ISIS tötet US-Soldaten

In einem Gebiet, in dem es seit Jahren kaum aktiv war

Von Jochen Mitschka

Am 16. Januar machte die Nachricht die Runde, dass ISIS Kämpfer, vermutlich mit einem Selbstmordanschlag, eine Gruppe von 18 Menschen in Manbij getötet hätten. Darunter befanden sich vier oder fünf US-Soldaten. Angeblich waren es zwei Soldaten, die zwei CIA-Agenten begleiteten, die mit den Kurden über den Abzug verhandeln sollten, die Nachrichten sprechen von einer Patrouille. Der Anschlag erfolgte in einem Gebiet, der weit entfernt von ISIS-Stellungen war, und zu einem Zeitpunkt, da ISIS eigentlich froh sein sollte, dass die USA das Gebiet verlassen wollen. War es überhaupt ISIS? Wie wir wissen, nehmen Sie jeden Verkehrsunfall für sich in Anspruch. Käme denn jemand für einen False-Flag Angriff in Frage?

Der Angriff hat als wahrscheinlichstes Ergebnis zur Folge, dass die USA den Abzug aus Syrien zurückstellen. Auch wenn Trump behauptet, dass das ein Sieg von Daesh/ISIS wäre. Wir werden sehen, wie sich die Diskussion innerhalb der USA entwickelt, ob er den Abzug weiter durchsetzen kann. Der Anschlag war andererseits zu klein, um wirklich einen Abzug zu erzwingen. Er müsste wohl das Ausmaß des Anschlages von Beirut 1983 haben, bei dem 241 US-Soldaten getötet worden waren, um die öffentliche Meinung zu einem Abzug zu bewegen. Deshalb ist eher davon auszugehen, dass der Anschlag das Gegenteil beabsichtigte: Den Abbruch des US-Abzuges.

Dies kann durchaus im Interesse von ISIS sein. Denn es gibt kaum ein Gebiet in Syrien, in dem sie sich so lange und standhaft halten konnten, als in dem von den USA kontrollierten Gegenden östlich des Euphrat. Und immer wieder war auch berichtet worden, wie Hubschrauber ohne Kennung ISIS-Kommandeure aus prekären Situationen ausflogen, mehrmals. Und ISIS-Präsenz in Syrien, die droht auf den Irak auszustrahlen, ist der einzige Grund, mit dem die USA noch ihre Präsenz im Irak begründet.

Russland hat sicher kein Interesse, US-Soldaten zu töten, so sehr auch die tödlichen Angriffe auf russische Kräfte, sowohl auf ein Feldlazarett, als auch einen Führungsoffizier, die nur durch US-Aufklärung möglich gewesen sein konnten, schmerzen. Aber Russland hat kein Interesse daran, dass die USA den Abzug unterbrechen oder abbrechen.

Auch die Türkei hat sicher kein Interesse daran, aus den gleichen Gründen. Und die syrische Regierung wäre verrückt, nach der Abzugsentscheidung anzugreifen, und die USA herauszufordern, doch in Syrien zu bleiben. Bleibt noch die YPG, die Kurden, die durch den Abzug der USA unter großen Verhandlungsdruck gerieten, eine Einigung mit der syrischen Regierung zu finden.

Tatsächlich wäre es nicht der erste Fall eines False-Flag Angriffes der YPG. David Jindo, der Militärkommandeur einer christlichen Selbstverteidigungsorganisation, wurde durch die YPG am 22. April 2015 ermordet, und es wurde dann versucht, den Mord auf Terroristen zu schieben. Jindo war ein Diakon in der Assyrischen Kirche des Ostens. Er  leitete den „Khabour Council of Guards“, den Rat von Khabour, der die unabhängigen Selbstverteidigungskräfte der Christen gegen ISIS in der Region koordinierte. Sarah Abed schrieb über die Ermordung:

„Wie im obigen Video erklärt, folterten und töteten kurdische Sicherheitskräfte den assyrischen Militärkommandeur David Jindo nach einer falschen Einladung unter dem Vorwand der Kooperation. Dies war ein Schachzug, der an die Ermordung des assyrischen Patriarchen Mar Shimun XXI Benyamin erinnerte, der 1918 vom kurdischen Anführer Simko Shikak ermordet worden war, nachdem dieser den Patriarchen in sein Haus eingeladen hatte.“

Der Artikel ist lesenswert, besonders für jene, die dem Mythos anhängen, die YPG wäre eine friedliche, uneigennützige, basisdemokratische, quasi sozialistische Organisation, die nur Gutes tun würde.
Da die Kurden quasi-Souveränität über das Gebiet der Assyrer beanspruchten, verlangten sie, dass diese ihren Befehlen gehorchten. Jindo dagegen war der Meinung, dass das Gebiet zu Syrien gehörte, und die Milizen der Christen ausschließlich zur Selbstverteidigung operierten, bis die staatliche Souveränität wiederhergestellt würde. Die Kurden forderten die Assyrer auf, entweder für Rojava zu kämpfen oder das Gebiet zu verlassen. Berichte von ethnischen Säuberungen wurden verschiedentlich gemeldet.

Die Spannungen verdichteten sich, als kurdische Milizen assyrische Dörfer plünderten und verwüsteten, um die geflüchteten Zivilisten von der Rückkehr abzuhalten. Elias Nasser war ein enger Mitarbeiter des Ermordeten. Er sagte aus: „Wir haben großen Respekt vor all jenen, die Widerstand leisteten, weil die Nineveh Ebene und Khabour sind unser Siedlungsgebiet. Das ist unser Land. Das Land unserer Vorfahren.“

Eines Tages, so berichtete er, wären Jindo und er zum Haus von Nasser gekommen, und hätten dort fünf YPG Kämpfer wartend vorgefunden. Die Kurden wären in das Haus eingeladen und dort gastfreundlich bewirtet worden. Die Kurden hätten erklärt, dass eine dringende Besprechung wegen der Plünderungen an einem geheimen Ort stattfinden würde. Allerdings, so Nasser, gab es kein Treffen. Und als die Männer wegfuhren, fanden sich die beiden Anführer der Assyrer auf einer unbekannten Straße wieder. Dort wären sie festgehalten und gefoltert worden. Sowohl auf Jindo als auch auf Nasser wurden mehrere Schüsse abgegeben. Jindo starb sofort, und die Milizionäre fuhren weg im Glauben, dass auch Nasser tot wäre. Aber er überlebte die Schüsse und kroch zu einer Hauptverkehrsstraße, wo ihn ein vorbeifahrendes Auto aufnahm und in ein Krankenhaus brachte.

Auch mehrere Tage nach dem Anschlag konnte er nicht sprechen, berichtete er, und schrieb daher im Krankenhaus auf, was passiert war. Wodurch bekannt wurde, dass es die YPG und nicht ISIS war. Die Aussagen findet man heute in einem YouTube-Video.

Natürlich ist die Ermordung von Jindo kein Beweis, dass die Kurden, und nicht ISIS, das Attentat organisiert hatten. Aber für ISIS wäre es wesentlich einfacher gewesen, in der Nähe ihrer Präsenz einen Anschlag durchzuführen. Auch dort gibt es US-Soldaten. Mit jedem Kilometer Entfernung wächst die Gefahr der Aufdeckung. Das dürfte sicher auch der Grund sein, warum es über Jahre keine Zwischenfälle in der Gegend gab, in der nun das schreckliche Gemetzel stattfand. Im März 2018 starb ein US-Soldat durch eine Sprengfalle, jedoch ist unklar, ob sie wirklich von ISIS stammte

Föderalisierung

Angeblich fordern die Kunden eine Föderalisierung des Staates, nicht nur eine Autonomie für bestimmte Siedlungsgebiete. Das soll das Haupthindernis für eine Einigung mit dem syrischen Staat sein. Dieser kann aber einer Föderalisierung unmöglich zustimmen, weil der syrische Staat ein multi-religiöses, multi-ethnisches Gebilde ist, und das Vertrauen der Menschen darauf basiert, dass die Interessen aller Ethnien und Religionen gleich behandelt werden. Und im Fall einer Föderalisierung wären mehr ethnische Säuberungen zu befürchten und eine langsame Abtrennung der kurdischen Siedlungsgebiete und möglicherweise durch illegale Einwanderung die Veränderung der Zusammensetzung der Bevölkerung, die zu einer Erweiterung der Ansprüche der Kurden führen würde.

Nach der letzten illegalen Einwanderungswelle hatte die Regierung, entgegen ihrer Gepflogenheit, großzügig staatsbürgerlichen Schutz gewährt und Staatsangehörigkeiten verliehen. Was statt zu Dank zu den derzeit zu beobachtenden Sezessionsbewegungen führte, die natürlich ohne die Unterstützung westlicher Länder, nie zustande gekommen wäre.

Die YPG hatte sich Ende 2009 von anderen kurdischen Gruppen, die den „Kurdish Political Coujncil“ gegründet hatten, gelöst. Seitdem hatten sie sich geweigert, mit der Regierung zusammen zu arbeiten. Während viele Kurden, neben Sunniten, Alawiten, Schiiten, Christen, Armeniern, Assyrern usw., den Kampf gegen ISIS in der Armee des Landes, oder in Absprache mit ihr durchführten. Was schon darauf hinweist, dass die Forderungen der YPG-Führung keineswegs unumstritten innerhalb der kurdischen Gemeinde Syriens sind.

Tim Anderson schrieb schon 2016:
„Washington hat versucht, separatistische Kurden sowohl gegen Bagdad als auch gegen Damaskus einzusetzen, während die Türkei sie als Hauptfeinde ansieht, und die Extremistengruppen sie als ‚abtrünnige‘ Moslems abschlachten. Die kurdischen Gemeinschaften hatten, historisch gesehen, größere Autonomie im Iran und in Syrien genossen.“

Und jede Unterstützung einer Unabhängigkeit oder einer Föderalisierung, die vom Westen gefördert wird, zielt nur darauf ab, Syrien (oder den Irak) zu schwächen, und im Fall der USA, Militärbasen in der Region unterhalten zu können. Die größte US-Botschaft der Welt wurde nicht in Brüssel, sondern in Bagdad gebaut, und eines der größten Konsulate im kurdischen Erbil.

Und der Krieg Obamas gegen Syrien war von irakischem Boden aus geplant gewesen.

„Als Mitte 2014 Washington mit dem Einverständnis der Regierung des Irak seine ‚Anti-ISIS‘ Koalition gründete (Drennan 2014), gelang es ihr, mit dem Militär einen ‚Fuß in die Tür‘ des östlichen Syrien zu setzen, ohne dafür das Einverständnis der Regierung Syriens zu erhalten. Aber schon bald wurde klar, dass es nur einen sehr begrenzten Willen gab, ISIS in Syrien oder dem Irak anzugreifen. Die Luftwaffe der USA und ihrer Partner wurden zwar gegen ISIS im nördlichen Teil beider Länder eingesetzt, die kurdisch besiedelt sind, aber in keiner Weise, als ISIS in Richtung der Syrischen Armee marschierte, wie im Fall von Deir eZorr und Palmyra. Es handelte sich um eine ‚Viehtreiber‘-Operation, mit der die Fanatiker weggetrieben wurden von Gebieten, in denen die USA Vereinbarungen über eine Zusammenarbeit geschlossen hatten (insbesondere mit Elementen der kurdischen Führung); die den Fanatikern aber freie Hand ließen, im Osten Syriens Boden zu erobern und Basen zu errichten. Ein syrisch-amerikanischer Analyst beobachtete: ‚Während ISIS keine der kurdischen Kräfte oder Rebellen angreifen konnte, ohne dass die ‚Anti-ISIS Koalition‘ sich eingemischt hätte, konnte ISIS vollkommen unbehelligt in die von der Armee Syriens kontrollierten Gebiete einmarschieren, ohne dass ihre Konvois von einem einzigen ‚Anti-ISIS-Koalitions‘-Flugzeug angegriffen wurden, und ohne dass die syrische Luftwaffe von der Bedrohung durch die ISIS informiert worden wäre‘ (Fadel 2015b).“ (Tim Anderson)

Natürlich waren die Iraker froh über jede Hilfe, die jedoch erst kam, als klar wurde, dass dank iranischer Hilfe, ISIS nicht in der Lage sein würde, Bagdad zu stürmen. Aber das Verhalten der USA im Irak war schnell durchschaut worden, und so wundert es nicht, dass in Bagdad ein Geheimdienstzentrum unterhalten wird, in dem Russland, Syrien, der Irak und der Iran gemeinsam agieren und sich austauschen. Unter Ausschluss der USA. Und so wird auch deutlich, warum irakische Selbstverteidigungskräfte im Irak, gerade in den letzten Tagen, US-Aufklärer daran gehindert hatten, die Grenze zu Syrien zu beobachten.

Gewisse kurdische Kreise hoffen immer noch, mit ausländischer Unterstützung mehr als Autonomie zu erhalten. Aber das ist illusorisch. Denn keiner der Nachbarstaaten wird das unterstützen. Die Türkei droht offen mit Besatzung, der Irak hat gerade einen Versuch von Barzani erfolgreich torpediert, einen Teil des Landes für unabhängig zu erklären. Und der Iran wird ebenfalls nicht zulassen, dass ein Gebilde entsteht, das auch Sezessionen im eigenen Land beflügeln könnte.

Bei den Unterstützungen dieser Bewegungen geht es dem Westen keineswegs um das Selbstbestimmungsrecht der Völker, um Menschenrechte oder Demokratie. Sondern es geht um die Politik der „Schöpferischen Zerstörung“. Sie war einst vom österreichischen Ökonomen Schumpeter entwickelt worden, um dem Kapitalismus zu ermöglichen, existierende soziale Systeme zu zerstören, damit an ihrer Stelle neue Wirtschafts- und Sozialsysteme im Sinne des Kapitalismus aufgebaut werden konnten.

In Verbindung mit dem Mittleren Osten wurde dieser Begriff durch die damalige US-Außenministerin Condoleezza Rice im Jahr 2005 in Tel Aviv geprägt. Damit sollte beschrieben werden, wie der Mittlere Osten neu strukturiert werden konnte. Der Beginn dieser Politik war der Angriff Israels gegen den Libanon. Der Libanon war bis zu diesem Zeitpunkt „die Schweiz des Nahen Ostens“ gewesen, lag nach dem Krieg aber in Trümmern. Allerdings klappte das mit dem Neuaufbau nicht so recht, weil die Hisbollah Israel und die Ziele des Krieges vereitelte. Ähnliches sehen wir nun in Syrien.

Die Kurden hatten gehofft, im Rahmen dieser Politik, quasi als Flugzeugträger der USA, ihren eigenen Staat errichten zu können. Den Traum hat ihnen nun Trump geraubt. Und die Geopolitiker der USA schäumen, weil sie diesen Staat als Saatgut für weitere Unruhen und Kriege nutzen wollten, denn sie haben ihre Pläne einer Neuordnung des Mittleren Ostens noch nicht endgültig begraben. Und wie so oft versuchte Deutschland als „Junior-Imperium“ einen Fuß in der Tür zu haben.

Dauerhaften Frieden in der Region wird es nur geben, wenn die Kurden zwar Autonomie erhalten, aber die Rechte der anderen Ethnien gewahrt werden, wenn insbesondere die Menschen, die keine Kurden sind, wieder in ihre Heimat zurück dürfen, die Kontrolle der Grenzen durch die syrische Armee, in der Übergangsphase mit Hilfe der russischen Militärpolizei, wahrgenommen wird, und aus Syrien keine Unterstützung der PKK in der Türkei erfolgt.

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