Machtapparat Staat

Die meisten Menschen setzen »den Staat« mit der in ihm lebenden Gesellschaft gleich. Das ist ein Trugschluss.

Von Susan Bonath.

Die Vorstellung ist weit verbreitet: »Der Staat«, das seien »wir alle«. Da irgendwer den Hut aufhaben müsse, wählen wir einfach ein Parlament. Dies beschließt sodann Gesetze, die allen dienen sollen und setzt diese dann mithilfe ihrer Exekutive durch. Es wird uns suggeriert: Mische dich ein in die Politik, gestalte mit. Dann klappe es auch mit der Demokratie.  Das reicht bis hin zu Beschimpfungen von Nichtwählern.

Verklärung als »Gemeinwesen«

Rechte Parteien und Gruppierungen, einschließlich CDU, CSU und AfD, definieren den bürgerlichen Staat in der Regel als ethnisches Konstrukt: Eine bestimmte, an äußeren Merkmalen erkennbare Gruppe lebe in einem national begrenzten Gebiet innerhalb des jeweiligen Gesetzesrahmens.

Während konservative Rechte rundum den autoritäre Apparat bevorzugen – jedenfalls plädieren sie dafür – betonen neoliberal ausgerichtete gern angebliche Vorzüge des »schlanken Staates«: Regularien seien abzubauen, freilich vor allem solche, welche die Wirtschaft im Zaum halten. Dies schaffe, so die Mär, am Ende Arbeitsplätze. Zugleich plädieren sie für eine harte Hand gegen Lohnabhängige, Arbeitsunfähige und Erwerbslose, sowie für die Aufrüstung von Polizei und Militär, um »Sicherheit zu gewährleisten«. Sie verlangen einerseits die volle Freiheit für die Eigentümer von Wirtschafts- und Finanzkapital. Andererseits wollen sie Besitzlose stärker knechten und reglementieren. Kurz: Weniger Staat für Reiche, mehr für Arme.

Die reformistische Linke indes bevorzugt einen staatlichen Gesetzesrahmen für alle, die innerhalb der jeweiligen Nation leben. Gern verklärt sie »Vater Staat« als Verfechter der und Wächter über die Demokratie, Beschaffer von Arbeitsplätzen in Behörden und Verwaltungsapparaten sowie als Verwalter »öffentlichen« Eigentums. So fordern die Reformer etwa mehr Polizei für »unsere« Sicherheit. Ähnlich wie die Rechten trommeln sie zur Wahl als »bürgerliches Mitgestaltungsinstrument« des staatlichen »Gemeinwesens«.

Materielle Zwänge durch private Aneignung

Wer schon mal in einem Kommunalparlament aktiv war, weiß indes, dass materielle Zwänge dem Spielraum für Entscheidungen engste Grenzen setzen. Kaum anders sieht es in den Landtagen und im Bundestag aus: Kein Geld für Bildung, Schulsanierungen, Jugendclubs, Sozialarbeit, höhere Renten, öffentliche Jobs.

Doch wo liegt das Geld, wenn nicht im Staatshaushalt? Für Deutschland gilt: Bei den Quandts, den Reimanns, den Schaefflers, den Albrechts – kurz: Bei superreichen Unternehmern. Allein die neun reichsten Familien verfügen laut jüngster Schätzung des »Manager-Magazin« über rund 700 Milliarden Euro Kapital – das ist knapp ein Viertel des gesamten bundesdeutschen Bruttosozialproduktes im vergangenen Jahr.

»Unser« Staat ist mitnichten darauf erpicht, mit Geld der Superreichen seine klammen Kassen aufzufüllen. Im Gegenteil: Die Vermögenssteuer wurde abgeschafft. Auch beim Vererben können sich schwerreiche Unternehmer selbst nach der jüngsten Neufassung des Gesetzes auf jede Menge Schlupflöcher verlassen. Spekulanten haben freie Hand, der Spitzensteuersatz ist so niedrig wie nie in den vergangenen 70 Jahren.

Mithin: Der Staat sorgt dafür, dass die Kapitalvermögen dort bleiben wo sie sind: In den Händen der privaten Eigner, der Profitierenden. Er sorgt dafür, dass Lohnarbeiter und Kleinunternehmer, von steigenden Abgaben und Steuern gebeutelt, kaum die geringste Chance haben, ihrer Abhängigkeit vom Erwerbseinkommen zu entrinnen, heißt: so viel Kapital anzuhäufen, um von den Profiten, die selbiges abwirft, leben zu können.

Besitz- und Ausbeutungsverhältnisse verrechtlicht

Der Staat als bürokratisch-rechtliches Konstrukt sind also nicht »wir alle«. Er  hat und hatte seit Anbeginn seiner Entstehung nur eine Aufgabe: Die Widersprüche zwischen abhängigen Besitzlosen und profitierenden Inbesitznehmern im Sinne letzterer zu regulieren, kurz: Ausbeutungsverhältnisse in einen Gesetzesrahmen zu pressen. Keineswegs wirkte am Entstehen und Ausbau irgendeines Staates die unterdrückte Klasse mit.

Hier ist zu fragen: Wer besitzt was und warum? Die allermeisten Milliardenvermögen haben nichts mit dem Märchen »vom Tellerwäscher zum Millionär“ zu tun. Viele Reichtümer befinden sich seit Jahrhunderten im Besitz einzelner Familienclans. Frühere Landadelsdynastien haben ihre Imperien nunmehr der kapitalistischen Wirtschaft angepasst. Die Nachfolgegenerationen von einstigen Großgrundbesitzern verfügen heute häufig über beachtliches Industriekapital. Das hat einen Grund: Kraft staatlicher Gesetze wird Vermögen vererbt. Es bleibt in der privilegierten Familie.

Um es klar zu stellen: Es geht nicht um das Einfamilienhäuschen oder den Mittelklassewagen. Es geht um den Besitz von Produktionsmitteln, wie Grund, Boden, Rohstoffe, Ressourcen, Fabriken, Maschinen, Banken – um Wirtschaftsgüter, mit denen mit Hilfe und zu Lasten abhängiger Lohnarbeiter Profit erwirtschaftet wird.

Komplexes System führt zu Fehlschlüssen

Der Staat im arbeitsteiligen, industrialisierten und sich fortwährend technisch weiterentwickelnden Kapitalismus ist ein entsprechend komplexes Apparatesystem, das in gesellschaftliche Prozesse weitreichend eingreift. Damit wird der Staat laufend nicht nur veränderlichen ökonomischen Bedingungen, sondern vor allem den für die Ausbeutung notwendigen Machtverhältnissen angepasst.

Viele kritisieren zwar zu recht, dass Gesetze und Rechtsnormen zumeist von einflussreichen Verbänden des Industrie- und Finanzkapitals nach deren Interessenlagen geschmiedet und vom Parlament lediglich abgesegnet werden, und dass diese Normen nicht ihren Interessen dienen. Dennoch führen Komplexität und Propaganda zu weit verbreiteten Fehlannahmen. Hier nur eine kleine Auswahl:

Die bürgerliche Demokratie sorge auch für »Wohltaten« für Erwerbsabhängige, wie Mindestlohn, Sozialleistungen, Rente oder Krankenversicherung.

Auch wenn »Wohltat« wohl kaum das richtige Wort für derlei Minizugeständnisse ist: Im Prinzip ist das richtig. Allerdings würden die Ausbeutungs- und Abhängigkeitsverhältnisse nicht ohne minimale Zugeständnisse funktionieren. Dann nämlich wäre ein Aufstand vorprogrammiert, der wiederum das Erwirtschaften von Profiten auf Kosten der Lohnabhängigen gefährden würde.

Im Kapitalismus lassen sich die Profiteure somit aus eigenem Interesse auf Zugeständnisse ein, dies allerdings gerade soweit, wie es ihren Interessen dient. Heißt: Sozialleistungen oder Urlaub für Beschäftigte dienen einzig dazu, um Aufstände zu verhindern und die Produktivität durch Lohnarbeit zu erhalten.

Die Polizei als Exekutive schütze auch arme Bürger vor Raub, Mord und Totschlag.

Die meisten Verbrechen haben ihren Ursprung in der massiven Ungleichverteilung von Besitz und Rechten: Sie entspringen dem systemisch bedingten Verteilungskampf. Darunter fallen nicht nur Diebstahl, Raub, Raubmord oder Hehlerei, sondern auch ethnische oder sozialdarwinistische Diskriminierung, die sich in Ausgrenzung, Unterdrückung, Abwehr von gefühlter oder tatsächlicher Ausgrenzung/Unterdrückung oder Gewalt gegen Konkurrenten im Verteilungskampf auf jeder Ebene widerspiegelt.

Das Perfide: Das System produziert zunächst Verwerfungen. Deren Auswirkungen soll schließlich eine lohnmäßig privilegierte Exekutive minimieren. Subjektiv betrachtet, dient dies natürlich der Sicherheit aller. Objektiv und im Großen gesehen, hat jedoch der Polizeiapparat die Aufgabe, genau die systemisch produzierten Verhältnisse im Sinne der Herrschenden zu erhalten und zu gestalten.

Schließlich würde es den Interessen der Kapitalisten entgegenlaufen, wenn soziale Verwerfungen zu Protest führten. Das ist selbst vielen Polizisten nicht klar. Deshalb muss zwischen ihnen als privaten Individuen mit Familie und Bedürfnissen sowie ihrem Agieren innerhalb des Staatsapparats unterschieden werden.

Jeder könne sich zur Wahl stellen oder mindestens wählen gehen. Das zeichne Demokratie aus.

Noch einmal: Kommunalparlamente und Ortsbürgermeister können schon aus finanziellen Sachzwängen, salopp gesagt, kaum über mehr als die Farbe ihrer Parkbänke entscheiden. Um über Parteien für höhere, gut dotierte Posten kandidieren zu können oder sich für tragende Staatsämter zu bewerben, bedarf es schon einiger Anpassung, am besten zusammen mit Statusprivilegien: Beziehungen ins gehobene Bürgertum, mindestens eine familiäre Absicherung, die gegebenenfalls jahrelange unbezahlte Parteiarbeit und teure Wahlkämpfe erst möglich macht. Kurz: In gehobene Staatsämter und politische Positionen gelangen zumeist ohnehin nur Personen, die nicht der lohnabhängigen Schicht entspringen.

Zudem stelle man sich vor, eine Partei, deren Ziel es ist, die Besitzverhältnisse zu ändern, also den Kapitalismus zu beseitigen, käme im Bundestag ans Ruder. Es ist kaum vorstellbar, dass diese nicht nach ihrer ersten dahin ausgerichteten Amtshandlung mindestens mittels massiver Negativpropaganda und darauf folgenden »Neuwahlen« weggeputscht werden würde. Griechenland zeigt es: Die Besitzenden regieren, keineswegs Alexis Tsipras. Solange der Staat ein Organ ersterer ist, kann er nichts verteilen, worüber er nicht verfügt. Er kann mithin nur ausführen, was die Besitzenden vorgeben.

Verschleierte Verhältnisse und individuelle Interessen

Dass die Inbesitznehmer der Produktionsmittel auch nur geringste Teile ihrer Vermögen freiwillig in gesellschaftliche Verwaltung herausgeben, ist natürlich nicht zu erwarten. Ebenso utopisch ist es, vom Staatsapparat eine solche Umverteilung zu erhoffen.

Dass die Überlegungen Abgehängter und selbst linker Parteien dennoch kaum weiter reichen, als durch Druck soziale Zugeständnisse vom Akteur Staat abringen zu wollen, dass also kaum jemand die Besitzverhältnisse als Knackpunkt wahrnimmt, liegt an mehreren Konstellationen:

Erstens sind sich die im politischen und bürokratischen Apparat agierenden Individuen in der Regel nicht der Gesamtsituation bewusst. Zugleich haben sie selbst kein Interesse dran, ihre Privilegien aufzugeben. Oftmals stammen sie aus ohnehin gutbürgerlichen Schichten ohne jeden Bezug zu unterprivilegierten Erwerbstätigen. Das Individuum setzt bekanntlich zuallererst seine ganz persönlichen Bedürfnisse durch – hier mittels Anpassung, um den Status zu erhalten und aufzupolieren.

Zweitens sind die im Laufe der Zeit erlassenen Gesetze und Rechtsnormen inzwischen so exorbitant umfangreich und zersplittet, dass die meisten keine grundlegenden Zusammenhänge mit den Interessen einzelner Gruppen, geschweige denn, mit Gesamtwirkmechanismen des Systems, erkennen können. Selbst Juristen verlieren dabei schon mal den Durchblick.

Drittens sind die Privilegien auch innerhalb der lohnabhängigen Klasse so unterschiedlich verteilt, dass sich der relativ gut bezahlte Erwerbstätige seiner Unterdrückung, also dem Fakt, dass der Unternehmer Profit von seiner Arbeitsleistung abschöpft, gar nicht erst bewusst wird. Die Gewerkschaften übernehmen häufig die Rolle von Vermittlern zwischen Kapitalisten und Lohnarbeitern. Sie versuchen lediglich, ersteren minimale Zugeständnisse für die Arbeiter abzuringen, stellen aber den Widerspruch zwischen abhängiger Lohnarbeit und Profiten durch Kapitalbesitz gar nicht zur Debatte. Darüber hinaus sind meist die besonders unterprivilegierten Beschäftigten, etwa Leiharbeiter, kaum organisiert und werden somit nicht oder kaum von den Gewerkschaften unterstützt. Das mündet in einem Kampf in den Schichten der Abhängigen um Privilegien, der wiederum tatsächliche Verhältnisse verschleiert und aufgrund spezieller individueller Interessenlagen, die scheinbar einander widersprechen, zur Entsolidarisierung führt.

Viertens wird die Politik im Staat von vielen als Alleinakteur wahrgenommen. Tatsächlich ist diese jedoch nur ausführendes Organ innerhalb der vom Finanzkapital vorgegebenen ökonomischen Bedingungen. Diese Fehlinterpretation führt zur trügerischen Annahme auch unterprivilegierter Schichten, die Politik durch Aufforderungen oder Mitwirken in kommunalen Gremien oder Parteien zum Umdenken bewegen zu können. Und wie gesagt: Da die politischen Akteure meist selbst gutbürgerlichen Schichten entspringen, die seit jeher an ihrem Aufstieg durch Anbiederung an das Finanzkapital arbeiten, handeln sie, indem sie Sozialabbau betreiben, die Rechte einfacher Arbeiter beschneiden, Renten kürzen oder andersherum die Besitzenden immer weiter privilegieren, durchaus in ihrem individuellen Interesse.

Fünftens ist sich die Mehrheit nicht des Unterschiedes zwischen persönlichem Besitz und Kapitalvermögen, mit dem Profit zu Lasten abhängig Beschäftigter erwirtschaftet wird, bewusst. Spricht also jemand von Enteignung, folgt reflexartig der Angstschrei um das unter Entbehrungen angesparte selbstbewohnte Häuschen oder das Familienauto. Das Vermögen des Immobilienhais, der 100.000 Wohnungen gewinnbringend vermietet, oder das Kapital der Rüstungsschmiede, die profitbringend Waffen produzieren lässt und exportiert, wird in der Vorstellung – drastisch ausgedrückt – gleichgesetzt mit der eigenen Wohnungseinrichtung.

Das alles führt dazu, dass Lohnabhängige unbewusst die Kapitalisten als ihre »Arbeitgeber« verteidigen, sich sogar mit ihnen solidarisieren, nach dem Motto: Geht es dem Unternehmen gut, fällt mehr für mich ab. Zugleich wird der Staatsapparat als Gemeinwohlorganisation verklärt. Auf der anderen Seite klammert der Verwaltungsapparat an eigenen Privilegien. Generell hatte die sogenannte Mittelschicht schon immer das Bestreben, durch Anpassung nach oben zu kommen. Dass sie in der Regel gerade mal zwölf Monate vom Harzt-IV-Empfänger entfernt sind – entlassen werden kann fast jeder – verdrängen ihre Protagonisten gerne. Die Klassenunterschiede sind im Nebel individueller Interessen so verschwommen wie nie. Die Elite propagiert sie weg. Doch das Märchen vom Tellerwäscher zum Millionär ist so falsch, wie es alt ist. Gleichwohl verhindert es den Klassenkampf von unten.

Danke an die Autorin für das Recht zur Veröffentlichung des Artikels.

KenFM bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Meinungsartikel und Gastbeiträge müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

27 Kommentare zu: “Machtapparat Staat

  1. Einen Gedankengang in dem Artikel finde ich fehlerhaft: Dass die herrschende Klasse sich kleine Zugeständnisse abringen lässt, um die Unzufriedenheit der Masse gerade mal so unter dem Aufstandslevel zu halten.
    Dieser Gedanke könnte zu dem falschen Schluß führen, dass man nur die Unterdrücker beseitigen müsste und dabei auch Zustimmung im Volk finden könnte. Ich denke dies ist falsch: Dieser Staat beruht auf der freiwilligen Zustimmung seiner Staatsbürger, auch wenn es ständige Unzufriedenheit mit der jeweiligen materiellen Situation gibt. Denn die meisten haben Lohnarbeit als Mittel ihrer Existenz akzeptiert und sehen den Staat dann auch als Garanten dieses Lebensmittels (wie man an ein paar Kommentaren hier auch schön sehen kann).
    Die als Mißverhältnis der materiellen Existenzbedingung wahrgenommene Fehlerhaftigkeit dieses Urteils (denn Lohn ist nie und nimmer für den Zweck des Lebensunterhalts gedacht – wie auch mal explizit von Herrn Sinn geäußert) mündet in ständige Nörgelei, die sich dann als sogenannte „konstruktive“ Kritik an den Herrschenden kanalisiert. Diese Nörgelei wird als Inanspruchnahme der Meinungsfreiheit auch als Kritik geäußert und wird durch ebendiese Meinungsfreiheit auch zur bedeutungslosen Meinungsäußerung.
    Die offensichtliche Nutzlosigkeit dieser Kritik kann dann neben einem Übergang in die Resignation ala „Die da oben machen was sie wollen“ auch den Übergang zum enttäuschten Nationalisten auslösen: Der Staat tut nicht was er soll, die Unterstützung gebührt doch erstmal uns seinem Volk und nicht denen…, Verrat am Volk, etc. …

    • @ Th. Grill,
      Vielleicht sind wir Kapitalisten, die den Mehrwert einstreichen? Aber mal im Ernst, wer den Staat wie die Anarchisten generell als Unterdrückungsapparat auffasst, dem mangelt es wirklich am Wissen der Geschichte. Die athische Polis war die Befreiung vom Monarchen, die römische Republik ebenfalls. Der Staat war folglich zuerst eine Befreiung für größere Teile der Bevölkerung aus der personalen Herrschaft. Die Ambivalenz von Freiheit trifft auch auf den Nationalismus zu, siehe z.B. die von der deutschen Linke unterstützten PKK. Heute rückt die YPG auf nichtkurdischem Gebiet vor, vertreibt Araber aus Rache wie aus der Ethnisierung und arrondieren ihr Gebiet.

      Es ist das Ressentiment, Nörgerlei ist zu wenig. Das beste Beispiel ist Nuevo1 und Herr Gerber, die mich in die Nähe von Faschisten und Nazis bringen:
      „Ihr habt keine Ahnung wie mir das aus der Seele spricht! Jeden Tag erlebe ich diese Scheiße auf der Arbeit und Morgen geht es wieder los! Wie die gehirngewaschenen Zombies einen schief ansehen, wenn man dem Chef den Hof macht, vornehm ausgedrückt. Genau – weil sie wie Fritz von a) bis z) dazu erzogen wurden, dass die fleißigen Unternehmer ja die „ArbeitGEBER“ sind und der Staat ja die „ORDNUNG“ herstellt.
      Genau. Der Weihnachtsmann bringt die Geschenke, der Storch die Kinder und der Osterhase diese ekligen Geleesüßigkeiten, die keiner mag.“
      Er überhöht sich, stellt ein falsches Zeugnis über meine Erziehung aus und nimmt mich als Beispiel für Hunderttausende, wenn nicht die Mehrheit. Er ist der Durchblicker, er hat die Fäden erkannt. Aber er kann seinem Chef am Ende des Tages nicht die Meinung geigen, er stopft es sich rein, und sein Ekelgefühl steigt und steigt. Er hat einen tiefen Hass, den er aber wie ein Stotterer nicht artikulieren kann. Warum er nicht eine Kolchose aufmacht oder ein Kibuz bzw. in eine Kommunarde einzieht, ist seine Sache.

    • „Der Staat war folglich zuerst eine Befreiung für größere Teile der Bevölkerung aus der personalen Herrschaft.“
      Aber nur sehr kurz. Sobald der Staatsapparat aufgebaut war, diente er der Unterdrückung.

    • Zur Klarstellung: Mein Kommentar ist kein Loblied auf den Staat aber schon eine Kritik an den „nörgelnden“ Staatsbürgern. Mein Standpunkt geht mit folgendem Zitat überein:
      Nation ist eine ebenso elementare wie wirkmächtige Ideologie vor allem bürgerlicher Staaten,
      mit der eine Einheit von Staat und Volk behauptet wird. Das tatsächliche Herrschaftsverhältnis – der Staat unterwirft seine Gesellschaft per Gewalt, verpflichtet sie auf die Geltung des Eigentums und richtet sie damit als Klassengesellschaft ein –, wird umgedeutet in eine vor-staatlich begründete Gemeinschaftlichkeit, der die bürgerliche
      Staatsgewalt dient und der sie durch Gründung des nationalen Staats Ausdruck verleiht
      (siehe http://renatedillmann.de/app/download/5804414053/Nation.pdf)

    • Klassenkampf…..welcher Klassenkampf? Außer den Geld- und Machteliten gibt es kein Klassen mehr. Ichbezogene Egomanen im K(r)ampf „Jeder gegen jeden“ sind vernachlässigbar genauso wie der „solidarische Rest“, der ist einfach zu klein und vergeht sich in Details.

      Warren Buffett ist mit ca. 50 Milliarden Dollar einer der Top-5 Besitzer auf der Welt. Einer der größten Oligarchen. Auf die Frage, was er für den zentralen Konflikt unserer Zeit hält, hat er gesagt:

      „Der Klassenkampf natürlich, Reich gegen Arm, und meine Klasse, die Reichen, die gewinnen gerade.“

      Genau so ist es, aber ob nach einem neuen großen Krieg die Karten tatsächlich neu gemischt werden können ist die viel entscheidendere Frage. Denn höchstwahrscheinlich gibt es dann Niemanden mehr egal in welcher Klasse, der Mischen und Verteilen kann und nur darin liegt für mich die Hoffnung…ansonsten…Game over homo ökonomikus oder wie sie sich alle nennen.

    • @ Mi. Schmidt
      Trügerische Hoffnung. Bis jetzt haben alle Kriege die meisten Opfer auf Seite der ärmeren Bevölkerung verursacht. Ist auch nicht überraschend, denn wer mehr Privilegien hat, der hat es leichter.

    • „Bis jetzt haben alle Kriege die meisten Opfer auf Seite der ärmeren Bevölkerung verursacht.“
      Das ist richtig und hat auch mit deren Privilegien zu tun .
      U. von der Leyen hatte nach der Frage, ob eins ihrer Kinder auch in der Bundeswehr ist ….
      https://www.youtube.com/watch?v=A9SF5o8MYUg
      Die Reichen lassen die Armen für sich kämpfen.
      Es gibt eben auch mehr arme als reiche Menschen.
      Da ist das zwangsläufig so.

    • Ich HOFFE einfach nur , daß es NICHT zu einem neuen GROßEN KRIEG kommt …nicht mehr und nicht weniger. Ob das trügerisch ist oder unkohernt argumentiert ist dabei völlig egal und das macht mir reale Bauchschmerzen.
      Da hat doch keiner der Verantwortlichen mehr einen Überblick und man ist auf Krawall gebürstet.
      Nichts anderes wird im Mainstream kommuniziert ..KRIEG IST GEIL!
      Die Generation „Wandel durch Annäherung“ ist ausgestorben und die Geschichte scheint sich zu wiederholen…dann aber ohne RESET wie nach 1945.

  2. „Rechte Parteien und Gruppierungen, einschließlich CDU, CSU und AfD, definieren den bürgerlichen Staat in der Regel als ethnisches Konstrukt: Eine bestimmte, an äußeren Merkmalen erkennbare Gruppe lebe in einem national begrenzten Gebiet innerhalb des jeweiligen Gesetzesrahmens.“

    Und sie beharren auf dem Kern faschistischer Unternehmerdiktatur, der Ideologie der Sozialpartnerschaft. Das liest sich so:

    „Ein Artikel und eine Kapitulation. Es wird von Klassen gesprochen, obgleich sie bereits seit 1933 nicht mehr in Deutschland existieren. Die Nazis waren nicht nur Kommunistenjäger, sondern eliminierten den Klassengegensatz durch die Integration in die Ethnie (in der deutschen Sprache ein beliebtes Fremdwort für Rasse), den Volkskörper. Durch die soziale Marktwirtschaft in Westeuropa, nicht nur im Nachfolgestaat des Dritten Reiches, sondern ebenfalls in der Schweiz, Frankreich, Dänemark etc. wurde der Klassenbegriff obsolet. Bereits die 68er sind daran gescheitert, obgleich sie in Betrieben gingen, um „das Bewusstsein“ zu schaffen. Danach konnte Bourdieu nur noch auf die Idee kommen, dass es sich um eine Masche der Intelligenzija handelt. Der Kommunismus ist eine romantische Idee, er nahm die Geschichte als Legitimation und sie sprach 1990 ihr Urteil. Wer heute den Kommunismus bedient, der irrt.“

    „Ausbeutungsverhältnisse in einen Gesetzesrahmen zu pressen. Keineswegs wirkte am Entstehen und Ausbau irgendeines Staates die unterdrückte Klasse mit.“

    Exakt.

    „Um es klar zu stellen: Es geht nicht um das Einfamilienhäuschen oder den Mittelklassewagen. Es geht um den Besitz von Produktionsmitteln, wie Grund, Boden, Rohstoffe, Ressourcen, Fabriken, Maschinen, Banken – um Wirtschaftsgüter, mit denen mit Hilfe und zu Lasten abhängiger Lohnarbeiter Profit erwirtschaftet wird.“

    Genau. Aber das in diesem Abschnitt beschriebene Kleinbürgertum lässt sich gerne dazu aufstacheln, nach unten zu treten und nach oben zu buckeln, so wie die den Faschismus tragenden Kleinbürger des dritten Reiches. Verarmte Bürger und aufgestiegene Arbeiter sind die schlimmsten Folterknechte gewesen, weil sie wirtschaftliche Existenzangst hatten, die sie erpressbar gemacht hat. Natürlich zählten noch andere Faktoren hinzu – zum Beispiel die kasernenhafte Erziehung, der Kadavergehorsam und die Entmenschlichung breiter Schichten durch die Ereignisse des Ersten Weltkrieges usw.

    „Die Gewerkschaften übernehmen häufig die Rolle von Vermittlern zwischen Kapitalisten und Lohnarbeitern. “

    Das ist wichtig. Die Gewerkschaften waren immer von zweierlei Natur:
    revolutionäre Gewerkschaften und solche, die die Klassenunterschiede zementieren wollten.
    Die ersteren, auch syndikalistische Gewerkschaften genannt, waren reine Klassenorganisationen der Arbeiter und haben einiges erreicht, bis sie durch die Ereignisse des Ersten Weltkrieges ausgebremst wurden. Nachdem der Erste Weltkrieg vorbei formierten sie sich neu und hatten große Erfolge während der frühen Phase des Spanischen Krieges. Dort stellten sie die Arbeitermacht, die die Spanische Revolution entfachte und in ihr bspw. Betriebe sozialisierte, die Millionen Mitglieder hatten. Das wurde dann vom internationalen Faschismus zerschlagen, ich denke der letzten Zuflucht einer zutiefst vor den Errungenschaften der Arbeiter verängstigten, internationalen Unternehmerklasse für die der Faschismus das Werkzeug war, die Errungenschaften der Arbeiterklasse zu dieser Zeit international zu zerschlagen. Auch die Ereignisse in Russland zählten dazu, die sich aber selbst erledigten, durch das Ersticken der Revolution im Blut bolschewistischer Machtergreifung.
    Aber zurück zu den Gewerkschaften: Die Helfer des Staates sind immer die klassenkompromisslerischen Gewerkschaften. Sie arbeiten gegen die Arbeiter. Sie ersticken Arbeitskämpfe und Arbeitskampfmethoden in Bürokratie und ersticken das Klassenbewusstsein in der Ideologie der „Sozialpartnerschaft“ zwischen den Reichen und den Armen, die gar nicht existieren kann, denn sonst würden sich ja die Klassen freiwillig aufheben… Der gesamte DGB gehört zu diesem Geschwür der Herrschenden und soll den Klassenkampf von Oben führen, in dem er eine „Arbeiterorganisation“ stellt, die rein nach den Interessen der Herrschenden über Funktionäre und Bonzen steuerbar ist und sich von vorneherein in den Gesetzen bewegt, die der Zementierung der Besitzverhältnisse dienen, die die Autorin weiter oben beschrieben hat.

    „Fünftens ist sich die Mehrheit nicht des Unterschiedes zwischen persönlichem Besitz und Kapitalvermögen, mit dem Profit zu Lasten abhängig Beschäftigter erwirtschaftet wird, bewusst. Spricht also jemand von Enteignung, folgt reflexartig der Angstschrei um das unter Entbehrungen angesparte selbstbewohnte Häuschen oder das Familienauto. Das Vermögen des Immobilienhais, der 100.000 Wohnungen gewinnbringend vermietet, oder das Kapital der Rüstungsschmiede, die profitbringend Waffen produzieren lässt und exportiert, wird in der Vorstellung – drastisch ausgedrückt – gleichgesetzt mit der eigenen Wohnungseinrichtung.

    Das alles führt dazu, dass Lohnabhängige unbewusst die Kapitalisten als ihre »Arbeitgeber« verteidigen, sich sogar mit ihnen solidarisieren, nach dem Motto: Geht es dem Unternehmen gut, fällt mehr für mich ab.“

    Heißt: Sozialpartnerschaft statt Klassenkampf

    „Zugleich wird der Staatsapparat als Gemeinwohlorganisation verklärt. Auf der anderen Seite klammert der Verwaltungsapparat an eigenen Privilegien. Generell hatte die sogenannte Mittelschicht schon immer das Bestreben, durch Anpassung nach oben zu kommen. Dass sie in der Regel gerade mal zwölf Monate vom Harzt-IV-Empfänger entfernt sind – entlassen werden kann fast jeder – verdrängen ihre Protagonisten gerne. Die Klassenunterschiede sind im Nebel individueller Interessen so verschwommen wie nie.“

    Genau. Heute sind die Menschen sich ihrer Unterdrückung durch den, ihren Lohn abschöpfenden Ausbeuter, auch „Chef“ oder „Arbeitgeber“ genannt nicht bewusst.

    „Die Elite propagiert sie weg. Doch das Märchen vom Tellerwäscher zum Millionär ist so falsch, wie es alt ist. Gleichwohl verhindert es den Klassenkampf von unten.“

    Wow, wow, wow! Geilster Text. Schön klar und knapp. Ich wünschte ich könnte so schreiben!
    Ihr habt keine Ahnung wie mir das aus der Seele spricht! Jeden Tag erlebe ich diese Scheiße auf der Arbeit und Morgen geht es wieder los! Wie die gehirngewaschenen Zombies einen schief ansehen, wenn man dem Chef den Hof macht, vornehm ausgedrückt. Genau – weil sie wie Fritz von a) bis z) dazu erzogen wurden, dass die fleißigen Unternehmer ja die „ArbeitGEBER“ sind und der Staat ja die „ORDNUNG“ herstellt.
    Genau. Der Weihnachtsmann bringt die Geschenke, der Storch die Kinder und der Osterhase diese ekligen Geleesüßigkeiten, die keiner mag.

    Das beste Buch zum Thema Staat als Parasit der Gesellschaft, geboren aus den Kirchengebilden der Vergangenheit, finde ich ist immernoch: Rudolf Rocker’s „Nationalismus und Kultur“
    Klassenbewusste Geschichtsschreibung, wenn auch leider marxistisch beeinflusst, lieferte Bernt Engelmann in „Wir Untertanen“ und „Einig gegen Recht und Freiheit“. Aber auch zu Kontinuitäten der reichen Familienhäuser schrieb er gute Sachen.
    Zu den syndikalistischen Gewerkschaften und ihrer Geschichte ist sehr gut:
    Eugen Naef „Zur Geschichte des französischen Syndikalismus“ Europa Verlag (Für Frankreich)
    Helge Döhring „Anarchosyndikalismus in Deutschland 1933 – 1945“ Schmetterlingsverlag (Für Deutschland)
    Abel Paz „Durruti – Leben und Tod des spanischen Anarchisten“ Nautilus Verlag (Für Spanien)
    Augustin Souchy „Nacht über Spanien“ und Rudolf Rocker „Die spanische Tragödie“ (Für Spanien.)

    Ja und um dann noch die Frage hier zu beantworten:

    „Und was ergibt sich nun daraus? Was tun?“

    Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat und dem Eigentum an Produktionsmitteln. Also der Herrschaft und der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen.
    Das muss durch Organisationen der Arbeiterklasse selbst geschehen, keinen Parteien, sondern wirtschaftlichen Kampforganisationen, die sich aber auch mit dem Aufbau der kommenden Gesellschaft beschäftigen müssen, um nicht rein negativen Klassenkampf zu betreiben.
    Das Vorbild liefert die Geschichte, lest die Bücher und verteift euch in eine Thema, welches von Links (Marxisten / Bolschewisten), von Rechts (Faschisten, Kapitalisten, Nationalisten, Monarchisten, usw.) und von der bürgerlichen Mitte unterdrückt wird, weil es das Aufkeimen einer freien Gesellschaft befördert und damit den Untergang der unterdrückerischen Klassengesellschaft.

    • Über die verblüffende Aussage, daß seit 1933 in Deutschland keine Klassen mehr existieren, bin ich auch gestolpert. Das ist eine nationalsozialistsche Sichtweise, bei der zusätzlich seltsam bleibt, wieso das angebliche Verschwinden der Klassen über den Untergang des NS-Staates hinaus bis heute andauern soll. Aber lassen wir diesen Quatsch beiseite.

      Mein Frage „Was tun?“ (Lenin) war natürlich rhetorisch, aber nur teilweise. Denn angesichts der Erfahrungen der Vergangenheit stellt sich die Frage neu. Was lernen wir aus der Geschichte? Welches Gesellschaftsmodell, mag es tatsächlich ausprobiert worden sein oder nur als Utopie bestehen, könnte ein Modell für die Zukunft sein? Zurück zu Babeuf und noch einmal von vorne anfangen?

      Ich kann die Frage nicht beantworten und bin angesichts der Geschichte pessimistisch, erst recht wegen der heutigen weltweiten Unterdrückungsmittel. Sicher gab es einige vielversprechende Ansätze zu einer gerechteren Gesellschaft, aber sie wurden alle von Feinden zerschlagen, sofern sie nicht wegen innerer Widersprüche zerfielen oder weil das ganze System einfach nicht funktionierte. Wir können uns schöne neue Utopien ausdenken, ohne Ausbeuter und Unterdrücker, aber sie würden auch keinen Bestand haben. Von der Idee, man könne durch Erziehung einen „neuen Menschen“ erschaffen, der gut und edel ist, sollten wir uns verabschieden.

      Die politische Macht kommt aus den Gewehrläufen! An dieser banalen Selbstverständlichkeit kommt auch kein Gesellschaftsordnung vorbei, die nach größtmöglicher Gerechtigkeit strebt. Ein Volk, das sich von der Unterdrückung befreit hat, muß sich sofort nach allen Seiten verteidigen, auch gegen die gestürzten Unterdrücker aus dem eigenen Land. Dazu braucht es Machtmittel und doch wieder den „Staat“, um den Widerstand zu organisieren. Wobei die Frage bleibt, wie weit unter solchen Umständen die schöne neue Ordnung im Innern überhaupt aufgebaut werden könnte.

      Meine These ist deshalb, daß eine Gesellschaftsordnung, die die gerechteste und „menschlichste“ aller Zeiten sein will, doch wieder so ähnlich aussehen würde wie Sowjetunion und DDR.

      Wegen des unvermeidlichen Verteidigungskampfes gegen innere und äußere Feinde hat Lenin die „Diktatur des Proletariats“ in den Marxismus eingeführt. Das wurde als „demokratische Diktatur“ angesehen, weil sie ja dem Nutzen des größten Teils des Volkes dienen sollte. Außerdem sollte es nur eine Übergangszeit zum Kommunismus sein, in dem diese Diktatur nicht mehr erforderlich sein würde. Für Kommunismus ohne Diktatur braucht man aber den „neuen sozialistischen Menschen“ – und Frieden auf Erden, füge ich hinzu. Da die Idee vom „neuen Menschen“ metaphysischer Unsinn ist, kann es auch keinen Kommunismus (oder Anarchosyndikalismus oder wie man es nennen soll) ohne Diktatur geben. Sobald jemand nicht mitmachen will, muß man ihn „überzeugen“, und spätestens wenn die Nichtmitmacher sich organisieren, muß man sie bekämpfen.

      Wenn wir trotzdem eine möglichst gerechte Ordnung anstreben wollen, stellt sich eine Frage, die man kaum jemand hören möchte: War die „Diktatur des Proletariats“ vielleicht nicht gut genug? Müßte man an dieser Stelle – nicht nur, aber auch – mit dem Bessermachen ansetzen? Kann eine Gesellschaftsordnung, die weitgehende Gerechtigkeit und (Chancen-)Gleichheit für alle anstrebt, gar keine „Demokratie“ sein?

    • Faschismus? Sehr dick aufgetragen. Warum nicht gleich Nationalsozialismus? Wer den Faschismusbegriff aus seinem Kontext befreit, der benutzt ihn als Kampfbegriff. Aber scheinbar haben Sie kein Interesse an einem Austausch von Argumenten, denn wie kommen Sie sonst auf die abstruse Behauptung, ich würde dieses oder jenes behaupten.
      Es gibt zwei Klassenbegriffe: 1. Die Klasse als SOZIOLOGISCHE KATEGORIE. Der Marxsche Klassenbegriff ist der einer Klasse mit Klassenbewusstsein. Dieser war schon in den 20er Jahren durch das Aufkommen des Angestellten veraltet.

      Wenn Sie schon einen Vorschlag machen, dann dürfen sie auch genau bei ihrer Auswahl bleiben. Kapitalismus ist die Ideologie des Liberalismus und Liberale sind nicht Rechts, auch wenn sie das aus ihrer syndikalistischen Sicht falsch einschätzen. Der Nationalismus ist eine Befreiungsideologie. Die Jakobiner waren konstitutionelle Nationalisten. Was daran Rechts sein soll, lässt sich wohl nur durch eine quellenferne Lektüre erklären. Monarchisten sind weder rechts, noch links, noch liberal, sondern Abbild einer rechtmäßigen Herrschaft, darin der Herrscher zumindest durch göttliches Recht legitimiert wird, wenn er nicht selbst ein Gott ist oder Vergöttert wird. Erst nach 1789 konnte es theoretisch „rechte Monarchien“ geben, wie auch liberale oder linke. Die Monarchie, eine Herrschaftsform beruht auf ein ganz anderes Bewusstsein. Bolschewisten und Marxisten sind tatsächlich links, aber das kann man auch erraten. Aber wie ich sehe brauchen ihre Gegner keine Angst zu haben, bei diesem Feind. können sie die nächste Party steigen lassen. Jemand der über den urlinken Gestus der Ordnungsstörung/Rebellion nicht hinauskommt (Marx kam im Gegensatz zu den Anarchisten darüber hinaus), der bleibt in diesem Gestus stecken bis zum Renteneintritt.

      PS: Die Kleinbürger trugen nicht die Nazis, die Nazis waren die erste Volkspartei Deutschlands und hatten Stimmen aus allen Lagern.

    • @nuevo1
      Ich wollte nicht, dass mein Text Sie überfordert. Hätte nicht so sein sollen. Träumen Sie weiter, wo Kleinmut ist, da ist kein Herz. Sozialdemokraten haben viel zum besseren Leben der Armen Schweine beigtragen, Kommunisten und Anarchisten sind vom Kleinmut zerfressen. Eigentlich das Negativbild von Nietzsches Ersten Menschen. Auf beide Konzeptionen kann man verzichten.

      @ Wolfgang Gerber
      Sie verwechseln den soziologischen mit dem essentiellen Klassenbegriff. Die Sache mit dem Nationalsozialismus lasse ich mal außen vor, da sind Sie noch nicht so weit.

      Es hat nie eine gleiche Gesellschaft gegeben, weil wir alle ungleich sind. Es gibt allenfalls die Gleichheit im Bezug auf etwas. Die Vorstellung von der Gleichheit aller Menschen beruht auf den unstillbaren Hass gegen das Andere, nicht unbedingt weil er besser oder stärker ist, aber weil er etwas bedeutet, dass mich einen Mangel spüren lässt. Der Versuch diese Gleichheit zu verwirklichen, ob durch die Nazis oder Bolschewisten endete im Massenmord. Die gerechtesten Gesellschaften sind Demokratien. Wie sie jetzt darauf kommen, dass Demokratien sich dafür nicht eignen würden, bleibt rätselhaft. Jemand hat es versucht besser zu machen, nennt sich Stalinismus. Lecker.

    • Die Frage ist berechtigt. Überall finden sich „treffende“ Analysen. Aber „Wahrheit“ wird auch in den Naturwissenschaften nur erkennbar, wenn man eingreift. Das sage ich gegen die gängige Ansicht, dass der Wahrheit Suchende sich neutral heraushalten muss.
      Ich habe auch einen Artikel über den Staat geschrieben, der hier zu finden ist: http://www.erlebnisoffen.de/demokratie/herrsch_streit04.pdf
      Die Umsetzung findet sich auf folgender Seite: http://www.grouncil.de
      G.K.

  3. Ein Artikel und eine Kapitulation. Es wird von Klassen gesprochen, obgleich sie bereits seit 1933 nicht mehr in Deutschland existieren. Die Nazis waren nicht nur Kommunistenjäger, sondern eliminierten den Klassengegensatz durch die Integration in die Ethnie (in der deutschen Sprache ein beliebtes Fremdwort für Rasse), den Volkskörper. Durch die soziale Marktwirtschaft in Westeuropa, nicht nur im Nachfolgestaat des Dritten Reiches, sondern ebenfalls in der Schweiz, Frankreich, Dänemark etc. wurde der Klassenbegriff obsolet. Bereits die 68er sind daran gescheitert, obgleich sie in Betrieben gingen, um „das Bewusstsein“ zu schaffen. Danach konnte Bourdieu nur noch auf die Idee kommen, dass es sich um eine Masche der Intelligenzija handelt. Der Kommunismus ist eine romantische Idee, er nahm die Geschichte als Legitimation und sie sprach 1990 ihr Urteil. Wer heute den Kommunismus bedient, der irrt.

    • Was soll dieser Unsinn, dass es in Deutschland seit 1933 keine Klassen mehr gibt? Wem nutzt eine solche Denkweise?
      Wenn sich dem dialektischen Materialismus nach eine Gesellschaft durch ihre Eigentumsverhältnisse definiert, denn entstehen Klassen automatisch. Egal ob die jeweiligen Klassen ein Bewußtsein dafür haben oder nicht. Man sollte Marx schon genau lesen. Das Ziel der Kommunisten ist, der Klasse der Nichtbesitzer an den Produktionsmitteln genau dieses Bewußtsein zu vermitteln, denn nur dadurch entsteht die Fähigkeit, diese Umstände zu verändern. Jede Negierung des Klassenbegriffen verhindert einen erfolgreichen Klassenkampf und stärkt damit die Macht des Kapitalismus.

  4. Sehe ich nicht so sondern mehr, das das Gemeinschaftswesen mit seinen realen Erfordernissen und Chancen von je her von der Sorte „Politiker“ zu einer Art Macht- und Beherrschungsesotherik verklärt und missbraucht wird. Etwa so, wie die Beobachtung der Himmelskörper wichtige Hinweise für die Beackerung lieferte, und die Priester damit Vorwände erhoben, den Göttern angeblich näher zu sein.
    Die Arbeitsteilung einer Gemeinschaft ist eine ganz zwangsläufige unter vernunftbefähigte Menschen. Und der „Staat“ ist die weitergehende Folge davon. Leben heisst stets organisieren. Daher ist das Aufkommen von Apparaten für Verwaltung, Steuerung, Kontrolle uvm. etwas Selbstverständliches, Nützliches. Das all dies auch zweckmissbraucht werden kann und auch wird, macht es nicht hinfällig sondern zeigt klar auf, das jeder Staat nur so gut funktioniert, wie er nicht korrumpiert wird. Nicht korrumpiert durch böse Mächte, sondern durch Menschen die sich dadurch einen Vorteil verschaffen.
    Was wir als Demokratie bezeichnen ist keine Staatsform, sondern genau genommen ein mehr oder weniger guter Schutzmechanismus. Und zwar gegen Missbrauch der Staatsapparate durch Einzelne bzw. miteinander verschworene Einzelne. Die Gewaltenteilung bewährte sich dahingehend, das wir (bisher) zwar keine Diktatur erleiden müssen, sich verhinderte jedoch nicht, das sich Elitäre bilden/etablieren konnten. Und damit erst die Klassen. Die Herren diktieren dir nicht was du tun sollst, sie machen einfach was sie wollen. Und du hast da nichts zu melden. So ist das. Und mit Staat und Gemeinwesen hat das gar nichts zu tun, sondern nur mit dem Anspruch von Personen, die vor allem eines gemeinsam haben: sie wollen über alle anderen stehen. Möglichst hoch.

    • Wir brauchen uns keine Gedanken zu machen, ob ein Staat „gut“ oder „böse“ ist.
      Der Staat ist und war schon immer ein Unterdrückungsinstrument.
      Dafür gibt es Ihn.
      Wenn der Staat am Ende ist, müssen wir unser Zusammenleben selber organisieren.
      Aber bitte keinen neuen Staat!

    • Ein Staat ist nur ein stellvertretendes Wort, eine Begriffshülse für organisiertes Zusammenleben. Wie sich dieses Zusammenleben organisiert hängt vom Wesen und der Natur ihrer Teilnehmer ab. So lässt sich auch von einem Ameisenstaat reden. Die Natur offenbart viele verschiedene Organisationsformen und nicht jede zielt auf ein Gemeinschaftsleben ab. Bären sind mehr Einzelgänger, Wölfe haben ihr Rudel, Affen leben eher partriarchalisch usw. Eben je nach Umgebung und Befähigung geeignetester Form. Die weit aus komplexeste Form des Zusammenlebens findet man beim Menschen vor. Hier sind es die geistigen Fähigkeiten, welche die Beschränkung der körperlichen Befähigung hinsichtlich der natürlichen Umgebung nicht nur aufheben, sondern Möglichkeiten weit darüber hinaus eröffnen. Schweine im Weltraum gibts nicht, Menschen aber schon. Menschen bedürfen einander. Diese soziale Abhängigkeit bedingt schon irgendeine Art von Staatswesen. Und je nach Anzahl und Dichte der Bevölkerung auch funktionierende Staatsapparate. Man schau mal dazu nach China, wo die Bevölkerung nach Regeln lebt/arbeitet, die wir für uns nicht wünschen. So mancher Kanadier wird wohl nur mit Grausen an ein Leben in Deutschland denken. Weit draußen ist wohl der Besuch der Stadt schon eine Sache für sich. Vom Staat kennt man nur die Flagge.
      Ein Staat ist daher keinesfalls ein Unterdrückungsinstrument. Aber kann als solcher umfunktioniert werden. Nicht durch böse Menschen, sondern durch Menschen die meinen, das ein Staat „höheren Zwecken“ dienlich sein kann.

    • Wider der Dikatur des Staates – Erich Mühsam

      „Die bevorstehenden Revolutionen der westeuropäischen Proletariate haben aus den Erfahrungen der russischen Arbeiter und Bauern in ernster Prüfung zu lernen. Sie können unendlich viel Nachahmenswertes von ihnen annehmen. Die warnende Lehre der russischen Revolution aber ist ihre Kapitulation vor der Idee des Staates. Staat, man mag ihn kneten wie man will, ist Unterwerfung der Arbeitenden, ist Klassenscheidung der Gesellschaft.“

    • Der Artikel führt ja nun doch gerade aus, dass der Staat eben genau dies nicht ist: Die logische Fortsetzung der Organisation gemeinschaftlichen Produzierens. Es ist die bürgerliche Ideologie, die den Staat aber darstellt, als wäre er dies.
      Verstehe nicht, wie man so borniert diese Ideologie jetzt einfach als Gegenthese zu dem Artikel aufstellt ohne ein einziges Argument zu bringen, warum die Urteile in diesem Artikel falsch sein sollen.

  5. Zu „ZWEITENS“ kann man anmerken, daß – siehe Kens Interview mit dem Day-Trader Banker – selbst die Banker oft nicht mehr ihr eigenes Spiel kapieren, weil es zu „kompliziert“ ist. Anderes Bsp. dazu LTCM hedgefund und der epische FAIL der „Schwartz-… Formel“. Mein Mitleid hält sich in Grenzen. 😉

  6. In diesem Sinne müßte man selbst Prof. Hörmann als Klassenkämpfer sehen, denn sein Kooperations-System ist nicht egalitär – wenngleich man dasselbe Grundsystem auch zu Egalität bei Einführung modifizieren kann.

    Hörmann will die Superreichen am Anfang besserstellen als den Mob, um sie nicht zu „verunsichern“ – wie einen „Finanzmarkt“. 😉

  7. wie sagte schon Rothschild:

    „Die Wenigen, die das System verstehen, werden so sehr an seinen Profiten interessiert oder
    so abhängig von der Gunst des Systems sein,

    das aus deren Reihen nie eine Opposition gegen das System hervorgehen wird.

    Die große Masse der Leute aber, die mental unfähig ist das System zu begreifen, wird seine Last ohne Murren tragen, vielleicht sogar ohne zu mutmaßen, dass eigentlich das System feindlich gegenüber ihren Interessen ist“.

    Männer, auf die Barrikaden!

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