Legaler Betrug

Die deutschen Lebensversicherer hintergehen ihre Kunden.

Hinweis zum Rubikon-Beitrag: Der nachfolgende Text erschien zuerst im „Rubikon – Magazin für die kritische Masse“, in dessen Beirat unter anderem Daniele Ganser und Rainer Mausfeld aktiv sind. Da die Veröffentlichung unter freier Lizenz (Creative Commons) erfolgte, übernimmt KenFM diesen Text in der Zweitverwertung und weist explizit darauf hin, dass auch der Rubikon auf Spenden angewiesen ist und Unterstützung braucht. Wir brauchen viele alternative Medien!

von Holger Balodis.

Die deutschen Lebensversicherer behandeln ihre Kunden seit Jahren schlecht und machen hierfür die Niedrigzinspolitik verantwortlich. Das sind klassische Fake-News. Die Rubikon-Studie deckt auf:

In Wirklichkeit sind Allianz & Co. höchst profitable Konzerne. Mit einer Umsatzrendite von 20,56 Prozent (im Jahr 2016) zeigen sie sich ungefähr doppelt so erfolgreich wie die Automobilindustrie.

Der Rohüberschuss stieg auf ein Rekordniveau von 22,7 Milliarden Euro (2016). Gleichzeitig gelingt es ihnen, diesen Erfolg vor der Öffentlichkeit zu verschleiern: vor allem indem Gewinne kleingerechnet werden und gewaltige Beträge in Reservepositionen versteckt werden.

So betrug der offiziell ausgewiesene Gewinn der Branche „nur“ rund 1,5 Milliarden Euro.

Dafür stieg die Summe in jenen Finanztöpfen, in die Gelder ausgegliedert werden, ohne dass die Kunden hierauf einen direkten Anspruch haben, auf nahezu unglaubliche 233 Milliarden Euro. Die Folge sind dramatisch sinkende Überschussbeteiligungen für die Kunden.

Über die niedrige Garantieverzinsung hinaus bekommen immer mehr Kunden keinen Cent mehr zugeteilt. Die Versprechungen der Vergangenheit sind nichts mehr wert. Dieser Aderlass liegt nicht an der Niedrigzinsphase. Die Rubikon-Studie zeigt:

Die Gewinnquellen der Lebensversicherer sprudeln weiter ungebremst.

Den dicksten Posten machen dabei Zins- und Kapitalerträge von über 47 Milliarden Euro (2016) aus. Denn die Konzerne haben sich von dem niedrigen Zinsniveau weitgehend abgekoppelt und erzielen seit Jahren eine Netto-Verzinsung ihrer Kapitalanlagen von deutlich über 4 Prozent.

Dazu kommen milliardenschwere Kosten- und Risikogewinne. Diese Gewinnquellen haben den Vorteil, dass die Konzerne die Höhe der Erträge weitgehend selbst steuern können. So setzen die Lebensversicherer laut Rubikon-Studie ihre Verwaltungskosten systematisch um mehr als das Doppelte zu hoch an. So entstehen automatisch Kostengewinne – völlig risikolos.

Die Kunden haben davon wenig: Die garantierte Verzinsung sank für Neuverträge im laufenden Jahr auf den Tiefstwert von 0,16 Prozent. Immer mehr Kunden – vor allem jene, die vor einigen Jahren abgeschlossen haben — bekommen keinerlei Überschussbeteiligung mehr zugeteilt.

Laut Rubikon-Studie liegt das nicht zuletzt daran, dass die Konzerne erfolgreich Strategien entwickelt haben, die von den Kunden eingezahlten Gelder in Finanztöpfe zu stecken, an die Kunden nicht oder kaum herankommen. Es sind dies der Schlussüberschussfonds, die sogenannte „freie RfB“ (Rückstellung für Beitragsrückerstattung), die Zinszusatzreserve und die stillen Reserven.

2016 waren alles in allem 233 Milliarden Euro in diesen Töpfen — Tendenz steigend.

Theoretisch sind diese Gelder für heutige oder spätere Kundengenerationen vorgesehen, doch kein Lebensversicherter hat einen direkten Anspruch auf eine Beteiligung.

Es kann also passieren, dass viele Kunden davon keinen Cent zu sehen bekommen. Erst vor wenigen Tagen entschied der Bundesgerichtshof: Die Konzerne müssen ihre Kunden nicht besser an den Reserven beteiligen (Aktenzeichen IV ZR 201/17). Im schlimmsten Fall gibt es gar nichts.

Die Rubikon-Studie belegt, dass sich seit dem Jahr 1983 wenig geändert hat, als das Landgericht Hamburg (Aktenzeichen 74047/83) den Lebensversicherungen legalen Betrug ins Stammbuch schrieb.


Wer alle Einzelheiten über den legalen Betrug mit Lebensversicherungen lesen will, findet die Studie hier.

Wer als Pressevertreter Kontakt mit dem Verfasser der Studie aufnehmen will, erreicht diesen über den Informationsdienst für Rente und Alterssicherung, Holger Balodis, balodis@vorsorgeluege.de.


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Dieser Beitrag erschien am 30.06.2018 bei Rubikon – Magazin für die kritische Masse.

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12 Kommentare zu: “Legaler Betrug

  1. Vielen Dank an Herrn Holger Balodis für seinen interessanten Artikel und für sein Lebensversicherung-Betrugs-Gutachten auf RUBIKON. Ich möchte das Thema noch ergänzen:
    In meinem früheren Leben war ich „Wiederanlagespezialist“ und „Vermögensspezialist“ bei der Allianz Direktion München und bei der Bayer. Versicherungskammer (Eigentümer rund 38 bayer. Sparkassen). Meine Aufgabe bestand u.a. darin, die ablaufenden Lebensversicherungen zusammen mit den Vertretern in neue Produkte der Gesellschaften (z.B. in Sofortrente) umzuleiten, damit das Geld im Hause bleibt. Wir reden hier von riesigen Summen, welche insgesamt in dieser Branche immer noch jährlich ausgezahlt werden. In meiner Zuständigkeit nur in der Direktion München-Ost waren es 2003 rund 370 Millionen Euro.
    Dabei hat sich herausgestellt, dass Lebensversicherungen mit einem Betrag b i s 45.000 Euro und das ist die breite Masse zu 98 % in den Konsum gehen. Jeder in der Familie weiss ja, dass der Papa oder Opa bald eine Lebensversicherung ausbezahlt bekommt. Das heisst dann für den Betroffenen erstmal Bittsteller abwimmeln oder endlich frisches Geld für einen Dispoausgleich, eine neue Heizung, neues Dach, Auto für den Enkel, neue Küche, neuer Carport, Auto für die Ehefrau, Solaranlage usw. usw. ….. der Betrag schmilzt und schmilzt und wird schon vor der Auszahlung v o l l verplant.
    Nur bei Auszahlungen deutlich über 100.000 Euro, und das waren sehr wenige, konnte ich feststellen, dass noch restliches Geld, irgendwie und irgendwo vom z.B. Patentanwalt, angelegt worden ist. Fakt bleibt aber, dass nach interner Statistik Kapital-Lebensversicherungen damit n i c h t als 3. Säule und schon gar nicht für eine Zusatzrente vom Kunden später verplant werden. Beim Abschluss der Lebensversicherung war die Motivation anders, hier wurde und wird die Zusatzrente verkauft.
    Der Betrug liegt darin, dass der Staat das auch weiss, dass dieses private Standbein nicht funktioniert.
    Der Staat erhält von den meisten ausgezahlten Lebensversicherungen die in den Konsum laufen sofort über seine Mehrwertsteuer wieder Geld in seine klamme Kasse. Bei 50.000 Euro Auszahlungssumme sind das immerhin schlappe 10.000 Euro. Mindestens. Ein toller unbekannter Markt, aber es ist so.
    Und nun googeln sie mal die Auszahlsumme aller Lebensversicherungen in Deutschland , das sind rund 87 Milliarden Euro, und rechnen mal von rund 90 % dieser Summe (78,4 Mia.) nur die Märchensteuer raus. Das sind viele frische Milliarden (15 bis 20 Milliarden). Ja, aber für den Staat und nicht für den Rentner. Der Betrug lohnt sich für beide Seiten, für die Versicherungsbranche wie für den Staat, der bei diesem bisher nicht veröffentlichten Verhalten heimlich Kasse macht. Das ausgezahlte Geld ist für die Versicherungen meistens verloren, dafür hält der Staat ruhig und verbreitet mit ihnen zusammen weiterhin die Lüge vom privaten Standbein. Wiederanlagespezialisten wurden zuerst in der Allianz, dann in der gesamten Versicherungsbranche liquidiert. Sie wurden zu Gunsten der Staats- und Konzernkassen geopfert und abgeschafft.

  2. Ich sage es wieder und wieder. Die kapitalistische Gesellschaftsordnung ist eine Gesellschaft des Verbrechens. Beiträge wie hier auf KenFM und im Rubikon beschreiben lediglich Symptome, geben bestenfalls eine Diagnose. Damit sind wir aber noch meilenweit von einer positiven Veränderung der Gesellschaft, nicht zu reden von einer Heilung, entfernt.

    Legaler Betrug. Ja, aber durch wen? Allianz und Co ist ja ganz nett formuliert. Aber dahinter stehen doch raffgierige Menschen, die für ihren Vorteil alle anderen betrügen. Die müssen ans Licht. Richter am Bundesgerichtshof die Urteile zu Gunsten von Allianz und Co. fällen sind genau solche Betrüger. Was wir brauchen ist eine Schufa der gewissenlosen Betrüger. Sie wäre ein reziprokes Abbild der aktuellen Schuldnerkartei.

    Ein erster, kleiner Schritt wäre es, im täglichen Sprachgebrauch dem kapitlistischen System den Kampf an zu sagen. Arbeitgeber und Arbeitnehmeranteile. Genau: Geben ist seeliger denn nehmen. Also fordere gefälligst keine Lohnerhöhung. Wer erarbeitet aber die sogenannten Arbeitgebenranteile? Wo gehen denn all die Arbeitgeber arbeiten um uns einen Arbeitgeberanteil dazu zu geben? Mit solchem Schwachsinn muss erst mal aufgeräumt werden. Oder: „Konkurrenz belebt das Geschäft“. Was für ein Unsinn. Konkurrenz liquidiert den Nachbarn. Mir macht es sehr viel Spaß Mitmenschen bei jeder Gelegenheit, nett aber bestimmt zu solchen Idiotien zu korrigieren.

    Sobald nun aber immer mehr Menschen wieder anfangen zu denken und nicht einfach nur zu glauben, kommen wir in das nächste, viel größere Dilemma. Was tun mit der Erkenntnis das die Mehrzal der Menschen auf diesem Planeten nur von wenigen gewissenlosen Abzockern gnadenlos abgezogen werden? Wer glaubt man könnte diese Bande zur Aufgabe mit Demonstrationen und Apellen überreden, der irrt gewaltig. Diese Leute werden gegen jeden jede Gewalt einsetzen um Ihre Raubschätze zu behalten. Ihr wollt euch nicht abzocken lassen? Na dann überziehen wir euch mit Krieg, Mord, Vergewaltigung und Raub. Und gegen diese Verbrecher ist die Stasi ein Jungmädchenbund gewesen.

    Es gilt eine kritische Masse denkender, aufrecht gehender Menschen zu erreichen. So viele das sie sie nicht mehr in Ihren Geheimgefängnissen foltern und morden können. Erst dann kann es gelingen diese Bande zu ihrem Gott zu jagen.

    • Mir gefällt Ihre kämpferische Leidenschaft. Ich könnte mich durchaus einigen Ihrer Apelle anschließen.
      Dennoch sehe ich eines der größten Probleme bei der Umsetzung dieser in der Natur des Menschen. Diese enthält einen ziemlich großen Anteil von Trägheit (auch im Denken) und Sicherheitsbedürfnis. Und genau an dieser Schwachstelle wird der Mensch ununterbrochen gepackt und manipuliert und gespalten. Ich sehe es permanent in meinem Bekanntenkreis. Die empatischeren (meistens Frauen) erkennen sehr oft einzelne Missstände und wären prinzipiell auch bereit Dinge zu ändern, weigern sich aber sich mit der ganzen Thematik als Großes auseinander zu setzen („Politik/Wirtschaft/Finanzen interessiert mich nicht“). Die rationalen erkennen nicht mal die Probleme richtig, weil sie viel zu beschäftigt sind, die ihnen aufgetragenen Aufgaben zu erfüllen. Sie sind perfekt beschäftigt und abgelenkt. Zu wenig kritisch, wahnsinnig obrigkeitsgläubig, ängslich ihren kleinen Status zu verlieren (es könnte ja noch schlechter kommen). Wir lassen uns gerne belügen, weil die Wahrheit selber zu finden ja unglaublich anstrengend scheint, ganz zu schweigen davon, danach auch noch etwas zu ändern.
      Ich wüsste beim Besten Willen nicht, wie eine kritische Masse kritisch denkender Menschen erreicht werden könnte. Nicht mit Menschen wie sie heute sind. Wahrscheinlich würde es selbst mit KenFm-Usern nicht gelingen, wenn ich sehe, wie oft hier gegeneinander diskutiert wird, wobei ich denke, dass die User hier, aufgeweckt genug aber auch keineswegs repräsentativ für die Gesellschaft wären.

    • Ich gehe mit Ihnen konform. Shadowrunner sind besser einsam. Mit Familie und einigermaßenem Auskommen sind sie erpressbar. Ich weiß aus eigener Erfahrung was das bedeutet. Aber das bedeuetet ja nicht das man nicht trotzdem daran arbeiten kann. Eine Plattform wird sich finden.

    • Ich kenne keinen Fall wo jemand erpresst wurde eine Kapitale Lebensversicherung, eine private Rente oder eine andere Versicherung abzuschließen.
      Das passiert aus Unwissenheit, Angstmache, Werbung und Propaganda über die Medien.
      Dazu kommt noch „Rudel-bildung“ –> wenn alle das haben – brauch ich das auch.

      Was tun mit der Erkenntnis das die Mehrzal der Menschen auf diesem Planeten nur von wenigen gewissenlosen Abzockern gnadenlos abgezogen werden?

      Na was wohl – Aufklären und bei jedem , der Dir (uneigennützig) Vorteile verspricht oder was verkaufen will – aufpassen und wegtreten lassen. Gegebenenfalls Anzeigen.

    • Naja, lieber schwarz ist weiß. Wenn

      1. das Rentenniveau massiv gesenkt (etwa von 58% auf 43%) wird, mit dem Hinweis ich müsste privat vorsorgen,
      2. weiter aber alles getan wird um einzelnen Berufsgruppen Vorteile zu erhalten bzw. aus zu bauen,
      3. z.Bsp. mit Mietpreisbremse und Klimasanierungen alles getan wird um Mieten explosionsartig nach oben zu treiben,
      4. sogenannte staaltliche Zuschüße ins leere laufen, weil sie auf die Grundsicherung angerechnet werden,

      dann würde ich das schon eine handfeste Nötigung oder Erpressung, zugunsten der Versicherungskonzerne nennen.

      Es gäbe da auch noch weitere Punkte auf zu zählen. Zu allen gibt es hier bei KenFM interessante und umfangreiche Beiträge. Und zu dem Thema wie verkaufe ich Versicherungen, kann ich Ihnen ja mal empfehlen, an einer Verkaufsschulung bei einem Versicherungsunternehmen teil zu nehmen. Angst machen gehört da zum Grundrepertoire.

    • Da haben Sie recht.
      An einem Seminar, wie man Versicherungen erfolgreich verkauft, habe ich nicht so großes Interesse.
      Is schon klar, dass da mit Angst gearbeitet wird. Aber auch Gier oder Verzweiflung sind keine guten Ratgeber.
      Interessanter wäre ein Seminar „Wie gehe ich unnötigen Versicherungen & schlechten Rentenversicherungen aus dem Wege“.
      Man kann sich ja alles anhören und sich ein Angebot machen lassen.
      Danach muss ich mich aber auch Schlau machen und nach der gründlicher Prüfung entscheiden, ob das für mich das Richtige ist.
      Danach sollte mann nur das unterschreiben , wenn man es auch versteht.
      Aber ganz vor Pleiten ist man auch dann nicht gefeit, wie die Sache ja mit der Kapitalbildenden Lebensversicherung anschaulich zeigt.
      Ich habe keine Lebensversicherung und ich weis auch nicht was da im Kleingedruckten steht.

  3. Ja, Gähn. Und wie anders machen? Hier ein neues Töpfchen, dort ein Vorstand abgesägt… und die Schose bleibt die gleiche, nur die Gesichter ändern sich. Was ist die Lösung, dieser, die ganze Gesellschaft durchziehender Probleme?

    • Der erste Schritt wäre KEINE „Kapitalbildende Lebensversicherung“ abzuschließen.
      Wenn man Eine hat, sie „ruhen“ zu lassen, weil eine Kündigung meist noch mehr Verlust bedeutet.
      Wenn man sich gegen den Tod finanziell absichern will, weil man einen hohen Kredit am laufen hat, nur eine Risiko-Lebensversicherung machen.
      Die hat relativ niedrige Beiträge und kann die Familie im Todesfall absichern.

    • Das alles ist sicher nur Schadenbegrenzung.
      Die Kapitalbildende Lebensversicherung wie die private Rente + private Betriebsrente mästen nur die Versicherungswirtschaft und die Banken.
      Die müssen wir nicht noch unterstützen.

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