Iran – 1001 Nacht oder das nächste Kriegsmärchen?

In den letzten Monaten dominierten Drohungen, Sanktionen und vor allem Machtdemonstrationen die amerikanisch-iranischen Beziehungen. 

Ein Kommentar von Ramona Wakil.

Viele Menschen, Politiker und die Medien sehen es kommen. Den nächsten Krieg im Mittleren Osten. Doch was macht einen Krieg im Iran so speziell und weshalb wäre dieser Krieg für die USA eine Art Kirsche auf dem Sahnehäubchen? All diese Fragen sind wichtig zu verstehen, um die weitere Vorgehensweise der Amerikaner und der Iraner nachzuvollziehen. Wir warten gespannt und mit Furcht auf die nächsten Ereignisse. 

Eins muss man den Iranern lassen. Sie sind verdammt mutig. Ob ihre Mut ihnen noch zum Verhängnis wird, oder sich bewährt, bleibt noch offen. Anders kann man nämlich die politische Führung in Teheran nicht beschreiben. Präsident Rohani hatte als Reaktion auf die von den USA verhängten Sanktionen im Juni 2018 folgendes Statement veröffentlicht:

„Amerika sollte wissen, Frieden mit dem Iran ist die Mutter jeden Friedens – und Krieg mit dem Iran ist die Mutter aller Kriege. Mister Trump, spielen Sie nicht mit dem Schwanz des Löwen. Dies würde nur zu Bedauern führen.“ [1]

(Letztere Bedrohung ist ein altes persisches Sprichwort und hört sich für die westliche Welt ein wenig theatralisch an).

Die Spannungen der beiden Länder haben seit dem Ausstieg der USA aus dem Atomabkommen mit dem Iran im Mai 2018 erheblich zugenommen. Man bedenke, dass Herr Trump und seine Administration davon überzeugt sind, sein Vorgänger Barack Obama habe sich austricksen lassen und einen schlechten Deal mit den Iranern gemacht. Alle anderen Länder, die restlichen Mitglieder des UN-Sicherheitsrates China, Frankreich, Russland und Großbritannien halten an dem Deal fest und auch Deutschland und die Europäische Union sahen keinen Grund, aus dem Deal auszutreten. Eigentlich auch logisch, denn die IAEA (International Atomic Energy Agency), die zuständige Behörde für das Abrüsten, meldeten, dass alles nach Plan verlaufe und sich die Iraner an den Vertrag halten.

Doch weshalb lassen die USA den Iran nicht in Frieden abrüsten? Vielleicht liegt es an den Zielen, die die amerikanische Außenpolitik realisieren will. Der ehemalige US-General Wesley Clark erklärt, wie deutlich und zielorientiert die USA sieben Ländern innerhalb von fünf Jahren nach 9/11 umwälzen wollten. Man muss wirklich das Video dazu gesehen haben, um das tatsächlich zu glauben.

Diejenigen, die nun sagen, die im Video erwähnten Staaten seien ohnehin von Diktatoren und Tyrannen regiert und deshalb wäre ein Regime Change gar nicht so schlimm, muss ich leider enttäuschen, denn ein Regime Change ist nicht mit dem UNO-Gewaltverbot zu vereinbaren. Es ist laut internationalem Völkerrecht illegal, ein souveränes Land zu destabilisieren, anzugreifen oder den Präsidenten zu stürzen.

Es sollte somit davon ausgegangen werden, auf der amerikanischen Agenda vermerkt zu finden, dass man das konservative und anti-amerikanische Regime in Teheran loswerden möchte. Doch wem nützt das? Hat man in Amerika, dem mächtigsten Land der Welt, Angst vor iranischen noch nicht vorhandenen Atomraketen? Nein, die Amerikaner haben gewiss keine Angst. Es geht einmal mehr um Geopolitik. Nicht nur die wahabitischen Führer in Saudi-Arabien würden bei einem Sturz des iranischen Regimes Luftsprünge machen, sondern auch die Israelis hätten einen Feind weniger. Es bleibt nicht verborgen, wie die Saudis und Israelis die Rolle des Iran im Syrienkrieg hinterfragen und angespannt versuchen, die Iraner und ihre Macht einzudämmern.

Man kann Herrn Clark glauben oder nicht, aber auch Hillary Clinton hatte anlässlich des Syrienkrieges in einem geleakten Mail erklärt, man müsse den Syrern „helfen“ Assad zu stürzen, um Israel in der Region einen Vorteil zu verschaffen und den iranischen Einfluss zu unterbinden:

„The best way to help Israel deal with Iran’s growing nuclear capability is to help the people of Syria overthrow the regime of Bashar Assad.“ [2]

Um somit den zwei wichtigsten Verbündeten im Mittleren Osten einen grossen Gefallen zu machen und ihre Angst aus dem Weg zu räumen, kann subjektiv gesehen, von einem nächsten Krieg unter amerikanischem Kommando ausgegangen werden. Ein Krieg im Iran würde den Amerikanern und seinen Verbündeten in Asien sehr viel nützen. Natürlich wäre dieser Gewaltakt illegal und würde viele Menschenleben fordern, doch wie wir wissen, schreckt das amerikanische Imperium aufgrund von diesen zwei Gründen sicher nicht vor einem Krieg zurück.

Rache für Syrien-Niederlage

Weiterhin muss man die westliche Niederlage in Syrien in Betracht ziehen. Die Koalition der USA, Großbritannien, Frankreich und die Golfmonarchien Saudi-Arabien und Katar haben den Krieg in Syrien gegen Assad und seine Verbündeten Russland und Iran verloren. So wie aber für die Amerikaner nach der Niederlage in Vietnam, Afghanistan die Rache war, so könnte auch der Iran die Rache für Syrien werden. 1998 sagte Zbigniew Brzeziński, der Sicherheitsberater von US-Präsident Jimmy Carter, im Interview How Jimmy Carter and I Started the Mujahideen zum Afghanistankrieg: «We now have the opportunity of giving to the USSR its Vietnam war» [3] Aufgrund dessen ist es möglich, dass aufgrund dem gescheiterten Regime Change in Syrien die außenpolitische Agenda der USA nun härter gegen den Iran vorgehen wird, als bisher angenommen.

Nun muss man sich aber auch fragen, was die Iraner alles tun, um diesen Krieg so gut es geht, zu verhindern. Und da muss ich zugeben, dass sowohl die politische als auch die islamische Regierung sich nicht so geschickt anstellt. Sie werden mit größter Wahrscheinlichkeit kläglich versagen und gar die eigene Bevölkerung gegen sich aufbringen. Natürlich befürworte ich nicht, sich vom amerikanischen Einfluss in die Knie zwingen zu lassen. Trotzdem gibt es im Iran einige größere Schwierigkeiten.

Wie auch Jugendliche im Westen wünschen sich die iranische Jugend eine Karriere, Sicherheit und Freiheit.

Zunächst herrscht keine islamische Freiheit. Weiterhin ist Korruption in der geistlichen Abteilung des Landes ein offenes Geheimnis. Solche Ausgangslagen, in einer Gesellschaft, in der 60% der Bevölkerung unter 30 Jahre alt sind [4], sind zum Scheitern verurteilt. Die Jugendlichen im Iran sind über die Ereignisse im Ausland und im Iran sehr betrübt. Wie auch Jugendliche im Westen wünscht sich die iranische Jugend eine Karriere, Sicherheit und Freiheit.

Natürlich hat das iranische Regime viele lobenswerte Bestimmungen, wie beispielsweise die unvergleichbare Förderung der Frauen in der akademischen Welt. 60% der Studenten an den Hochschulen sind nämlich Frauen und das ist eine bemerkenswerte Zahl [5]. In dieser ganzen Diskussion ist es schwer für alle Beteiligten, klar zu kommen. Die USA sind ein mächtiges Land und drohen allen Ländern mit Konsequenzen, falls sie mit dem Iran weiterhin Handel betreiben.

Angesichts der immer schlechter werdenden wirtschaftlichen und sozio-politischen Situation im Iran, beschreibt die wage Behauptung der Studentin Zeynab Farahani ziemlich gut, was Sache ist:

„Liberale Studierende realisieren nicht, dass einige Länder niemals unsere Freunde sein werden.“ [5]

Gewiss ist das sehr eindimensional ausgedrückt, doch vielleicht behält Sie Recht und der Iran sollte versuchen, das eigene Land selbst aufzubauen, um sich von den immer wiederkehrenden Sanktionen, Drohungen und Beleidigungen zu wappnen. Wenn ihre Wirtschaft stark und die Gesellschaft wieder ein Vertrauen sowohl zu der politischen als auch zu der geistlichen Regierung aufgebaut hat, kann der Iran über soziale Reformen und Änderung in ihrer Verfassung diskutieren. Bis dahin bleibt die zwar mutige aber dennoch ängstliche Stimmung im Land präsent.

Letztendlich ist es aber wichtig eine Macht in Asien wie den Iran zu haben, um einen Ausgleich zu Israel und Saudi-Arabien zu generieren. Wir warten erstmal ab und hoffen zwar auf keinen Krieg, doch falls ein Angriff auf den Iran Realität werden würde, bleibt zu hoffen, dass sich die Mehrheit der Menschen nicht von den banalen und erlogenen «Kriegsgründen», die von der Mainstreampresse verbreitet werden, manipulieren und beeinflussen lassen. Somit hoffen wir auf kein Kriegsmärchen im Iran, denn wir wissen, dass jeder Krieg ein schlechter Krieg ist und es keine humanitären Kriege gibt.

Quellen:

[1] Verfasser: Reuters, Irans Präsident warnt Trump vor „Mutter aller Kriege, https://de.reuters.com/article/iran-usa-idDEKBN1KC0G9

[2] WikiLeaks, Hillary Clinton Email Archive, https://wikileaks.org/clinton-emails/emailid/18328, Übersetzung: „Der beste Weg, Israel beim Umgang mit den wachsenden nuklearen Fähigkeiten des Iran zu helfen, ist es, dem syrischen Volk zu helfen, das Regime von Bashar al-Assad zu stürzen.“

[3] Verfasser: St. Clair Jeffrey und Alexander Cockburn, How Jimmy Carter and I started the Mujahideen, https://www.counterpunch.org/1998/01/15/how-jimmy-carter-and-i-started-the-mujahideen/

[4] Verfasser: Naghmeh Hosseini, Sanfte Rebellion, https://www.zeit.de/2015/17/iran-tradition-junge-generation

[5] Verfasser: Paula Haisser, Nietzsche in Iran, https://www.zeit.de/2017/21/iran-zukunft-studenten-universitaet-teheran/seite-2

Der Kommentar erschien zuerst am 10.09.2018 auf: rwkl – Krieg, Frieden, Desinteresse

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Ein Kommentar zu: “Iran – 1001 Nacht oder das nächste Kriegsmärchen?

  1. Weiterhin muss man die westliche Niederlage in Syrien in Betracht ziehen. Die Koalition der USA, Großbritannien, Frankreich und die Golfmonarchien Saudi-Arabien und Katar haben den Krieg in Syrien gegen Assad und seine Verbündeten Russland und Iran verloren.

    ??? Der „Westen“ hat doch gerade gezeigt, wer der Herr im Haus ist.
    Man wartet auf den casus belli, damit der „kleine Mehmet“ nach
    Damaskus marschieren kann.

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