Kanzler der Enteignung

Nach dem Tod von Helmut Kohl überschlägt sich der Propaganda-Apparat der Herrschenden. Kein Wunder: Ihnen hat er den größten Ramschfeldzug der jüngeren Geschichte ermöglicht.

von Susan Bonath.

Man soll über Tote nicht schlecht reden, heißt es. Bei manchen Tätern vergisst der Mainstream diese Floskel gerne. Anders ticken die Uhren bei verstorbenen Tätern, die der herrschenden Klasse dienen. Dieser Tage überbieten sich die Medien, die selbige besitzt, den »Einheitskanzler« Helmut Kohl und »sein Vermächtnis« zu heroisieren und glorifizieren. Seinen Tod am Freitag nutzten sie dazu, einen Helden aus dem CDU-Mann zu stilisieren. Selbstverständlich war er das, wenngleich allein aus Sicht der Bourgeoisie. Man weiß es doch inzwischen: Die veröffentlichte Meinung ist immer die der Herrschenden.

Tote, wie Helmut Kohl sind nützlich. Die Herrschenden können die Flaggen in Brüssel und Berlin auf Halbmast hissen. Die Kanzlerin, Kohls »Ziehkind« Angela Merkel, in jungen Jahren auch als IM (informelle Mitarbeiterin der Stasi) Erika unterwegs, bekommt einen weiteren großen Auftritt. Sie darf tönen, welch ein »großer Europäer« und »Glücksfall für uns Deutsche« ihr Meister, der ihr zur Macht verhalf, doch war. Wer die deutschen Glückspilze sind, sagt sie nicht.

Moralistisch verklärtes Einheitsgedöns

Die Tagesschau lässt den SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz in Mikrofon posaunen, welch große Leistung Kohl beim »Verankern von Deutschland in Europa« vollbracht habe. Und Cem Özdemir von den Grünen jubelt: »Sein Name wird immer in Verbindung stehen, mit einem der größten Projekte der deutschen Nachkriegsgeschichte.« Selbst Dietmar Bartsch von den Linken freut sich: Kohl sei so lebensnah gewesen. »Er konnte einem sogar die Hand auf die Schulter legen«, erklärte er voll moralischer Ergriffenheit, ganz so, als habe der verstorbene Altkanzler nie ein anderes Zeil als pures Gutsein verfolgt und als sei die deutsche Einheit so etwas wie eine glückselige Familienzusammenführung gewesen.

Doch was bedeutete dieses »größte Projekt der deutschen Nachkriegsgeschichte«, die deutsch-deutsche »Wiedervereinigung«, wie es die Herrschenden so harmlos und emotionsgeladen umschreiben, als hätten sich zwei lang Vermisste endlich wiedergefunden, für Otto-Normalarbeiter in Ost und West tatsächlich?

Kohl hatte wohl, wie es der Präsident der EU-Kommission, Jean-Claude Juncker, am Freitag so treffend öffentlich formulierte, »zur richtigen Zeit das richtige getan« – selbstverständlich nur aus der Sicht seiner eigenen Klasse. Er ergriff die Chance beim Schopfe, als 1989 die Arbeiter in der DDR auf die Barrikaden gingen. Zu Recht hatten sie die Nase voll von ihrer privilegierten, diktatorischen Bestimmer-Kaste, die Marx, Engels und Lenin nie in dieser Art für einen Sozialismus vorgesehen hatten. Es war völlig legitim: Die Arbeiter und Bauern wollten mitbestimmen, statt sich aufoktroyierten stalinschen Strukturen zu unterwerfen.

Der Run auf den Rosinenkuchen DDR

Die Mehrheit der ersten Montagsdemonstranten war weit davon entfernt, den »Einmarsch« der Kapitalisten zu fordern. Die kamen von selbst. Mit Plakaten und Flyern, auf denen sie die deutsche Einheit und bald auch schon die D-Mark als Glückskonzept, als Himmelsreich der imaginären deutsch-deutschen »Brüderlichkeit« anpriesen. Rechte Parteien von der CDU bis hin zur NPD ließen nicht lange auf sich warten. Mit gut getarntem feistem Grinsen schüttelten sie die Hände aufgebrachter, aber unbedarfter DDR-Bürger.

Was die wenigsten kurz nach dem Mauerfall ahnten: Die Übernahme der DDR inklusive Ausverkaufs ihres volkseigenen Vermögens stand zu diesem Zeitpunkt längst auf Kohls Wunschagenda. Die Tinte auf dem größten Enteignungsvertrag der jüngeren Geschichte war noch nicht trocken, schon verramschte die Treuhand den Kuchen bis auf die letzte Rosine. Statt zuerst versprochener Entschädigung wartete auf ein Gros der DDR-Bürger die Entlassung. Der Run auf den »heiligen Markt«, der mit Begrüßungsgeld und Bananen zunächst so herrlich dekadent daherkam, mündete in Anbiederung an die neuen Besitzer einstmals volkseigener Betriebe. Zehntausende verließen ihre Heimat gen Westen, um dort ihre Arbeitskraft für den halben Lohn der angestammten Belegschaft zu verkaufen. Entbehrliche BRD-Bürokraten machten sich mit »Buschzulage« auf neu geschaffenen Führungsposten breit. Viele sitzen dort bis heute.

Bananenpropaganda

Klappen konnte das nicht nur wegen einer korrumpierten Sippe im DDR-Staatsapparat. Die Masse der Bevölkerung im Osten fiel schlicht auf die »Bananenpropaganda« der Kohlschen Regierung herein. Denn eins darf man – trotz Stasi, Bautzen und Co. – nicht vergessen: Die verhassten SED-Bürokraten im Arbeiter- und Bauernstaat regierten zwar diktatorisch-repressiv. Doch das Volksvermögen gehörte ihnen nicht. Sie konnten weder Profit aus Produktionsmitteln schlagen, noch selbige vererben. Jeder Betriebsleiter konnte abgesetzt werden.

Man muss es konstatieren: Die Bourgeoisie war enteignet. Und nach dem Mauerfall ergriff sie die Gelegenheit, ihre Macht zurückzuerobern. Anstatt das zu verhindern, anstatt die bürokratische Kaste in der DDR zu stürzen und bestenfalls demokratische Arbeiterräte zu gründen, anstatt die sozialen Errungenschaften, die es unzweifelhaft gab, wie kostenlose Gesundheitsfürsorge und Bildung, das Recht auf Arbeit und Auskommen, auch für den Westteil zu erkämpfen, verfiel die Mehrheit der deutschen Arbeiterklasse in apolitische Trance – ein Zustand, der bis heute anhält.

Der Konterrevolution den Weg geebnet

Mit der sogenannten »Wende«, angestoßen durch Michail Gorbatschow, vollführt nach Verhandlungen zwischen ihm und Kohl höchstpersönlich, führte der Kapitalismus seinen globalen Siegeszug. Die große Lüge hieß: Die Planwirtschaft sei gescheitert, und mit ihr »der Kommunismus«.

Die Lüge steckt indes schon im Detail: Weder die Sowjetunion noch die DDR und andere Ostblockstaaten nannten sich je kommunistisch. Schon Marx und Engels wussten: Die schöne Utopie von einer Gesellschaft ohne Klassen, ohne Staatsapparat und Geld, dafür mit gewählten kommunalen Gremien, die die Produktion in vergesellschafteten Betrieben regeln, die Verteilung von Arbeit und Gütern managen, ist  inmitten eines globalen kapitalistischen Systems, das stets auf die Konterrevolution erpicht ist, nicht umsetzbar – schon gar nicht, solange wirtschaftliche Abhängigkeiten bestehen. Die Entwicklung musste also in einem System des starken Staats steckenbleiben, auch wenn man seine diktatorisch-repressiven Elemente verurteilen muss.

Mithin plant jeder heutige Konzern, wenngleich ausschließlich in seine eigene Tasche. Die Rendite muss stimmen, der Profit florieren. Damit muss er möglichst besser da stehen als seine Konkurrenten. Sonst ist er bald weg vom Fenster. Es geht darum, die Arbeiter so effektiv auszubeuten, dass sie es sich gerade noch gefallen lassen, damit die Kasse stimmt. Es geht nicht um moralische oder gar humane Ziele, wie etwa die Versorgung der Bevölkerung, wohl aber darum, sein Zeug auf Märkten gewinnbringend zu verkaufen.

Um jene Märkte fürs westliche Kapital zu erobern, zieht heute wieder die deutsche Armee los. Die NATO rückte bis an die russische Grenze vor. Aus dem »Kalten Krieg« ist ein »heißer« geworden. In beiden ging und geht es den Kapitalbesitzern und ihrem Exekutiv- und Propagandaapparat jedoch nur um eins: Kontrolle über Rohstoffe. Es geht um Wachstum, Macht, Profit, Herrschaft.

Diktatur des Kapitals mit Kollateralschäden

Die wachsende Zahl an Outgesoucten, an Bettlern, Erwerbs- und Obdachlosen auf deutschen Straßen, ist den führenden Kapitalbesitzern dabei herzlich egal. Sie sind die Kollateralschäden. Nur zu Aufständen sollen die Verwerfungen nicht führen. Wird das Volk unruhig und lässt die kapitalistische Verwertungskrise keine sozialen Beruhigungspillen mehr zu, rüstet ein Imperium auch innen auf. Mit Verboten, Repressionen, Spionage und Gängelei versucht die Bourgeoisie, die Ungehorsamen gewaltsam still zu halten.

Dass die Widersprüche im Kapitalismus zwischen besitzenden Profiteuren und lohnabhängigen Profitbeschaffern zu zyklischen Krisen führt, wusste man schon vor 150 Jahren.1933 führte eine solche Verwertungskrise zum Faschismus, die brutalste, chauvenistischste und diktatorischste Form der Diktatur des Kapitals. Wohin die aktuelle Krise führt, ist noch offen. Was aber heute längst schon zu erkennen ist: Ihre Folgen werden die Arbeiter tragen. Schon jetzt wirft die BRD-Regierung einst von ihnen lang und hart erkämpfte Rechte beinahe monatlich über den Jordan.

Einheit zu Lasten der Arbeiter in Ost und West

Dass dies so kommen musste, war für ernst zu nehmende Ökonomen 1990 nicht nur vage zu vermuten. Es war unausweichliche Folge der kapitalistischen Expansion. Schon beim Antritt Kohls als Kanzler in den 80ern steckte die alte BRD in einer immensen Wirtschaftskrise. Das Wachstum stockte, die Arbeitslosigkeit hatte längst die Millionen-Marke überschritten.

Schon Kohls Vorgänger, Helmut Schmidt (SPD) hatte begonnen, Arbeiterrechte einzustampfen und die Sozialhilfe zu kürzen. Kohl führte das Werk fort. Wenn er eins wissen konnte zur Zeit des Mauerfalls: Millionen Arbeiter in Ost und West werden für die Einheit bluten. Und das taten sie – mit Steuern, mit Arbeitslosigkeit, mit zerrütteten Lebensläufen, mit Niedriglöhnen, mit steigenden Gebühren für alles, mit dem Abrutschen in die Altersarmut, dem Verlust von Haus oder Wohnung, mit Angst, Unsicherheit und Unterwerfung. Kohls versprochene »blühende Landschaften« waren keine Fehlkalkulation, sondern eine eiskalte Lüge.

Vorkämpfer für soziale Verwerfungen

Wenn ich also an Helmut Kohl denke, denke ich an erster Linie an den Kanzler und seine Partei namens CDU als Vorkämpfer der westdeutschen Bourgeoisie. Ich denke an einen Mann, der dieser mit scheinheiligen Lügen die Enteignung der DDR-Bürger plante und vollzog. Ich denke an die gebrochenen Biographien der vielen Millionen Menschen, die im Osten ihre Arbeitsplätze verloren hatten und um ihre Existenz kämpfen mussten, konfrontiert mit einer unbekannten Konkurrenzwelt.

Ich denke an die verzweifelt hungerstreikenden Kali-Kumpel im thüringischen Bischofferode, als ihre Gruben 1993 von Kali und Salz Aktiengesellschaft platt gemacht wurden, um Konkurrenz auszuschalten. Ich denke an die Arbeitsämter, die wie Pilze in ostdeutschen Städten aus dem Boden schossen und an die Schlangen, die sich davor bildeten. Ich sehe sie noch vor mir, die verzweifelten Menschen, Mütter mit Kindern an der Hand, Großväter, die der plötzliche Abschied von 35 Jahre Arbeitsleben in tiefe Depressionen stürzte. Ich denke an Väter, die ihre Familien zurückließen, um im Westen ihr teuer erkauftes Arbeitsglück zu finden und an die Jugendlichen, für die eine ganze Welt zusammenbrach.

Ein guter Toter für das deutsche Kapital

Ich blicke auf eine Epoche der Aufrüstung, des Booms der Waffenindustrie, des Vorrückens der NATO, der Angriffskriege, der Zerrüttung der kapitalistischen Peripherie, des Erstarkens des Neofaschismus, der Verarmung von Millionen Menschen in Deutschland. Ich sehe Bettler in ostdeutschen Straßen und immer mehr Obdachlose, die in Schlafsäcke oder Decken gewickelt unter Brücken liegen. Ich sehe Flaschensammler und Tafeln mit langen Schlangen davor. Ich spüre, wie der Konkurrenzkampf Familien und Freundschaften zerstört. Verelendete bevölkern die Straßen in Süd-, Ost-, Nord- und Mitteleuropa. Und ich sehe die Gefahr eines dritten Weltkrieges. Für all das steht auch Helmut Kohl als Vorkämpfer da. Sein Verdienst ist vor allem der Aufstieg europäischer Großkapitalisten – zum Nachteil letztendlich aller Arbeiter.

Ja, für das deutsche Kapital ist der ein guter Toter, mit dem sich bestens Propaganda machen lässt, Geschichte verdreht und Wirklichkeit verfälscht werden kann. Man kann viel gelobtes kumpelhaftes Schulterklopfen derart emotional aufbauschen, bis der Zuhörer oder Leser den Blick auf realpolitische Hinterlassenschaften verliert und verklärt zurückschaut, wie auf eine alte Liebesgeschichte. Unzweifelhaft: Helmut Kohl ist ein guter Toter für das deutsche Kapital.

Fotohinweis: wikimedia.commons.org, Urheber: Engelbert Reineke, Quelle: Deutsches Bundesarchiv, Lizenz: CC BY-SA 3.0 DE
(Bundesarchiv, B 145 Bild-F074398-0021 / Engelbert Reineke / CC-BY-SA 3.0)

Danke an die Autorin für das Recht zur Veröffentlichung des Artikels.

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14 Kommentare zu: “Kanzler der Enteignung

  1. Hallo Susan Bonath, ganz herzlichen Dank für den Artikel über Kohl als den Repräsentanten der Enteignung, … der mich an den Politiker erinnert, der das Wort „Familie“ immer wie „Vanillepudding“ aussprach. Es ist schon „faszinierend“, wie man einem ganzen Volk den Begriff des „Kanzlers der Einheit“ widerspruchslos verbreichen kann. … Ironie der Geschichte.

  2. In aller Kürze, nur damit es nicht vergessen wird. Das Privatisieren wurde vom Kabinett Kohl auch in Westdeutschland betrieben. Post, Telekommunikation, Transportwesen und Energieversorgung.
    Irgendwer meinte zu dieser Zeit auch, „wir haben den ostdeutschen Sozialismus besiegt, nun kümmern wir uns um den westdeutschen.“

    Bei einem weiteren Ereignis wurden entscheidende Beiträge geleistet. Bei der Zerschlagung Jugoslawiens.
    Als Bsp. soll hier das Wirken Hans-Dietrich Genschers genannt werden, Außenminister unter Helmut Kohl. Dieser betrieb hartnäckig die einseitige Anerkennung Kroatiens und Sloweniens durch Deutschland.
    Dies obwohl hier keineswegs Einmütigkeit unter den „Partnern“ der EG herrschte.

    Aber es war ja nicht alles schlecht, denn schließlich hat man auch etwas bekommen, das Privatfernsehen. Heute kann man sich bis zur Besinnungslosigkeit mit Belanglosigkeiten berieseln lassen und man kann sich erklären lassen warum dies alles so wunderbar und notwendig ist.

    • P.S.: Eine alternative Sichtweise auf die Entspannungspolitik der Regierung Kohl, es wurde verschiedentlich im Laufe der letzten Jahre darauf hingewiesen, ergibt sich, wenn man sie z.B. mit der „tödlichen Umarmung von Amazon“ vergleicht.
      Ein alternativer Weg, um vermeintliche Gegner oder Konkurrenten auszuschalten.

  3. Liebe Susan Bonath,
    Ihnen gebührt das Verdienst, nicht in die verklärende Rückschau auf das Wirken Helmut Kohls zu verfallen und ein kantiges Gegenbild zu zeichnen.
    Allerdings fehlt mir an der einen oder anderen Stelle das gebotene Augenmaß. Persönlichkeiten muss man in der Gesamtheit des Umfeldes, in dem sie gewirkt haben, beurteilen und dabei auch die historische Umstände berücksichtigen, in der sie ihre Wirkung entfalten konnten. Das vermisse ich zum Beispiel auch bei der heutigen Geschichtsschreibung bezüglich der untergegangenen DDR.
    Sie haben Recht, Helmut Kohl war zu allen Zeiten ein konservativer Politiker und ein Exponent und Repräsentant einer Bürgerlich konservativen Gesellschaft. Und seine Entscheidungen sind hinsichtlich der Entfaltung einer sozial ausgewogenen Gesellschaft kritisch zu sehen. Ich denke da an solche Grundsatzentscheidungen, wie zum Beispiel den privaten Medien einen unangemessenen breiten Raum einzuräumen, mit den Wirkungen auf die Masse der Medienkonsumenten, die wir heute erleben. Das kann man beliebig auf andere Politikfelder, wie Sie es teilweise getan haben, erweitern.
    Allerdings gibt es auch Politikfelder, in denen Helmut Kohl ausgleichend gewirkt hat. Dazu zähle ich auch die politischen Kontakte mit der Führung der DDR, die in der damaligen Situation friedenserhaltend gewirkt haben. Und wenn man Willy Wimmer Glauben schenkt, ich tue das, hat er gegenüber seinen Atlantischen Partnern klare Positionen bezogen bezüglich des Einsatzes von Atomwaffen auf deutschem Boden. Dass er den Nato Doppelbeschluss mit getragen hat, war ein erkennbares taktisches Manöver, um die Regierung Schmidt zu entmachten. Trotzdem keine Glanzleistung, aber die Eintrittskarte zur Macht.
    In der Phase der Wende hat Kohl großes taktisches Geschick bewiesen und erfolgreich einen Plan umgesetzt, den man in vielerlei Hinsicht kritisieren kann, der aber von der Mehrheit unseres Volkes getragen wurde und in gewisser Weise mit der Perspektive einer Kapitalistischen Gesellschaft auch im Interesse der Mehrheit der Deutschen war. Das ist ein Satz, der auch jemandem wie mir nicht leicht über die Lippen geht, aber Wahrheiten sind bisweilen schwer verdaulich.
    Auch ich habe wie Sie im November 89 auf dem Alex demonstriert und wollte eine zweite Sozialistische Revolution, ob das auch damals schon die Mehrheitsposition war, bin ich mir heute nicht mehr so sicher. In der DDR ist vor allen Dingen die Jugend nicht dem Elend entflohen, sondern einer realen oder gefühlten Perspektivlosigkeit. Den anstrengenden Weg einer Verbesserung dieser im Kern perspektivreichen Gesellschaft war so gut wie Niemand bereit zu gehen. Warum auch, der Westen stand Standby und war wirtschaftlich und sozialpolitisch in der Lage, die ganze Ostdeutsche Gesellschaft mit zu ernähren.
    Ich habe mich oft gefragt, ob ein etwas besser konstruierter Sozialismus eine Alternative gewesen wäre. Nein – es wäre nur noch zehn Mal tragischer gewesen den Verlust dieser Gesellschaftsform hinzunehmen. Spätestens als die Sowjetunion den Willen und die Möglichkeit zur Gestaltung einer sozialistischen Gesellschaft aufgegeben hatte war klar, es ist vorbei.
    Auch bezügliche der der Beurteilung der Politischen Klasse der DDR bin ich nicht Ihrer Meinung. In diesem Zusammenhang bin ich kein Bierkopf , der gut singen kann. So wie es per se keinen guten oder schlechten Kapitalisten oder Banker gibt, denn das System setzt die Rahmenbedingungen, gab es auch im Sozialismus kein Konklave von ausschließlich Betonköpfen. Auch hier gab es ein systemisches Problem, das aber unter dem ständigen wirtschaftlichen und militärischen Druck seiner Systemgegner nicht leicht zu ändern war, ohne vollständig die Richtung zu verlieren. Die sogenannte Machtfrage, wir wissen das, war früher eine Parole, die jedoch in gewisser Weise durch den Verlauf der Geschichte bestätigt wurde.
    Ich habe in der Endphase der DDR in der unteren Ebene, die ich überblicken konnte, durchaus einen gewaltigen Aufbruch erlebt, der sich aber nicht mehr entfalten konnte. Damit meine ich nicht die Bürgerbewegten, die von Beginn in ihrer Mehrheit das System beseitigen wollten und sich auch in Ihrer Mehrheit im neuen System wohnlich eingerichtet haben.
    Ich war zu keiner Zeit ein politischer Anhänger von Helmut Kohl, sehe mich aber trotzdem imstande, ihm für die gelungenen Seiten seines politischen Wirkens zu kondolieren.

    • Helmut Kohl war der Prototyp dem dumpfen mittelmässigen Spiessbürger. Jene Wählen haben, in wahrer demokratischer Gesinnung ihren wahren Repräsentanten gewählt.

      Es war die Reaktion der Zu-kurz-gekommenen, die sich für ihr lächerliches, freudloses, verklemmtes Leben während der 68er Jahre rächten.

      Die Einführung des Euro und die ERweiterung der EU waren schwachsinnige politische Katatstrophen für die wohl noch ein odervwzei mehr Generationen einen teuren Preis bezahlen müssen, Und seine dumm-treue Dackel Gefolgschaft der Amerikaner wird nich in den nächsten Jahren ihre bösen Folgen zeigen.

      In der Reihe inkompetenter Kanzler nimmt er die Stellung des konkurrenzlos Inkompetesten ein. Er war der Prototyp des dumpfen Spiessbürgers, ein wahrer Repräsentant des Otto Normalverbrauchers.

  4. Leute, die nach der sogenannten „Wende“ CDU (Kohl) gewählt haben, gaben als Grund oft an, Sie wählen CDU, weil dahinter das große Geld steckt. Der Osten braucht jetzt Geld, viel Geld (die D-Mark) und wenn es dann geschafft ist, dann kann man sich um andere Sachen kümmern. Eigentlich hätte jeder wissen können, was mit der ehemaligen DDR passieren wird. Ein gebrauchter „Westwagen“ oder ein Urlaub waren für die Mehrheit zu verlockend, so das der Geist völlig aussetzte. Viele waren auch durch das „Westfernsehn“ schon auf Linie gebracht worden.

  5. Sehr geehrte Frau Bonath,

    ich stimme mit Ihnen überein, was die Tatsachenbeschreibung der Person Helmut Kohls angeht.

    Er sprach von „blühenden Landschaften“ und wurde begeistert von den Deutschen für 16 Jahre gewählt.
    Oskar Lafontaine sprach damals, dass es ein harter Weg der Wiedervereinigung werden würde für die Länder im Osten – das es keine sofortigen „blühenden Landschaften“ geben würde.

    Und Helmut Kohl wurde damals gewählt – aber Oskar Lafontaines Einschätzung war deutlich näher an der Realität, als die Verheißungen von Kohl.

    – ihr Artikel hat auf jeden Fall den informellen Zweck erfüllt.

    Lösungsansätze bei einem Bericht über einen Toten wäre textlich wohl etwas zuviel verlangt…

    aber es gibt sie – die Lösungen…

  6. Liebe Susan, danke!! Als Ergänzung noch Stefan Heyms Rede zur Eröffnung des Bundestags
    „Brecht schrieb: ‚Anmut sparet nicht noch Mühe – Leidenschaft nicht noch Verstand – Daß ein gutes Deutschland blühe – Wie ein andres gutes Land
    Daß die Völker nicht erbleichen – Wie vor einer Räuberin – Sondern ihre Hände reichen –
    Uns wie andern Völkern hin.
    Und nicht über und nicht unter – Andern Völkern wolln wir sein – Von der See bis zu den Alpen
    Von der Oder bis zum Rhein.
    Und weil wir dies Land verbessern – Lieben und beschirmen wir’s – Und das liebste mag’s uns scheinen – So wie andern Völkern ihrs.‘ (1949)

    Arbeits- und Obdachlosigkeit, Pest und Hunger, Krieg und Gewalttat, Naturkatastrophen bisher unbekannten Ausmaßes begleiten uns täglich. Dagegen sind auch die besten Armeen machtlos. Hier braucht es zivile Lösungen, politische, wirtschaftliche, soziale, kulturelle.
    Reden wir nicht nur von der Entschuldung der Ärmsten. Entschulden wir Sie. Und nicht die Flüchtlinge die zu uns drängen sind unsere Feinde, sondern die die sie in die Flucht treiben.
    Toleranz und Achtung gegenüber jedem einzelnen und Widerspruch und Vielfalt der Meinungen sind von Nöten. Eine politische Kultur mit der unser Land, das geeinte, seine besten Traditionen einbringen kann in ein geeintes freies friedliches Europa.
    Und benutzen wir die Macht die wir haben, die finanzielle vor allem, weise und mit sensibler Hand. Macht, wie wir wissen, korrumpiert und absolute Macht korrumpiert absolut
    Die Menschheit kann nur in Solidarität überleben. Das aber erfordert Solidarität zunächst im eigenem Lande. West – Ost. Oben – Unten. Reich – Arm.
     …Das setzt allerdings voraus, dass den Menschen ihre Ängste genommen werden. Den Westdeutschen, der Osten könnte sie ihre Ersparnisse und ihre Arbeitsplätze kosten. …
    In diesem Sinne eröffne ich den dreizehnten Deutschen Bundestag und wünsche uns allen Glück für unsere gemeinsame Arbeit.“ (Beifall) https://www.aussagekraft.de/heym.html

    • Herr Trautevetter,

      die Rede von Stefan Heym ist, sie wieder in Erinnerung gebracht zu haben ist wichtig, jedoch auch Nostalgie!
      Frau Merkel und Herr Schäuble streben eine EU-Weltmacht an, wir werden sie nicht daran hindern wollen/können, weil die Mehrheit im Volk nur Gewohnheiten lieben, incl. deren Konsequenzen!
      Im Bundestag eine erneute Rede in der Art von Stefan Heim, würde viel Applaus hervor rufen, mit dem Hintergedanken, lass uns in Ruhe! Da fällt mit prompt die Rede von Herrn Putin im Bundestag ein…!
      Unsere Politiker sind mit nichts (außer Geld Machtausbau) zu überzeugen, schon gar nicht durch einen Appell an die Menschlichkeit.Und je eher wir das begreifen, desto schneller wird sich eine Lösung finden, die dem unheilvollen Handlungen dieser Politiker ein Ende setzt,

    • Liebe Annette,
      der größte Teil Ihrer Gedankenführung trifft meine. Eine Einschränkung: Ich würde nie alle Politiker/innen, auch nicht andere Gruppen von Menschen in einen Topf werfen. Allerdings: Wenn wir Menschen, die wir keine PolitikerInnen sind, uns nicht durch Engagement für unsere Angelegenheiten aktiv einmischen, dann hebt die Politik umso leichter ab und es geschieht, was wir beklagen: die Politik gegen das Leben gewinnt an Einfluss. Das würde sicher auch Stefan Heym unterschreiben.
      Bei den Umständen seiner damaligen Rede offenbart sich auch noch die Würdelosigkeit arroganter Selbstherrlichkeit vieler PolitikerInnen der Macht: >>…Mit Verweis auf angebliche Stasi-Kontakte Heyms war noch am Abend vor der Eröffnung des Bundestages versucht worden, Heyms Auftritt als Alterspräsident zu verhindern. Die Vorwürfe erwiesen sich binnen Stunden als völlig haltlos. Dennoch verweigerten die Abgeordneten der CDU/CSU-Fraktion mit Ausnahme der späteren Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth Heym nach seinem Auftritt demonstrativ den Applaus. Heyms Rede wurde entgegen der Gepflogenheiten zunächst auch nicht im „Bulletin“ der Bundesregierung veröffentlicht.<< [http://www.stefan-heym-gesellschaft.de/]
      Der Schriftsteller Ingo Schulze im Dialog mit Christoph Heins Sohn dazu: "A: … als fast der ganze Bundestag 1994 seinen Alterspräsidenten Stefan Heym boykottierte, kein Applaus, kein sich von den Plätzen erheben, da warst Du doch fassungslos.
      B: Ja, da wusste ich vor dem Fernseher, dass ich einer politischen und moralischen Bankerrot-Erklärung beiwohne. Wenn einen Tag vor der Rede die Gauck-Behörde verkündet, es gäbe belastendes Material gegen Stefan Heym, sich dieser Vorwurf aber schon bei der ersten Durchsicht wie nicht anders zu erwarten als unhaltbarer Unsinn herausstellt, der auch am Tag nach der Rede schon wieder zurückgenommen wird… ohne Entschuldigung! Eigentlich fehlen mir noch heute die Worte…. A.: Wenn man die Rede liest, denkst Du, sie ist heute gehalten: »Die Krise in welche hinein dieser Bundestag gewählt wurde, ist ja nicht nur eine zyklische, die kommt und geht, sondern eine strukturelle, bleibende und dieses weltweit.«"

    • „Das setzt allerdings voraus, dass den Menschen ihre Ängste genommen werden. Den Westdeutschen, der Osten könnte sie ihre Ersparnisse und ihre Arbeitsplätze kosten.“

      Wenn man dazu Punkt 3f aus diesem heutigen NDS-Artikel liest, wirken diese Sätze wie blanker Hohn…

    • Liebe/r Silencer, ja – und wenn man diesen Satz nimmt, wird die Dimension unserer Aufgabe/Verantwortung klar: »Die Krise in welche hinein dieser Bundestag gewählt wurde, ist ja nicht nur eine zyklische, die kommt und geht, sondern eine strukturelle, bleibende und dieses weltweit.«
      Es geht auch beim Thema Helmut Kohl nicht nicht um die Person, sondern um das System gegen die Menschlichkeit, das zu überwinden für die Menschen unserer Zeit immer mehr zum Gebot wird, wie schwer die Aufgabe auch sein mag.

  7. Sehr gut, danke!

    Ich empfinde es als wertvoll, das in Erinnerung zu rufen – auch weil ich selbst zur Zeit der Wiedervereinigung noch ein Kind war und die öffentliche Berichterstattung noch nicht hinterfragt habe. Gut, dass David Hasselhoff’s Selbsteinschätzung, maßgeblich zum Mauerfall beigetragen zu haben, nicht so ganz stimmte, dämmerte mir auch damals schon. Auch das mit den „blühenden Landschaften“ kam mir kitschig vor und ich empfand Kohl schon immer als peinlichen, einfältigen Trampel. Viel weiter war mein politisches Bewusstsein diesbezüglich aber noch nicht entwickelt. Und der Osten war für mich als Westdeutscher sehr weit weg, wir hatten auch keine Verwandtschaft dort. Von der Treuhand hatte ich schon mal gehört – ohne eine Vorstellung davon zu haben, was deren Tätigkeit war.

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