unseren Maßnahmen seine konsequente Erhärtung erfuhr. Sie werden mir, Herr Ministerpräsident, nicht einen Fall nennen können, in dem auch nur durch eine Zeile oder eine Rede gegen diese endgültige Fixierung der deutschen Reichsgrenze nach dem Westen hin verstoßen worden wäre. Ich glaubte, durch diesen Verzicht und durch diese Haltung jeden denkbaren Konfliktstoff zwischen unseren beiden Völkern ausgeschaltet zu haben, der zu einer Wiederholung der Tragik von 1914-1918 würde führen können. Diese freiwillige Begrenzung der deutschen Lebensansprüche im Westen kann aber nicht aufgefaßt werden als eine auch auf allen anderen Gebieten geltende Akzeptierung des Versailler Diktats. Ich habe nun wirklich Jahr für Jahr versucht, die Revision wenigstens der unmöglichsten und untragbarsten Bestimmungen dieses Diktats auf dem Verhandlungswege zu erreichen. Es war dies unmöglich. Daß die Revision kommen mußte, war zahlreichen einsichtsvollen Männern aus allen Völkern bewußt und klar. Was immer man nun gegen meine Methode anführen kann, was immer man an ihr aussetzen zu müssen glaubt, so darf doch nicht übersehen oder bestritten werden, daß es durch sie möglich wurde, ohne neues Blutvergießen in vielen Fällen nicht nur für Deutschland befriedigende Lösungen zu finden, sondern daß durch die Art des Verfahrens die Staatsmänner anderer Völker von der für sie oft unmöglichen Verpflichtung enthoben wurden, diese Revision vor ihren eigenen Völkern verantworten zu müssen; denn immerhin eines werden Eure Exzellenz mir zugeben müssen: Die Revision mußte kommen. Das Versailler Diktat war untragbar. Kein Franzose von Ehre, auch Sie nicht, Herr Daladier, hätte in einer ähnlichen Lage anders gehandelt als ich. Ich habe nun in diesem Sinne auch versucht, die allerunvernünftigste Maßnahme des Versailler Diktats aus der Welt zu schaffen Ich habe der Polnischen Regierung ein Angebot gemacht, über das das Deutsche Volk erschrocken ist. Kein anderer als ich konnte es überhaupt wagen, mit einem solchen Angebot vor die Öffentlichkeit zu treten. Es konnte daher auch nur einmalig sein. Ich bin nun zutiefst überzeugt, daß, wenn besonders von England aus damals, statt in der Presse gegen Deutschland ein wilde Campagne loszulassen, Gerüchte von einer deutschen Mobilmachung zu lancieren, Polen irgendwie zugeredet worden wäre, vernünftig zu sein, Europa heute und auf 25 Jahre den Zustand des tiefsten Friedens genießen könnte. So aber wurde erst durch die Lüge von der deutschen Aggression die polnische öffentliche Meinung aufgeregt, der Polnischen Regierung die eigenen notwendigen klaren Entschlüsse erschwert und vor allem durch die dann folgende Abgabe des Garantieversprechens der Blick für die Grenze realer Möglichkeiten getrübt. Die Polnische Regierung lehnte die Vorschläge ab. Die polnische öffentliche Meinung begann in der sicheren Überzeugung, daß ja nun England und Frankreich für Polen kämpfen würden, Forderungen zu erheben, die man vielleicht als lächerliche Verrücktheit bezeichnen könnte, wenn sie nicht so unendlich gefährlich wären. Damals setzte ein unerträglicher Terror, eine physische und wirtschaftliche Drangsalierung der immerhin über 1½ Millionen zählenden Deutschen in den vom Reich abgetretenen Gebieten ein. Ich will hier nicht über die vorgekommenen Scheußlichkeiten sprechen. Allein auch Danzig ((zu 95 Prozent Deutsche)) wurde mit fortgesetzten Übergriffen polnischer Behörden steigend zum Bewußtsein gebracht, daß es scheinbar rettungslos der Willkür einer dem nationalen Charakter der Stadt und der Bevölkerung fremden Gewalt ausgeliefert ist. (…)
    «
    Im Frühjahr 1940 setzten die Engländer ihre Truppen vermehrt aufs französische Festland über – und aus dem "Sitzkrieg" wurde der Westfeldzug. Der nach sechs Wochen durch die Kapitulation der Franzosen endete.

  2. Linotte mélodieuse sagt:

    Vielen Dank für den Artikel, Herr Ploppa !

    Die wahre Geschichte um den Elysée-Vertrag und der Wille De Gaulles sich dem Einfluss den USA (besonders in der EWG) zu entziehen, wird in den französischen Medien systematich ausgeblendet. Nichts Überraschendes aber es ist ironisch festzustellen, dass dieser Vertrag die heutige EU-Propaganda dient : die deutsch-französische Partnerschaft (« couple franco-allemand ») sei der Motor der EU und Adenauer und De Gaulle hätten damals den Weg dafür geebnet…
    Wenn ich die hiesigen Kommentare lese, habe ich den Eindruck, dass diese Geschichte auch von den Deutschen ziemlich unbekannt ist.
    Dieser Vertrag wird gern als Versöhnungsvertrag vorgestellt. Als ich Schülerin war und von diesem Vertrag das erste mal gehört habe, habe ich das irgendwie komisch gefunden, dass man 1963 sich plötzlich versöhnen braucht, obwohl unsere beiden Länder 1957 den römischen Vertrag unterzeichnet hatte und wir schon Partner in der EWG waren. Wenn man die ganze Geschichte kennt, hat das alles mehr Sinn.

  3. McRonny sagt:

    Eine Anmerkung noch, die man vielleicht erwähnen sollte. 3.7.1940 greift die Briten, die französische Flotte in Mers-el-Kebir an. Es verlieren mehr als 1100 französische Seeleute ihr Leben.

  4. Alcedo sagt:

    Das meiste kannte ich gar nicht, da schließe ich mich Volker D. an. …

  5. Volker Djamani sagt:

    Danke für einen weiteren tollen Artikel hier auf KenFM! Danke an den Autor und alle die hier Arbeit reinstecken!

  6. Hartensteiner sagt:

    Ist es nicht tragisch, dass die "Grande Nation" nun an einen kleinen Mafiosi im Dienste der "Internationalen des Finanzkapitals" gefallen ist? Nicht zuletzt die Gelbwesten machten einen Versuch, ihr Land zu retten, doch mit dem am raffiniertesten von allen Verschwörungen jemals eingefädelten "Krieg gegen das Virus" ist man wohl auch ihnen beigekommen. Aber irgendwie möchte ich die Franzosen noch nicht aufgeben, haben sie doch historisch immer deutlich mehr eines eigenständigen Denkens an den Tag gelegt, als es sich die Deutschen je träumen lassen könnten.
    Erinnern wir uns doch an die "Résistance", von der Leonard Cohen in seinem Lied "Der Partisan" gesungen hat:
    https://www.youtube.com/watch?v=PrN7qmkdvx4

    • Hartensteiner sagt:

      VIVE LA FRANCE!

    • Volker Djamani sagt:

      @Harteinsteiner

      Vive la Trance!

    • wasserader sagt:

      Frankreich wurde wie Deutschland entscheidend
      durch Massenzuwanderung in seiner Substanz zerstört .
      Die Puppe Macron repräsentiert heute Frankreich wie es ist .
      Frankreich wie Deutschland sind heute freies Spielfeld für irgendwelche Konzerninteressen .
      Der Macron geht mit Wasserwerfern und Gummigeschoßen auf das eigene Volk los .

    • Hartensteiner sagt:

      Wasserader, Du fängst zu spät an zu schauen. Mag ja sein, dass die Masseneinwanderung in D nicht geholfen hat, doch da ich auch die Zeit davor betrachte, kann ich sehen, dass auch da schon der Weg steil bergab gegangen war.
      Für Frankreich ist das schwieriger zu beurteilen, da die Einwanderung aus den früheren Kolonien dort schon lange gelaufen ist. Hinzu kommt, dass sich die Franzosen so lange gegen jede Integration gewehrt haben, bis eine Subkultur entstanden war, die sich nicht mehr integrieren lassen will. Wie damit umzugehen ist, kann ich von außen nicht beurteilen.
      In D würde ich meinen, dass dieses Problem lösbarer ist, als das, den eigenen, selbstgewählten Weg nach unten aufzuhalten. Wäre das nicht so, wäre auch das Problem der Einwanderung – wenn sie nicht erneut anläuft – zumindest bis jetzt lösbar. Dagegen steht das Verhalten der Deutschen im Anblick von Corona – ein mutloses Sich-Hingeben an etwas, das ich nur schwer benennen kann, weshalb ich das provisorisch als eine extreme Form der Verkindlichung bezeichnen würde, eine Auflösung jeden Selbstbewusstseins, auch im Angesicht einer "Mutti", die den Missbrauch der Kinder nicht nur duldet, sondern selbst führend vorantreibt.
      Und da ist dann wirklich guter Rat teuer.
      Erst hieraus wird die Einwanderung zum wirklichen Problem. Es fehlt, wie ich sagte, jegliches Selbstbewusstsein, und das ist im Vergleich ganz erheblich viel schlimmer.

    • Alcedo sagt:

      @ wasserader, Hartensteiner
      Beantwortet mir mal die Frage, was deutsche Identität ist … ich komme da ins Stocken. ..

    • Hartensteiner sagt:

      Alcedo. Vielleicht war das bis vor einem Jahr schwer zu sagen. Deutsche Identität heute ist klar: Maske tragen, Abstand halten, Narrativ glauben, sich allem unterwerfen, was da auch kommen mag. Schlecht schlafen bei der Vorstellung, dass da ein Mitbürger die Maske nicht richtig aufhat. Träume davon, mit polizeilicher Hilfe solch einen Missstand auszuräumen. Träume von riesiger Volksversammlung mit Merkel: "Wollt ihr den totalen Krieg gegen das Virus?". Hurrrraaaaaa!

    • wasserader sagt:

      Für Alcedo .
      Die spezifische Charakteristik ist elementarer Bestandteil des Lebens .
      Die gesamte Natur ist durch Differenz und Spezifität bezeichnet, analoges gilt für Kultur .
      Es ist spezifische Indoktrination wenn die eigene Kultur nicht erkannt wird.
      Spezifisch deutsch heute ist z.B die Frage von Deutschen, was denn deutsche Kultur sein sollte.
      Weltweit kennen Menschen ihre Kultur als Basis ihres Seins und schätzen diese Kultur als Basis ihres Seins .
      Ohne Gewissheit über die Basis ihrer Kultur verlieren Menschen leicht den Boden unter den Füßen.

    • Alcedo sagt:

      Stimmt nicht, Hartensteiner, das ist eine Angst – die wir übrigens teilen – keine Identität. Dieses Verhalten wird ja weltweit eintrainiert, es wäre dann eine weltweite Identität. (ob sich der Wahn nun im Lappen oder in der Einhaltung von Ausgangssperren manifestiert macht nur ästhetisch einen Unterschied ; )
      Wahrscheinlich ließe sich eine Korrelation zwischen Entfremdung/Auflösung des Selbst und Mitträger der Maßnahmen finden. Ergänzend kommt die unvollständige Information dazu … na ja, das ist alles schon vielfach gesagt. Sinnvoll sind mmn schon seit längerem fast nur noch kleinteilige Infostände … wie oft ich das mache? x

    • Alcedo sagt:

      Ja, wasserader, "Ohne Gewissheit über die Basis ihrer Kultur verlieren Menschen leicht den Boden unter den Füßen."
      Genau das sehen wir im Moment weltweit. Ich habe im Rahmen der Flüchtlingskrise länger darüber nachgedacht – für die eigene Basis ist das einfach – aber schon Köln und Görlitz zu vereinen und dabei alle anderen Länder auszuschließen ist nicht gelungen.

    • Hartensteiner sagt:

      Alcedo… Ich will vielleicht mal nationale Identität mit Kultur verknüpfen und wiederholen, was ich dazu schon lange vor Corona gedacht habe: Die deutsche Kultur – in den 19-zwanziger Jahren noch in voller Blüte – wurde zwischen 1933 und 45 mindestens zur Hälfte vernichtet. Das was nach 45 verblieben war, wurde gegen Coca Cola und Blue Jeans (und noch ein paar feine Sachen) eingetauscht. Ich sah also auch schon vor Corona nur noch seltene, vereinzelte Fragmente einer deutschen Kultur (Ich meine damit lebendige Kultur, nicht formelles Abspulen historischer Werke in "Pflichtveranstaltungen" geltungsbedürftiger, gehobener Schichten) und es wird immer schwieriger, solche zu finden. In Corona – Zeiten scheinen sie ganz verschwunden. Dementsprechend mies sieht es mit der nationalen Identität aus. Nach meinem Vaterland gefragt, sage ich deshalb auch gern: "Das habe ich schon 1933 verloren". Und jetzt? Ich sehe bislang keine Spuren, dass es wieder besser werden könnte. Allerdings lässt sich Ähnliches für mindestens die meisten europäischen Länder feststellen, was es nicht besser, sondern noch schlimmer macht.

  7. EkkiPtang sagt:

    Das ist alles neu für mich. Ich wusste nicht, dass die deutsch französische Annäherung zu Wirtschaftswunderzeiten so weit ging. Eigentlich sollte das alles Stoff eines Leistungskurses Geschichte der gymnasialen Oberstufe sein. Daumen nach oben!

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