KenFM am Telefon: Fulvio Grimaldi zur Parlamentswahl in Italien

Nachdem die Bundesrepublik Deutschland die letzten sechs Monate ohne Regierung auskam, ist es mit dem „Go“ zur GroKo vielleicht mal wieder Zeit, über den politischen Tellerrand zu schauen.

Auch in Italien wurde nämlich gewählt. Allerdings steht man dort aktuell noch mehr unter Schock, als nach der Bundestagswahl 2017.

Der erzkonservative Berlusconi ist zurück. Er könnte heute politisch schon fast zum Teil der Mitte gezählt werden, wenn man sich die politischen Visionen der Lega Nord betrachtet, die ihn längst rechts überholt hat. Als drittstärkste Kraft!

Mit mehr als 30 % räumte dann ein weiterer extremer Player ab. Die Fünf-Sterne-Bewegung, die sich gar nicht als Partei verstanden wissen will.

Der große Verlierer ist die „SPD“ der Italiener, die Partito Democratico. Die Volkspartei schmolz auf 18 % zusammen und hat in Italien erst mal ausregiert.

Wer wird in Italien, und vor allem wann, die Regierung stellen? Die Lega Nord und die Fünf-Sterne-Bewegung hätten zwar einen gemeinsamen Nenner, da sie die Politik der NATO ablehnen, den Zuzug von Flüchtlingen begrenzen wollen, den neoliberalen Kurs des Landes ablehnen und sich gegen die Russland-Sanktionen positionieren. Auch hätten sie zusammen rund 50 % der Stimmen, allerdings gibt es in beiden Parteien sowohl extreme Rechte als auch extreme Linke, die man isolieren oder ruhigstellen müsste! Nur wie?

Die Wahl in Italien könnte politische Kombinationen, die bisher in Europa als ausgeschlossen galten, als Modell der Zukunft etablieren.

Ob das zu mehr Demokratie oder direkt in den Faschismus führt, kann niemand heute sagen.

KenFM sprach mit Fulvio Grimaldi, einem aktiven Mitglied der Friedensbewegung. Grimaldi bereist seit 1968 als Reporter, Filmemacher und Kriegsberichterstatter die Krisenregionen dieser Welt. Er nennt die Wahl in Italien eine Zäsur für seine Heimat.

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15 Kommentare zu: “KenFM am Telefon: Fulvio Grimaldi zur Parlamentswahl in Italien

    • Die Frau gab auch schon ein Interview bei RT (im fehlenden Part) bezüglich der Mafia in Deutschland.
      Vielleicht auch mal was für Ken im Gespräch?!
      Ich wäre interessiert.

  1. Es fällt mir immer wieder auf, dass wir unsere Entmachtung so sehr liebgewonnen haben, dass wir tatsächlich immer wieder darauf hoffen, dass die eine Partei oder der gütige Kaiser daherkommen und in unserem Sinne entscheiden wird. Dafür, so glaube ich mittlewerile, ist es auch förderlich, dass die Wahlen immer so weit auseinander liegen, sodass wir uns an den letzten Schmarrn nicht mehr so recht erinnern können und brav als guter Demokrat, der wir ja sein wollen, zur Urne rennen.

    Die Ohnmacht, die alle spüren sollte doch aber Anlass genug zu der Frage sein, ob eine Repräsentative Demokratie uns weiterbringen wird und ob sie das erfüllt, was wir uns unter Demokratie vorstellen – nämlich einen gewissen Grad an Einfluss zu haben.

    Wenn es Euch reicht, dass Euer Anteil an Einfluss darin besteht, dass man andere wählt, die dann ohne eure Zustimmung Rüstungsausgaben erhöhen oder Luftwaffenstützpunkte in der Türkei ausbauen, dann bitte… Mir reicht es nicht.

    Es wird uns übrigens auch ganz offen gesagt, dass wir nicht mitzureden haben.
    Damit hinterher keiner sagen kann, man hätte es nicht besser wissen müssen:

    Man kann sich nicht darauf verlassen…
    oder hier:
    Diejenigen, die entscheiden…

    Wir sollten daher die Dinge selbst in die Hand nehmen und aufhören unsere Energie darin zu verplempern uns ständig darüber zu empören, was die die anderen nicht getan haben oder was die anderen hätten tun sollen.

    Lasst uns nicht unsere Kraft im Auffinden von Verschwörungen versenken.
    Lasst uns nicht unsere Kraft im Gegeneinander verplempern.

    Lasst Euch nicht gegeneinander aufhetzen und vertraut darauf, dass der Großteil der Menschen gut ist.

    Lasst uns unsere Kräfte bündeln und auf positives Handeln ausrichten.

    Wir brauchen diese anderen, auf die wir alle hoffen, nicht.
    Wir sollten uns selbst ermächtigen indem wir aufeinander zugehen. Anfangen kann jeder mit den Menschen in seinem Umfeld. Stellt was auf die Beine. Plant ein Gesellschaftsmodell, dass es wert ist mit Leben gefüllt zu werden und füllt es mit Leben. Tut dies in euren Gemeinschaften im Kleinen und teilt die Ergebnisse mit anderen über Internet&Co. Bleibt friedlich und lebt ein Miteinander vor. Solange es uns hier noch nicht so geht, wie in China oder der Türkei, sollten wir alles daran setzen zu zeigen, wie wir fair miteinander leben könnten und dass wir es schaffen können so zu leben, dass unser Leben in Deutschland vielleicht irgendwann nicht mehr auf Kosten anderer gehen muss.

    Wir sollten die Blaupause sein, eben weil wir die Möglichkeiten haben und (noch) nicht jeden Tag überlegen müssen, was wir sagen können oder wo die nächste Mahlzeit herkommt, die zeigt, wie es besser geht und die sich damit über die kleinen Gemeinschaften hinweg über die Welt ausbreiten könnte. Veränderung von unten durch MACHEN und nicht MOTZEN.

    Wir leben in einer relativ freien Gesellschaft. Und das haben wir Menschen zu verdanken, die sich früher mal dafür eingesetzt haben. Das bedeutet aber nicht, dass dies nun für immer so bleiben wird und sich stetig zum besseren entwickeln wird. Es braucht nur einige kleine Veränderungen (siehe Türkei), die dafür sorgen können, dass man plötzlich auf vieles einen anderen Blick haben kann und sollte.

    Jeder von uns kann einer dieser ruhmreichen Menschen sein, von denen die Geschichtsbücher uns erzählen.

    Füllt das, was die anderen nicht ausfüllen selbst mit Leben.
    Werdet zu Machern der guten Dinge.

    Baut ein WIR-Gefühl auf.

    Wir können uns unsere Welt selbst gestalten. Wer soll es uns verbieten?

    Bleibt friedlich…

    Ich

    • Das alles läuft auf Direkte Demokratie hinaus und da ist der M5S schon sehr weit, was hierzulande fast unbekannt ist. Es wurde auch nicht im Telefoninterview mit Fulvio Grimaldi erklärt. Ich will das einmal für alle Leser nachholen:

      M5S ist eine radikaldemokratische Organisation, die intern Direkte Digitale Demokratie praktiziert; das heißt, alle Listenplätze werden durch online-Abstimmungen der Mitglieder besetzt. Demokratischer kann man nicht sein; denn M5S bewegt sich innerhalb der italienischen Verfassung.

      Der folgende Text erklärt die Hintergründe genauer, die Passage stammt aus meinem kürzlich erschienenen Buch Neustart mit Direkter Digitaler Demokratie.

      M5S, ein Schritt in die richtige Richtung.

      In Italien sind Millionen politisch aufgeschlossener Bürger mit der erfolgreichen 5-Sterne-Bewegung der Direkten Digitalen Demokratie einen gewaltigen Schritt näher gekommen. Es handelt sich zwar noch nicht um eine Verwirklichung der Direkten Demokratie im Staat, dazu wäre eine Verfassungsänderung nötig, aber die 5-Sterne-Bewegung M5S ist eine Organisation, die intern mit Direkter Digitaler Demokratie arbeitet und dabei im Rahmen der italienischen Verfassung operiert. Damit wird eins der größten Mängel des politischen Systems schon beseitigt; die nicht vorhandene innerparteiliche Demokratie. (Die ist hier bei uns genauso wenig vorhanden wie in Italien.)

      Es begann mit sogenannten Meetups; das sind virtuelle lokale Treffen, die in der Realität oft zu Demonstrationen und politischen Events führten, ähnlich wie bei der Occupy-Bewegung. Dann kam es zu Abstimmungen über Kandidaten bei Kommunalwahlen. Schließlich wurde auf nationaler Ebene das Blog beppegrillo.it etabliert, wo registrierte Teilnehmer direkte Online-Demokratie betreiben, indem sie per Mausklick Parlamentskandidaten bestimmen und über deren Abstimmungsvorlagen mitentscheiden. Die gewählten Abgeordneten des M5S sind dabei nicht völlig frei, sondern an digital-demokratisch zustande gekommene Richtlinien gebunden…

      Der Kabarettist und Entertainer Beppo Grillo und der im April 2016 verstorbenen IT-Unternehmer Gianroberto Casaleggio haben die Organisation ins Leben gerufen. Dabei ist Grillo das publikumswirksame Sprachrohr und die IT-Firma Casaleggios organisiert den Webauftritt mitsamt den Abstimmungen. Casaleggio lieferte auch Ideen und Zielvorstellungen. Hier eine der wenigen öffentlichen Äußerungen von Gianroberto Casaleggio:

      Ich bin stolz darauf, populistisch zu sein. Die Macht muss zurück zum Volk. Die Menschen in den Institutionen müssen dem Volk dienen, sie dürfen sich nicht über den Willen des Volkes erheben. (Zitiert nach Petra Reski, petrareski.com)

      Durch die Geschichte der zwei Väter dieser Bewegung hatten die Gründer natürlich ein starkes Übergewicht, was sie aus eigener Einsicht zu kompensieren versuchten: Beide haben nie ein politisches Amt ausgeübt oder angestrebt. Sie nehmen die Demokratie ernst und versuchen sie mit ihren Mitteln durchzusetzen.

      Böswillige Kritiker setzen hier an und sprechen von heimlicher Diktatur und von Intransparenz. Man bemängelt auch, dass Davide Casaleggio an die Stelle seines verstorbenen Vaters gerückt ist. Doch das ist leicht erklärbar, da es sich beim Betreiber des Internetauftritts um eine IT-Firma handelt, die der Sohn, selbst ein hochqualifizierter Informatiker und ebenso zurückhaltend wie sein Vater, nach den bürgerlichen Gesetzen einfach geerbt hat.

      Diese Rolle einer Privatfirma in der Bewegung und auch die Tatsache, dass Grillo der Inhaber der Marke M5S ist, sind im Sinne der Demokratie nicht ideal, aber sie sind ein Ergebnis der Entstehungsgeschichte und entsprechen den realen Möglichkeiten im italienischen Staat.

      Man versucht, sich auch von der Person Beppe Grillo und dem Blog beppegrillo.it zu lösen (mit dessen Einverständnis) und hat eine neue Internetplattform zur Meinungsbildung geschaffen mit dem Namen des Schweizer Philosophen Rousseau.

      Was können wir von der 5-Sterne-Bewegung in Italien lernen?
      Es ist ein großer Schritt in die richtige Richtung. Wir sehen, da gibt es ein Zwischenstadium zwischen repräsentativer und Direkter Digitaler Demokratie. Aus einem Internet-Forum organisiert sich eine Gruppe oder Bewegung nach dem Prinzip der Direkten Digitalen Demokratie. Sie diskutiert online über politische Themen, wählt per Mausklick Kandidaten für eigene Listen. Man hält sich an die parlamentarischen Regeln und erfüllt Bedingungen, die für Parteien oder Wählergemeinschaften gelten.

      Die Kandidaten haben sich zuvor verpflichtet, falls sie gewählt werden, einen Anteil (in Italien sind es 60 %) ihrer enormen Einkünfte der Organisation zur Verfügung zu stellen. Sie agieren also nicht völlig frei, sondern nach Richtlinien, die im Forum beschlossen wurden. Sollten sie in wesentlichen Punkten gegen diese Richtlinien verstoßen, kann ihnen zwar nicht das Mandat entzogen werden, wohl aber das Recht im Namen der Organisation M5S aufzutreten und damit auch die Möglichkeit der Wiederwahl.

      Auf diese Weise kann die breite Bevölkerung, die sich nur an den Parlamentswahlen beteiligt (nicht an den Online-Abstimmungen), die Bewegung als eine Partei wahrnehmen und wählen und damit von der demokratischen Auswahl der Kandidaten und dem offen diskutierten Programm der Bewegung profitieren. Das brachte den Erfolg.

      Zitat Ende aus ISBN 978-3-96079-011-2

      Es bleibt zu hoffen, dass in den kommenden Verhandlungen möglichst viel vom radikaldemokratischen Geist des M5S ins Parlament getragen wird. Dann könnte aus dem wirtschaftlichen Schlusslicht Europas die politische Avantgarde werden.

  2. Es ist sehr ermutigend wie das Volk in Italien gewählt hat.
    50% wollen keinen Euro mehr, keine NATO mehr, nicht mehr diese unsäglichen illegalen Kriege, sie wollen Verständigung und eine Zusammenarbeit mit Russland, sie wollen diese Einwanderungspolitik nicht, sie wollen einen anderen (Arbeiter – bzw. große Masse / Normalbürgerfreundlichen) Verteilerschlüssel. Sie wollen nicht mehr diese korrupte EU.
    Sehr erfrischend, weil es in Italien anscheinend ein ANGEBOT solcher Parteien gibt. Das ist in unserem ach so Sozialdemokratischen Deutschland in dem wir gut und gerne leben definitiv nicht der Fall!
    Auf Ken Jebsens Frage warum die Arbeiter in der BRD immer noch Parteien wählen die neolieberal ausgerichtet sind, kann man ganz profan antworten, es gibt nur eine Partei die nicht neoliberal ist, das ist die Linke und die ist nicht wählbar weil sie in großen Teilen „Deutschland verrecke Personal“ haben, massiv für Zensur einstehen, die unsägliche Elitenagenda (Gendermainstreaming, Aufnahme von Versorgungssuchenden, Hetze und Zensur von unliebsamen Meinugen usw…) mittragen, die Einwanderung noch mehr ausweiten wollen und weil sie im Grunde auch gar nicht mehr für die Belange des einfachen Normalbürgers einstehen.
    Das ist die traurige Wahrheit.
    So etwas nennt sich dann Domokratie, ein System in dem die Bürger „wählen“ dürfen zwischen Parteien die neoliberal gegen ihre Interessen regieren und Parteien die neoliberal gegen ihre Interessen regieren.

    • Was verhindert Deutsche AfD zu wahlen ?
      Nach meinem Ansicht nur die fortdauerende Kriegspropaganda gegen Deutschland.

      Sah vor ein Paar Tage bei National Geographik eine Doku über die V1 einige Zeit an.
      Eine technisch und strategisch sehr einseitige Doku, aber was wieder immer dasselbe ist, immer Worte als ‚Nazi Mord Machine‘, doch wurde die RAF Vernichtung vvon Hamburg gemeldet, aber das war natürlich nicht eine Mordmachine.

      Die V1 hatte als Zweck RAF Bomber nach nord Frankreich zu locken, damit sie nicht Deutschland weiter vernichteten.
      David Irving, ‘The rise and fall of the Luftwaffe’, Londen, 1973, 1976 (Die Tragödie der Deutschen Luftwaffe, Aus den Akten und Erinnerungen von Feldmarschall Erhard Milch, 1970, 1975, Frankfurt/M)

      Und der Leiter des V1 Programm, wie immer ein fanatischer Schreier.
      So geht das mit Propaganda.

      Tito während des Krieges sandte seine engste Mitarbeiter nach die Deutschen für Verhandlungen, er kam verwirrt zurück, die Deutschen waren keine Mordroboter, sondern normale Menschen, die besorgt waren um ihr Land.
      Milovan Djilas, ‘Gesprekken met Stalin’, George Urban, ‘Gesprek met Milovan Djilas’, Bloemendaal 1991 (Conversations with Stalin, Harcourt Brace Jovanovich, 1962)

    • … wobei das mit dem Euro-Austritt ja bereits im Januar relativiert wurde:

      http://www.iltempo.it/politica/2018/01/09/news/di-maio-fa-dietrofront-non-e-piu-il-momento-di-uscire-dall-euro-1043904/

      Di Maio macht hier einen Rückzieher und erklärt, dass „… jetzt nicht der richtige Moment für einen Euro-Ausstieg“ sei.

      Womit wieder bewiesen wäre, dass es völlig sinnlos ist, seine Stimme „abzugeben“ und auf irgendeine Besserung zu hoffen.

      Ich bin aber trotzdem gespannt, was aus den Überlegungen bzgl. des „reddito di cittadinanza“ (bedingungsloses Grundeinkommen) wird. Seltsam, dass Herr Grimaldi davon nicht gesprochen hat.

  3. Zur einführenden Auflockerung und vielleicht gilt’s ja auch für Italien, „da können sie wählen wie sie wollen?“ Dazu in aller Kürze Herr Pispers:

    https://www.youtube.com/watch?v=RrTL0uk8aYI

    Zum Thema; es ist nachvollziehbar; die Verwirrung um Begrifflichkeiten, da es Ausdruck der allgemeinen Desorientierung ist und damit den Erfolg der Manipulation von Sprache und der Umdeutung von Begriffen belegt.

    Es ist Gang und Gäbe daß Menschen sich falsch etikettieren, um bestimmte Ziele zu erreichen und daß Rechte oder Neofaschisten sich als Arbeitervertreter gerieren um in Machtpositionen zu gelangen, nur um die Rechte dann weiter einzuschränken, um dann dem Großkapital dienstbar zu sein.
    War und ist in der Geschichte so.

    Wenn es um Seiten geht haben sie natürlich rechts und links, ebenso oben und unten, oder rechtsoben und linksunten, das ist so in der Geometrie.
    Ignorieren sie nicht die dritte Dimension, die Tiefe, zum Graben und Wühlen, um die Manipulation, den Betrug, zu durchschauen.

    Dazu Herr Mausfeld, auch zur „Mitte:“

    28. Pleisweiler Gespräch mit Professor Mausfeld – 22. Oktober 2017
    Wie sich die „verwirrte Herde“ auf Kurs halten lässt: Neue Wege der „Stabilitätssicherung“ im autoritären Neoliberalismus

    Und dazu gehört ein ganz wichtiges Mittel: „Die Mitte“. Die „Mitte“ ist etwas ganz Tolles, heute sind alle in der Mitte. Das gehört wieder zum neoliberalen Falschwörterbuch, weil hier ein Begriff neu besetzt worden ist, denn „Mitte“ ist für uns alle etwas ganz Tolles.
    ‚Mitte‘ suggeriert Harmonie, Ausgeglichenheit, vielleicht auch Geborgensein, ‚Mitte‘ ist ein ganz positives Gefühl, weil wir ungerne zu den Extremen gehören wollen. Der Neoliberalismus hat diesen Mittebegriff neu besetzt, indem jetzt eigentlich mit „Mitte“ eine extremistische Position bezeichnet wird. Nämlich die extremistische Position eines Kampfes gegen Demokratie. Und die „Mitte“ ist sogar eine extrem fundamentalistische Position, weil sie einen Ausschließlichkeitsanspruch hat: Es kann keine Alternativen mehr geben. Die „Mitte“ ist eine extrem fundamentalistische Position mit einem Ausschließlichkeitsanspruch, übt aber auf uns eine gewisse Faszination aus. Wir gehen diesem Wort immer wieder auf den
    Leim. Und Sie sehen, wie häufig dieses Wort als Attraktionsmittel in der politischen Rhetorik verwandt wird, und zwar immer im Kontext auch des neoliberalen Programmes.

    Tony Blair: „a radical centre in which you are able to take decisions fort he future of
    the country“

    Gerhard Schröder 1998: „Es gibt keine linke oder rechte Wirtschaftspolitik, sondern
    nur eine gute oder schlechte Wirtschaftspolitik.“

    Emmanuel Macron 2017: „ni droite, ni gauche“ (weder rechts, noch links)

    Faschismus: „weder links noch rechts“

    Die „radikale Mitte“ – auch eine interessante Wortschöpfung. – Es gibt gar keine Interessen-gegensätze mehr. Es gibt keine Interessengegensätze zwischen Unternehmer und Lohnabhängigem mehr. Es geht nur noch um ‚Vernunft‘, es geht nur noch darum, ‚rational‘ die besten Lösungsansätze zu finden. Es hat auch keinen Sinn mehr, gegen irgend etwas zu kämpfen, es geht nur darum, die ‚beste‘ Lösung zu finden, denn letztlich sitzen natürlich Unternehmer und Lohnabhängige im gleichen Boot, haben die gleichen Interessen, nämlich: die ‚besten‘ Lösungen zu finden. ‚Letztlich ziehen wir doch alle am selben Strang‘
    – das ist die Ideologie, was ja irgendwie auch richtig ist, nur eben an unterschiedlichen Enden.

    Interessanter ist hier noch der Punkt – das finden Sie heute ganz häufig -, dass jemand sagt: „ich bin weder rechts noch links“. „Links“, das heißt ja eigentlich für eine gerechte Verteilung und eine solidarische Gesellschaft – und „rechts“ heißt, nicht für eine gerechte Verteilung. Jemand, der weder rechts noch links ist, kann sich eigentlich nur damit noch
    retten, dass er sagt: „Naja, ich bin völlig apathisch!“

    Und interessant ist, dass der italienische Faschismus genau diesen Slogan hatte, er ist „weder rechts noch links“. Und da war etwas dran. Der Faschismus war extrem anti-links, aber er war auch nicht rechts, denn ‚rechts‘ hieß damals eigentlich reaktionär und bewahrend. Der Faschismus war revolutionär, der wollte nicht bewahren. Das war ein totalitäreres System, er wollte etwas ganz anderes. In gewisser Weise konnte er zurecht sagen: „wir sind weder rechts noch links“. Auch dort lohnt es sich wieder, einen Blick auf die Geschichte zu werfen.
    http://www.nachdenkseiten.de/upload/pdf/171022-Mausfeld_Transkript_Landau_NDS.pdf

    Und hier nochmals zur Mitte:

    19. September 2017 um 8:43 Uhr | Verantwortlich: Albrecht Müller
    „Das ist eine Phantom-Mitte, unter deren Mäntelchen sich die Täter als Retter ausgeben“

    Die Bundestagswahl am 24. September ist, wie erwartet, seit Wochen ein zentrales Thema in den Medien. Doch der Meinungskorridor in der Berichterstattung zur Wahl ist eng. In den politischen Talkshows, den Nachrichtensendungen und in dem, was als Analysen angepriesen wird, findet oftmals nur eine sehr oberflächliche Auseinandersetzung mit den Wahlen statt. Die NachDenkSeiten nahmen diese Beobachtung zum Anlass, ein Interview mit dem Kieler Wahrnehmungs- und Kognitionsforscher Professor Rainer Mausfeld zu führen. Mausfeld, der dafür bekannt ist, mit einem kritischen Auge auf Politik und Herrschaftsstrukturen zu schauen, sagt im NachDenkSeiten-Interview unter anderem: „Regierung, Regierungsparteien und Medien betreiben einen großen Aufwand, um unseren Blick auf die gesellschaftlichen Realitäten zu trüben und zu verstellen.“ Das Interview führte Marcus Klöckner.
    (…)
    Und diese Kartellparteien, also: die CDU/CSU, SPD, Grüne und nicht zu vergessen, die FDP, haben die von Ihnen genannten Folgen absichtlich herbeigeführt?

    Ja, natürlich. Es sind Folgen sehr konkreter und bewusster Entscheidungen. Es gehört gerade zum Charakter von Kartellparteien, dass sie bei politischen Entscheidungen nicht mehr den Präferenzen der Bürger verpflichtet sind, sondern den Interessen relevanter Machtgruppierungen: also ökonomischen Interessen von Konzernen und Reichen sowie geopolitischen Interessen transatlantischer Eliten. Schon die Formulierung ‚Notwendigkeiten des Marktes‘ ist ja nicht mehr als eine verklausulierte Formulierung…
    (…)
    Was meinen Sie mit „Phantom-Mitte“?

    ‚Mitte‘ ist ja eigentlich ein Begriff, der positiv besetzt ist und mit Gefühlen von Harmonie und Stabilität einhergeht. Nun beruht der Siegeszug der neoliberalen Revolution von Beginn an darauf, vertrauten und positiv besetzten Begriffen, wie ‚Reform‘, ‚Flexibilität‘, ‚Freihandel‘ oder ‚Stabilität“, eine neue Bedeutung zu geben und auf diese Weise das Denken so zu blockieren und zu vergiften, dass die gesellschaftlichen Folgen dieser Revolution geradezu als naturgesetzliche Notwendigkeit eines globalisierten freien Marktes erscheinen. Schon ‚Globalisierung‘ und ‚freier Markt‘ sind jedoch bloße Verschleierungsbegriffe: Sie bezeichnen ideologische Truggebilde, die mit den Realitäten nichts zu tun haben. Sie sollen im Gegenteil die Realitäten gerade verschleiern. Da aber dennoch in der Bevölkerung – trotz massivster Indoktrinationsbemühungen – die Folgen der neoliberalen Zerstörung von Gemeinschaft spürbar werden und zu großen Verunsicherungen führen, ist es für den Erfolg neoliberaler Programme wichtig, das Empörungs- und Veränderungspotential in der Bevölkerung wirksam zu neutralisieren.
    http://www.nachdenkseiten.de/?p=40160

    Das Großkapital (gegen eine gerechte Verteilung, gegen sozialen Fortschritt, für monopolisierte Machtausübung, das ist rechtsoben und dieses rekrutiert mit allen Mitteln, mit Lug und Trug.

    Von Allgemein zurück nach Italien, Berlusconi bleibt interessant, auch wenn er evtl, nun in der zweiten Reihe sitzt, die Mechanismen bleiben im Repertoire. Wir erinnern uns Terror, P2, Gladio:

    Mafia, Geheimdienste und Politik der USA
    Teil 13 (Oktober 1988 – September 2000)

    (…)
    1994 Berlusconi, P2 und die Mafia

    Silvio Berlusconi wird Italiens neuer Regierungschef. Er kommt aus Licio Gellis Filz und hat bei der P2 die Mitgliednummer 1816. Vor allem dank der Geldwäscherei seiner Fininvest für die Mafia wurde er zum reichsten Mann Italiens. Die Mafiabosse pumpten in der zweiten Hälfte der 70er Jahre Millionen von Dollar in Berlusconis TV-Imperium. Dank den gewaschenen Mafiageldern erhöhte sich beispielsweise das Gesellschaftskapital von Fininvest 1977 von 2,5 auf 10,5 Mia. Lire. Insgesamt beteiligt sich die Mafia mit 113 Mia. Lire (heute € 300 Mio.) an Berlusconis Fininvest. Der Geldbote zwischen Berlusconi und der Mafia ist Gaetano Cinà. Über seinen Studienfreund und Wahlstrategen, den Europaabgeordneten Marcello Dell’Utri, unterhält Berlusconi enge Beziehungen zu den Mafiabossen Mimmo Teresi, Stefano Bontade und Pippo Calo. Dell’Utri arbeitete ab 1974 in Berlusconis Firma Edilnord in Mailand, dann bei der Fininvest, und 1983 engagiert ihn Berlusconi als Direktor der Publitalia.
    (…)
    2005 fliegt die italienische Geheimorganisation DSSA auf, die Ähnlichkeiten mit der Gladio-Organisation hat: Die ‚Dipartimento Studi Strategici Antiterrorismo‘ besteht aus etwa 200 Ex-Geheimdienstlern, Neofaschisten und Carabinieri und unternimmt eigene Polizeiaktionen und antiterroristische Nachforschungen, deren Erkenntnisse an die italienischen, israelischen und amerikanischen Geheimdienste verkauft werden. Geleitet wird die Organisation von Riccardo Sindoca und Gaetano Saya, der zur P2 gehörte und für die Nato arbeitete. Auch der im Irak entführte und ermordete Fabrizio Quattrocchi gehörte zur DSSA und war also kein Bodyguard, wie in der Presse dargestellt.
    http://www.us-politik.ch/teil13.htm#Berlusconi

    … oder hier …

    Berlusconi
    15. April 2006 Berthold Roth

    Knapp verloren hat Silvio Berlusconi die Wahlen in Italien und zeigt sich als schlechter Verlierer, indem er das Ergebnis anzweifelt. Eine Ära scheint ihrem Ende entgegen gegangen zu sein, soweit es nicht doch noch zu Neuwahlen kommt. Ganz trauen darf man der neuen Realität noch nicht, hatte doch die Wahl selbst bis in die darauf folgenden Tage hinein noch etwas von einem Krimi, der Italien in Atem hielt und die Bevölkerung spaltete.

    Grund genug, einen Rückblick auf Berlusconi und seine politische Geschichte zu unternehmen. Vor allem die Frage, ob in Italien unter Berlusconi noch von Demokratie zu sprechen war, galt während seiner Amtszeit als sehr umstritten, vor allem da unter seinem Machtmonopol die Medien die zentrale Rolle einnahmen und die Politik ihrer Logik, ihres Zeitgefühls und ihren Marktgesetzen unterwarfen. Vor allem über das Fernsehen wurde Politik sehr vereinfacht, aber auch deren Inhalte völlig im Verbogen belassen.
    http://buchwurm.org/berlusconi/

    Herr Dinucci schreibt auf Voltairenet auch zu Italien:

    „Die Kunst des Krieges“
    Das bewaffnete Italien, von der Ostsee bis nach Afrika
    von Manlio Dinucci

    Die NATO-Mitgliedstaaten haben immer gute Gründe, fremde Länder zu besetzen. Es geschieht, um sie zu „unterstützen“. Italien ist keine Ausnahme. Italien ist überall von der Ostsee bis nach Afrika militärisch präsent.
    Voltaire Netzwerk | Rom (Italien) | 27. Januar 2018
    http://www.voltairenet.org/article199503.html

    „Die Kunst des Krieges“
    Die NATO hat bereits vor uns gestimmt!
    von Manlio Dinucci
    Voltaire Netzwerk | Rom (Italien) | 22. Februar 2018

    Es gibt eine Partei, die, auch wenn sie nicht erscheint, an den Wahlen in Italien teilnimmt: die NATO-Partei. Sie wird von einer transversalen Mehrheit gebildet, die ausdrücklich oder stillschweigend die Mitgliedschaft Italiens in der Großen Allianz unter US-Kommando unterstützt.
    http://www.voltairenet.org/article199817.html

    Wenn sie’s gerne historisch zum italienischen Faschismus, in unterhaltsamer Spielfilmform haben wollen, wobei unterhaltsam hier ein sehr relativer Begriff ist:

    Omar Mukhtar – Der Löwe der Wüste
    Regie: Moustapha Akkad, Vereinigte Staaten/Libyen 1980

    Die Libyer müssen’s wissen, haben sie doch erst kürzlich wieder Besuch, auch von italienischen „Spezialkräften“ erhalten. Im Film selbst können sie die sensationellen Originalaufnahmen der damaligen Konzentrationslager bestaunen.

    Auch hier wieder Herr Dinucci, in einem Artikel:

    Die Kunst des Krieges
    Die Re-Kolonisierung Libyens
    von Manlio Dinucci

    All denjenigen, die meinen die Kolonial-Zeit sei beendet, schlagen die Beispiele des Irak, Libyens und Syriens ein heftiges Dementi ins Gesicht. Die USA haben 2001 beschlossen im Durch-Marsch und der Logik der Attentate, diese drei und einige weitere Länder anzugreifen. Sicher, der Krieg gegen Tripolis und Damaskus ist erst zehn Jahre später ausgebrochen, die Zeit, um einerseits diese Staaten ihrer Verteidigung zu berauben und andererseits internationale Koalitionen zu bilden und das Kolonial-Ziel als „humanitäre Aktion“ verschleiern zu können. Zurück zum Fall Libyen.
    Voltaire Netzwerk | Rom (Italien) | 12. März 2016
    http://www.voltairenet.org/article190692.html

    Noch ein sehenswerter Spielfilm:

    1900
    Regie: Bernardo Bertolucci, Italien/Frankreich/Deutschland 1976

    In dem sehr stark verdeutlicht wird, was die Nutzerin „Kristana“ hier kürzlich im Forum anmerkte: „Der Faschismus ist der Kettenhund des Kapitals.“

    Also während rechtsoben bereits rekrutiert wird, man losgelaufen ist, wird linksunten orientierungslos um Begrifflichkeiten gerungen, bzw. um die Farbe der passenden Schuhe verhandelt.

    Entschuldigung für die Länge.

    • Also ich bin ja kein Fachmann für „ismen“. Da gibts bessere Leute hier. Aber der ursprüngliche Begriff Faschismus beinhaltet: Nationalismus, Anführermentalität und Paramilitarismus.

      Mag die zerstreute, zerfletterte Linke sein, wie sie will, aber von den 3 o.g. Zuordnungsbegriffen find ich ja mal gar nix. Ja die Antifa spinnt völlig und ihr antideutscher Flügel spinnt noch mehr, aber sorry nationalistisch u paramilitärisch? Die Antifa? Von Anführermentalität schon gar nicht zu reden, sonst wär die Linke nicht so zersplittert, sondern schlicht gehorsam. Und wohin Gehorsam führt können wir in dem Artikel „Die Natur des Krieges“ lesen, hier bei Ken.

    • Das nun die Antifa hier eine Hauptrolle spielt, glaub ich nicht.
      Sie ist bestimmt ein Instrument im Werkzeugkasten der Geheim- oder Nachrichtendienste.
      Ähnlich wie in der NPD der Verfassungsdienst mit V-Leuten arbeitet, wird das auch bei der Antifa der Fall sein.
      Wenn Antifa-Leute kriminell in Aktion getreten sind, kann man sie leicht rekrutieren und benutzen.

  4. Jede Wahl in ein EU Mitglied Staat dasselbe, eine Situation worin fast nicht mehr regiert werden kann.
    Die anti FvD, Baudet, Hysterie bei uns beginnt lächerlich zu werden.
    Pechtold, von D(emokraten)66, die Partei die gerade mithalf das Referendum verschwinden zu lassen, ‚bringt Bürger in Verwirrung‘, sagt jetzt das FvD seine Kinder bedroht im Internet.
    In Gegensatz zu Wilders‘ PVV ist FvD eine demokratische Partei, jetzt 23.000 Mitglieder, Rutte’s VVD hat 27.000, und eine Partei von gut oder hoch gebildete Menschen.
    Die PVV hat zwei Mitglieder, Wilders und Wilders.
    Deshalb schreit Pechtold immer wieder das FvD viel gefährlicher ist (für ihn ?), als PVV.

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