Kunstfreiheit

Überblick und Einschätzung zu den rechtlichen Grundlagen der Kunstfreiheit

von Sean Henschel.

Kunst ist ein schwieriger Begriff. Wir haben alle eine gewisse Vorstellung davon. Es schießen einem unzählige Dinge durch den Kopf, die wir mit Kunst verbinden: Ein Gemälde wie Guernica von Pablo Picasso, das Gedicht „La Charogne“ von Charles Baudelaire, der letzte Kinobesuch mit Freunden, das minutiöse Anmalen von Kaugummis auf Londoner Straßen, die proustsche Beschreibung einer Madeleine oder ganz einfach den Namen Wolfgang Beltracchi. Kunst ist so vielfältig und scheinbar grenzenlos, dass uns schnell das Gefühl der Ohnmacht heimsucht, wenn wir versuchen vom Wesen der Kunst Besitz zu ergreifen, sie festzunageln, um später mit Stolz sagen zu können: Das ist Kunst! Und jenes nicht.

Kunst reißt uns aus dem Alltäglichen heraus. Sie erinnert uns an Dinge, die wir längst vergessen haben. Sie enthüllt uns immer wieder etwas neues. Kunst ruft in uns Bilder und Emotionen hervor. Kunst vermittelt Botschaften. Sie zeigt uns wie einfach und doch auch kompliziert die menschliche Existenz ist.

Der Klang des Wortes „Kunst“ hat etwas Abgeschlossenes an sich. Vielleicht ist es das “st” am Ende des Wortes? Spricht man hingegen das Wort Kunst auf Französisch aus, dann verhält es sich anders: “L’art”. Man spürt regelrecht die Unendlichkeit der Interpretationen, die ständige Veränderung, die der Begriff allein im Klang des Wortes dieser anderen Sprache implementiert.

Seit es Menschen gibt, gibt es Kunst. Der Mensch hat schnell gemerkt, dass es Dinge gibt, die mit Formeln nicht erklärt werden können. Dinge, die sich außerhalb des Binärcodes befinden. Kunst gab es schon immer, die Kunstfreiheit hingegen nicht.

Platon behandelte die Kunst innerhalb seiner berühmten Ideenlehre. Für Platon diente die Kunst als eine Beschreibung des Seienden. Die Kunst leitete sich von der Idee der Wahrheit ab. Platon teilte die Welt in zwei Bereiche auf. Sein Dualismus bestand darin, zwischen den objektiv wahrnehmbaren Dingen (z.B. ein Apfel auf dem Tisch) und den Ideen als eigenständige, übergeordnete Entität zu unterscheiden. Die Idee ist unveränderlich, voller Positivität. Für Platon war jedes wahrnehmbare Ding auf der Welt nur eine Abbildung der Idee, innerhalb der übergeordneten Ideenwelt. Wer einen Apfel betrachtet, sieht nur eine Abbildung der Idee Apfel. Es ist eine Kopie. Und nur die Idee des Apfels ist die Wahrheit, das Vollkommene.

Somit war für Platon die Kunst die Kopie einer Kopie. Wer einen Apfel malt, malt anhand einer Kopie. Das Werk des Künstlers ist zweifach von der Wirklichkeit entfernt. Wenn nur die Idee, die reine Wahrheit verkörpert, dann ist alles, was sich davon entfernt, weniger wahr oder sogar falsch. Für Platon war jede Veränderung schlecht. Jedes wahrnehmbare Ding entspringt seiner Idee. Der natürlichste Zustand ist somit der näheste an der Idee. Die Veränderung enthält somit eine Distanzierung zur vollkommenen Form, zur Idee, was einer Verschlechterung oder einen Verfall gleichkommt. Für Platon bestand der beste Zustand am Anfang. Sparta war der ideale Staat, der Staat, der am Anfang stand, der Staat, der der Idee des Staates am nähesten war. Es galt die gegenwärtigen Zustände zu bewahren. Kunst musste demnach einer strengen Zensur unterworfen werden. Stabilität um jeden Preis! Kunst sollte dazu dienen, die gegenwärtigen Strukturen beizubehalten.

Aristoteles übernahm Platons philosophische Grundkonzeption, jedoch modifizierte er einiges. Aristoteles lässt Veränderungen zu. Für ihn ist die Form, die Idee nicht von den wahrnehmbaren Dingen getrennt, sie ist den wahrnehmbaren Dingen innewohnend. Jedes Ding strebt nach seiner Essenz, seinem Wesen. Für Aristoteles steht das Wessen, die Idee eines wahrnehmbaren Objekts am Ende und nicht am Anfang. Die Veränderung ist ein notwendiges Stadium zur Verwirklichung des Wesens des Objekts und damit der Idee selbst.

Im späteren Mittelalter diente die Kunst zur Aufrechterhaltung kirchlicher Macht. Kunst und Religion waren nicht zu trennen. Später, während der Zeit des Absolutismus, änderte sich wenig. Könige und Fürsten nutzten die Kunst, um den Staat zu verherrlichen und die Machtstrukturen zu sichern. Gewiss eine sehr platonische Einstellung. Erst Anfang des 19. Jahrhunderts und vor allem durch den Einfluss der französischen Revolution änderte sich das Bild der Kunst. Eine Emanzipierung zur staatlichen Bindung lässt sich erkennen, auch wenn später an die Metternich-Zeit erinnert werden muss, wo Literaten wie Clemens von Brentano oder Heinrich Heine der Zensur zum Opfer fielen. Heine floh nach Frankreich.

Erst in der Weimarer Reichsverfassung wird in Deutschland die Kunstfreiheit als solche angenommen. Dort heißt es in Art. 142 WRM: „Die Kunst, die Wissenschaft und ihre Lehre sind frei. Der Staat gewährt ihnen Schutz und nimmt an ihrer Pflege teil.“

Heute ist die Kunstfreiheit in Art. 5 Abs. 3 GG verankert. Sie findet ihren Platz zwischen der Glaubens-, Gewissens- und Religionsfreiheit in Art. 4 GG und den Schutz der Ehe und Familie in Art. 6 GG.

In Art. 5 Abs. 3 GG heißt es: „Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung.“.

Der Bürger soll unabhängig von staatlicher Macht, unabhängig von der Macht Dritter künstlerisch tätig werden können.

Die Gerichte haben schnell verstanden, dass es nicht möglich sein wird, Kunst exakt zu definieren. Sie entzieht sich einer für immer in Stein gemeißelte Formel. Die einzige Lösung, die möglich erscheint, ist es wenigstens den Bereich der Kunst hinreichend zu bestimmen, der unter die Kunstfreiheit fallen soll.

Es geht aber nicht darum, zu bewerten, ob das Kunstwerk oder die künstlerische Betätigung gut oder schlecht ist. Das ist nicht Aufgabe des Staates.

Das Bundesverfassungsgericht hat einen Weg gefunden, den Bereich der Kunst so festzulegen, dass er praktikabel und dennoch flexibel genug ist, um neue Entwicklungen zu berücksichtigen.

Formeller Kunstbegriff

Das Bundesverfassungsgericht fängt mit dem einfachsten an, dem formellen Kunstbegriff. Kunst liegt vor, wenn „bei formaler, typologischer Betrachtung die Gattungsanforderungen eines bestimmten Werktyps erfüllt sind.”

Anders gesagt: Kunst ist das, was man herkömmlich darunter versteht. Dichtung, Malerei, Theater, Karikatur usw..

Materieller Kunstbegriff

Wenn das Bundesverfassungsgericht mit dem formellen Kunstbegriff nicht weiterkommt, prüft es weiter, den materiellen Kunstbegriff.
Das Bundesverfassungsgericht versteht unter künstlerischer Betätigung „die freie schöpferische Gestaltung, in der Eindrücke, Erfahrungen, Erlebnisse des Künstlers durch das Medium einer bestimmten Formensprache zu unmittelbarer Anschauung gebracht werden.“

Offener Kunstbegriff

Schlussendlich bleibt noch der offene Kunstbegriff. Nach dem offenen Kunstbegriff liegt Kunst vor, „wenn man das kennzeichnende Merkmal einer künstlerischen Äußerung darin sieht, daß es wegen der Mannigfaltigkeit ihres Aussagegehalts möglich ist, der Darstellung im Wege einer fortgesetzten Interpretation immer weiterreichende Bedeutungen zu entnehmen, so daß sich eine praktisch unerschöpfliche, vielstufige Informationsvermittlung ergibt.“

Die Kunstfreiheit schützt den Werkbereich (die künstlerische Betätigung) sowie den Wirkbereich (Darbietung und Verbreitung des Kunstwerks).

Einschränkung der Kunstfreiheit

Die Kunstfreiheit ist nach dem Wortlaut vorbehaltlos gewährleistet. Die Kunstfreiheit kann somit nur zum Schutz kollidierenden Verfassungsrechts eingeschränkt werden. In Hinblick auf die Kunstfreiheit ist dies häufig das allgemeine Persönlichkeitsrecht, die körperliche Unversehrtheit, die Religionsfreiheit sowie der Schutz der Jugend und das Elternrecht. Um die Kunstfreiheit einzuschränken bedarf es aber einer wirksamen gesetzlichen Grundlage, die dazu dient andere Rechtsgüter mit Verfassungsrang zu schützen.

Die Beleidigung nach § 185 StGB, die Verleumdung nach § 187 StGB (Schutz des Persönlichkeitsrechts) oder die Verunglimpfung des Staates und seiner Symbole nach § 90a StGB (Schutz der freiheitlichen demokratischen Grundordnung) sind bekannte Beispiele für eine solche gesetzliche Grundlage.

Was die Verunglimpfung des Staates anbetrifft, muss hervorgehoben werden, dass das BVerfG eine zurückhaltende Beurteilung befürwortet.

Die Kunstfreiheit ist und bleibt ein wichtiges Grundrecht. Wer sich künstlerisch betätigt, muss keine staatliche Zensur mehr fürchten oder Angst vor Verfolgung haben. Nur durch eine ausgefeilte und durchdachte Rechtsprechung ist es möglich geworden, diesen so vagen Begriff hinreichend zu bestimmen und alltagstauglich zu gestalten. Es reicht einen kurzen Blick in die Geschichte zu werfen, um zu erkennen, dass die Ausübung von grundlegenden Freiheiten nicht selbstverständlich ist. Philosophen wurden zur Bewertung von Kunst herangezogen, Institutionen wurden geschaffen, um Kunstwerke zu verbieten. Es sind keine siebzig Jahre vergangen, wo Allen Ginsberg vor Gericht stand und sein Gedicht “Das Geheul” verteidigen musste. Die Botschaft der Beat Generation war eindeutig angekommen. Es war ein Schrei nach mehr Freiheit. Und dieser Schrei wurde gehört. Es gilt ihn nicht zu vergessen.

Das Grundgesetz verkörpert unzählige Werte. Es gilt aber zu erkennen, dass diese Werte nicht absolut sind. Jean-Paul Sartre hatte Recht, indem er formulierte, dass die Existenz eines Wertes von unserer Annerkennung als solchen abhängt. Das Sein eines Wertes leitet sich von seiner Forderung ab und nicht umgekehrt. Und nur ich, ich allein bin derjenigen, der dem Wert seine Forderung verleiht. Es ist meine Freiheit, die mir diese Anerkennung überhaupt erst ermöglicht. Es gibt keine Rechtfertigung, noch Entschuldigung. Wir sind handelnde Wesen, die ständig in der Welt engagiert sind. Es liegt allein an uns, welche Werte wir anerkennen und für welche Werte wir einstehen. Jeder Einzelne trägt also eine große Verantwortung.

Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Textes.

KenFM bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Meinungsartikel und Gastbeiträge müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

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21 Kommentare zu: “Kunstfreiheit

  1. A.S.CRANE sagt:

    Ist das ein Kunstwerk?:

    https://www.youtube.com/watch?v=gaQYb4Ykhz8

    Aus dem Text der Ingenieurs-Künstler:

    “Turn your sound on for this. Read this first, then watch.

    This is almost unbelievable. See how all of the balls wind up in catcher cones.

    This incredible machine was built as a collaborative effort between the Robert M. Trammell Music Conservatory and the Sharon Wick School of Engineering at the University of Iowa ..

    Amazingly, 97% of the machines components came from (….) , Iowa ….Yes, farm equipment!

    It took the team a combined 13,029 hours of set-up, alignment, calibration, and tuning before filming this video

    It is now on display in the Matthew Gerhard Alumni Hall at the University and is already slated to be donated to the Smithsonian.”

    Ton ab!

  2. A.S.CRANE sagt:

    Ein lesenswertes Vorwort / Schach und Kunst / Regeln und Gesetze

    “Mein System” – – – VORWORT DES
    AUTORS Aaron Nimzowitsch:
    “Im allgemeinen bin ich durchaus kein
    Freund davon, ein Vorwort zu schrei-
    ben; aber in diesem Falle erscheint es
    notwendig, denn die ganze Sache ist so
    neuartig, daß ein Vorwort nur als ein
    willkommener Vermittler begrüßt wer-
    den dürfte.
    Mein neues System ist nicht plötz-
    lich entstanden, sondern langsam und
    allmählich, ich möchte sagen organisch
    emporgewachsen. Freilich, die Haupti-
    dee, nämlich der Gedanke, die Elemen-
    te der Schachstrategie jedes einzeln für
    sich zu analysieren, dieser Gedanke be-
    ruht auf Eingebung. Indes wäre es na-
    türlich keineswegs genügend, wenn ich
    über die offene Linie etwa sagen woll-
    te: man solle eine solche besetzen und
    ausnützen, oder über den Freibauern: ein
    solcher sei zu stoppen. Nein, die Sache
    verlangt es, daß man ins Detail geht.

    Es
    dürfte beinahe komisch klingen, aber ich
    versichere Sie, meine lieben Leser, der
    Freibauer hat für mich eine Seele (!!!), ge-
    nau wie der Mensch, Wünsche die uner-
    kannt in ihm schlummern und Befürch-
    tungen, von deren Existenz „er selbst
    kaum ahnt“. Ebenso geht es mir mit der
    Bauernkette und den anderen Elementen
    der Strategie. Über jedes dieser Elemen-
    te will ich Ihnen nun eine Reihe von Ge-
    setzen und Regeln geben, die Sie anwen-
    den können werden, Regeln, die ganz
    und gar ins Detail gehen und die dazu
    beitragen werden, Ihnen Klarheit zu ge-
    ben selbst über die anscheinend geheim-
    nisvollsten Verkettungen von Gescheh-
    nissen, wie sie gang und gäbe sind auf
    unsern so lieben 64 Feldern.

    Der II. Teil des Buches bringt dann
    das Positionsspiel, insbesondere in des-
    sen neuromantischer Form. Es wird viel-
    fach behauptet, daß ich der Vater der
    neuromantischen Schule sei. Daher dürf-
    te es nicht uninteressant erscheinen zu
    hören, was ich davon halte.
    Man pflegt Lehrbucher in einem tro-
    ckenen, lehrhaften Ton zu schreiben.
    Man glaubt, man würde sich etwas da-
    durch vergeben, wenn man einer humo-
    ristischen Wendung Einlaß gäbe, denn
    was hätte der Humor in einem Schach-
    lehrbuch zu suchen! Diese Ansicht kann
    ich keineswegs teilen, ich gehe noch
    weiter, ich halte sie für ganz und gar
    unrichtig: der wahre Humor enthält oft
    mehr an innerer Wahrheit, als der ernst-
    hafteste Ernst. Was nun mich betrifft,
    so bin ich ausgesprochener Anhänger
    der komisch wirkenden Parallelen, ich
    ziehe also die Ereignisse des täglichen
    Lebens gern vergleichsweise heran, um
    solchermaßen Klarheit über komplizier-
    te Schachvorgänge zu gewinnen.
    Ich habe an manchen Stellen ein Sche-
    ma angebracht, um den gedanklichen
    Bau als solchen sichtbar hervortreten zu
    lassen. Dieser Schritt geschah sowohl
    aus pädagogischer Rücksichtnahme als
    auch aus Gründen – – persönlicher Si-
    cherheit, denn sonst würden mittelmä-
    ßig begabte Kritiker – es gibt auch sol-
    che – nur einzelne Details, nicht aber
    das weitverzweigte Gefüge sehen wollen
    oder können, das doch den wirklichen
    Inhalt meines Buches bildet. Die einzel-
    nen Sachen, namentlich aber in der ers-
    ten Lieferung, sind anscheinend so ein-
    fach, aber das ist ja gerade das Verdienst.

    Das Chaos auf eine bestimmte Anzahl
    von zu einander im Kausalitätsverhält-
    nis befindlichen Regeln reduziert zu ha-
    ben, das ist ja gerade das, worauf ich
    glaube stolz sein zu dürfen.

    Wie einfach
    lauten doch die 5 Spezialfälle in der 7.
    und 8. Reihe, aber wie schwer waren sie
    dem Chaos zu entlocken! Oder die offe-
    ne Linie und gar die Bauernketten! Na-
    türlich wird jede Lieferung schwieriger,
    da das Buch als fortschreitend gedacht
    ist. Aber diese zunehmende Schwierig-
    keit halte ich nicht etwa als Panzer vor,
    um mich vor Angriffen leichtkalibriger
    Kritiker zu schützen. Ich betone sie nur
    um meiner Leser willen. Man wird mich
    ferner angreifen, weil ich zum größten
    Teil von mir selbst gespielte Partien ge-
    be. Auch dieser Angriff wird mich kaum
    umwerfen. Wie, ich wäre nicht dazu be-
    rechtigt, mein System durch meine Par-
    tien zu illustrieren?! Übrigens bringe ich
    sogar einige von Amateuren (gut) ge-
    spielte Partien, ich bin also garnicht so.
    Ich übergebe nun die erste Lieferung
    der Öffentlichkeit. Ich tue es mit gutem
    Gewissen. Mein Buch wird seine Män-
    gel haben, unmöglich war es mir, in alle
    Ecken der Strategie hineinzuleuchten,
    aber ich bilde mir doch ein, das erste
    wirkliche Lehrbuch des Schachspiels,
    nicht bloß der Eröffnungen, geschrieben
    zu haben.
    DER VERFASSER August 1925”

    Vielleicht könnte es auf diesem Weg funktionieren, eine Ästhetik zu formulieren:

    “Wie, ich wäre nicht dazu berechtigt, mein System durch meine Partien zu illustrieren?!”

    Mit herzlichen Grüßen aus dem Allgäu an Timo Dillner und Rui Tomás!

  3. Franz Maria Arwee sagt:

    Eine Kunst, die nicht entsteht und nicht vergeht, die bleibt wie sie ist, eben unveränderlich gesetzt, ist keine Kunst, schon gar keine, die existieren kann.

    Das einzige das bei Idealen, dem Urteil verbleibt, ist der Nihilismus, der Glaube an das sinnfreie Nicht-Leben…

    …wer ein Urteil, damit nur einen Hammer als Gut-Böse-Methode hat, sieht bekanntlich in jedem Problem, das gegen das allgemeingültig erklärte konkrete Ideal gerichtet ist, einen Nagel….

    …Dummerweise sind alle Definitionen allesamt Ideale…

    …das Streben nach Gewißheit ist ein wirklich völlig sinnfreies Unterfangen, denn wenn es diese gibt, muß keiner nach ihr suchen oder nach ihr streben, denn in dieser Welt ist dann ja bereits alles gewiß…diese Welt braucht dann dummerweise auch keine ‘menschlichen’ Ordens-Regeln…

    …Tja, Leute, blöd gelaufen…

  4. Daniel Thamm sagt:

    Der Artikel hat mich auf Trap gebracht:) Danke Sean Henschel!
    Vielen Dank auch für den Kommentar Rui Thomas und die Untehaltung mit A.S.Crane.

    Ich bin ein Freund von improvisatorischer Kunst, bzw. Solcher die auf Zufallsprinzipien beruht. Beim praktizieren solcher Art von Kunst ist mir jedoch deutlich geworden dass Gesetze, Gegeln, Grenzen, oder Rahmen im Schaffensprozess sehr hilfreich sind (auch “kein Gesetz” ist heut für mich ein Gesetz. Ich muss mich anschließend nur erklären warum habe ich so und anderes gehandelt wenn es doch möglich war…?).
    Gesetze können sogar richtig Spaß machen, wenn sie selbst gewählt/geschaffen/gesetzt wurden, sprich von mir selbst innerlich vertretbar sind. Ich bin also dazu verpflichtet meine Intension hinter dem gesetzt nennen zu können. Ein grundloses gesetzt ist haltlos, und wirkt auch nicht fördernd auf den anschließenden Prozess.
    Meine Frage ist zur Zeit gar nicht wie die Kunst frei werden/ frei bleiben kann, sondern wie die Politik und das Gesellschaftliche Leben künstlerisch gestaltet werden kann, in dem Sinne dass die am gemeinsamen Prozess Beteiligten selbst ihre eigenen Regeln und gesetzte ergreifen können. Ich nenne diese Gesellschaft dann eine sozialkünslerische. Beuys nennt sie “soziale Plastik”.
    Das Prinzip der Selbsterkenntnis im künstlerischen Schaffensprozess finde ich sehr sinnvoll! Den sozialen bzw. politischen Aspekt bekommt das Kunstwerk, wenn die dazu gehörige Selbsterkenntnis sichtbar und in den gesellschaftlichen Diskurs eingebracht wird. In der Wirtschaft gilt es dann “nur” noch der Erkenntnis gemäß tätig zu werden auf allen Ebenen und in allen Bereichen 🙂

    Also ran an’ Speck:)
    bonne nuit …

    • Specht sagt:

      Wir scheinen da den selben Blick zu haben. Ja- der Beuys! Ich hab ihn noch erlebt und erst viel später in Gänze verstanden! Viel Viel später. Sowas Großes braucht Zeit, zu verstehen und Lebenserfahrung.
      Wenn Sie hier ein Grinsegesicht reintippen wollen, dürfen Sie danach NICHT die Pausentaste drücken! Ich hatte das auch immer falsch gemacht 🙂

  5. wasserader sagt:

    Die Dekonstruktion hat die vollständige Fragmentierung als Folge .
    Der Text ist geschrieben und es ist kein Gedanke mehr in der Welt .
    Eine Simulation ist eine Simulation ist eine Simulation .

  6. Specht sagt:

    Oje! Wie soll man das, was alles unter diesem Begriff bisher gelaufen ist, zusammenfassend definieren? Es ist wohl sowieso ein Konstrukt dieser Zivilisation. Denn eigentlich sollte ja die selbe herzliche und hoch geistige Konzentration, die der Entstehung eines Kunstwerkes gewidmet wird, möglichst in allem Denken und Handeln angewendet werden. Das wäre dann vielleicht wieder ein Leben, das dem Geschenk des Lebens würdig wäre. Und so wäre vielleicht die Menschheit nicht auf Abwege geraten. Muss nicht unbestimmt stimmen, war nur mal so ein Gedanke.

  7. Rui Tomás sagt:

    Es geht natürlich um die Freiheit der Kunst und um die Frage, nach welchen Gesichtspunkten – wenn überhaupt – sie von Rechts wegen eingeschränkt werden kann. Ein schöner Artikel, der, wie andere seiner Art, den Fehler hat, die Undefinierbarkeit der Kunst als unumstößliche Tatsache zu betrachten. Ich persönlich meine, es lohnt sich nicht, über die Freiheit von etwas Undefinierbarem zu diskutieren. Man diskutiert schon über Fakten und Tatsachen so endlos, dass zum Handeln weder Zeit noch Energie übrig bleiben. Wie wäre es also, wenn wir das Undefinierbare endlich in Frieden ruhen lassen und uns stattdessen darum bemühen, seit Ewigkeiten Schwammiges zu konkretisieren? Was die Kunst und ihre so heilig gehütete Freiheit betrifft, hat meines Erachtens der in Portugal lebende Künstler Timo Dillner (http://www.timodillner.com/was_ist_kunst1.htm ) einen bemerkenswerten und äußerst konkreten Ansatz geliefert. Er vergleicht ein Regelwerk für die Kunst mit den Regeln des Schachspiels und vertritt die Meinung, dass weder die Freiheit des Schachspiels noch die Freiheit der Kunst durch Regeln aufgehoben würden. Die Regeln dienten lediglich dazu, den besprochenen Gegenstand klar erkennbar zu machen, was ich für sehr vernünftig halte.
    Zum Beispiel las ich kürzlich in einem Buch von Stephen Fry („Feigen, die fusseln“, Aufbau-Verlag, 2008) über die Poesie Folgendes:
    [Es ist] „… sogar eine der Paradoxien der Kunst, dass Struktur, Form und Konvention den Künstler befreien, während Formlosigkeit und absolute Freiheit wie eine Art Tyrannei erscheinen können. Innerhalb einer von Gesetzen gestützten Gesellschaft kann der Mensch sehr wohl frei leben, doch gibt es bis heute nicht ein Beispiel dafür, dass der Mensch sich in einer gesetzlosen Anarchie frei entfalten kann.“
    Was immer man von Stephen Fry hält: Das war gut und klug gesagt.
    Gäbe es also eine allgemein anerkannte Formel für die Kunst, wie Dillner sie vorschlägt; wüssten wir also, was Kunst wirklich ist und könnten es benennen; dann wäre auch klar, welches Maß von Freiheit diesem Ding eigentlich angehört. Womit Einschränkungen „von Rechts wegen“ in anderem Lichte dastünden und dann erst auch sinnvoll diskutiert werden könnten.
    Es gibt Interessengruppen, denen die schwere Definierbarkeit des Begriffs „Neoliberalismus“ einen großen Nutzen erweist, und die alles dafür tun, diese Schwierigkeit wenigstens zu erhalten, wenn nicht zu steigern. Ebenso gilt das für die Kunst. Sollten wir nicht mal darüber nachdenken, wer die Interessengruppen sein mögen, die nicht möchten, dass Kunst definiert wird? Und warum sie das nicht möchten?

    • A.S.CRANE sagt:

      Hervorragend Ihr Beitrag, Rui Tomás. Ich bin jetzt Ihrem Link zu Dillner noch nicht nachgegangen. Das Aufstellen von Kunstregeln, die den Regeln eines Schachspiels ähneln sollen, erzeugt auch eine intuitive Abwehr in mir. Vermutlich weil ich selbst lange Zeit Schach gespielt habe und mir dieses kleine Feld von 64 Feldern inzwischen einfach zu plan ist und zu eng. (Ich liebe die Vertikalität.)
      Ich stimme jedoch zu, daß es eben das Vermeiden von Definitionen ist, das Unterlaufen von Tradition und Form – auch das Vermeiden der Definition dessen, was Kunst sei, was uns in eine Freiheit stößt, die sich von Tyrannei tatsächlich kaum noch unterscheidet.
      Eine weit verbreitete Definition von Kunst lautet: Kunst ist alles, was in einer Galerie ausgestellt und als Kunst zum Verkauf angeboten wird.
      Jämmerlich, oder? An diese Definition glauben jedoch viele. Nur daß sie nicht an die Kunst glauben, sondern an den Mammon.
      Ich mag den Kunstbegriff von Joseph Beuys: “Menschengemässe Kunst muss
      1. die Zerstörung des Menschengemässen verhindern,
      2. das Menschengemässe aufbauen.
      Nur das ist Kunst.”
      Woran sich vermutlich eine Diskussion zur Bestimmung des Menschengemässen anschließen sollte ….
      Auch, was Paul Klee sagte, hat mich berührt: “Mensch werden sollte ich zunächst. Die Kunst würde dann von selbst nachfolgen.”
      Wie es der Zufall so will 😉 habe ich mich vor einigen Jahren selbst an der Definition von Kunst versucht.
      Und vor einigen Sekunden habe ich diesen alten Essay jetzt hier in meine Base auf KenFM gestellt.
      Sie wissen ja: “A.S.CRANE” anklicken und dann lesen – oder auch nicht.
      Es geht um transluzente und integrale Kunst; eine Kunstrichtung, die auf das innerste Wesen des Menschen ausgerichtet ist. Der Imperativ, der dieser Kunstrichtung entspringt könnte heißen:
      “Handle so, daß die Maxime Deines Kunstschaffens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Selbsterkenntnis gelten könne.” Ein Plädoyer für das Wahre, Schöne und Gute.
      Und jetzt werde ich mich Ihrem Link zuwenden.

    • A.S.CRANE sagt:

      Oh oh, was muß ich da lesen:

      “Je anerkannter der Mensch in seinem Tun und Sein,
      je wahrnehmbarer das Vollbrachte,
      je bedeutsamer die Botschaft,
      je besser die Realisierung,
      je innovativer der Inhalt,
      je nachhaltiger die Wirkung,
      umso wertvoller ist das Produkt als Kunst.” Timo Dillner

      Jaja, der große Wunsch des Ego nach Anerkennung. Und je anerkannter er ist – der Mensch? – in seinem Tun und Sein,
      desto wertvoller wäre sein Kunstprodukt? Naja …

      Was wäre mit dieser Wertedefinition von Kunst?:
      Je mehr das Kunstwerk den Menschen an das erinnert, was er in Wahrheit ist, je tiefer, wahrer, schöner, kraftvoller ein Kunstwerk ist, je besser das Kunstwerk dazu dient, daß der Betrachter einfach nur da ist – ohne zu denken, zu analysieren, zu werten, zu wollen – je mehr ein Kunstwerk den Betrachter erhebt und beglückt, je mehr es in der Lage ist, ihn mit dem in Kontakt zu bringen, was er sich im tiefsten Inneren wünscht – desto größer ist Wert.
      A.S.CRANE

    • Rui Tomás sagt:

      Lieber A.S.Crane – ich habe Ihren Kommentar und Ihren Versuch einer Kunst-Definition aufmerksam gelesen. Hut ab! Im Vergleich zum Versuch des Herrn Dillner fällt mir allerdings sofort ein Unterschied in der Praktikabilität der beiden auf: Ihre Definition belässt der Kunst jene Beliebigkeit, die ihr so ziemlich alle anderen Kunst-Definitionen ebenfalls zugestehen: Letztendlich kommt dabei heraus, dass Kunst im Auge oder im Herzen des Betrachters liegt. Kunst = Schönheit = Liebe = Leben? Das funktioniert ausgezeichnet – so lange Kauf und Verkauf keine Rolle spielen. Wohl dem, der darauf nicht achtgeben muss und sich, wie Schopenhauer sagte, der “interesselosen Anschauung” hingeben kann. Aber es ist ja nicht nur so, dass viele Künstler von ihren Werken leben müssen. Auch der “Normalbürger” steht ratlos vor Kauf- oder Ausstellungsentscheidungen der “Fachleute”. Dillners Definition könnte das ändern, indem sie jedem eine Handgabe gibt, Kunst zu erkennen und einzuschätzen, ohne dabei die Freiheit der Kunst einzugrenzen.
      “Der große Wunsch des Ego nach Anerkennung” ist dabei nur ein Nebeneffekt. Und sogar nur ein Nebeneffekt einer einzigen der sechs Komponenten, die Dillner in wirklicher Kunst erkennen zu müssen glaubt. Tatsache bleibt nunmal, dass der Bekanntheitsgrad – der Ruhm – eines Künstlers durchaus Einfluss auf Einschätzung und Wertung seiner Werke hat. Wüsste niemand, dass das Stück Steinkohle mit dem Löschpapier obenauf von Beuys ist, stünde es nicht unter einer Vitrine im Museum und wäre sogar überhaupt nicht der Rede wert.
      Ich muss zugeben, dass ich Dillners Definition nicht nur verteidige, weil ich sie zutreffend und nötig finde. Ich kenne den Künstler seit einigen Jahren persönlich und würde ihn gerne überreden, sich auch selbst einmal an einer solchen Diskussion zu beteiligen: Seine eigenen Bemerkungen erhellen viel von dem, was auf den ersten Blick nicht leicht verstanden oder missverstanden wird.
      Ein Satz Ihrer Definition hat mich besonders aufhorchen lassen. Sie schrieben:
      “Wir müssen den denkenden Geist von seinem Thron herunterholen.” Könnte ich Sie dazu überreden, damit zu meinen, dass der denkende Geist sich endlich mehr in die Wirklichkeit und ins Geschehen einbringen sollte, anstatt sich unnahbar in der Wolke seiner Gedanken zu vernebeln? Ich wollte nämlich, es gäbe mehr denkende Geister – und mir scheint, dass auch Sie einer sind.
      Wir haben genug Leute auf dem Thron, die nicht weiter denken als bis zur Grenze ihres persönlichen und momentanen Vorteils. Ein bisschen mehr Denken – unegoistisches Denken – auf dem Thron – das wäre es, was ich mir wünschte.

    • MIB2016 sagt:

      Kunst festzulegen, würde dazu führen, dass es nicht flexibel genug wäre, zukünftige Problem sachgerecht lösen zu können. Der Künstler Timo Dillner bietet eine Definition, dennoch bleiben seine Ansätze problematisch. Alleine seine Bereiche “Wissenschaft” und “Experiment” sich in rechtlicher Hinsicht fragwürdig. Zum einen ähneln sie unbestimmte Rechtsbegriffe und müssten von Fall zu Fall konkretisiert werden. Zum anderen, läge die Macht in der Hand des Richters, wenn er darüber zu entscheiden hätte, ob das jeweilige Kunstwerk den Kriterien der “Wissenschaft” (wenn etwas mit Kenntnis und Fertigkeit geschaffen wurde) genügt. Genauso verhält es sich mit dem Kriterium des “Experiments”, wie soll dies empirisch belegt werden? Die Ansätze Timo Dillners, sind in rechtlicher Hinsicht meines Erachtens unbrauchbar und verbergen die Möglichkeit des Machtmissbrauches. Der Richter wird gedrängt das Kunstwerk aus seiner subjektiven Sicht zu bewerten, was durchaus problematisch ist und nach dem Sinn und Zweck der Kunstfreiheit nicht wirklich vereinbar. Es soll ja gerade nicht, die Qualität, das Können des Künstlers bewerten werden. Es soll nur auf die mögliche Interpretationsfähigkeit Dritter ankommen.

    • A.S.CRANE sagt:

      Hallo, Daniel Thamm: Finde ich gut, was Sie da schreiben. Auch ich bin ein großer Freund improvisierter Kunst, deren Grundlage aber, bitte, ein ausgereiftes Handwerk sein möge. Der Künstler, der improvisieren möchte, muß sein Vehikel (perfekt) beherrschen, bevor er innerlich zurücktreten kann, um etwas Höheres und Größeres als er selbst ist, durch seine Instrumente wirken zu lassen. Und selbst dann noch halte ich ein Oszilieren zwischen Intuition und Reflektion für wichtig, zwischen Unmittel- und Mittelbarkeit, zwischen dionysischem Sich-Gehenlassen und apollinischem Formwillen.

      Die soziale Kunst ist gewiß die höchste aller Künste – neben der Kunst, in dieser Welt ein Mensch zu sein.
      Wer meint, daß Beuys’ Kunstansichten einen nebulösen Raum der Beliebigkeit öffne, der hat sich, mein Verdacht, noch nicht wirklich mit seinem Werk und seinen Theorien befaßt.
      Das Stückchen Kohle mit dem Papier drauf hat er sicher nicht für sein wichtigstes Kunstwerk gehalten, wenn überhaupt für eines. Diejenigen, die so etwas in Vitrinen stellen, dürfen wir reinen Gewissens dem Kunstmarkt zuordnen, also jenen, die aus allem blanke Münze schlagen müssen – und Zerstörung und Mißverständnis bleiben zurück.
      Interessanterweise erhielt ich gerade gestern abend, kurz nach Start unseres Austausches, eine Mail vom Forum für Integrales Leben, Ken Wilber, Amerika:
      ttps://integrallife.com/aesthetic-practice-looking-overlooked/?utm_source=Integral+Life+Newsletter&utm_campaign=419f0f3035-EMAIL_CAMPAIGN_2017_07_11&utm_medium=email&utm_term=0_de2cfb3770-419f0f3035-50255623&mc_cid=419f0f3035&mc_eid=e8c8c1a692
      Hier wird eine kleine, unscheinbare Zeichnung von Philip Rubinov Jacobson als Kondensationskern verwendet,
      um integrale Philosophie als praktisch anwendbar vorzuführen. Leider nur auf Englisch.

      An Rui Tomàs: Sie haben völlig recht, mein Text ist keine Definition von Kunst, wie sie auf der Ebene von Objekt und Materialien, Form und Struktur, künstlerischen Mitteln und Kompositionsprinzipien erscheint. Er ist vielmehr ein metaphysisches Sprechen über das Wesen von Kunst bzw. über das, was eine Kunst der Zukunft sein könnte und sein muß, so wir denn eine Umkehr zum Guten und Schönen vor Einkehr der Katastrophe der Auswirkungen des Häßlichen noch bewerkstelligen wollen.
      Meinen fast 9-seitigen Text auf die Formel “Kunst = Schönheit = Liebe = Leben” zu reduzieren, widerspricht allerdings nahezu vollkommen meiner Intention.
      Über Ihren Künstlerfreund:
      Ich verstehe, offen gesprochen, nicht, wie ein Künstler freiwillig zu Aussagen wie den folgenden kommen kann:

      1) “Verwendet man diese Definition als Rezept, lässt sich anhand eben der Beschreibung der definierte Gegenstand – und nichts anderes als der definierte Gegenstand – herstellen.”
      Nichts anderes, wie traurig.
      Das hat Einstein ja auch schon so ähnlich formuliert: “Erst die Theorie entscheidet darüber, was man beobachten kann.”
      Und R.M.A. weiter oben durch die Parabel von Hammer und Nagel. (Klasse!)

      Aufs künstlerische Wirken angewendet: Erst die Theorie entscheide darüber, was entstehen darf? Meines Erachtens tödlich für wahre Kunst. Ich muß an George Seurat denken, der ebenfalls sein Kunstschaffen – freiwillig!!! – einem konzeptionellen Diktat unterworfen hat. Man denke an das große Gemälde der Spaziergänger an der Seine “Sonntagnachmittag”. Die Entwürfe hierzu sind noch multidimensional und lebendig. Aber nachdem er seine “Methode” dann akribisch auf jedes Detail der Szenerie angewendet hatte, war auch noch das letzte Leben aus dem Werk verschwunden, die Menschen sehen aus wie Marionetten, steif, bewegungslos, grau; die Pflanzen wie Produkte aus dem Computer. Eine Szene aus einem Alptraum.
      ttps://www.repro-tableaux.com/kunst/georges_seurat_68/1-ein-sonntagnachmittag-auf-der-insel-la-grande-jatte_.jpg)
      Hierzu in der Wikipedia: “Seurat vermied weitgehend Überschneidungen der Dargestellten, sodass sie wie Silhouetten erscheinen. Aus dem Bild ist jegliche Spontaneität verbannt, sodass die Personen wie steife Puppen wirken. Der französische Autor Pierre Courthio bezeichnete Seurat als einen „Maler der Vertikalen“ und merkte zu seinem Stil an: „Man sagte mit Recht, fast jede Figur in Seurats Bildern sähe so aus, als sei ihr immer wieder gesagt worden: ‚Halte Dich gerade!‘“ ”
      Das sieht man mal, wie unterschiedlich die Begriffe verwendet werden. Für mich ist die Vertikalität nämlich ein Ausdruck für die Öffnung nach oben, also etwas Positives.

      2) “Der Contineralismus (continere, lat. = enthalten, beinhalten, zusammenhalten) ist die erste Stilrichtung, die sich dem Begriff der Kunst im Sinne dieser Formel kompromisslos unterordnet.”

      Eine kompromißlose Unterordnung der Kunst unter mentale Konzepte? Unter ein feststehendes Regelwerk?
      Da sind wir bei einem Absolutismus gelandet, oder?
      Ich zitiere Diether Rudloff aus seinem großartigen Buch “Die Parabel der sieben Künste – Über den Zusammenhang der Künste mit dem Wesen des Menschen”, das auf der “Philosophie der Freiheit” von Rudolf Steiner basiert und somit auf einem ethischen Individualismus.
      “Gilt das hier sträflich kurz Skizzierte schon ganz allgemein, um wieviel mehr trifft es auf die strahlend lebendige Wahrheit der Kunst zu! Darum kann es hier erst recht keinen fertigen Kunstbegriff geben, der einmal apodiktisch festgelegt wurde und dann unverändert für alle folgenden Zeiten Gültigkeit besitzen soll, oder immer wieder wie ein Meßgerät auf jedes Kunstwerk angewandt werden kann. Heute kann es sich in der Ästhetik nur darum handlen, eine Anleitung zum individuellen Erfassen der vielfältigen Gesetze des Schöpferischen zu geben.”
      Volle Zustimmung. Beim nächsten nicht so ganz:
      “Im Zeitalter des Individualismus gibt es keine absolute oder endgültige Wahrheit mehr, denn diese ist nichts
      Statisches (Anmerkung Crane: Gibt es doch, aber egal. Nicht jeder vermag die platonischen Ideen in ihrer unveränderlichen Reinform zu schauen.), das ein Mensch als ein Sein besitzen kann, sondern sie ist im ständigen Werden begriffen (Anm. Crane: In der Welt der Formen und der Evolution, ja.), und der Mensch muß sie immer wieder neu erringen, ja erkämpfen. Sie fällt ihm nicht einfach in den Schoß (sic!). Wie bereits Lessing und Goethe betonten, gibt es bei der Wahrheit niemals (Anm.: ???) fertige Vorstellungen, sondern nur einen Prozeß zu ihr hin; keine starren, toten Begriffe (Anmerkung Crane: Jene des Plato waren alles andere als tot. Was aus ihnen in doppelt und dreifach gebrochener Widerspiegelung wurde, könnte man angesichts innerer Schau jedoch leicht als tot bezeichnen; zumindest als dumpf, dunkel, tödlich.), sondern nur die lebendige, wandlungsfähige Idee, die das Leben in all seinen Widersprüchlichkeiten zu fassen vermag.”
      Zitat Ende

      Regeln, Gesetze, Prinzipien, Gesetzmäßigkeiten gibt es allerdings in der Kunst. Aber natürlich gibt es sie! Nur setzen wir uns, künstlerisch veranlagt, eben gern über jene hInweg…
      (Mir kommt Aaron Nimzowitsch in den Sinn, der Verfasser des Schachgrundlagenbuches “Mein System”.
      ttp://www.schachklassiker.de/band10.html
      Kritiker lobten dieses Buch, warfen dem Verfasser jedoch vor, daß er sich selbst in seinen Turnierpartien nicht an sein eigenes System halte. Offenbar ist, nachdem das Handwerkszeug erlernt wurde, in der Kunst etwas anderes angesagt; etwas, das aus dem Moment heraus entstehen möchte; etwas, das sich nicht gern an Regel und Gesetz halten will und jegliche Prä-Konzeptionalität sprengt.)
      Sind diese Gesetze bekannt, dann kann ja auch aus dem Verstoß gegen Regeln neue Bedeutung entstehen.

      Aber über dieses Thema haben Berufenere als ich schon viel besser gesprochen. Beispielsweise Hanno Rauterberg in seinem Buch “Und das ist Kunst? – eine Qualitätsprüfung”. Sehr empfehlenswert.

      Abschließend drei Sachen noch:
      Wir verwenden, Rui Tomás, den Begriff “Wert” offensichtlich ganz unterschiedlich.
      Ich finde, daß, sagen wir, Vincent van Gogh’s Werke, obwohl zu Lebzeiten nicht anerkannt und gehandelt, sehr wohl einen hohen Wert besaßen; und nicht erst jetzt, da sie zu Millionenpreisen über die Auktionstheke gehen.

      Für mich ist die Freiheit ein Akt der Anstrengung, der Bemühung, ja, teilweise sogar des Kampfes (gegen mich selbst vor allem). Es ist antrengend, sich einen groben Brocken aus dieser Welt herauszupicken, ihn auf die Leinwand zu bringen, und anschließend im künstlerischen Prozeß zu bearbeiten und zu transformieren; und zwar so lange, bis sich das Ergegnis leicht anfühlt, bewältigt, durchdrungen, also frei.
      Die Vergeistigung und Erlösung eines jeden Themas ist mein Anliegen. Praktischer und praktikabler könnte also kaum etwas sein.

      Bei Interesse: neben den Surrealisten und ihren Manifesten, mag ich vor allem die Kunst der “Nabis” (der sogenannten “Propheten”) zu denen u.a. Bonnard und Vuillard gehörten.
      Ich bin mir ziemlich sicher, daß sie sich von ihren eigenen Manifesten zwar inspirieren, jedoch niemals beschränken ließen.
      Jean-Édouard Vuillard:
      ttps://www.youtube.com/watch?v=BY5TZ8w5194

      Kriterium für schlechte Kunst von Joseph Beuys: “Mit diesem Werk komme ich zu keinem Erlebnis.”

    • A.S.CRANE sagt:

      Der Link zu Seurat:

      https://www.repro-tableaux.com/kunst/georges_seurat_68/1-ein-sonntagnachmittag-auf-der-insel-la-grande-jatte_.jpg

    • Rui Tomás sagt:

      A.R.Crane – “Eine kompromißlose Unterordnung der Kunst unter mentale Konzepte? Unter ein feststehendes Regelwerk?
      Da sind wir bei einem Absolutismus gelandet, oder?”

      Nein, finde ich nicht – und ich spreche jetzt für mich ganz persönlich: Es gibt Dinge, denen man sich kompromisslos unterordnen kann, ohne im Absolutismus zu landen: Eine kompromisslose Unterordnung unter das Diktat der Nächstenliebe, der Menschlichkeit beispielsweise wäre für mich ein Absolutismus, mit dem ich leben könnte. 🙂 Freilich sind Begriffe wie “Unterordnung”, “kompromisslos”, “Absolutismus”, “Diktat” u.ä. Reizworte, die einen seine Freiheit verteidigenden Menschen automatisch zum Widerspruch herausfordern. Also gilt es wieder, diese Begriffe so genau wie möglich zu erklären und mit eindeutigem Inhalt zu füllen; und man wird es trotzdem nie schaffen, willkürliche Interpretation auszuschließen. Zumal die meisten dieser Worte durch langen zweckentsprechenden Gebrauch sozusagen vorbelastet und die durch sie hervorgerufenen Bilder und Gedankenverbindungen nicht mehr so einfach modifizierbar sind. Für manchen neuen Inhalt müsste man also eigene und ganz neue Begriffe erfinden. Und diese dann jedem potentiellen Interessenten von Null beginnend erklären? Das ist eine Forderung, die ich nicht stellen mag. Also mache ich mir die Mühe, im konkreten Falle hinter den Begriff zu schauen und herauszufinden, was beispielsweise Dillner im Zusammenhang mit seiner Kunst-Definition mit “Wissenschaft” und “Experiment” meint. Für mich würde ich diese Begriffe dann ganz einfach mit “Wissen und Können” und “Originalität” übersetzen. Und dass diese in einem wirklichen Kunstwerk enthalten sein sollten, kann ich wohl guten Gewissens unterschreiben.

      Meine herzlichsten Grüße an alle, die sich so engagiert mit dem Thema auseinandersetzen!

    • A.S.CRANE sagt:

      Ja, Sie haben Recht, Rui Tomás: so gut wie jeder unserer Begriffe hat einen ganzen Rattenschwanz von Historie im Gepäck. Es liegt also an uns, sie zu reinigen und mit neuer Bedeutung zu füllen – eine Art von Umrüstung vielleicht zu betreiben mit der Sprache? So, wie die Blockierer vor Mutlangen oft selbst Soldatenstiefel und Uniformen trugen – einfach um sie mit neuen Inhalten zu füllen.
      Ich bin im Moment ziemlich traurig.
      Warum macht so ein verträumter, lyrischer, phantasiebegabter, weicher und, ja, kindlicher Mensch wie Ihr Timo Dillner bloß mit diesen Konzepten rum? Warum muß er unbedingt irgendwelche Formeln aufstellen und Manifeste verkünden?
      Nachdem ich mir seine Werke angesehen habe, komme ich zu einer ganz anderen Sichtweise.
      Vielleicht sollten sich wirklich sehr viele Künstler an das bekannte Wort von Gottfried Benn halten, das
      da lautet: “Gestalte, Künstler, rede nicht.”
      Und ich sollte mich dem vermutlich auch anschließen.

    • Rui Tomás sagt:

      Ist geteilte Traurigkeit halbe Traurigkeit? Dann schließe ich mich an: Es wäre für “meinen” Timo Dillner auch aus meiner Sicht besser, seine Kunst einfach zu leben, weniger zu manifestieren und stattdessen einfach zu gestalten. Wahrscheinlich wäre es auch gesünder. Ich bin immer gespannt auf jedes neue Werk von ihm (Ihrer treffenden Charakterisierung kann ich das Adjektiv “humorvoll” hinzufügen) und halte die Zeit für vertan, in der er sich “theoretisch” mit Kunst befasst. Er meint, er könne nicht anders. Sicher hat er seine Gründe, und ich will die Gründe eines Künstlers nicht in Frage stellen. Aber er ist (im Vergleich zu mir) doch noch jung, und wer weiß, wohin sein Weg ihn noch führt.
      In solch einer Stimmung haben wir uns nun irgendwie recht weit vom eigentlichen Thema entfernt. Also nicht weiter in diese Richtung. “Gestalte, Künstler, rede nicht.” Genau.

    • A.S.CRANE sagt:

      DANKE!

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